Autoimmunreaktionen gegen das Renin–Angiotensin System

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Autoimmune features of Post-COVID-19 vaccination syndrome and their impacts on the Renin–Angiotensin system

drbine.substack.com📅 24.06.2026

Ich habe schon einige Artikel zum Renin-Angiotensin System geschrieben.

Nun gibt es eine neue Publikation zu diesem Themenkomplex, die nicht nur das Spike betrachtet, sondern auch Autoimmunreaktionen gegen das Renin–Angiotensin System nachweist, die mit PASC in Verbindung stehen.

Bellavite, P., Di Fede, G., Mantovani, M., & Zanolin, E. (2026). Autoimmune features of Post-COVID-19 vaccination syndrome and their impacts on the Renin–Angiotensin system. Vaccines, 14(4), 354. https://doi.org/10.3390/vaccines14040354

Zum Verständnis des Papers braucht man das komplette Renin–Angiotensin System, nicht nur den Teil den man für die Anwendung von Blutdrucksenkern kennt. Die Grundlagen Renin–Angiotensin Systems gibt es in den oben verlinkten Artikeln, die spare ich mir an dieser Stelle.

Einer der entscheidenden Aspekte des postakuten COVID-19-Syndroms (PACS) und des postakuten COVID-19-Impf-Syndroms (PACVS) ist das Vorhandensein von Autoantikörpern. Diese Autoantikörper richten sich gegen verschiedene Rezeptoren im autonomen und kardiovaskulären System, darunter auch solche, die auf Proteine des Renin-Angiotensin-Systems (RAS) abzielen.

Das Problem betrifft also sowohl LongCovid als auch PostVac.

Studien, die von anderen Forschungsgruppen und von uns an Patienten mit PACS und PACVS durchgeführt wurden, haben das Vorhandensein von Autoantikörpern gegen diese RAS-Komponenten sowie die Mechanismen aufgezeigt, durch die diese Antikörper den klinischen Zustand verschlimmern können. Insbesondere Anti-ACE2-Antikörper, die vermutlich durch das Anti-Idiotyp-Netzwerk oder molekulare Mimikry gebildet werden, stehen bei vielen Patienten in Zusammenhang mit PACVS-Symptomen. Darüber hinaus kann das Vorhandensein von Anti-MAS1-Antikörpern die Effizienz der ACE2/Angiotensin-(1–7)/MAS1-Achse beeinträchtigen, die normalerweise als Gegenregulator fungiert.

Das Thema molekulare Mimikry habe ich hier behandelt:

Die Symptome der untersuchten Patienten sind in Abbildung 1 zusammengestellt in absteigender Reihenfolge, oben die häufigsten Symptome bis zu den seltensten ganz unten.

Alle Patienten wiesen mehrere der hier aufgeführten Symptome auf, mit einem Mittelwert von 9,1 ± 3,5 (SD) Symptomen pro Patient (Maximum: 16, Minimum: 4).

Aus unserer Fallserie haben wir die Anamnese und die Labordaten von 17 Personen (13 Frauen und 4 Männer; Durchschnittsalter 44 Jahre) extrahiert, die zuvor noch nicht mit COVID-19 infiziert waren und Symptome aufwiesen, die mit PACVS vereinbar sind. Diese Personen hatten mehrere Dosen (min. 1, max. 3) eines Adenovirus-Vektor-Impfstoffs (n = 2) oder eines mRNA-Impfstoffs (n = 15) erhalten, und ihre mediane Beobachtungsdauer nach der Impfung betrug 20 Monate (min. 4, max. 32). Die Patienten waren vor der Impfung gesund, und alle wiesen Anti-S-, jedoch keine Anti-N-IgG-Antikörper auf. Daher ist es nahezu sicher, dass ihre Erkrankung auf die Impfung zurückzuführen war.

Zu den von fast allen Patienten berichteten Symptomen gehörten starke Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, Gedächtnislücken, ein als „Brain Fog“ beschriebenes Gefühl sowie neurologische Symptome wie Neuralgien oder diffuse Parästhesien, die oft als inneres „Brennen“ beschrieben wurden. Symptome einer kardiovaskulären Dysautonomie, wie Ruhe- und/oder orthostatische Tachykardie sowie Bluthochdruck, traten sehr häufig auf. Arthralgie und/oder Muskelschmerzen wurden von etwa 70 % der Patienten berichtet. Kopfschmerzen, Ohnmacht oder Schwindel sowie Sehstörungen traten ebenfalls häufig auf. Etwa die Hälfte der Patienten wies Hauterkrankungen auf, die oft wiederkehrend waren, wie beispielsweise erythematöse und/oder ödematöse Hautausschläge sowie Ekchymosen. Bei weiblichen Patienten wurde häufig über Dysmenorrhö oder Amenorrhö berichtet. Es ist anzumerken, dass die berichteten Symptome schwerwiegend und anhaltend waren oder sich in Form wiederkehrender Krisen äußerten und in allen Fällen die Lebensqualität erheblich beeinträchtigten.

Von den 17 Patienten hatten:

  • 13 Interleukin-1-beta-Spiegel oberhalb der Normgrenze auf

  • 11 hatten zusätzlich erhöhteInterleukin-8-Spiegel

  • 16 Patienten hatten Werte der regulatorischen T-Zellen (Treg) unter der unteren Normgrenze, was mit einem Autoimmunmechanismus und mit den Befunden bei schweren COVID-19-Fällen übereinstimmt.

  • 10 von 15 Patienten hatten bei denen die Plasma-Angiotensin-(1–7)-Konzentration [ang-(1–7)] Werte oberhalb des Normalbereichs (226 ng/ml).

  • Antinukleäre Antikörper (ANAs), antineutrophile zytoplasmatische Antikörper (ANCAs), extrahierbare antinukleäre Antikörper (ENAs) und Antikörper gegen Herzmuskelzellen waren in allen untersuchten Fällen negativ.

Da das Symptombild eine Autoimmunerkrankung nahe legte, aber die üblichen Verdächtigen Autoantikörper negativ war, testeten die Autoren 16 Antikörper gegen RAS-verwandte Proteine (ACE2 und MAS1) sowie andere GPCRs.

Obwohl die Stichprobe klein war, konnten wir einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen einer positiven Anti-ACE2-Reaktion und Symptomen wie Blutergüssen, Hautödemen oder Hautausschlägen feststellen.

Darüber hinaus zeigte eine detailliertere Analyse der Zusammenhänge zwischen Antikörpern und den von den Patienten berichteten Symptomen, dass bei Fällen mit positiven ACE2-Antikörpern im Vergleich zu Fällen mit negativen ACE2-Antikörpern eine höhere Prävalenz von Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Gastritis, Blutergüssen, Hautödemen, Hautausschlägen, Thrombosen und Sehstörungen vorlag (p < 0,001).

Bei unseren Patienten beobachteten wir bei zwei Dritteln einen Anstieg der Anti-MAS1-Antikörper und gleichzeitig einen Anstieg von ang-(1–7). Fast alle Patienten wiesen Anti-MAS1-Spiegel oberhalb des Normalwerts auf, und die Messung dieser Antikörper ermöglichte eine klare Unterscheidung zwischen Patienten mit Symptomen wie weitverbreiteten Brenngefühlen und solchen ohne diese Symptome. Der Medianwert der MAS1-Antikörperkonzentration im Serum betrug bei 5 Patienten ohne diese Symptome 30,9 U/ml (Bereich 28,7–44,6), während er bei 12 Patienten mit diesen Symptomen bei 51,6 U/ml (Interquartilsabstand 45,1–53,6) lag (Mann-Whitney-Test: p < 0,009).

Also bei

  • Anti-ACE2 Autoantikörpern hatten die Patienten Blutergüsse, Hautödemen oder Hautausschlägen. Zudem höhere Prävalenz von Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Gastritis, Blutergüssen, Hautödemen, Hautausschlägen, Thrombosen und Sehstörungen.

  • Anti-MAS1-Antikörper bei gleichzeitigem Anstieg von Ang-(1–7) ermöglichen eine klare Unterscheidung zwischen Patienten mit Symptomen wie weitverbreiteten Brenngefühlen und solchen ohne diese Symptome.

Wir haben also nicht nur die Situation, wie sie die Arbeitsgruppe um Sabatier darstellt:

Das System ist auch bei MasR (rechts unten) beschwert. Man könnte sagen, damit ist das Renin-Angiotensin System nicht nur aus dem Gleichgewicht sondern wie eine Karosserie mit Totalschaden verzogen.

Ang-(1–7) kann nicht mehr richtig binden, sodass das Gegengewicht bzw. das Bremssystem versagt nun auch noch zusätzlich ausfällt. Das führt zu zu Gefäßverengung, Entzündung, oxidativem Stress und einer Störung des autonomen Nervensystems.

Daher steigt auch Ang-(1–7) durch alternative Pathways, weil der Körper versucht, die Blockade durch mehr Ang-(1–7) zu umgehen. Neprilysin nimmt in Bezug auf Ang-(1–7) eine Doppelrolle ein: Es ist sowohl an dessen Bildung als auch an dessen Abbau beteiligt.

Figure 1.

NEP = neprilysin

Es gibt aber auch alternative Pathways um Ang (1–7) herzustellen.

Da jedoch Anti-MAS1-Autoantikörper den Rezeptor selbst blockieren, läuft dieser Versuch des Körpers gegenzusteuern ins Leere. Man bekommt aber deutlich erhöhte Werte für Ang (1–7) .

Wenn hier noch ein Blutdrucksenker gegeben wird, der eine dritte Blockade ins Renin-Angiotensin System einführt, dürfte es für den Patienten unangenehm bis gefährlich werden. Ich würde vermuten, ACE-Hemmer sollten bei Geimpften mit bestehender Spike-Problematik erst einmal gemieden werden.

Vereinfachtes konzeptionelles Modell zur Bildung von Anti-S- und Anti-ACE2-Antikörpern nach einer COVID-19-Impfung. Der obere Teil veranschaulicht die Synthese von Anti-S-Antikörpern (Ab1) und deren nützliche antivirale (A) bzw. schädliche und zytotoxische (B) Funktionen. Der untere Teil veranschaulicht die Synthese von Anti-Idiotyp-Antikörpern (Ab2), die entweder durch Aufrechterhaltung der Immunhomöostase (C) oder durch Interaktion mit ACE2 wirken und dadurch die RAS-Homöostase stören (D). Diese Abbildung berücksichtigt nicht das Vorhandensein löslicher Serum-ACE2-Rezeptoren (sACE2), was die Pathophysiologie zusätzlich verkompliziert. Durchgezogene Pfeile: Veränderungen im Immunsystem und Antikörperproduktion; grüner gestrichelter Pfeil: physiologische Effekte; rote gestrichelte Pfeile: pathologische Effekte. * Molekulare Komplementarität von Idiotypen. ** Molekulare Ähnlichkeit zwischen S-Protein und Ab2.

Die Autoren haben eine Hypothese warum der Körper Anti-Idiotyp-Antikörpern bildet.

Ein mögliches Szenario sieht wie folgt aus: Wenn die Produktion von Anti-S-Antikörpern übermäßig stark ansteigt – was auf eine immunologische Überlastung hindeutet –, reagiert das Immunsystem mit der Bildung großer Mengen von Anti-Idiotyp-Antikörpern (Ab2). Diese Antikörper sind in der Lage, an Anti-S-Antikörper (Ab1) zu binden, die wiederum das S-Protein erkennen und daran binden. Bemerkenswert ist, dass Ab2-Antikörper eine ähnliche Strukturkonformation wie das S-Protein selbst annehmen können. Das bedeutet, dass Anti-Idiotypen eine unerwartete Fähigkeit entwickeln: Sie können mit dem ACE2-Rezeptor interagieren, demselben Rezeptor, auf den auch das virale S-Protein abzielt.

Was passiert, wenn das Renin-Angiotensin System bei ACE2 blockiert wird, hat Sabatier ausführlich erklärt.

Dieses Paper hat nun den neuen Aspekt der Anti-MAS1-Antikörper.

Anti-MAS1-Antikörper[…] könnten den MAS1-Rezeptor blockieren und die positive Wirkung von Ang-(1–7) verhindern. Der bei der Mehrheit der Patienten in unserer PACVS-Serie beobachtete Anstieg von Ang-(1–7) könnte mit dieser Blockade und/oder mit der Aktivierung von Kompensationsmechanismen zusammenhängen, die durch Neprilysin vermittelt werden, ein Enzym, das Angiotensin 1 direkt in Ang-(1–7) umwandelt.

Damit wären, bei vorhandenem Spike-Protein, beide Arme des Renin-Angiotensin Systems dereguliert. Damit ist bei dieser Patientenuntergruppe, der Teil des Systems der eine Blockade über die Hauptachse durch das Spike-Protein gegensteuern könnte, auch blockiert.

Die Autoren geben im Paper unter 4.1 Hinweise, wie man das Problem diagnostiziert. Da der Artikel frei verfügbar ist, sollten Ärzte sich das Protokoll anschauen ob es für ihre Praxis einsetzbar ist oder nicht. Die Autoren gehen ein auf:

  • Lymphozytenpopulationen

  • Anti-S- und Anti-Nukleokapsid (N)-Antikörper

  • Entzündungszytokine

  • Autoantikörper gegen GPCRs

  • RAS-Moleküle und zugehörige Autoantikörper

  • Ang-(1–7)-Bestimmung

  • Basophilen-Aktivierungstest

  • Nachweis von Impfstoff-mRNA und S-Protein

  • Virus

  • Darm und Dysbiose

  • Oxidativer Stress

Vieles ist wahrscheinlich eine Eigenleistung des Patienten, was sich viele möglicherweise nicht leisten können.

Basierend auf den bisher gewonnenen pathophysiologischen Erkenntnissen und der klinischen Erfahrung sind die am Institut für Biologische Medizin in Mailand (IMBIO) am häufigsten verwendeten Medikamente in der Reihenfolge ihrer Priorität: Glutathion, Hesperidin + Quercetin, Ang-(1–7) in galenischer Formulierung, Nattokinase, Bromelain, Vitamin D und Antihistaminika […] (H1- und H2-Antihistaminika (z. B. Cetirizin und Famotidin)).

Ang-(1–7) in galenischer Formulierung ist mir neu, ich kenne niemanden, der das bisher ausprobiert hätte. Es scheint in Ratten einen antithrombotischen Effekt zu haben. Wenn der Rezeptor MasR selbst geblockt ist durch Autoantikörper, wird noch mehr Ang-(1–7) nicht viel bringen. Bei Anti-ACE2 Autoantikörpern könnte es vielleicht helfen.

Eine weitere Substanz von potenziellem Nutzen ist Methylenblau (MB), das bei Patienten mit COVID-19 eingesetzt wurde, um Entzündungsmarker zu senken und die Atemparameter zu verbessern. Darüber hinaus kann MB den oxidativen Stress reduzieren und die Interaktion zwischen Protein S und dem ACE2-Rezeptor verhindern. Bislang gibt es keine Studien, die den Einsatz von Methylenblau bei PACVS oder PACS untersucht haben; es liegen jedoch Hinweise auf positive Wirkungen bei septischem Schock ohne nennenswerte Nebenwirkungen vor. Wir haben bei einigen Patienten mit besonders schwerem Krankheitsverlauf eine MB-Infusion verabreicht und dabei vielversprechende Ergebnisse erzielt.

Um überschüssige Autoantikörper und Entzündungsmediatoren zu entfernen, könnte in besonders schweren Fällen, die auf andere Behandlungen nicht ansprechen, eine therapeutische Plasmapherese in Betracht gezogen werden. Schließlich wurde eine Studie zur Infusion von Immunglobulinen bei Patienten mit SFN (Small-Fiber-Neuropathie) nach einer SARS-CoV-2-Impfung initiiert, die in einigen Fällen vielversprechende und langanhaltende Ergebnisse erzielt hat.

Also noch mehr schlechte Nachrichten.


Unterstützungsmöglichkeiten:

Bücherwunschzettel: https://www.amazon.de/registries/gl/owner-view/30LG3DJ4ET90L?ref_=list_d_gl_lfu_nav

Andere Unterstützungsmöglichkeiten für Holgers und meine Forschung:

1

Kanugula AK, Kaur J, Batra J, Ankireddypalli AR, Velagapudi R. Renin-Angiotensin System: Updated Understanding and Role in Physiological and Pathophysiological States. Cureus. 2023 Jun 21;15(6):e40725. doi: 10.7759/cureus.40725. PMID: 37350982; PMCID: PMC10283427. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37350982/

2

Fajloun Z, Sabatier JM. The Unsuspected Role of the Renin-Angiotensin System (RAS): Could its Dysregulation be at the Root of All Non-Genetic Human Diseases? Infect Disord Drug Targets. 2024;24(1):e140923221085. doi: 10.2174/1871526524666230914114524. PMID: 37711109. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37711109/

3

Esser, N., & Zraika, S. (2020). Neprilysin inhibitors and angiotensin(1–7) in COVID-19. British Journal of Cardiology, 27(4), 109–111. https://doi.org/10.5837/bjc.2020.031

4

Chappell MC. The Angiotensin-(1-7) Axis: Formation and Metabolism Pathways. Angiotensin-(1-7). 2019 Aug 22:1–26. doi: 10.1007/978-3-030-22696-1_1. PMCID: PMC7121467. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7121467/

5

Fraga-Silva RA, Costa-Fraga FP, De Sousa FB, Alenina N, Bader M, Sinisterra RD, Santos RA. An orally active formulation of angiotensin-(1-7) produces an antithrombotic effect. Clinics (Sao Paulo). 2011;66(5):837-41. doi: 10.1590/s1807-59322011000500021. PMID: 21789389; PMCID: PMC3109384. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3109384/

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