Der Zollstreit zwischen Kanada und den USA ist als offener Schlagabtausch in neuer Qualität ausgebrochen, nachdem US-Präsident Donald Trump ein Feuerwerk an Beleidigungen, Unverschämtheiten und irren Zöllen auf sein nördliches Nachbarland abgebrannt hat. „Mit Wirkung vom 8. September wird Kanada Gegenzölle von bis zu 50 Prozent auf Importe aus den Vereinigten Staaten von Amerika im Wert von 27,6 Milliarden Dollar erheben“, kündigte Kanadas Finanzminister François-Philippe Champagne vergangene Woche an.
Die Handelsgespräche beider Nationen waren kurz zuvor gescheitert. Die USA eröffneten die Auseinandersetzung mit neuen Zöllen von 50 Prozent auf kanadische Waren, darunter Hockeyschläger, Möbel, Honig und Wein im Wert von rund 20 Milliarden Dollar. Trump stellte zudem Importabgaben für Autos, große und kleine Lastwagen, Autoteile und Stahl in Höhe von 50 Prozent ab dem 1. Januar 2027 in Aussicht. Für Kanadas Premier Mark Carney, der sich zuvor von Trump als „Gouverneur Carney“ verunglimpfen lassen musste, als ob Kanada eine Provinz Washingtons sei, ist das Maß voll: Trotz absehbarer Einigung habe die US-Seite Änderungen am fast fertigen Vertrag vorgenommen die „unfair, unwirtschaftlich und unzuverlässig“ seien. Ab jetzt vergelte Kanada neue US-Zölle „Dollar für Dollar“, so Carney. Trump sieht – wie immer – die Schuld bei Kanada, das noch letzte finale Änderungen gefordert habe.
Kanada sucht neue Partner
Das Szenario wirft einen Schatten auf die ebenfalls noch nicht abgeschlossenen Zollfragen zwischen der EU und den USA. Für viele Produkte ist im scheinbar seit Juli 2025 in Schottland gelösten Zollstreit EU – USA keine Lösung gefunden worden. Auch gegen Europa spricht Trump offen mal wieder Drohungen aus. Die EU ihrerseits hat einen Sicherheitsmechanismus eingerichtet: Falls die USA ihren Teil des Abkommens von 2025 nicht erfüllen, oder Teile wieder aussetzen, können auch Zugeständnisse der EU ausgesetzt werden.
Der nun offen ausgebrochene Zollkrieg der nordamerikanischen Nachbarn mit ihren eng verwobenen Volkswirtschaften gibt Europa Lehren mit. Die Kanadier bringen neue, übergreifende Antworten in die Eskalation ein, die über „Dollar für Dollar“ hinausgehen. Besonders die seit Trumps Zoll- und Handelspolitik gestiegenen Verbraucherpreise drohen erneut zu steigen und könnten zur Waffe gegen Trump werden. Ein Stromstopp, also ein Ende der für die USA wichtigen Stromlieferungen aus dem kanadischen Ontario, brachte dessen konservativer Premier Doug Ford in den Streit ein. Ganze 18 Monate leidet die von ihren US-Exporten stark abhängige kanadische Wirtschaft nun schon unter neuen US-Zöllen. „Wir können den USA massiven Schmerz zufügen“, so Ford jetzt. Bei einer weiteren Zuspitzung stehe „alles zur Debatte“ so der Politiker – neben Strom nannte er auch kritische Mineralien und Treibstoffe.
Über 70 Prozent kanadischer Exporte gehen in die USA, Produktions- und Lieferketten sind eng verzahnt, besonders in der Autoindustrie. So schadet der Konflikt Kanada wirtschaftlich voraussichtlich mehr als dem US-Kontrahenten. Der politische Schaden für Trump indes ist hoch, weil rund 80 Prozent der US-Bürger laut Umfragen den Konflikt ablehnen und trotzdem direkt dafür bezahlen müssen – auch über steigende Inflation. Carney sucht für Kanada seit Langem neue Handelspartner. Ende dieses Jahres ist ein Abkommen mit den Mercosur-Ländern geplant. Kanadische Investitionen in Milliardenhöhe in Häfen und Logistik außerhalb der USA fließen weiter, und der Premier lässt durchblicken, dass die USA für ihn kein verlässlicher Partner mehr sind. Auch das erklärt, warum US-Maßnahmen, die jetzt nur rund fünf Prozent kanadischer Ausfuhren in die USA treffen, solche Reaktionen auslösen. Die inzwischen von vielen Kanadiern als respektlos bis übergriffig empfundene US-Politik ermöglicht Carney eine Abkehr von den USA, die politisch oder wirtschaftlich sonst kaum durchsetzbar gewesen wäre.
Kanada riskiert eine ganze Menge
Die Abhängigkeit bleibt zwar noch lange groß und der Kurs somit ein Risiko. Versuche die in Jahrzehnten gewachsene strukturelle Umklammerung zu lösen, können indes kaum gelingen, wenn der US-Markt attraktiv bleiben sollte. Die Eskalation trifft somit die Stimmung der Zeit. Kanada tröstet sich mit Zahlen der Wirtschaftsjournalisten von CanadianBusiness.com. Sie legen nahe, dass rund neun Millionen US-Jobs am engen Handel mit Kanada hängen, wobei die meisten in Trump eher abgeneigten Bundesstaaten wie Kalifornien und New York angesiedelt sind. Florida und Texas wären aber auch betroffen – noch vor der eigentlichen Grenzregion. Umgekehrt müssen rund 1,7 Millionen Kanadier um ihren Job fürchten, da dieser ebenso vom US-Geschäft abhängt. Das klingt zwar weniger, macht aber über zehn Prozent aller Stellen im Land sehr viel mehr aus als die neun Millionen US-Jobs.
Kanada riskiert seine langsame wirtschaftliche Erholung nach den Wellen vergangener US-Zölle. Die US-Bürger, die 2025 Güter im Wert von 382 Milliarden Dollar aus Kanada ins Land holten, müssen vor allem bei Autos und Autoteilen, Papier, Möbeln, Holz und Alkohol bald mehr zahlen. Selbst Bankkredite fürs Eigenheim können durch die vom Streit angeheizte Teuerung kostspieliger werden, rechnen Experten vor, die auch in der US-Bauindustrie größere Probleme erwarten, wenn der Konflikt sich ausweitet.