„Kanzler nach der Katastrophe“ – Mehr als ein Pflichtbeitrag

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Konrad Adenauer wurde vor 150 Jahren in Köln geboren – Zum Jubiläumsjahr erklärt der Historiker Norbert Frei Konrad Aden...

paz.de📅 18.04.2026

Noch ein Buch über Konrad Adenauer? Ist über den „Gründungskanzler“ nicht schon alles gesagt und geschrieben worden? Norbert Freis vergleichsweise schlanke Studie über den „Kanzler nach der Katastrophe“ lohnt auf jeden Fall die Lektüre. Sie ist weit mehr als nur ein Pflichtbeitrag zum 150. Jubiläumsjahr – denn der Porträtierte wurde ja am 5. Januar 1876 in Köln geboren.

Sicher, wer sich mit Adenauer beschäftigen möchte, kommt auch künftig nicht an dem Gesamtwerk und der zweibändigen Standard-Biographie des verstorbenen Zeithistorikers Hans-Peter Schwarz vorbei. Doch wer liest heutzutage noch mehr als 2.000 Seiten über Adenauers lange Lebensspanne von 1876 bis 1967 und zusätzliche diverse Einzelstudien und Aufsätze, wenn man kein wissenschaftliches Interesse hat? Der Reiz von Freis Buch liegt nicht nur in seiner Kürze und guten Lesbarkeit, sondern vor allem auch darin, dass der emeritierte Historiker der Universität Jena dem autoritären Patriarchen aus der Rheinmetropole politisch nicht unbedingt nahesteht. „Dass ich einmal eine Adenauer-Biographie schreiben würde, wäre mir bis vor Kurzem nicht in den Sinn gekommen“, schreibt der Autor denn auch freimütig.

Aus dieser Reibung kann ja durchaus ein Reiz entstehen. Manche mögen sagen, dass der brillante Stilist Schwarz dem Rhöndorfer Kanzler bisweilen zu unkritisch gegenübertrat. Frei, der sich als Professor vorzugsweise auch mit der Politik der sogenannten Vergangenheitsbewältigung befasst hat, beleuchtet daher auch intensiv Adenauers Zeit im Dritten Reich und wie er in der Frühzeit der Bundesrepublik mit dem braunen Erbe umgegangen ist. Er beschönigt dabei nichts, bleibt in seinen Urteilen aber doch immer um Maß und Mitte bemüht.

Aus hartem Holz geschnitzt

Vielleicht liegt der Reiz der Lektüre aber auch darin, dass wir heute wieder in sehr herausfordernden Zeiten leben und eigentlich einer Führungsfigur wie Adenauer bedürften. „Er ist ein Bürger, von einer Reinheit des Typs, wie nie zuvor einer die deutschen Geschicke leitete.“ So hat Golo Mann Adenauer charakterisiert. Könnte man sich einen solchen Satz über Friedrich Merz oder Lars Klingbeil vorstellen? Frei zufolge war der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland zwar stolz und stur und selbstbewusst, „doch ohne eine Spur von Eitelkeit“. Auch in dieser Hinsicht wäre er ein Vorbild für unsere Zeit, in der sich schon Bürgermeister oder Kommunalpolitiker bei Instagram wie Sonnenfürsten inszenieren.

Adenauer war aus härterem Holz geschnitzt als heutige Regenten, da er durch Stahlbäder der Gefühle gegangen ist. Seine erste Frau verstarb früh, seine zweite Frau nach einem Suizidversuch und langem Siechtum im Jahr 1944, die Zeit der Entrechtung in der finsteren Ära der Nationalsozialisten war extrem belastend. Und doch hat der Mann, der sich bis zum Schluss kerzengerade hielt und dessen Gesichtszüge immer mehr denen eines alten Indianerhäuptlings glichen, seine Arbeitstage mit eiserner Disziplin geplant – dabei auch immer auf den eigenen finanziellen und politischen Vorteil bedacht.

Adenauer war gläubig, aber nicht klerikal. Er hat sich um die Demokratie in Deutschland verdient gemacht, aber die Sozialdemokraten als politische Gegner in einer Weise bekämpft, die heute wahrscheinlich nicht mehr möglich wäre. Er war kein Intellektueller, doch weit mehr als ein bloßer Macher. Er war ein Staatsmann der Sorge, dem das Schicksal seines Landes schlaflose Nächte bereitete.

Arbeit mit eiserner Disziplin

Freis Buch ist keine Lebensbeschreibung im eigentlichen Sinn. Es nähert sich seinem Gegenstand in sechs Kapiteln (Köln, Drittes Reich, Neuanfang 1945, Bonn, Kanzlerdemokratie, Abschied) und einem lesenswerten Exkurs mit der Überschrift „Der Patriarch“. Der Autor sorgt sich darum, dass die Politik der „Westintegration“, die Adenauer mit Entschiedenheit und Überzeugung gegen breite Widerstände der Opposition, der Presse und der Intellektuellen betrieb, heutzutage an ein Ende gekommen sein könnte. Adenauer ging stets die Einheit vor der Freiheit. Eine Schaukelpolitik zwischen Ost und West, wie sie heute in rechten Kreisen wieder populär wird, war ihm ein Graus.

„Die Demokratien sind absolut heruntergekommen und haben keine großen und geeigneten Führer mehr!“, schrieb ein zutiefst pessimistischer Adenauer im Dritten Reich. Auch einen solchen Satz liest man mit einer gewissen Beklommenheit, wenn man an den derzeitigen Führer der freien Welt in Washington denkt.

Was in Freis Buch vielleicht ein wenig zu kurz kommt, ist der Privatmensch Adenauer. In seinen späteren Jahren war der Witwer, der ansonsten im politischen Scheinwerferlicht stand und selbst als Hochbetagter oft erst nach 20 Uhr zurück ins Haus nach Rhöndorf gefahren wurde, von tiefer Einsamkeit erfüllt. Dem Pater Familias ging die große Familie über alles, er war Zeit seines Lebens auf bürgerliche Sicherheit (auch was den Besitz betrifft) bedacht und entspannte bei aus heutiger Sicht völlig unspektakulären Vergnügen wie dem Hören von klassischer Musik, dem Lesen von Agatha-Christie-Krimis oder einem Inspektionsgang durch den heimischen Garten.

Wie aus der Zeit gefallen wirkt auch die damalige personelle Ausstattung des Kanzleramts. Zu Beginn kam man dort mit 19 Beamten des höheren Dienstes aus, und selbst am Ende der Ära Adenauer waren es erst 35. Man hat nicht den Eindruck, dass die Qualität des Regierens im Vergleich zu heute unter dieser schmalen personellen Decke gelitten hätte, wobei heutzutage Entscheidungen zusätzlich gern in Stuhlkreise und andere Expertengremien verlagert werden.

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