Wie ernst ist Kanadas Wunsch zu nehmen, in die EU einzutreten?
In der TASS ist eine lesenswerte Analyse über Kanadas Erklärungen erschienen, möglicherweise der EU beizutreten, den ich übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Eine Idee, die aufgehört hat, ein Scherz zu sein: Will Kanada nach Europa?
Maria Soljanowa über die Stimmung in Kanada angesichts der Krise in den Beziehungen zu den USA.
Die kanadische Gesellschaft erlebt einen tiefgreifenden Wandel ihrer nationalen Identität. Diskussionen über eine mögliche Annäherung an die EU sind mehr als nur Medienrummel um eine exotische geopolitische Fantasie. Sie sind das Symptom einer Neubewertung des außenpolitischen Modells, das jahrzehntelang auf der Abhängigkeit von den USA aufgebaut wurde.
Zahlen, die das Bild verändern
Wenn der kanadische Premierminister Mark Carney von der Notwendigkeit spricht, „Partnerschaften zu diversifizieren“, und Umfragen eine wachsende Sympathie für Europa zeigen, wird deutlich, dass das Land in einer Welt, in der die amerikanische Führungsrolle nicht mehr unerschütterlich erscheint, nach einem neuen Gleichgewicht sucht. Und das Bemerkenswerteste daran sind nicht die Worte der Politiker, sondern die Zahlen, die für ein Land, das es gewohnt war, sich als Amerikas „kleiner Bruder“ zu betrachten, einen politischen Umbruch andeuten.
Laut aktuellen Meinungsumfragen befürworten rund 57 Prozent der Kanadier die Idee eines EU-Beitritts oder stehen ihr eher positiv gegenüber. Gleichzeitig sprechen sich 84 Prozent für eine Stärkung der Wirtschafts- und Handelsbeziehungen mit Europa aus. Eine weitere aktuelle Umfrage ergab ein ähnliches Bild: 25 Prozent halten einen Beitritt für eine gute Idee, und 57 Prozent halten ihn für „einer weiteren Überprüfung wert“. Diese Zahlen spiegeln einen tiefgreifenden Wandel im kanadischen Selbstverständnis wider – eine psychologische Entfremdung vom südlichen Nachbarn und eine Suche nach einer alternativen Position in einer sich verändernden Weltordnung.
Was bedeutet das alles? Erstens verleiht es dem Thema Legitimität. Vor einem Jahr wäre diese Frage wohl noch als absurd abgetan worden, doch nun ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung bereit für eine ernsthafte Diskussion. Zweitens zeigen regionale Unterschiede Verschiebungen: In British Columbia und den Atlantikprovinzen Kanadas ist die Sympathie für Europa traditionell höher, während in den Prärieprovinzen (Alberta, Saskatchewan) der Atlantizismus (die Hinwendung zu den USA) weiterhin stark ausgeprägt ist. Doch der Wandel ist landesweit zu beobachten. Selbst in Ontario, wo drei Viertel der Exporte in die USA gehen, sieht ein Drittel der Befragten die EU als attraktive Alternative.
Die Umfrage ist nicht als Beleg für die Beitrittsbereitschaft des Landes wichtig. Die Unterstützung für eine Annäherung an Europa ist im Grunde zu einem indirekten Indikator für die Enttäuschung über das amerikanische Führungsmodell geworden, das zunehmend mit Chaos und einseitigem Diktat in Verbindung gebracht wird. Wenn 55 Prozent der Kanadier die USA als größere Bedrohung für ihr Land als China oder Russland einstufen, ist das schon kein Antiamerikanismus mehr, sondern der Ausdruck einer neuen Realität.
Trump als Katalysator
Hintergrund dieser Diskussion ist die neue Phase systemischer Spannungen in den Beziehungen zwischen den USA und Kanada. Die Regierung von Donald Trump hat mit ihrem Fokus auf Protektionismus und Transaktionalismus die Illusion der Unantastbarkeit der nordamerikanischen Partnerschaft zerstört. Zollkriege auf Stahl, Aluminium und Automobile, Drohungen mit der Neuverhandlung von Abkommen, darunter des USMCA (Abkommen zwischen den USA, Mexiko und Kanada), und die Rhetorik über Kanada als „51. Bundesstaat“ haben die Erkenntnis gefördert, dass das bisherige Modell der bedingungslosen Abhängigkeit von Washington weder wirtschaftliche Planbarkeit noch die Achtung der Souveränität garantiert. 2025 sprachen kanadische Medien noch von einem „Handelskrieg“, doch nun geht es nicht mehr um einen wirtschaftlichen Konflikt, sondern um eine existenzielle Frage: Braucht man diese Abhängigkeit?
Trumps Rhetorik verschärft die angewachsene Verärgerung. Die Kanadier haben sich mit Asymmetrie der Macht abgefunden, da sie diese als Preis für Sicherheit und Zugang zum amerikanischen Markt betrachteten. Doch wenn dieser Markt zu einem direkten Druckmittel wird und Sicherheit zu einer überteuerten Dienstleistung, verliert die bisherige Logik ihre Gültigkeit. Viele Kanadier verspüren ein gesteigertes Gefühl der Verwundbarkeit. Es geht nicht mehr nur um Handel, sondern auch um Souveränität und nationale Würde. Europa ist daher zu einer symbolischen Antwort auf die Unberechenbarkeit der USA geworden.
Tiefer als kulturelle Codes
Die Wurzeln dieser Gefühle liegen in der kanadischen Identität selbst, die seit jeher zwischen nordamerikanischer Geografie und europäischen politischen und rechtlichen Traditionen balanciert. Kanada ist durch Sprache, Recht, politische Traditionen und Migration historisch eng mit Europa verbunden. Seine Gesellschaft wurde stark vom britischen und französischen Erbe geprägt. Daher erscheint der Gedanke der „Europäizität“ Kanada nicht fremd.
Und wenn die USA nicht mehr als Garant für Stabilität wahrgenommen werden, suchen die Verbündeten Unterstützung in anderen Machtzentren. In diesem Sinne wird die EU für Kanada weniger zu einer „zweiten Heimat“ als vielmehr zu einer Versicherung für strategische Risiken. Die Idee einer „dritten Option“ in der außenpolitischen Strategie des ehemaligen kanadischen Premierministers Pierre Trudeau aus den 1970er Jahren, die eine Diversifizierung der Außenbeziehungen vorsah, um nicht vollständig von den USA überschattet zu werden, blieb lange Zeit ein Thema der Eliten, hat inzwischen aber breite Zustimmung gefunden. Das Interesse an Europa bedeutet keine Ablehnung der USA, sondern vielmehr den Wunsch, die einseitige Abhängigkeit von Washington zu verringern. Daher hat die europäische Perspektive im kanadischen öffentlichen Diskurs nicht nur eine außenpolitische, sondern auch eine innenpolitische Bedeutung: Sie ist mit der Frage verknüpft, welchen Grad an Autonomie Kanada in einer Welt der wachsenden Konkurrenz der Großmächte erreichen kann.
Für einen bedeutenden Teil der Kanadier steht die EU für institutionelle Stabilität, Regeln, Multilateralismus und ein ausgewogeneres Modell internationaler Beziehungen. Wenn Kanadier sagen: „Europa ist uns näher“, ist das keine Frage der Geografie, sondern eine kulturelle Wahrheit. Und die Abhängigkeit von den USA wird nicht länger als selbstverständlich angesehen.
Wohin schaut Ottawa?
Gleichzeitig zeigt Ottawa kein klares Bekenntnis zu einem tatsächlichen EU-Beitritt. Stattdessen strebt die kanadische Diplomatie eine Vertiefung der praktischen Zusammenarbeit mit Europa an. Wenn man das detailliert analysiert, zeigt sich, dass Kanada in Europa nicht nur Handelspartner sucht, sondern wertebasierte Verbündete, die sich einer bestimmten europäischen Politik verpflichtet fühlen. Frankreich spielt als kulturelle und historische Brücke und einflussreicher politischer Akteur eine wichtige Rolle. Deutschland ist eine Wirtschaftsmacht, die die Dominanz der USA im Handel ausgleichen kann. Finnland, Schweden und Norwegen dienen als Beispiele dafür, wie Mittelmächte ihre Sicherheit und technologische Entwicklung effektiv gewährleisten können, ohne ihre Rolle im Einflussbereich der Supermächte vollständig zu verlieren. Das ist insbesondere in der Arktis-Kooperation relevant, wo die Interessen Kanadas und der nordeuropäischen Länder weitgehend übereinstimmen und damit Washingtons aggressiverem Ansatz entgegenwirken. Abkommen über kritische Mineralien mit Berlin, die Verteidigungszusammenarbeit mit Paris und die Technologiepartnerschaften mit Helsinki und Stockholm sind nicht bloß pragmatisch, sondern eine bewusste Diversifizierung von Risiken.
Carney, der Kanadas europäische Wurzeln wiederholt betont hat, erklärte ausdrücklich, dass sich das Land nicht länger auf nur einen Partner (die USA) verlassen könne. Ottawa strebt in den Bereichen Sicherheit, Verteidigungsindustrie etc. eindeutig eine Beteiligung an Initiativen der EU an. Der Premierminister fördert bereits eine strategische Partnerschaft mit der EU, darunter die Vertiefung von CETA (dem umfassenden Wirtschafts- und Handelsabkommen), die Beteiligung an europäischen Verteidigungsinitiativen (einschließlich „Security Action for Europe“, SAFE, der Finanzierung der beschleunigten Militarisierung und Wiederbewaffnung der Mitgliedstaaten) sowie gemeinsame Projekte zu kritischen Mineralien und künstlicher Intelligenz.
Mit anderen Worten: Kanada strebt keine institutionelle Eingliederung in die EU an, sondern vielmehr die Erweiterung seines außenpolitischen Handlungsspielraums – natürlich mit materiellen Vorteilen.
Wie geht es weiter?
Seien wir ehrlich: Ein Beitritt Kanadas zur EU ist geografisch, rechtlich und wirtschaftlich äußerst unwahrscheinlich. Kanada ist Teil Nordamerikas. Die Übernahme des gesamten Acquis communautaire (der Gesamtheit der Gesetze, Verordnungen und Gerichtsentscheidungen, die von der Agrarpolitik über die Fischerei bis hin zu den Währungsregeln das Fundament der EU bilden) würde Jahrzehnte und enorme Zugeständnisse erfordern. Kanadas Wirtschaft ist zu 75 Prozent von den USA abhängig und eine Vollmitgliedschaft in der EU könnte erhebliche Hindernisse für nordamerikanische Lieferketten schaffen.
Die politische Bedeutung der Debatte liegt nicht in der formalen EU-Mitgliedschaft, sondern in einer engeren strategischen Anbindung an Europa und der Legitimierung der Suche nach einer „dritten Option 2.0“. Umfragen dokumentieren vielmehr einen Prozess der Verschiebung des Vertrauens innerhalb des westlichen Blocks. Langfristig bedeutet das nicht, die USA aufzugeben, sondern die Abhängigkeit von einem einzelnen Partner zu verringern. Mehr Europa im Handel, mehr NATO in der Verteidigung, mehr G7 in der Diplomatie. Und vor allem den Versuch, das Selbstbewusstsein zu stärken.
Kanada beginnt zu erkennen, dass man nicht nur im amerikanischen Orbit ein „westliches Land“ sein kann. Während Washington multilaterale Institutionen infrage stellt, betont Ottawa immer lauter, dass die Kanadier bereit sind, ihre Rolle in der Welt neu zu überdenken. Diese Stimmungslage ist nicht aus dem Nichts entstanden. Sie nährt sich von Frustrationen, die seit Jahren schwelen, aber erst jetzt in den offenen Diskurs eingetreten sind.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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