Beide Seiten im Blick – Tschechiens Katholiken setzen ein Zeichen der Versöhnung

📰 paz.de

Böhmische Diözesen, allen voran der neue Erzbischof von Prag, erinnern an die Vertreibung der Sudetendeutschen und rufen...

paz.de📅 04.07.2026

Während die politische Debatte in Tschechien, wie das Pfingsttreffen der sudetendeutschen Landsmannschaft in Brünn gezeigt hat, zunehmend von national-populistischen Tönen geprägt wird, setzt die katholische Kirche in Böhmen und Mähren auf einen anderen Akzent: Erinnerung, Versöhnung und die gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte. Mit dem vom Bistum Leitmeritz im Frühjahr ausgerufenen „Jahr der Versöhnung“ entstand eine Initiative, die weit über den kirchlichen Raum hinausreichte und als moralischer Gegenpol zu den gegenwärtigen politischen Polarisierungen verstanden werden kann.

Erzbischof Stanislav Přibyl von Prag hat für 2026 zwölf Gedenk- und Versöhnungsgottesdienste angekündigt. An Orten, an denen während der Vertreibung der sudetendeutschen Bevölkerung in den Jahren 1945 und 1946 Menschen ums Leben kamen, sollen katholische und evangelische Christen gemeinsam beten und der Opfer gedenken. Dabei geht es nicht um eine einseitige Sicht der Geschichte. Die Gottesdienste erinnern sowohl an das Leid der vertriebenen Deutschen als auch an die Verbrechen, die während der NS-Besatzung von Deutschen an Tschechen begangen wurden.

Die Initiative knüpft an eine lange Tradition kirchlicher Versöhnungsarbeit an. Bereits seit den 1990er Jahren haben katholische Persönlichkeiten wie der sudetendeutsche Priester Anton Otte oder der Prager Theologe Tomáš Halík wertvolle Brücken zwischen Tschechen und Deutschen gebaut.

Otte, selbst ein Vertriebener, wurde zu einem Symbol der Aussöhnung, weil er nicht politische Forderungen in den Mittelpunkt stellte, sondern die christliche Verpflichtung zur Vergebung. Sein Wirken trug wesentlich dazu bei, dass sich das Verhältnis zwischen Sudetendeutschen und Tschechen entspannte.

Schmerzhafte Geschichte

Auch kirchliche Organisationen wie die Ackermann-Gemeinde, die 1946 von vertriebenen katholischen Sudetendeutschen gegründet wurde, haben über Jahrzehnte hinweg Begegnungen ermöglicht und dazu beigetragen, dass aus ehemaligen Gegnern Partner wurden. Bis heute gilt sie als eine der wichtigsten Trägerinnen des deutsch-tschechischen Dialogs. Die jüngsten Debatten um den erstmals in Tschechien stattfindenden Sudetendeutschen Tag zeigen zugleich, dass Versöhnung kein beendeter Prozess ist, sondern stets neu verteidigt werden muss.

Bemerkenswert ist, dass die Initiative ausgerechnet aus Nordböhmen kommt. Das Bistum Leitmeritz gehörte einst zu den am stärksten deutsch geprägten Regionen der ehemaligen Tschechoslowakei. Über Jahrhunderte lebten hier Deutsche und Tschechen nebeneinander. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden rund drei Millionen Sudeten- und Karpatendeutsche aus ihrer Heimat vertrieben; Tausende kamen durch Gewalt, Misshandlungen oder die Folgen der Vertreibung ums Leben. Die Nachkriegsereignisse gehören bis heute zu den schmerzhaftesten Kapiteln der tschechischen Geschichte.

Der Leitmeritzer Bischof spricht deshalb von „Narben in den Herzen“, die bis heute nicht ganz verheilt seien. Versöhnung bedeute nicht, Schuld zu relativieren oder Geschichte umzudeuten. Vielmehr gehe es darum, das Leid aller Betroffenen anzuerkennen und die Versuchung kollektiver Schuldzuweisungen zu überwinden. Gerade in einer Zeit, in der politische Akteure in vielen Ländern Mitteleuropas wieder stärker auf nationale Identitäten und historische Ressentiments setzen, wirkt dieser kirchliche Ansatz fast gegenläufig. Die katholische Kirche in Böhmen und Mähren versteht sich dabei nicht als politische Opposition, wohl aber als Hüterin einer Erinnerungskultur, die auf Verständigung statt auf Abgrenzung setzt.

Warnung vor Instrumentalisierung

Darin liegt die Bedeutung des Versöhnungsjahres. Die Geschichte Mitteleuropas besteht nicht nur aus Konflikten und Vertreibungen, sondern auch aus mühsamen Schritten zur Aussöhnung. 80 Jahre nach Kriegsende setzt die Kirche damit ein Zeichen, dass Frieden und Versöhnung keine Selbstverständlichkeit sind, sondern immer wieder neu eingeübt werden müssen.

Auch Prags neuer Erzbischof Stanislav Přibyl hat sich in diesen erinnerungspolitischen Kontext eingeschaltet und hat am Marsch nach Postelberg, Ort des übelsten Massakers nach dem Zweiten Weltkrieg, der erst seit 2022 jedes Jahr stattfindet, teilgenommen. Er hat das Jahr 2026 zum Jahr der Versöhnung ausgerufen. Er warnte in diesem Zusammenhang vor einer politischen Instrumentalisierung der Geschichte und hob hervor, dass kirchliche Erinnerung vor allem dem Dialog und der Verständigung dienen solle. Das Ziel ist, an die 5.000 sudetendeutschen Opfer von Postelberg genauso zu erinnern wie an das Massaker von Lidice, wo nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich 1942 über 250 Tschechen ermordet wurden.

👁 6 Aufrufe 👤 5 Leser