Wie erschöpft sind die Vorräte der USA an Raketen wirklich?
Ich habe in den letzten Monaten einige Expertenartikel übersetzt, in denen gewarnt wurde, die USA würden im Irankrieg zu viele Raketen verbrauchen und Jahre brauchen, um ihre Arsenale wieder aufzufüllen, weshalb in den USA nun eilig Rüstungsaufträge vergeben und neue Produktionsanlagen errichtet werden.
Dem widerspricht ein russischer Experte und beruft sich dabei auf Daten aus dem US-Haushalt, die zeigen, dass der Irankrieg diese Schlagzeilen produzieren sollte, um ein in Wahrheit schon länger laufendes Aufrüstungsprogramm zu rechtfertigen. Ich habe seinen Artikel übersetzt.
Beginn der Übersetzung:
Das US-Kriegsministerium benötigt neue Patriot- Raketen und Tomahawk-Marschflugkörper
Das großangelegte Programm zur Steigerung der Produktion von Raketenabwehrsystemen und hochpräzisen Angriffswaffen begann in den USA bereits im Jahr 2020 und in seinem Rahmen wird die militärisch-industrielle Basis seitdem systematisch ausgebaut.
Von German Polyssalow
Der militärisch-industrielle Komplex auf Steroiden
Angesichts der massiven Produktionssteigerung wirken die jüngsten Aussagen von US-Außenminister Marco Rubio, wonach nur 6 bis 7 Abfangraketen pro Monat gefertigt würden, wie eine geplante Desinformation. In Wirklichkeit liegt die aktuelle kombinierte Produktionsrate der PAC-3 MSE- und SM-3-Abfangraketen bei über 70 Einheiten pro Monat und wird bis zum Ende des Jahrzehnts fast 120 Abfangraketen erreichen.
Diese Zahlen sind kein Zufall: In den letzten Jahren wurden die Montagewerke für THAAD- und SM-3-Abfangraketen in Troy und Huntsville, US-Bundesstaat Alabama, erheblich erweitert, und in Camden, US-Bundesstaat Arkansas, wurden neue Produktionsanlagen für PAC-3 MSE in Betrieb genommen.
Die durch diese Erweiterung geschaffenen Produktionskapazitäten sollen nach ihrer Inbetriebnahme 2029 mindestens 150 bis 160 THAAD- und SM-3-Abfangraketen sowie bis zu 1.100 PAC-3-MSE-Raketen liefern. Zum Vergleich: Die USA produzierten in den vorangegangenen 16 Jahren insgesamt rund 2.620 Abfangraketen, davon 1.640 PAC-3-MSE, 530 THAAD und 450 SM-3-Raketen verschiedener Modifikationen. Die geplante Kapazität ermöglicht es somit, diese 15-jährige Reserve, sollte sie im Zuge der aktuellen Operation gegen den Iran vollständig aufgebraucht werden, innerhalb von nur zwei bis drei Jahren wieder aufzufüllen.
Sicherheitsdilemma und Zeitfenster:
Die vergleichsweise bescheidenen Arsenale der Vergangenheit wurden nicht durch eine Produktionsobergrenze (bisher begrenzt auf 96 THAAD- und 84 SM-3-Raketen pro Jahr) bedingt, sondern durch militärische und politische Logik: Ein unkontrollierter Anstieg der Raketenabwehrsysteme für große Zielhöhen und den Einsatz außerhalb der Atmosphäre würde eine direkte Bedrohung für das Abschreckungspotenzial Russlands und Chinas darstellen – und automatisch ein Wettrüsten auslösen.
Der heutige Krieg mit dem Iran aber erzeugt die „notwendige Knappheit“, die Washington als idealer Vorwand dient, um das Schaffen zusätzlicher Produktionskapazitäten und überplanmäßiger Auslastung bestehender sowie die eilige Vergabe neuer Milliardenaufträge zu legitimieren. In Friedenszeiten hätte ein solcher Produktionsanstieg eine scharfe Reaktion Moskaus und Pekings hervorgerufen, doch im Krieg wird er als „Notfall-Wiederaufstockung verbrauchter und verlorener Munition“ dargestellt. Dies entschärft politische Einwände während der Aufstockungsphase – und schafft aber auch, vorbehaltlich entsprechender politischer Entscheidungen, eine fertige Produktionsbasis für eine weitere Erweiterung der Arsenale über die bisherigen Grenzen hinaus.
Die Erschöpfung der US-amerikanischen Bestände an Raketenabwehr-Lenkflugkörpen wird unterdessen übertrieben dargestellt und aufgrund des Einsatzes von Ressourcen der Koalition auch deutlich länger dauern. Gerade Golfmonarchien wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Bahrain, Katar, Oman und Kuwait tragen, wie Berichte ihrer Verteidigungsministerien und die Zerstörung ihrer Radaranlagen und Startrampen durch iranische Angriffe bestätigen, durchaus einen gewissen Teil zum Verbrauch und Verlust von Munition bei.
Mehr noch, die derzeitige Erschöpfung der THAAD-, SM-3 sowie der PAC-3-MSE-Abfangraketen beeinträchtigt nicht die Verteidigungsfähigkeit der USA selbst: Der Schutz des US- Festlands vor feindlichen Interkontinentalraketen ist durch den nicht angetasteten Teil des strategischen, silobasierten Raketenabwehrsystems in Alaska und Kalifornien weiterhin vollständig gewährleistet.
Allzeit bereit zur Steigerung der Raketenproduktion um ein Vielfaches
Andererseits ist auch Donald Trump schlichtweg unehrlich, wenn er von einem „unbegrenzten“ Vorrat an Munition mittleren und großen Kalibers spricht. Diese Ausdrücke meinen offenbar nicht nur Fliegerbomben, sondern auch Raketen und Marschflugkörper, deren weitverbreiteter Einsatz gegen den Iran nicht nur durch Aussagen des Pentagons, sondern auch durch die Überreste der Raketen selbst bestätigt wurde. In Wirklichkeit sind die Arsenale dieser teuren Systeme natürlich sehr wohl begrenzt.
Seit dem Jahr 2004 wurden insgesamt über 4.450 Tomahawk-Marschflugkörper der Versionen Block IV und Block V für die US-Streitkräfte gefertigt. Unter Berücksichtigung vergangener Konflikte umfasste das Arsenal des Pentagons zu Beginn des Überfalls gegen den Iran etwa 3.700 bis 3.900 Einheiten.
19FortyFive zufolge könnten in den ersten 72 Stunden des Angriffs etwa 400 dieser Marschflugkörper eingesetzt worden sein, was mehr als zehn Prozent des gesamten US-Tomahawk-Arsenals entspricht.
Gleichzeitig wird behauptet, dass es fünf Jahre dauern würde, die Vorräte wieder aufzufüllen, doch diese Schätzungen setzen fälschlicherweise die aktuellen US-Beschaffungsmengen mit der tatsächlichen Produktionskapazität gleich, die deutlich höher ist und derzeit nur durch fehlende Großaufträge begrenzt wird. Darüber hinaus ignorieren diese Berechnungen Exportverträge für Japan und Australien, die parallel bedient werden und für deren Erfüllung wiederum bereits zusätzliche Produktionslinien eingesetzt werden.
Zusätzlich zur Produktion neuer Marschflugkörper dieses Typs führt das Pentagon ein umfangreiches Rezertifizierungsprogramm durch, das die Modernisierung von über 3.950 Tomahawk Block IV auf den Block-V-Standard vorsieht. (Die modernisierten „indianischen Kriegsbeile“ können auch bewegliche Oberflächenziele bekämpfen, haben eine größere Reichweite, eine neue Funkdatenverbindung und störungsresistente GPS-Navigation.)
Es geht hier im Grunde um einen Austausch und eine umfassende Modernisierung nahezu aller Bauteile der Tomahawk. Darin ist die gesamte Zulieferkette parallel zur Fertigung neuer Einheiten involviert. Somit erhöhen die USA ihr Arsenal an neuesten Modifikationen dieser Marschflugkörper jährlich vier- bis fünfmal schneller als öffentliche Beschaffungsdaten dies nahelegen. Das beweist eindeutig, dass die US-Industrie nach einem Jahrzehnt der Stagnation bereits jetzt mobilisiert und für einen deutlichen Produktionsanstieg bereit ist.
Generalmobilisierung mit weitreichenden Zielen
Die eben umrissenen, beträchtlichen Fertigungskapazitäten werden auch durch historische Analysen bestätigt: In den Jahren von 2006 bis 2010, während der Wiederauffüllung des Arsenals nach den US-Einsätzen im Irak und in Afghanistan, lag die durchschnittliche Lieferrate bei 36,5 Lenkflugkörper pro Monat, beziehungsweise bei 438 pro Jahr. Die USA schließen derzeit die Modernisierung ihrer Produktionsbasis ab, um ihren historischen Rekord zu brechen.
Die Montagelinien der Raytheon Corporation in Tucson wurden deutlich erweitert: Ende 2023 begann die Vergrößerung der Produktionshallen und ein Jahr später begann, erstmals seit den 1980er Jahren, der Bau zusätzlicher Munitionslager. Die Erhöhung der Lagerkapazität um ein Viertel zeigt die Schaffung des notwendigen logistischen Puffers für die Lagerung der Produkte. Das bestätigt die Bereitschaft der Infrastruktur für Massenlieferungen und eine signifikante Steigerung der Raketenproduktion, einschließlich der Tomahawk-Marschflugkörper, in kürzester Zeit.
Parallel dazu haben sich die USA inzwischen ein beträchtliches Arsenal an luftgestützten Marschflugkörpern der Typenreihe AGM-158 aufgebaut. Seit Mai 2003 hat das US-Militär über 4.850 Stück AGM-158 verschiedener Varianten erhalten, die für Angriffe auf Bodenziele konzipiert sind. Davon sind etwa 3.000 die Version mit erweiterter Reichweite von bis zu 980 Kilometern.
Die Fertigungsrate dieser Marschflugkörper stieg proportional mit dem Ausbau des Lockheed-Martin-Werks in Troy, Alabama, und mit der systematischen Beseitigung von Engpässen wie dem Mangel an Suchköpfen und Turbofan-Triebwerken. In den letzten zehn Jahren hat sich die Montagekapazität des Werks um 270 Prozent, also auf beinahe das Vierfache, erhöht, und laut Budgetdokumenten liegt das Produktionspotenzial bereits bei 1.100 bis 1.200 AGM-158-Marschflugkörpern pro Jahr, einschließlich der Seeziel-Version.
Dabei spiegeln die aktuellen Zahlen aus Troy jedoch noch nicht einmal die maximale Montagekapazität wider, denn aufgrund der Massenproduktion von Tomahawk-Marschflugkörpern besteht weiterhin ein Mangel an Triebwerken der F107-Familie, die von beiden Marschflugkörper-Typen genutzt wird. Um diesem Mangel entgegenzuwirken, errichtet der Hauptlieferant Williams International neue Werke in Ogden, US-Bundesstaat Utah, und Crestview, US-Bundesstaat Florida.
Der Umfang der Arbeiten und das Investitionsvolumen lassen eine Verdopplung der Triebwerksproduktion in den nächsten 18 Monaten bis zwei Jahren erwarten. Dadurch wird die kombinierte Produktionskapazität für Tomahawk- und AGM-158-Marschflugkörper auf mehrere Tausend Einheiten pro Jahr steigen.
Dieses beispiellose Wachstum der Bestellungen für die AGM-158-Marschflugkörperfamilie in den Modifikationen für Bodenziele bestätigt den Übergang zur industriellen Fertigung zwecks einer vollständigen Auffüllung der Arsenale. Allein seit dem Jahr 2023 hat die Anzahl der vertraglich vereinbarten und geplanten Erzeugnisse 2.334 Stück erreicht. Der Großteil der größten Charge von 1.140 Marschflugkörpern wird in den Jahren 2027/28 fertiggestellt sein; bis dahin wird ein Teil der neuen Kapazitäten von Williams International in Betrieb gehen. Diese Kapazitäten werden denn auch die notwendige Steigerung der Produkzion von Turbofan-Triebwerken für die neuen Marschflugkörper sicherstellen.
Die endgültige Umstellung des US-amerikanischen militärisch-industriellen Komplexes auf Kriegsbereitschaft, unter dem so bequemen Vorwand der „Wiederauffüllung der Vorräte“, ist jedoch bereits jetzt im Gange. Ein direktes Zeugnis dafür war Donald Trumps Treffen mit den Chefs der größten Rüstungskonzerne in der ersten Woche des militärischen Überfalls gegen den Iran. Im Anschluss an dieses Treffen wurde erklärt, die Konzerne seien bereit, ihre Produktionsraten in kürzester Zeit zu vervierfachen.
Der als notwendige erachtete Zufluss von Waffen soll durch massive Notfallfinanzierungen sichergestellt werden. So schreibt das Wall Street Journal, dass das Pentagon bereits Gelder beim Kongress beantrage, um seine Arsenale – vor allem Tomahawk-Marschflugkörper, aber auch Raketen für die Patriot- und THAAD-Systeme – wiederaufzustocken.
Der Konflikt mit dem Iran dient somit als Katalysator für die Legitimierung und Finanzierung eines globalen Einsatzes der amerikanischen Kriegsmaschinerie, deren Fähigkeiten im vergangenen Jahrzehnt systematisch für die Vorherrschaft im Pazifikraum entwickelt wurden.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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