Bestrafen die USA die EU für den ukrainischen Beschuss von russischen Raffinerien?
In den USA wird über einen Exportstopp für Diesel in die EU nachgedacht und gleichzeitig erklärt Präsident Trump, die Dieselpreise wären wegen der ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien so explodiert. Wenn die US-Regierung nun vor den anstehenden Wahlen ein Exportverbot für Diesel verhängt, wäre das de facto die Bestrafung der EU für den von ihr unterstützten ukrainischen Beschuss von russischen Raffinerien.
Zu dem Thema ist in der TASS ein sehr interessanter Artikel eines russischen Experten erschienen, den ich übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Die Pistole an der Schläfe: Entziehen die USA der EU wegen der Angriffe auf russische Raffinerien den Treibstoff?
Igor Juschkow, Experte der Finanzuniversität und des Fonds für nationale Energiesicherheit, erläutert, warum Washington Europa damit droht, bei den Diesellieferungen den Hahn zuzudrehen.
Brüssel und London berufen in Panik Krisensitzungen ein und versuchen, auf das Ultimatum aus Washington zu reagieren. Die Regierung von Donald Trump fordert die Leerung der europäischen strategischen Reserven und droht mit einem totalen, 90-tägigen Exportverbot. Analysten bezeichnen diesen Schritt der USA bereits als „Energie-Pistole an der Schläfe Europas“. Dabei treffen Meldungen über weltweit steigende Kraftstoffpreise wie Frontberichte ein und fast täglich werden neue Preisrekorde aufgestellt.
Was sind die Hauptursachen und die verborgenen Folgen der aktuellen Situation?
Ein Schlag gegen den Garanten selbst
Am 9. September erreichte der Preis für Benzin der Sorte SP95-E10 in Frankreich ein historisches Hoch von über 2,10 Euro pro Liter. Daher bezeichnete Präsident Emmanuel Macron am 17. September das Preisniveau an französischen Tankstellen als „untragbar“. Gleichzeitig wurde am 15. September in Deutschland ein absoluter Rekordpreis für Super E10-Benzin aufgestellt, als der Preis auf 2,30 Euro pro Liter in die Höhe schoss. Am 19. September erreichte der Durchschnittspreis für Dieselkraftstoff auch in der Schweiz einen neuen Höchststand und kletterte auf 2,40 Schweizer Franken (2,60 Euro) pro Liter. Gegen Monatsende schwoll die Welle weiter an: Am 28. September kletterte der durchschnittliche empfohlene Einzelhandelspreis für Benzin in den Niederlanden auf ein beispielloses Niveau von 2,70 Euro pro Liter, während in Großbritannien am selben Tag mit 2,40 Euro (199,33 Pence) pro Liter ein neuer Höchststand bei Diesel verzeichnet wurde.
Die Medien werden wohl noch häufig Schlagzeilen über „historische Höchststände“ und „Rekorde“ produzieren, denn alle Voraussetzungen für einen weiteren Preisanstieg in Europa (und weltweit) bleiben bestehen. Dabei könnten ausgerechnet die USA dafür sorgen, die sich zuvor aktiv als wichtigster Garant für Europas Energiesicherheit positioniert hatten. Washington hatte Brüssel unablässig dazu gedrängt, mutig auf russische Energieträger zu verzichten und stattdessen auf amerikanisches Öl und Gas zu setzen, die – so die Zusicherung des US-Energieministeriums – „Moleküle der Freiheit“ enthielten.
Doch nun hat der rasante Preisanstieg bei Kraftstoffen, insbesondere bei Diesel, auch Amerika selbst erfasst.
Wegen des militärischen Konflikts mit dem Iran und der Blockade der Straße von Hormus verschärfte sich der weltweite Mangel an Erdölprodukten, da die Golfstaaten zuvor große Mengen an fertigen Kraftstoffen exportiert hatten. Ab März 2026 kamen diese Lieferungen vollständig zum Erliegen, was die grundlegende Ursache für die globale Energiekrise wurde. Dem Weltmarkt folgend schnellten auch in den USA die Dieselpreise in die Höhe. Der Grund dafür ist, dass amerikanische Unternehmen frei entscheiden können, wohin sie ihre Produkte liefern: auf den Inlandsmarkt oder in den Export. Daher bilden sich die Preise innerhalb der USA nach dem „Export-Netback“-Prinzip, also Weltmarktpreis abzüglich der Transportkosten. Genau das war der Grund dafür, dass im September auch in den USA ein historischer Rekordpreis für Dieselkraftstoff erreicht wurde.
Im Gegensatz zu Europa hat Washington jedoch ein Mittel, um die Preise zu senken. Dazu muss man nur den Export von Erdölprodukten verbieten, das würde zu einem Überangebot auf dem US-Binnenmarkt und einem Sinken der Kraftstoffpreise führen. Am 1. Oktober räumte Trump ein, mit Energieminister Chris Wright und Innenminister Douglas Burgum bereits über dieses Szenario gesprochen zu haben. Zwar ist noch keine endgültige Entscheidung gefallen, doch allein die Aussicht auf einen solchen Schritt macht den Europäern große Angst.
Der Kampf um Liefermengen
Wie der „Sunday Telegraph“ berichtete, würde sich ein US-amerikanisches Embargo für Diesel-Exporte äußerst negativ auf die britische Wirtschaft auswirken. Schließlich decken Lieferungen aus den USA rund 30 Prozent der gesamten britischen Importe dieses Produkts ab. Zudem würde der Wegfall der US-Liefermengen weltweit einen massiven Preisanstieg auslösen, da die USA der größte Diesel-Exporteur der Welt sind. Für Großbritannien, das etwa 55 Prozent seines Dieselbedarfs importiert, wäre diese Krise ein doppelter Schlag, denn das Land müsste um die verbleibenden Mengen in einen harten Wettbewerb auf dem Weltmarkt treten.
Und das Angebot an verfügbarem Kraftstoff wird immer geringer.
Am 1. Oktober setzten chinesische Raffinerien für den laufenden Monat den Export von Erdölprodukten aus, um ihre eigenen Reserven aufzustocken. Da sie überschüssige Raffineriekapazitäten hat, hatte die Volksrepublik zuvor massiv Rohöl aufgekauft und den fertigen Kraftstoff auf Auslandsmärkten verkauft. Aber jetzt muss Peking die Preise im eigenen Land stabilisieren.
Im Ergebnis kommen die Europäer in eine äußerst schwierige Lage. Sie leiden am stärksten unter dem Anstieg der Ölpreise, da die eigene Förderung weiter zurückgeht und die Abhängigkeit von Importen wächst. Der akute Mangel an Erdölprodukten wird zudem durch die Blockade der Straße von Hormus und den russischen Exportstopp für Diesel bis Ende Oktober 2026 verschärft. Auch wenn russischer Kraftstoff bereits seit dem 5. Februar 2023 nicht mehr direkt in die EU gelangt, hat er dennoch weiterhin den Weltmarkt versorgt und so die Weltmarktpreise gedämpft. Hinzu kommt, dass die Europäer selbst eingeschränkt haben, indem sie den Import von Erdölprodukten untersagt haben, die in Drittstaaten aus russischem Rohöl hergestellt wurden, eine Maßnahme, die den Kreis potenzieller Lieferanten erheblich verkleinert hat.
Es ist bezeichnend, dass Europas langjähriges Bestreben, eine „Energiewende“ zu vollziehen und vorzeitig auf Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor zu verzichten, den Kontinent der Lösung der drängenden Probleme nicht nähergebracht hat. Eine an der Finanzuniversität der russischen Regierung über Frage durchgeführte Studie, wie westliche Länder das Konzept der nachhaltigen Entwicklung interpretieren, hat gezeigt, dass die von Brüssel ergriffenen Maßnahmen genau den gegenteiligen Effekt haben. Die Nachhaltigkeit der europäischen Energieversorgung nimmt ab, anstatt zu steigen. Das laufende Jahr 2026 wurde dafür ein anschauliches Beispiel: Kaum sind auf dem Weltmarkt wichtige Mengen an herkömmlichen Brennstoffen weggefallen, ist eine schwere Krise ausgebrochen. Und das vor dem Hintergrund der ständigen Bekundungen westlicher Politiker, dass man für eine „nachhaltige Zukunft“ vollständig auf jegliche fossilen Energien verzichten müsse.
Die Suche nach Schuldigen
Man sollte jedoch nicht damit rechnen, dass die USA tatsächlich in naher Zukunft ein Embargo für Diesel-Exporte verhängen werden. Das würde die Einnahmen der amerikanischen Ölkonzerne schmälern, die die Wahlkämpfe der Republikaner (aber auch die der Demokraten) finanziert haben. Um ihnen diese enormen Gewinne nicht zu entziehen, versucht das Weiße Haus, die Schuld für den Preisanstieg auf seine politischen Gegner abzuwälzen. So hat Trump bereits erklärt, Kiew sei an dem Defizit Schuld, das Angriffe auf russische Ölraffinerien verübt. Auch wenn er damit vor allem eigene politische Ziele verfolgt (insbesondere vor den Wahlen im November), spiegeln die Worte des amerikanischen Präsidenten die harte wirtschaftliche Realität wider. Trump forderte ein Ende der Angriffe auf die russische Kraftstoffinfrastruktur und erklärte, diese Aktionen würden den weltweiten Dieselmarkt zerstören und die Verbraucher finanziell belasten. Und da der Ukraine-Konflikt unter der Präsidentschaft von Joe Biden eskaliert ist, seien die Demokraten an allem Schuld.
Die Ironie der Situation liegt auch darin, dass auch die Ukraine selbst unter der Taktik Kiews leidet. Als Land mit einem massiven Kraftstoffdefizit ist sie gezwungen, praktisch alle Erdölprodukte zu importieren – und das nun zu den exorbitanten Weltmarktpreisen. Insbesondere die ukrainischen Landwirte sehen sich mit rekordhohen Kosten für Dieselkraftstoff für ihre Traktoren und Mähdrescher konfrontiert. Die steigenden Kraftstoffkosten schlagen sich unweigerlich in den Produktionskosten der Ernte nieder, was die einfachen Bürger direkt trifft, ihre Ausgaben für Grundnahrungsmittel belastet und die Lebensmittelpreise in der Ukraine in die Höhe treibt.
Außerdem will Washington die Verantwortung für den Zusammenbruch der Treibstoffversorgung auf die Europäer selbst schieben, und darin liegt durchaus ein Körnchen Wahrheit, denn die europäischen Eliten haben ihre Länder selbst in die gegenwärtige Sackgasse geführt. Trump hat von den europäischen Staaten gefordert, innerhalb der nächsten sechs Monate rund 120 Millionen Barrel Diesel aus ihren strategischen Reserven freizugeben. Sollten sie dem nicht nachkommen, drohte der US-Präsident mit der Verhängung des besagten Exportembargos. Das Weiße Haus nutzt die Frage der US-Diesellieferungen also als Druckmittel gegen europäische Politiker. Im Falle einer Weigerung würden sie als Hauptverantwortliche für die Krise gebrandmarkt, auch wenn sie im Grunde nur die Konsequenzen ihrer eigenen Entscheidungen ausbaden.
Hier muss man sich daran erinnern, wie aus der EU noch vor Kurzem unablässig Anschuldigungen gegen Moskau laut wurden, es würde die „Energiewaffe“ oder die „Gasknüppel-Taktik“ anwenden und die Energiebranche übermäßigen politisieren. Dabei haben sich nun gerade die USA zum größten Lieferanten von Erdgas nach Europa entwickelt. Bedeutet das, dass, wenn die Gaspreise auf dem US-Markt im kommenden Winter drastisch ansteigen, Washington dann einen Stopp der Exporte in Erwägung ziehen wird? Diese Aussichten sollten die Europäer nicht nur beunruhigen, sondern auch die europäischen Politiker selbst in Angst und Schrecken versetzen.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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