Bis heute lässt Christiane Hoffmann ihre innere Verbindung mit Russland, seiner Kultur und Politik nicht los. Die Autorin, die etwas Ungewöhnliches wagte, als sie 75 Jahre nach der Flucht ihres Vaters aus Schlesien 550 Kilometer allein zu Fuß bei Schnee und Eis seinem Vertreibungsweg nachging, hat noch in der Sowjetunion Slawistik studiert. Später war sie Praktikantin der deutschen Redaktion eines sowjetischen Auslandssenders in Kiew und Auslandskorrespondentin der „FAZ“ in Moskau. In der Ampelkoalition unter Scholz war sie stellvertretende Regierungssprecherin.
„Dies ist ein Buch der Trauer um die Ukraine, um Russland, um meine Freundin, um uns alle … über unsere Träume, die nicht wahr wurden und vielleicht nicht wahr werden konnten.“ Der Leser sollte diese kluge und kenntnisreiche Publikation deshalb nicht resignierend aus der Hand legen. In drei Handlungssträngen erwartet ihn ein bis in die Gegenwart reichender, glänzend geschriebener Bericht: Über ein Studium der russischen Literatur in Freiburg, Leningrad und Hamburg, eine innige Freundschaft, die ausgerechnet am Tage des Überfalls Putins auf die Ukraine durch Suizid endet, und in der zweiten Hälfte des Buches über die Arbeit als Journalistin in Russland und selbstständig gewordenen Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Die Autorin schaltet Erinnerungen an ihre tote, mit einem russischen Künstler verheiratete Freundin ein. Sie verbindet das Ende eines menschlichen Lebens mit dem Untergang der Weltmacht UdSSR. Den Beginn erlebt sie vor Ort in Kiew. Am 1. Dezember 1991 stimmten 90 Prozent der Wähler für die Unabhängigkeit der Ukraine – inklusive 55 Prozent der ethnischen Russen. Sie ist dabei, als in Kiew ein Chor „Das Gebet für die Ukraine“ singt und die Zuhörer Tränen in den Augen haben.
In der Ukraine gab es, so Hoffmann, starke Sympathien für den Freiheitskampf der Tschetschenen. Bei ihrem Besuch im zerstörten Grosny erlebt sie, wie die jungen, schlecht ausgebildeten russischen Rekruten verheizt und von ihren eigenen Offizieren geschunden werden. Den Rezensenten erinnert das an Berichte von den Kämpfen um Ostpreußen 1945, wo russische Panzer über die eigenen Leute fuhren. In Leningrad sah er, wie sich junge Soldaten in Uniform auf der Straße schlugen.
Offiziell ist das Ukrainische auf der Krim Amtssprache. In die Praxis umgesetzt wurde das aber nie. Keine Zeitung erscheint auf Ukrainisch. Hoffmann zitiert Henry Kissinger: „Kein Russe, mit dem ich gesprochen habe, hat akzeptiert, dass die Ukraine wirklich unabhängig sein kann. Dagegen haben alle Ukrainer von ihrer Angst vor dem russischen Imperialismus gesprochen.“
Hoffmann hilft als Dolmetscherin in Westsibirien, Kirgistan und Hildesheim bei der Eingliederung der Russlanddeutschen, die sie als „unrealistisch und hilflos empfindet wie so vieles, was die westliche Politik in jenen Jahren gegenüber Russland tut“. Bauern, die in Russland bleiben wollen und sollen, werden an Maschinen ausgebildet, die es bei ihnen gar nicht gibt.
Aus Hoffmanns Sicht haben die frühen 90er Jahre über das künftige Verhältnis zwischen Russland und dem Westen entschieden und „langfristig die Saat für Revanchismus und Putinismus gelegt.“ Deutschland, der Westen und die Amerikaner haben auf Gorbatschow und den Fortbestand der UdSSR und Stabilität gesetzt. Keiner hat die Erwartungen des anderen erfüllt. „Russland hat Angst vor einer demokratischen, nach Westen orientierten Ukraine“ und schlägt alle persönlichen diplomatischen Bemühungen der westlichen Staatsmänner in den Wind. „Wir träumten damals alle den gleichen Traum“, so Hoffmann, „im Westen, in Russland und der Ukraine, in Polen und Lettland … die Mächtigen und die Machtlosen … von einem ungeteilten Europa, von gemeinsamer Sicherheit, von Demokratie in Russland und überall, von Nie wieder Krieg“. Ihr Fazit: „Nicht schlafwandelnd, sondern sehenden Auges sind wir in diese Katastrophe gelaufen“.