Morbide Stille in der Stunde Null – Königsberg 1945/46 – eine Welt ohne Nachricht

📰 paz.de

Zehntausende waren am 9. April dem Untergang geweiht – was blieb, waren Auswege der Verzweiflung: Flucht oder Tod

paz.de📅 20.04.2026

Wer sich mit dem letzten Kapitel ostpreußischer Geschichte beschäftigt hat, kennt die Daten: Die Kämpfe um die „Festung Königsberg“ enden am 9. April 1945 mit der Kapitulation. Nach Übergabe der Stadt an die Rote Armee beginnt das große Sterben für die Deutschen, die nun, hermetisch abgetrennt vom Rest der Welt, Hunger, Gewalt und Willkür ausgesetzt sind. Eine besondere Qual ist das Ausbleiben jeglicher Nachricht von draußen. Denn jeder Einzelne der Eingeschlossenen hat irgendwo seine Lieben, von deren Schicksal er nichts weiß und die nichts von seinem wissen.

Herrschaft des Gerüchts

In einer Welt ohne Nachricht wächst das Gerücht. Es hat Tausende von Augen und Ohren und noch mehr Münder. Es gebiert lokale Tagesgerüchte, die aufflammen und wieder erlöschen, weil sie vor Ort überprüft werden können. Nicht überprüfbar sind die Gerüchte zu den Themen, die von der „großen Politik“ der Siegermächte entschieden werden. Was wird mit uns? Wann kommen wir raus? Für die rund 127.000 Königsberger, die nach der Kapitulation registriert werden, ist die Antwort darauf von existenzieller Bedeutung. Rund 100.000 werden die sehnlichst erhoffte Ausreise nicht mehr erleben.

Von der Herrschaft des Gerüchts in dieser Zeit berichten die Bücher der Überlebenden, die nach 1948 erscheinen. Am ausführlichsten erzählt Hans Deichelmann davon in „Ich sah Königsberg sterben“ (1949). Der Arzt, der eigentlich Johann Schubert heißt (1906–1951), erlebte die Jahre bis zu seinem Abtransport im März 1948 im Gebäudekomplex der ehemaligen „Barmherzigkeit“. Das Königsberger Diakonissenkrankenhaus heißt jetzt „Zentralkrankenhaus“, Johann Schubert ist dort als Pathologe beschäftigt. Nach russischer Vorschrift muss jede Leiche seziert werden. Schubert alias Deichelmann steht von morgens bis abends am Sektionstisch. Da er in der Barmherzigkeit auch seinen Schlafplatz hat, lebt er mitten in der Gerüchteküche. Denn das Krankenhaus wird zu einem wichtigen Umschlagplatz für jede Form von mündlichem „Hörensagen“, dem Gerücht.

Ende Mai 1945 hat die „Zentralkommandantur“ erste Ordnungsstrukturen geschaffen: die Kommandanturen in den einzelnen Stadtteilen. Dort sollen sich die Deutschen einfinden, um registriert zu werden. Deichelmann notiert am 15. Juni: „Jetzt wird in den Kommandanturen eine Registrierkarte ausgestellt. Es geht das Gerücht, dass der Ausweis bald durch einen anderen ersetzt würde; später kämen Lichtbilderausweise, und hätten wir erst diese, so könnten wir dann nach Hause fahren.“ Damit ist das wichtigste Thema für die Deutschen gesetzt. Was immer die Militärverwaltung nun anordnet – alles wird interpretiert, mit anderen Beobachtungen kombiniert und auf eine Antwort auf die zentrale Frage hin abgeklopft: Wann kommen wir raus?

So auch der Abbau der Reste alter Infrastruktur, zu dem Deichelmann alias Schubert am 30. Mai 1945 notiert: „Die Ausplünderung der Stadt geht weiter. Wir leiten daraus ab, daß die Russen bald hier abziehen müssen. Hätte es denn sonst einen Sinn, daß sie das Gaswerk, ja das Elektrizitätswerk der Stadt der wichtigsten Teile berauben, wie die dort arbeitenden Deutschen erzählen?“

Mit dem Auftauchen von „Alliiertengeld“ Ende Juni verknüpft sich im Juli 1945 die Frage, welche Lösung die Alliierten für das Königsberger Gebiet finden werden. Die Deutschen scheinen davon zu wissen, dass sich Josef Stalin, US-Präsident Hoover und der britische Premier Clement Attlee zu einer Konferenz treffen werden, die dann vom 17. Juli bis 2. August 1945 in Potsdam tatsächlich stattfindet. Die Gerüchteküche in Königsberg kocht aber schon in den Tagen davor. Die Hoffnung zielt auf einen Freistaat-Status für Königsberg. „Manche behaupteten, schon dreisprachige Anschläge in der Stadt gesehen zu haben. Andere, ein Haus Auf den Hufen trage weithin sichtbar die englische Flagge“. (Deichelmann, 15. Juli 1945.) Für eine Überprüfung steigt Johann Schubert auf das Flachdach des Krankenhauses und blickt über das Ruinenmeer. Aber weit und breit ist keine englische Flagge zu sehen. „Heute glaubt keiner mehr an das Märchen vom Freistaat und wir rätseln bloß, wie alle diese Gerüchte entstehen können. Aber wir erfahren nun, daß das südliche Ostpreußen jetzt polnisches Territorium ist, aus dem das Gros der russischen Truppen nunmehr abziehen wird“. Dieses Gerücht wird später durch abziehende und durch Königsberg ziehende russische Einheiten bestätigt.

Ein Schiff wird kommen

Das Rauskommen wird mit dem eklatanten Mangel an Lebensmitteln, der bereits im Sommer 1945 zu vielen Dystrophikern und Hungertoten führt, zur Überlebensfrage. Da die Alliierten offenbar nichts zur Rettung der Deutschen tun, hoffen die Königsberger auf private Initiativen oder zivile Institutionen wie das Internationale Rote Kreuz. So gebiert die Sehnsucht nach dem Rauskommen das Gerücht vom „rettenden Schiff“.

So ein Gerücht kursiert ab Ende August 1945. Bei Lucy Falk („Ich blieb in Königsberg“, 1965) ist es zunächst ein deutsches Schiff, mit dem „Männer aus dem Reich hier angekommen seien. Sie hätten zu der Fahrt Flüsse und Kanäle benutzt und führen nun wieder zurück.“ Zwar nähmen sie niemanden sonst mit, aber man könne ihnen Gepäck mitgeben. „Wenn wir demnächst hier herauskommen, ist es doch gut, Verschiedenes vorauszuschicken“ (Falk, 31. August 1945). Für dieselbe Zeit notiert Hans Deichelmann andere Varianten der Hoffnung: „das Schwedische Rote Kreuz stelle Schiffe oder es kämen amerikanische Kriegsschiffe nach Pillau.“ Auch hier: „Einzelne packen schon.“

Woher die Gerüchte kommen

Das Gerücht hält sich den Herbst über und ist im nächsten Jahr zurück. Für den 5. Juni 1946 notiert Deichelmann: „Ein Russe meldet sich im Krankenhaus zur Behandlung. Er habe es eilig, morgen gehe sein Schiff, schwedische Nationalität. Es liege vor der zerstörten neuen Reichsbahnbrücke, fahre direkt nach Deutschland.“ Etliche Bewohner des Krankenhauses, auch Johann Schubert, schreiben hastig Briefe, um dem Schiff ein Lebenszeichen für die Angehörigen mitzugeben. Als Schubert alias Deichelmann dann zur Anlagestelle kommt – ist das Schiff „schon fort“ oder wurde nie gesehen.

Das Gerücht vom rettenden und am liebsten schwedischen Schiff verdankt sich vermutlich der Erinnerung an Elsa Brändström und hält sich bis zum Jahreswechsel 1946/47. Dann wird es von einem ebenso vitalen Gerücht abgelöst: dem von der Ausreise auf Antrag.

Dass die meisten Gerüchte ihren Anfang in der Zentralkommandantur oder der GPU, dem Sitz der Geheimpolizei, nehmen, geht aus allen bekannten Zeitzeugenberichten hervor. Die Gerüchte werden auch durch Spitzel unter die Deutschen gebracht. Ziel ist, ihnen bewusst zu schaden, aber wohl auch, die Hungernden, die als Arbeitskräfte gebraucht werden, bei Laune und Zuversicht zu halten. So schreibt Deichelmann schon am 30. August 1945: „In der Zentralkommandantur erzählen sie jedem, der fragt, daß in 14 Tagen die Ausreise losgehen soll. Anderen sagen sie: in vier Wochen. Die Leute mit den guten Beziehungen zur GPU, die Spitzel also, reden vom 20. September.“

Als Ende September 1945 neue Ausreisetermine für den Oktober genannt werden, haben die Königsberger gelernt, dem Braten zu misstrauen. Sie suchen nach Zeichen, die das Gerücht von der bevorstehenden Ausreise verifizieren könnten. Das ist in diesem Fall die auffällige Packerei auf einzelnen Stationen des Zentralkrankenhauses, der alten Barmherzigkeit. Deichelmann notiert am 30. September 1945: „Täglich kommen Leute aus allen Stadtteilen, um sich zu überzeugen, ob die Barmherzigkeit schon packt'“.

Mit ostpreußischen Flüchtlingen, die im Frühjahr und Frühsommer 1945 aus der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) zurück in ihre Heimat geschickt wurden, gelangen auch erste Berichte über das Leben im zerstörten Deutschland nach Königsberg. Weitere Nachrichten bringen Ostpreußen mit, die, nun in der SBZ lebend, sich auf den gefährlichen Weg zurück gemacht haben, um in Königsberg nach Familienangehörigen zu suchen. Aber im Spätsommer und Herbst 1945 ist die Neuordnung Deutschlands immer noch im Fluss. So konstatiert der Pfarrer Hugo Linck nach einem Gespräch mit einer suchenden Besucherin enttäuscht: „über die politische Lage (ist) kein rechtes Bild zu gewinnen“ (Linck, S. 36).

Türmen als Option

Die geglückten Grenzübertritte der Besucher aus dem Westen im Herbst 1945 lösen bei den verzweifelt hungernden Deutschen eine kleine Fluchtwelle aus. Sie versuchen zu türmen. Als Möglichkeit des „Rauskommens“ bieten sich die Kriegsgefangenen-Transporte an, die in dieser Zeit einsetzen. Die Züge mit den Kriegsgefangenen aus Zentralrussland und den Lagern im nördlichen Ostpreußen, die in die SBZ fahren, passieren regelmäßig Königsberg oder werden dort eingesetzt. Einzelnen Männern, Deutschen wie Russen, gelingt es, sich in diese Transportzüge reinzuschmuggeln. Die Gerüchte von dieser Fluchtmöglichkeit machen die Runde und verleiten weitere zur Flucht per Transportzug.

Frauen bleibt diese Möglichkeit verwehrt. Sie schließen sich daher Männergruppen an, die die Flucht per pedes antreten wollen. Risiken werden abgewogen. Welcher Grenzübergang ist wohl am wenigsten streng bewacht? Heiligenbeil – Braunsberg? Pr. Eylau? Oder doch besser die Route über Insterburg? Tatsächlich türmen im Herbst 1945 ganze Gruppen von Menschen. Angekommen im freien Deutschland, erfüllen sie die Bitten der Zurückgeblieben und geben deren Verwandten Nachricht vom bisherigen Überleben der in Königsberg Verbliebenen. Wie viele auf der Flucht aufgegriffen und deportiert werden, ist unbekannt.

Am bekanntesten ist die Flucht zu Fuß von Hans Graf Lehndorff geworden. Er arbeitete als Chirurg ebenfalls im Zentralkrankenhaus, bis ihm Ende Oktober 1945 dort ein Spitzel steckte, dass er auf der schwarzen Liste der GPU stehe und seine Verhaftung unmittelbar bevorstehe. Lehndorff flieht noch in derselben Nacht über die Grenze ins südliche, unter polnische Verwaltung gestellte Ostpreußen.

Mit dem Strom kommt ab dem 19. Oktober 1945 auch das Radio zurück. Die aus den Wohnungen geplünderten Geräte stehen nun in den Kommandanturen und anderen Behörden. Dort versuchen Deutsche, die des Russischen einigermaßen mächtig sind, die eine oder andere Nachricht aufzuschnappen. „Nach den Radiomeldungen soll nun tatsächlich mit der Räumung Ostpreußens Ernst gemacht werden“, notiert Deichelmann am 23. Dezember 1945. Gleichzeitig misstraut er dem Wahrheitsgehalt der Nachricht. „Alle Radionachrichten erreichen uns verzerrt; selbst zwei, die bei demselben Offizier gestanden, vor dem gleichen Apparat gesessen haben, können sich oft nicht über das Gehörte einigen.“ Immerhin weiß man am 12. Januar 1946 nun, „daß Japan infolge der Atombombe kapituliert hat. Das ,Freie Deutschland‘ hat es uns noch angedeutet. Aber dann hat es sein Erscheinen eingestellt.“

Auch das Radio fällt immer wieder mal aus: „Infolge dauernder Stromsperren kann niemand mehr Radio hören und Gerüchte in die Welt setzen.“

Kalter oder heißer Krieg?

Das Radio, wenn es denn geht, ist vor allem ein Propagandainstrument mit dem Zweck, die Überlegenheit des Sowjetkommunismus zu verbreiten. Dasselbe gilt auch für die deutschsprachigen Zeitungen, erst das „Freie Deutschland“, später die „Tägliche Rundschau“, die in Königsberg sporadisch erscheinen. Themen, die in dieses Selbstbild nicht passen, kommen nur notgedrungen vor. Dass die Einheit der Alliierten zerbrochen ist, der „Kalte Krieg“ herrscht und zuweilen in einen heißen umzuschlagen droht, können die Königsberger nur aus Truppenbewegungen und anderen Beobachtungen ableiten. Deichelmann notiert am 30. November 1945 eine „Flut von neuen Kriegsgerüchten, besonders, da gleichzeitig erneut allabendliche Verdunkelung und in einigen Betrieben sogar Verdunkelungsübungen angeordnet wurden“.

Nach über einem Jahr unter der Herrschaft des Gerüchts zieht Hans Deichelmann am 1. Juni 1946 eine Bilanz: „Der Turnus der Gerüchte geht nach dem Schema: Es gibt Krieg – Gerüchteflaute – Jetzt kommen wir raus; Nein, die Russen müssen raus – Gerüchteflaute – Dann das Ganze da capo: Es gibt Krieg usw.“ Nur wenn ein Gerücht sich durch bemerkenswerten Inhalt hervorhebt, hört man noch hin, notiert Deichelmann. „Neulich hat Hitler aus Australien über den gesamten Rundfunk gesprochen. Die Ostpreußen sollen nur noch kurze Zeit aushalten, sie werden bald erlöst.“

Deichelmann konstatiert bitter: „Das ist unser Informationsniveau. Dadurch, daß jetzt durch den Deutschen Klub gelegentlich ein Exemplar der ,Täglichen Rundschau‘ in unsere Finger gelangt, wissen wir wenigstens, daß abseits unseres Paradieses Menschen existieren, die für Familienhäuser, Kino, Theater, Schrottverwertung und Forstwesen Interesse haben, die offenbar sogar Eisenbahn fahren können und sonntags einen Familienausflug machen können. – Aber über uns und unsere Zukunft schweigt die Zeitung, schweigt das Radio. Wir sind vergessen, für Europa existieren wir nicht mehr. Unsere Infoquelle bleibt das Gerücht.“

In dieser Situation ist das Eintreffen des ersten Postsacks aus Deutschland am 19. Mai 1946 für die Königsberger eine Sensation: Endlich wieder Nachricht von den Lieben!

👁 0 Aufrufe 👤 0 Leser

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert