Afrikas neuer Champion – Wo Licht und Schatten scharf aufeinandertreffen

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Marokko: Trotz glänzender Wirtschaftsentwicklung wollen Millionen Bürger einfach nur weg. Vor allem junge Menschen haben...

paz.de📅 10.05.2026

Mehr als fünf Millionen Marokkaner gingen seit der Unabhängigkeit im Jahr 1956 ins Ausland, womit das Königreich im Maghreb etwa 15 Prozent seiner Bevölkerung verlor. Einer Umfrage von Arab Barometer zufolge erwägt auch jeder Dritte der noch im Lande Verbliebenen, es den Auswanderern gleichzutun – und bei den unter 30-Jährigen liegt der Anteil gar bei 70 Prozent. Das wirft die Frage auf, unter welchen Problemen Marokko denn leidet.

Aktuell beträgt die Arbeitslosenquote rund 13 Prozent, allerdings dürfte sie in den kommenden Jahren deutlich sinken, weil die Wirtschaftsentwicklung über weite Strecken positiv verläuft. Beispielsweise wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2025 um 4,9 Prozent, und für 2026 wird ein ähnlicher Wert erwartet. Gleichzeitig stiegen die ausländischen Direktinvestitionen im Vorjahr auf knapp eine Milliarde US-Dollar, wovon vor allem die Automobilbranche profitierte. So konnte Marokko Südafrika überholen und zum größten Pkw-Hersteller in Afrika aufsteigen. Derzeit rollen vor allem Modelle von Renault vom Band. Parallel dazu haben sich mehr als 260 große Zulieferbetriebe der Fahrzeugindustrie in dem Königreich angesiedelt.

Die Investoren reagieren damit unter anderem auf die gute Verkehrsinfrastruktur: Großstädte wie Casablanca, Rabat, Fès, Marrakesch und Tanger sind mit einem Schienennetz verbunden, das teilweise Geschwindigkeiten von 320 Kilometern pro Stunde erlaubt. Hinzu kommen 2177 Kilometer Autobahn und fast 10.000 Kilometer Nationalstraße. Die Qualität der Haupttrassen unterscheidet sich dabei kaum von den Verhältnissen in Europa. Außerdem verfügt Marokko über 13 große Seehäfen und sechs internationale Flughäfen.

Ein Plus ist ebenso die Stabilität der Energieversorgung. Obwohl der Maghreb-Staat etliche große Wind- und Solarparks errichtet hat, setzt er gleichermaßen auf die sichere und grundlastfähige Wasserkraft, was zum kontinuierlichen Bau neuer Staudämme führt. Des Weiteren verfügt Marokko über wichtige Bodenschätze. So liegen in dem Land drei Viertel der globalen Phosphatreserven, weswegen es ein Fünftel seiner Exporterlöse mit Phosphaten beziehungsweise phosphathaltigen Düngemitteln erzielt.

Spitzenreiter in Afrika

Für eine positive wirtschaftliche Dynamik sorgte bislang zudem der Tourismus. Marokko hat sowohl lange Badestrände als auch herrliche Gebirgs- und Wüstenlandschaften zu bieten. Parallel dazu locken neun UNESCO-Weltkulturerbestätten Unmengen von Besuchern an. 2025 kamen fast 20 Millionen Touristen nach Marokko, das damit nun auch in dieser Hinsicht Spitzenreiter in Afrika ist. Die Einnahmen des Sektors wuchsen gegenüber 2024 um 19 Prozent und machen rund sieben Prozent des BIP aus – dieser Anteil soll noch weiter steigen, weshalb die Regierung die Zahl der Touristen bis 2030 auf 26 Millionen erhöhen will.

Ansonsten fällt auf, dass derzeit mehr Geld als je zuvor in Projekte wie den Aufbau einer universellen Sozialversicherung für alle Bürger und die Schaffung von Sozialregistern zur gezielten Unterstützung von Bedürftigen investiert wird.

Das Ganze hat allerdings auch eine Kehrseite. So verzögert der immer noch sehr ineffiziente Verwaltungsapparat trotz aller Digitalisierungsbemühungen viele sinnvolle Vorhaben. Ein weiteres schweres Manko bilden die ebenfalls äußerst hinderliche Vetternwirtschaft und die Korruption. Marokko belegt im Korruptionswahrnehmungsindex 2025 von Transparency International lediglich den 91. Platz. Der schlechte Wert von 39 von 100 möglichen Punkten zeigt deutlich, dass die Korruption im öffentlichen Sektor und der Verwaltung ein immenses Problem für das Land darstellt, was auch schon zu etlichen Protesten gegen die Regierung führte.

Die Masse ist arm geblieben

Die Proteste rufen dann regelmäßig den perfekt geölten staatlichen Repressionsapparat auf den Plan: Obwohl die revidierte Verfassung von 2011 den Bürgern mehr Rechte einräumt, bestehen die autoritären Strukturen der Vergangenheit fort oder verfestigen sich jetzt gar aufs Neue. Beispielsweise sind die marokkanischen Sicherheitskräfte Vorreiter beim Einsatz der umstrittenen Pegasus-Spionagesoftware gegen missliebige politische Aktivisten und kritische Journalisten. Nicht zuletzt deshalb steht Marokko in der Rangliste der Pressefreiheit auch nur auf Platz 120, also noch hinter solch dubiosen Staaten wie dem Südsudan, Haiti und Nordzypern. Darüber hinaus intensivierte die Regierung in Rabat Ende 2025 durch eine Gesetzesänderung ihre Kontrolle über die marokkanische Presse.

Ein weiteres Ärgernis ist die forcierte Aufrüstung der Streitkräfte des Landes. 2025 machten die Militärausgaben geschätzte 4,5 Prozent des BIP aus, womit Marokko den zweiten Platz in Afrika gleich hinter seinem geopolitischen Hauptrivalen Algerien belegte.

Und dann deutet sich zudem das bevorstehende Ende des Tourismusbooms an. Wie man allerorten spüren kann, leidet die touristische Infrastruktur unter einem massiven Investitionsstau und wird gnadenlos auf Verschleiß gefahren. Dass die Zahl der Marokko-Urlauber derzeit trotzdem noch zunimmt, ist die Folge des vermehrten Zustroms großer Gruppen von Billigreisenden aus Spanien und Frankreich, welche allerdings andere Besucher Marokkos vergrämen, weil ihr massenhaftes Auftreten zwangsläufig zum „Übertourismus“ führt. Ebenso lässt der Zustand der Weltkulturerbestätten oftmals sehr zu wünschen übrig, weswegen die von der UNESCO verliehenen Titel in manchen Fällen eigentlich wieder entzogen werden müssten.

Aus all den genannten Gründen hegen die Marokkaner, deren Durchschnittseinkommen im Übrigen weiterhin nur bei umgerechnet knapp 300 Euro liegt, ein ausgeprägtes Misstrauen, was die Problemlösungskompetenz, Weitsicht und Reformbereitschaft von König, Parlament und Regierung betrifft. Deshalb nahm bislang auch nur jeder zweite Marokkaner an Wahlen teil – und in der besonders auswanderungswilligen Gruppe der Menschen unter 30 verzichteten sogar zwei Drittel auf eine Stimmabgabe.

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