Warum deutsche Medien die russischen Warnungen verschweigen
Es ist ein altbekanntes Muster. Deutsche Medien berichten regelmäßig über angebliche Drohungen Russlands, die es nie gegeben hat. Der Sinn dieser Meldungen ist es, in Deutschland das Feindbild Russlands zu schüren. Aber wenn Russland wirklich mal eine Warnung ausspricht, dann verschweigen die deutschen Medien das konsequent.
Der Grund liegt auf der Hand. Die EU tut derzeit alles, um Russland zu einer militärischen Reaktion auf ihre fortgesetzten Provokationen zu zwingen. Damit das aber die „gewünschte Wirkung“ erzielt, muss die russische Reaktion für die Menschen in Deutschland und der EU vollkommen überraschend kommen, damit wieder von der berüchtigten „unprovozierten russischen Aggression” geredet werden kann.
Die Bundesregierung erlaubt ukrainischen Firmen nun, Waffen für den Krieg gegen Russland in Deutschland zu produzieren, weil Russland die Produktionsstandorte in der Ukraine angreift. Deutschland stellt der Ukraine damit „sicheres Hinterland“ für seine Waffenproduktion zur Verfügung, was eine eindeutige Kriegsbeteiligung darstellt. Daher hat Russland gewarnt, diese Standorte in Deutschland und anderen EU-Ländern seien legitime Angriffsziele für die russische Armee.
Sollte Russland tatsächlich einen der Standorte in Deutschland oder einem anderen EU-Land angreifen, an dem ukrainische Firmen Waffen für den Krieg gegen Russland produzieren, soll das für die Menschen in Deutschland und Europa vollkommen überraschend kommen und einen möglichst großen Schock auslösen, um die gewollte Kriegsstimmung wegen des angeblich vollkommen unprovozierten und überraschenden russischen Angriffs zu schüren.
Würden die Medien berichten, dass Russland sofort vor den Folgen dieser Entscheidung gewarnt hat, könnten die Menschen in Deutschland und Europa gegen diese Entscheidung protestieren. Auf jeden Fall aber würde die Legende, die russische Reaktion sei vollkommen unerwartet erfolgt, nicht funktionieren.
Also verschweigen die deutschen und europäischen Medien die russischen Warnungen.
Der provozierte Krieg
Das gilt auch für die anderen Provokationen, die die EU gegen Russland eskaliert. Deutsche Medien berichten zwar, dass EU-Staaten Schiffe der bösen „russischen Schattenflotte“ beschlagnahmen, stellen das aber als legal dar und begründen das mit den EU-Sanktionen.
Dass daran nichts legal ist, weil diese Aktionen gegen die völkerrechtlich festgeschriebene freie Schifffahrt verstoßen und juristisch gesehen reine Piraterie sind, weil international gültige Sanktionen nur der UN-Sicherheitsrat verhängen kann, verschweigen die Medien. Sie verschweigen damit, dass jede dieser Aktionen einen Kriegsakt darstellt, auf den Russland jederzeit entsprechend reagieren könnte.
Ganz ähnlich verhält es sich mit den Angriffen ukrainischer Drohnen auf Ziele in Russland, bei denen die ukrainischen Drohnen die Lufträume Polens, Litauens, Lettlands, Estlands und Finnlands benutzen, ohne dass diese Länder dagegen diplomatisch vorgehen oder versuchen würden, die Drohnen abzufangen. Einem Land den eigenen Luftraum für Angriffe auf ein anderes Land zur Verfügung zu stellen, ist jedoch eine Kriegsbeteiligung, auf die Russland jederzeit entsprechend reagieren könnte.
Die EU hat bei dem Thema übrigens gerade den Vogel abgeschossen, indem sie erklärt hat, sie sehe nicht, dass das überhaupt geschehe. Die betroffenen Länder hätten doch in einer Erklärung mitgeteilt, dass sie die russischen Vorwürfe zurückweisen.
Das stimmt, diese Erklärung gibt es, aber sie lassen die ukrainischen Angriffe trotzdem ungehindert zu.
Ob diese Länder und die EU auch so entspannt reagieren würden, wenn Russland deren Lufträume für Angriffe auf die Ukraine nutzen würde? Natürlich nicht. Und daran sieht man, dass sie die ukrainischen Angriffe über ihren Luftraum billigen und dass deren Erklärung nur Worthülsen sind, mit denen sie von der Gefahr des Krieges, den sie damit selbst provozieren, ablenken wollen.
Und die Medien spielen das Spiel mit, indem sie zwar berichten, dass in den betroffenen Ländern ständig ukrainische Drohnen abstürzen, die Ziele in Russland angreifen sollen, aber sie verschweigen, dass auch das eine Kriegsbeteiligung ist. Die mögliche russische Reaktion soll für die Menschen in Europa völlig überraschend kommen.
Noch extremer wird das am Beispiel Kaliningrad deutlich, über dessen Blockade Litauen mit Rückendeckung der EU offen spricht. Auch das wäre ein eindeutiger Kriegsakt, weil es geltende Verträge für den Transit von Menschen und Waren aus dem russischen Kernland nach Kaliningrad gibt. Über diese Drohungen einer Blockade Kaliningrads berichten die deutschen Medien überhaupt nicht. Auch hier käme eine russische Reaktion für die Menschen also vollkommen überraschend.
Die Medien machen sich damit mitschuldig an dem, was wohl kommen wird. Sie könnten ja über all das berichten und erklären, warum es berechtigt ist, dass die EU und ihre Mitgliedsstaaten mit ihren Maßnahmen einen Krieg gegen Russland zu riskieren. Aber da die Menschen in Europa keinen Krieg wollen, würde es zwangsläufig zu Protesten führen, wenn die Menschen wüssten, mit welchem Feuer die EU spielt.
Also wird den Menschen all das – und vor allem die Gefahr, die die EU damit selbst schafft – verschwiegen.
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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