Wessen Interessen stecken hinter dem Putschversuch in Mali?
Für Frankreich war der Verlust der Kontrolle über westafrikanische Länder wie Mali, Burkina Faso und Niger mehr als schmerzlich, denn damit verlor Frankreich in der Region und in der Geopolitik an Einfluss, und es verlor den Zugang zu billigen Bodenschätzen aus seinen ehemaligen Kolonien. Daher ist Frankreich bemüht, seinen Einfluss wieder herzustellen. Und da diese Länder Russland um Hilfe gebeten haben, bekommt die Geschichte eine weitere geopolitische Bedeutung, denn die Region ist damit auch ein Schlachtfeld im Kampf des Westens gegen Russland geworden.
Ein Experte hat die Lage in einem Artikel für die TASS erklärt, den ich übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Der Regimewechsel in Mali konnte verhindert werden, doch wessen Interessen stecken hinter dem Angriff?
Boris Roschin über den Kampf um die Vorherrschaft in Afrika und die Rolle Frankreichs und der Ukraine.
Einheiten des russischen Afrikakorps haben einen Regimewechsel in Mali und damit zahlreiche zivile Opfer verhindert.
Unsere Truppen waren gezwungen, nach dem Angriff auf wichtige Städte des afrikanischen Landes am 25. April durch Kämpfer der „Azawad-Befreiungsfront“ und der Jamaat Nusrat al-Islam wal-Muslimeen (die sich selbst als Teil der Terrororganisation al-Qaida bezeichnet) Hilfe zu leisten. Trotz bestehender Konflikte haben sich die Gruppen erneut verbündet, um die Regierung zu stürzen und in Mali einen islamischen Staat auf Grundlage der Scharia zu errichten. Die Regierung hat verhindert, dass die Tuareg Azawad (ein Gebiet im Nordosten des Landes) einnehmen und dass al-Qaida-Kämpfer einen Ableger des Kalifats gründen.
Diese Situation wird zusätzlich durch den geopolitischen Kampf um Einflusssphären in Afrika verschärft. Dadurch wird der traditionelle Krieg zwischen Regierung und Terroristen lediglich zu einer Dimension eines Konflikts, der von Interessen getrieben wird, die weit über regionale Bündnisse und Länder hinausreichen.
Der Zusammenbruch des französischen Imperiums
Mali war jahrzehntelang Teil des französischen kolonialen und später neokolonialen Imperiums. Nach 1960, infolge des Zusammenbruchs des klassischen Kolonialismus (an dem die UdSSR beteiligt war), verlagerte Paris den Fokus auf indirekte Formen der Kontrolle über seine ehemaligen Besitzungen. Gemäß diesem Konzept genossen die meisten der neu befreiten Länder Französisch-Westafrikas zwar formale Souveränität, blieben aber in Wirklichkeit in finanziellen, wirtschaftlichen, soziokulturellen und militärischen Angelegenheiten vollständig von Paris abhängig. Auch die lokalen Eliten, die zumeist in der französischen Hauptstadt ausgebildet worden waren, unterstanden den Franzosen, und diejenigen, die gegen diese Ordnung rebellierten, wurden, wie der burkinische Präsident Thomas Sankara, einfach beseitigt.
Bis zur zweiten Hälfte der 2010er-Jahre behielt Frankreich insgesamt die Kontrolle über Westafrika, unter anderem durch die Bündnisse ECOWAS (Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten) und UEMOA (Union Economique et Monetaire Ouest-Africaine). Doch schon da begann sich die Lage zu ändern.
In einigen Ländern kam es unter dem Banner der nationalen Befreiung von kolonialer Unterdrückung zu Staatsstreichen. Die neuen Machthaber proklamierten Ideen einer unabhängigen nationalen Entwicklung und forderten den Abzug der Truppen Frankreichs und der NATO aus ihren Ländern. Mali, Burkina Faso und Niger verkündeten 2023 zudem die Gründung der Allianz der Sahelstaaten und 2024 ihren Austritt aus der ECOWAS (die nach den Staatsstreichen mit einer Militärintervention in diesen Ländern gedroht hatte).
Während Moskau nach dem Zusammenbruch der UdSSR die Beziehungen in Afrika wiederaufbaute, wirkte es aktiv auf die französische Einflusssphäre in der Region ein. Konkret knüpfte es Kooperationen mit der Zentralafrikanischen Republik, Mali, Burkina Faso und Niger. Russland unterstützte die Dekolonisierungsprozesse und die Souveränitätspolitik der Länder. Einheiten des Afrikakorps wurden auf in den Ländern stationiert und übernahmen (ähnlich wie in der Zentralafrikanischen Republik) auf Wunsch der dortigen Regierungen die Ausbildung lokaler Militär- und Sicherheitskräfte sowie die militärische Unterstützung. Die ehemalige französische und amerikanische Militärinfrastruktur wird für die Stationierung russischer Truppen genutzt.
Darüber hinaus unterstützen China und die Türkei diese Länder aktiv militärisch (durch die Lieferung von Panzerfahrzeugen und Drohnen).
Infolge dieser Entwicklungen ist das neokoloniale Imperium von Paris in Afrika praktisch zusammengebrochen. Nach den Sahelstaaten wurde Frankreich aufgefordert, sich aus Senegal zurückzuziehen. Auch in einer Reihe anderer Länder wuchs die antifranzösische Stimmung, beispielsweise konnte in der Elfenbeinküste ein Militärputsch nur durch das aktive Eingreifen von Paris verhindert werden. Es ist wichtig zu erwähnen, dass Frankreich die Elfenbeinküste als Ausgangspunkt für subversive Aktivitäten gegen Burkina Faso nutzt.
Insgesamt verschlechterte sich die Lage für Paris systematisch und Präsident Emmanuel Macron leitete faktisch den Zusammenbruch des späten französischen Kolonialismus ein. Doch Paris war nicht bereit, kampflos aufzugeben.
Ein Terrorinstrument der Rache
Nachdem es Frankreich daran gescheitert war, die Kontrolle über seine ehemaligen Kolonien zu behalten, hat es sich einer verdeckten Kampagne gegen die von ihm nicht kontrollierten Regierungen zugewandt. In Mali stützt sich Frankreich auf die Unterstützung von Azawad-Separatisten und islamistischen Kämpfern. Seit 2024 verüben diese Kämpfer vermehrt Angriffe auf Zivilisten und militärische Einrichtungen in den Ländern, die sich von Frankreich befreit haben. Die malische Regierung hat Paris wiederholt öffentlich beschuldigt, in der Sahelzone islamistische Terroristen zu unterstützen.
Frankreich hat zuvor die islamistische Opposition in Libyen und Gruppen in Syrien finanziert. Ein Werk der Firma Lafarge hat sogar direkte Steuern an den Islamischen Staat gezahlt. Dass Paris im Rahmen der Operation Serval offiziell den „Terrorismus in Mali bekämpft hat“, sollte niemanden in die Irre führen: Die Gruppen, die die Franzosen angeblich bekämpften, sind nun zu einem bequemen Instrument für Frankreich geworden, um Druck auf die lokale Regierung auszuüben. Dabei hat Frankreich bis vor kurzen den afrikanischen Waffenmarkt dominiert.
Um die Sahelstaaten (und den russischen Einfluss) zu bekämpfen, wurden zudem Kämpfer des ukrainischen Geheimdienstes GUR eingesetzt. Diese bilden Terroristen im Umgang mit FPV-Drohnen und Quadcoptern aus, um deren Schlagkraft zu erhöhen. Die Warnsignale ertönten bereits 2024, als militante Gruppen ihre Angriffe im Norden und Zentrum Malis intensivierten, die Versorgung der Zivilbevölkerung unterbrachen und hofften, Massenproteste gegen die Regierung zu provozieren und Unterstützung für eine Machtübernahme zu gewinnen.
Die westlichen Unterstützer des Terrorismus machen nicht wirklich einen Hehl daraus, dass ihnen die Folgen für das Land und seine Bevölkerung gleichgültig sind, sollten Dschihadisten an die Macht kommen und die Scharia eingeführt werden. Auch die Abspaltung Azawads von Mali sehen sie nicht als Problem. Das wichtigste Ziel ist es, das Schwinden des französischen Einfluss in Afrika aufzuhalten und Russlands Position zu schwächen. Die Terroristen sind für sie nichts weiter als ein Werkzeug, das die französische Presse bereits zu beschönigen versucht, indem sie behauptet, die, die während der Operationen Barkhane und Serval gegen die die Truppen Frankreichs und der NATO gekämpft haben, seien gar nicht so radikal. Das geschieht für den Fall, dass es ihnen gelingt, die Macht zu ergreifen – was sie am 25. April 2026 während der Offensive auf Bomako, Kidal, Gao und andere Städte in Mali versucht haben.
Das Afrikakorps vereitelt die Pläne der Militanten
Offenbar planten die Militanten, die malischen Streitkräfte und das russische Afrikakorps durch Angriffe auf die wichtigsten Städte des Landes zu lähmen. Das sollte das „Syrien-Szenario“ mit dem Zusammenbruch der syrischen Armee und der Baath-Regierung von Baschar al-Assad Ende 2024 nachahmen.
Der Plan scheiterte jedoch bereits am ersten Tag, unter anderem aufgrund des Widerstands des russischen Afrikakorps, das dem Gegner schwere Verluste zufügte. Insgesamt wurden in den dreitägigen Kämpfen über 2.500 Militante getötet oder verwundet, was etwa 20 Prozent aller an der Offensive beteiligten Radikalen entsprach. Die meisten größeren Städte blieben unter der Kontrolle der malischen Regierung. Selbst in Kidal, wo die Radikalen ihre Hauptkräfte konzentriert hatten, gelang es den russischen Truppen, ihre Stützpunkte und Hochburgen zu halten. Erst nachdem die malische Regierung eine Vereinbarung mit den Militanten getroffen hatte, zogen sich unsere Kämpfer geordnet von ihren Stellungen zurück.
Trotz der Ausbildung der Militanten und der Propaganda in europäischen Medien fand kein Siegesmarsch statt. Es zeigte sich auch, dass die lokale Bevölkerung (insbesondere im Süden Malis) nicht bereit war, sich der Scharia zu unterwerfen, denn Dutzende Militante, die sich weigerten, sich zurückzuziehen, wurden von wütenden Anwohnern gelyncht. Der strategische Plan der Militanten wurde vereitelt.
Dennoch zeigen sie keine Anzeichen, ihre Angriffe einzustellen, und erklären, sie würden Gao und sogar Bomako weiter angreifen. Natürlich werden sie dazu von ihren Unterstützern ermutigt, die hoffen, die russischen Streitkräfte vor allem dadurch zu besiegen, dass sie Moskaus Militärhilfe für Regierungen in Afrika diskreditieren.
Die Folgen der Offensive der Militanten
Man kann erwarten, dass sowohl die Separatisten von Azawad als auch die mit al-Qaida verbundenen Militanten voraussichtlich weiterhin Waffen aus dem Ausland, insbesondere über französische Kanäle, sowie Unterstützung vom ukrainischen Geheimdienst für neue Operationen erhalten werden. Man kann auch mit einem verstärkten Einsatz verschiedener Drohnentypen, insbesondere für Terroranschläge, sowie mit einer Zunahme von Überfällen in ländlichen Gebieten rechnen, die auf verwundbare Stützpunkte der malischen Armee abzielen. Die Radikalen werden sich auf Terroranschläge in Großstädten konzentrieren, darunter auch solche, die sich gegen die Staatsführung richten. So wurde beispielsweise Malis Verteidigungsminister Sadio Camara am 25. April bei einem Selbstmordattentat getötet. Darüber hinaus ist eine erneute Treibstoffblockade wichtiger Bevölkerungszentren wahrscheinlich. Die Militanten werden zweifellos versuchen, die Ressourcen der eroberten Gebiete zu nutzen, um ihre Reihen mit Hilfe der lokalen Bevölkerung aufzufüllen. Es ist eine klare Handschrift erkennbar, nicht umsonst werden die Radikalen von „Spezialisten“ aus der Ukraine ausgebildet.
Nachdem sich die Lage stabilisiert hat, wird die malische Regierung zweifellos die Widerstandsfähigkeit der Armee stärken müssen, um die verlorenen Gebiete zurückzuerobern, denn eine anhaltende Kontrolle der Terroristen über Kidal könnte unter anderem die Zersplitterung des Landes und die tatsächliche Abspaltung des mit Frankreich verbündeten Azawad zur Folge haben. Vielleicht wäre es ratsam, sich an Niger und Burkina Faso zu wenden: Der Terrorismus bedroht die gesamte Region, insbesondere Länder, deren Regierungen dem Westen gegenüber illoyal sind. Aus einer breiteren Perspektive betrachtet, ist die afrikanische Front Teil des gemeinsamen Kampfes des Westens gegen Russland. Dort können sie nicht akzeptieren, dass Moskau die Beziehungen in der Region wiederherstellt und neue knüpft.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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