Worüber soll ich schreiben, wenn die ganze Welt abzuwarten scheint?
In den letzten Tagen habe ich nur sehr wenige Artikel veröffentlicht. Der Grund ist, dass ich derzeit eigentlich nicht weiß, worüber ich schreiben soll, wenn ich nicht nur wiederholen will, was ich bereits geschrieben habe. Zumindest geopolitisch scheint die Welt mal wieder den Atem anzuhalten und darauf zu warten, was als nächstes passiert. Hier stelle ich die Themen zusammen, um die es wohl geht.
Iran-Krieg
Bei den internationalen Meldungen beherrscht der Iran derzeit die Schlagzeilen, aber in dem Krieg passiert derzeit nichts entscheidend Neues.
Trumps Posts und Aussagen werden immer widersprüchlicher. Mal sagt er, die Straße von Hormus interessiere ihn nicht und andere Länder sollten sich darum kümmern, dann wieder sagt er, die Straße von Hormus sei extrem wichtig und die USA wollten die Kontrolle über sie übernehmen selbst Durchfahrtsgebühren erheben. Mal sagt Trump, er wolle das iranische Öl gar nicht, dann wieder sagt er, die USA sollten die Kontrolle über das iranische Öl übernehmen, das sei extrem wichtig. Und so weiter.
Hinzu kommen Drohungen von Trump, den Iran „in die Steinzeit“ zu bomben, oder ganz aktuell, „die iranische Zivilisation“ könne schon in der Nacht auf Mittwoch ausgelöscht werden, während Vizepräsident Vance erklärt, die USA könnten im Iran bald „Mittel“ einsetzen, die sie „zuvor nicht eingesetzt“ hätten.
Auch die Meldungen über angebliche Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA sind weiterhin widersprüchlich. Trump redet immer wieder von einem kurz bevorstehenden Deal, während der Iran direkte Kontakte zu den USA bestreitet und erklärt, es sei sinnlos, mit den USA zu verhandeln, weil sie sich ohnehin nie an Abmachungen halten.
Die einzige handfeste Meldung der letzten Tage war, dass Selensky bei den Arabern einen Erfolg feiern konnte, indem er mit ihnen Verträge über die Fertigung von Mitteln zur Drohnenabwehr abgeschlossen hat. Das ist immerhin Selenskys erster außenpolitischer Erfolg in nicht-westlichen Ländern seit 2022.
Allerdings kann ich auch darüber kaum etwas schreiben, weil über die wirklich interessanten Fragen nicht berichtet wurde: Was bedeutet diese Abmachung für das Verhältnis Russlands zu den Arabern, das bisher als sehr gut galt?
Da könnte es durchaus Veränderungen geben, denn Russland hat sich recht eindeutig auf die Seite des Iran gestellt, der die Araber als Reaktion darauf beschießt, dass sie den USA und Israel ihr Gebiet und ihren Luftraum für Angriffe auf den Iran zur Verfügung stellen. Dass die Araber nun mit der Ukraine Abkommen zur Zusammenarbeit im Bereich der Drohnen abschließen, anstatt mit Russland, könnte eine Bedeutung haben.
Aber wenn da etwas in Bewegung sein sollte, dann bisher nur auf nicht öffentlichen diplomatischen Kanälen, in den weltweiten Medien findet sich dazu bisher nichts.
Beim Thema Iran scheint die Welt darauf zu warten, wie es weitergeht. Wirklich entscheidend Neues gibt es derzeit nicht zu berichten.
EU vs. Russland
Der Ukraine-Krieg ist weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden, weil der Iran alles dominiert. Den Ukraine-Krieg muss man korrekterweise inzwischen aber den “Krieg der EU gegen Russland” nennen, nachdem EU-Staaten es der Ukraine ganz offiziell erlauben, ihre Lufträume für schwere Drohnenangriffe auf die Region St. Petersburg zu nutzen. Auch wenn diese Angriffe in den Medien kaum noch thematisiert werden, gehen sie ununterbrochen weiter. Ich lebe in Petersburg und erhalte daher weiterhin täglich SMS der Behörden, in denen vor Drohnenangriffen gewarnt wird. Meistens finden die in der zweiten Nachthälfte statt.
Außerdem will die EU immer noch die Ostsee für Handelsschiffe mit Ziel Russland sperren, was im 20. Sanktionspaket geschehen soll, dass die EU seit Februar wegen des ungarischen Widerstandes nicht annehmen kann.
Dass die EU klar auf Eskalation setzt und damit eine Lage schafft, in der Russland zu einer militärischen Reaktion gezwungen wird, weil es kaum ewig zuschauen wird, wie sein Gebiet aus EU-Staaten beschossen wird, und weil eine Blockade der Ostsee bedeuten würde, dass Russland 40 Prozent seines Seehandels verliert, habe ich letzte Woche oft genug thematisiert.
Auch beim Thema EU vs. Russland scheint die Welt darauf zu warten, wie es weitergeht. Macht die EU mit ihren Drohungen ernst, und wie und wann wird Russland darauf reagieren?
Ungarnwahl
Die Wahl in Ungarn ist ein weiteres Thema, bei dem alle abwarten, was passiert. Aber hier gibt es immerhin ein Datum, denn die Wahl findet am kommenden Sonntag statt und danach werden wir sehen, wer die Wahl gewinnt. Davon wird dann abhängen, wie es weitergeht.
Gewinnt die Opposition, wird Ungarn brav auf den Kurs der EU einschwenken, die Ukraine finanziell und vielleicht sogar mit Waffen unterstützen und sich nicht mehr gegen Sanktionen gegen russisches Öl und Gas wenden.
Gewinnt jedoch Orban, dann wird es spannend. Es wird dann sicher zu einem „ungarischen Maidan“ kommen, weil die EU Orban dann Wahlfälschung vorwerfen wird.
Sollte es nicht gelingen, Orban aus dem Amt zu drängen, wird die EU das Prozedere einleiten, Ungarn in der EU das Stimm- und Vetorecht zu entziehen, damit Orban die anti-russische Eskalationspolitik der Europäer nicht länger stören kann.
Daher dürfte nach der Ungarnwahl also klarer werden, wie es mit der Konfrontation der EU mit Russland weitergeht.
Energiekrise
Das nächste große Thema ist die Energiekrise, die immer mehr in den Fokus rückt. In Frankreich gab es bereits Tankstellen, die kein Benzin mehr hatten, wobei aber erklärt wird, der Grund sei kein Benzinmangel, sondern Probleme bei der Logistik. Und es gibt immer mehr Meldungen darüber, dass auch das Flugbenzin knapp wird.
Aber auch bei der Energiekrise gilt, dass offenbar alle abwarten, wie es weitergeht. Dabei liegt der Fokus natürlich auf dem Iran-Krieg, denn erst wenn der endet, werden wir wissen, wie groß die Schäden an der Öl- und Gasinfrastruktur im Nahen Osten sein werden und wie lange es dauern wird, bis dort wieder genug Öl und Gas gefördert werden kann.
Noch weiß niemand, wie schlimm die Folgen der Energiekrise werden, aber wie einige Artikel, die ich in den letzten Tagen übersetzt habe, zeigen, erwarten Experten, dass die Energiemärkte nicht so bald – oder vielleicht sogar nie – wieder so funktionieren werden, wie vor dem Iran-Krieg.
Daher gibt es derzeit so wenige Artikel auf dem Anti-Spiegel, denn in der internationalen Politik scheinen derzeit alle abzuwarten, was passiert. Ich denke, spätestens nach der Ungarnwahl wird es wieder Bewegung geben.
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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