Eine persönliche Schicksalsgeschichte – Wie ich dem Tod um Haaresbreite entkam

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Die Fluchtroute führte von Krokau über Seeburg, Zinten, Königsberg, Gotenhafen, Swinemünde, Stettin und Pasewalk nach Lü...

paz.de📅 24.04.2026

Über Generationen lebte meine Familie in Königsberg. Den Sommer 1944 verbrachte ich mit meiner Mutter im ermländischen Krokau, wohin wir beide bereits Ende 1943 evakuiert worden waren. Wie schon im Jahr zuvor hielten wir uns aber einige Tage in unserer Königsberger Wohnung auf, um anschließend für zwei Wochen nach Cranz und Nidden auf der Kurischen Nehrung zu fahren. Abgesehen vom Tod meines Vaters, der 1941 in Russland gefallen war, hatten wir vom Krieg bis dahin kaum etwas gemerkt.

Das änderte sich jedoch bald. Als wir uns Ende August 1944 in unserer Königsberger Wohnung aufhielten, gerieten wir in einen Angriff britischer und kanadischer Bomber. Statt der erwarteten Brandbomben wurde unser Haus von einer Sprengbombe getroffen, da sich in der Nähe die Reichsbahnbrücke befand, die den Königsberger Hauptbahnhof mit dem Nordbahnhof verband. Meine Mutter und ich wurden zusammen mit elf anderen Hausbewohnern im Keller verschüttet. Stundenlang harrten wir in der Dunkelheit aus. Vom herunterrieselnden Kalk tränten mir die Augen und das Atmen wurde immer schwerer. Die Frauen beteten oder jammerten, und niemand rechnete noch mit einer Rettung.

Doch die Matrosen zweier U-Boote, die gerade in der Königsberger Schichauwerft instand gesetzt wurden, buddelten uns nach über zehn Stunden aus. Als ich wieder ins Tageslicht konnte, fiel mir sofort unsere ebenfalls gerettete Nachbarin auf. Ihr gehörte das Milchgeschäft im Parterre, und vor dieser Nacht hatte sie immer volles schwarzes Haar gehabt. Jetzt war sie plötzlich völlig weiß auf dem Kopf und ich dachte anfangs, das käme vom Kalk. Meine Mutter meinte jedoch, sie sei in den zurückliegenden Stunden vor Angst ergraut. Ich hatte das immer für eine Redensart gehalten, aber ihr war es tatsächlich im Keller passiert.

Fast mit der „Gustloff“ gefahren

Danach kehrte ich mit meiner Mutter vorerst nach Krokau zurück, aber nicht für lange. Etwa Mitte Januar 1945 kam ein Kradfahrer aus Königsberg bei uns in Krokau vorbei, den meine Tante geschickt hatte. Sie bat meine Mutter, so schnell wie möglich zu ihr zu kommen, da die Russen bereits die Grenzen überschritten hatten. Ein Bauer brachte uns mit seinem Pferdeschlitten zum acht Kilometer entfernten Bahnhof Seeburg, wo man noch mit einem Personenzug nach Königsberg rechnete. Als der tatsächlich nach einiger Zeit einrollte, brannten dessen letzte beide Wagen. Partisanen sollen sie angezündet haben. Die Waggons wurden sogleich abgekoppelt, und wir konnten endlich losfahren.

Leider endete unsere Reise schon am Knotenpunkt Zinten, weil die Gleise nach Königsberg inzwischen gesprengt waren. Wir waren verzweifelt, aber ein Schulfreund meiner Mutter half uns weiter. Er war Leutnant und sollte einen Lastwagen mit Granaten nach Königsberg bringen. Auf diese lebensgefährliche Weise gelangten wir dann bis zum Abend an unser Ziel. Mein Großvater hatte dafür gesorgt, dass wir zusammen mit unserer Großmutter auf einem kleinen Schiff nach Gotenhafen gelangen konnten, von wo aus am 30. Januar die „Wilhelm Gustloff“ nach Westen auslaufen sollte. Da er in der Schichauwerft arbeitete, hatte er uns drei Plätze auf dem Dampfer besorgen können.

Nun waren wir schließlich in Gotenhafen und nach einigen Stunden schon fast auf der „Wilhelm Gustloff“. Ursprünglich hatten wir auch an Bord dieses Schiffes gehen wollen, aber es war längst hoffnungslos überfüllt, und der Kapitän musste die nachdrängenden Flüchtlinge persönlich auf der Gangway zurückweisen. Bedrückt mussten wir drei mitansehen, wie der Dampfer mit Tausenden von Menschen an Bord den Hafen verließ.

Tieffliegerangriff in Swinemünde

Doch es gab noch andere Schiffe, und schon am nächsten Tag konnten wir alle einen Platz auf einem Kohlendampfer mit Kurs auf Swinemünde finden. Zwei Torpedo- oder Minensuchboote begleiteten uns, denn inzwischen hatte sich die Schreckensnachricht verbreitet, dass die „Wilhelm Gustloff“ von einem sowjetischen U-Boot torpediert worden war. Ich kam lange nicht von dem erschaudernden Gedanken los, was wohl mit uns passiert wäre, hätten wir es tags zuvor noch an Bord geschafft. Wir hatten wieder einmal Glück im Unglück gehabt und waren der größten Schiffskatastrophe aller Zeiten entronnen.

Unbeschadet kamen wir nach Swinemünde. Auch hier war noch einmal Glück im Spiel. Als wir auf dem Bahnhof von Swinemünde nach einem Zug Richtung Westen Ausschau hielten, haben wir uns getrennt. Meine Mutter suchte in der einen Richtung, meine Großmutter mit mir in der anderen. Es fuhren ja kaum noch Züge nach Fahrplan. Wir hatten gerade einen Transport mit Verwundeten ausgemacht und hielten nach einem Begleitoffizier Ausschau, als plötzlich wie aus dem Nichts ein Tiefflieger über die Gleise flog, seine Bordwaffen abfeuerte und mich und meine Großmutter nur sehr knapp verfehlte. Die Waggons mit den Verwundeten wurden jedoch getroffen und gerieten in Brand. Es war das reinste Inferno. Die Soldaten schrien und versuchten verzweifelt, aus den Waggons zu kommen. Viele, denen man die Beine amputiert hatte, schafften es nicht mehr und lagen später erstickt oder halb verbrannt im Gleisbett. Das Bild werde ich nie vergessen.

Dennoch – wir mussten weiter, denn unser Ziel war Lübeck, wo weitläufige Verwandte wohnten. In Waggons für Viehtransporte konnten wir in unerträglicher Kälte und unter unglaublichen hygienischen Verhältnissen von Stettin nach Pasewalk gelangen, wo wir in einer Schule für zwei Tage Unterschlupf fanden, bevor es dann weiter unter nicht zu beschreibenden Strapazen in Richtung Lübeck ging, das wir erst nach drei Wochen erreichten, erschöpft, aber glücklich, dem Tode entronnen zu sein.

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