An Geschmacklosigkeit nicht zu übertreffen – Zur Abschreckung: Mullahs machen Stimmung mit Hitler

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Zudem wird ein wohl erfundenes Zitat des deutschen Diktators für innenpolitische Propaganda und vermehrten Druck verwend...

paz.de📅 11.04.2026

Im Iran setzt sich immer mehr die Meinung durch, dass die Dutzenden von erfolgreichen Eliminierungen von religiösen, politischen und militärischen Führern nicht ohne Helfer aus den eigenen Reihen vor Ort durchgeführt werden konnten. Diesen in den Augen der Mullahs Verrätern soll jetzt das Leben schwer gemacht werden. Vor allem, weil man nicht wirklich weiß, welche Rolle diese inländischen Spione bei einer eventuellen Bodenoffensive spielen würden.

Um ihre Abschreckungsziele zu erreichen, greifen die Anführer in Teheran nun zu einer ebenso außergewöhnlichen wie geschmacklosen Maßnahme. Bilder, die derzeit in den diversen sozialen Netzwerken kursieren, zeigen dabei etwas, das selbst in der ohnehin scharfen bis unmenschlichen Rhetorik der Islamischen Republik extrem auffällt: Plakate mit dem Konterfei von Adolf Hitler und einem ihm zugeschriebenen Zitat – mitten in iranischen Städten.

Die Botschaft richtet sich dabei allerdings nicht nach außen, sondern zu 100 Prozent nach innen: Und zwar an jene, die das iranische Regime als Kollaborateure „fremder Mächte“ brandmarkt. Auf den kursierenden Bildern steht ein Hitler zugeschriebenes, aber dennoch sehr wahrscheinlich erfundenes Zitat. Der persische Text lautet sinngemäß auf Deutsch: „Die schlimmsten Menschen sind diejenigen, die bei der Besetzung ihres eigenen Landes mit einem Fremden zusammengearbeitet haben. Wer sich über die Besetzung seines eigenen Landes freut, ist wie jemand, der sich über die Vergewaltigung seiner Mutter freut.“

Für dieses Zitat gibt es keinen verlässlichen historischen Nachweis oder irgendwelche Quellen, dass es tatsächlich von Hitler irgendwann einmal gesagt worden ist und somit von ihm stammt. Es gilt vielmehr sowohl in der Forschung als auch unter anerkannten Historikern als apokryph beziehungsweise propagandistisch konstruiert. Auf Neudeutsch könnte man diese abstoßenden Sätze auch als absolute „Fake News“ bezeichnen.

Wahllose Verhaftungen und Folter

Die im Internet verbreiteten Bilder sollen unter anderem aus Babolsar und Kermanschah stammen. In einem besonders verbreiteten Bild hängt das Hitler-Poster unter einem großformatigen Porträt von Mojtaba Khamenei – ein visuelles Nebeneinander, das die darin enthaltene symbolische Schärfe der Inszenierung noch erheblich verstärkt. Ob die Plakate tatsächlich staatlich initiiert wurden, lässt sich bislang aber ebenso nicht eindeutig und unabhängig verifizieren. Doch ihr Inhalt fügt sich nahtlos in das politische Klima im Iran ein.

Seit Beginn der jüngsten Eskalation mit Israel und den Vereinigten Staaten von Amerika intensiviert Teheran seinen innenpolitischen Druck – auch und besonders über immer schärfere Propaganda. Die Führung spricht inzwischen ebenso von einem „Krieg im Inneren“ – gegen Spione, Informanten und oppositionelle Netzwerke. Der Krieg im eigenen Land hat also bereits begonnen – auch ganz ohne Bodentruppen oder die noch mehr verhassten kurdische Kämpfer.

Zahlen aus den vergangenen Wochen zeigen die Dimension dieser Kampagne: Hunderte Menschen wurden wahllos festgenommen, vielfach wegen angeblicher Zusammenarbeit mit Israel oder ausländischen Medien. Allein Mitte März meldeten Behörden Dutzende Festnahmen wegen angeblicher Weitergabe von Informationen oder Bildmaterial. Kurz darauf folgten weitere Massenverhaftungen wegen „staatsgefährdender Online-Aktivitäten“. Das Muster ist dabei immer das selbe: keine Beweise, keine Indizien. Sondern es trifft vor allem Menschen, auf die das Regime ohnehin ein Auge geworfen hat. Nämlich solche, die es gewagt haben, lange vor dem Angriff der USA und Israels auf die Islamische Republik Iran auch nur die leiseste Kritik an der Regierung, an der Politik oder an Zuständen im Land zu äußern. Parallel dazu nimmt auch die Zahl der Hinrichtungen zu. Mehrere Fälle aus den vergangenen Monaten betreffen Personen, denen Spionage für den israelischen Geheimdienst vorgeworfen wurde. Menschenrechtsorganisationen zweifeln dabei regelmäßig an der Rechtmäßigkeit der Verfahren und berichten von unter brutalster Folter erzwungenen Geständnissen. Vor diesem Hintergrund erscheinen die im Netz kursierenden Hitler-Plakate weniger als ideologische Provokation im engeren Sinne, sondern als Teil einer gezielten Abschreckungsstrategie. Der Rückgriff auf eine der extremsten historischen Figuren dient offenbar dazu, „Verrat“ maximal zu stigmatisieren – als moralischen Abgrund, nicht nur als ein politisches Delikt.

Opposition nutzt gleiche Motive

Gleichzeitig lösten die Bilder online scharfe Kritik aus. Nutzer wiesen darauf hin, dass das zitierte Hitler-Wort eher erfunden sei, und verurteilten die Instrumentalisierung eines der schlimmsten Massenmörder der Geschichte. Für viele Beobachter ist der Vorgang dennoch symptomatisch: Er zeigt, wie weit die politische Kommunikation in einem angespannten innen- und außenpolitischen Umfeld gehen kann. Denn die Plakate stehen für eine Entwicklung, in welcher der iranische Staat zunehmend versucht, Loyalität durch Angst zu erzwingen. In diesem Klima verschwimmen die Grenzen zwischen äußerem Konflikt und innerer Repression immer stärker.

Allerdings nutzt auch die iranische Opposition Hitlers Konterfei, um auf das verbrecherische Regime hinzuweisen. Ein halber Hitler- und ein halber Khamenei-Kopf soll auf Demonstrationen die geistigen Gemeinsam- und Widerwärtigkeiten zwischen dem früheren deutschen und dem iranischen Diktator verdeutlichen.

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