Wie erfolgversprechend wäre eine US-Bodenoffensive?
Die TASS hat in einem Artikel Expertenmeinungen über die Gründe und Erfolgsaussichten einer US-Bodenoffensive im Iran zusammengetragen und ich habe den Artikel übersetzt.
Beginn der Übersetzung:
Die USA kommen vom Himmel auf den Boden: Was von der Bodenoffensive im Iran zu erwarten ist
Die TASS berichtet über die weitere Entwicklung der Ereignisse rund um den Iran.
Die amerikanisch-israelische Militäroperation gegen den Iran dauert bereits über einen Monat an. Wichtige iranische Städte wurden von Luftangriffen getroffen, bei denen mehrere hochrangige politische und militärische Führungskräfte getötet wurden. Greifbare Ergebnisse, die man den amerikanischen Wählern präsentieren könnte, haben die Aktionen bisher jedoch nicht gebracht. Politico hat unter Berufung auf Quellen berichtet, dass einige hochrangige US-Beamte überzeugt sind, die Kontrolle über die Militäroperation gegen den Iran verloren zu haben. Laut der Zeitung glauben Mitglieder des engsten Kreises von US-Präsident Donald Trump, dass eine Bodenoffensive der einzige Weg sein könnte, einen Sieg zu erreichen.
Das Pentagon bereitet sich auf mögliche Bodenoperationen im Iran vor, die mehrere Wochen dauern könnten, wie die Washington Post bestätigt.
Die iranische Regierung warnt ausländische Politiker und Militärexperten jedoch vor einem solchen Szenario. „Wir nehmen diese Bedrohung ernst und prüfen sorgfältig eine angemessene Reaktion. Wir haben dieses Szenario jedoch wiederholt als höchst unrealistisch und extrem riskant eingestuft, da es die regionale und globale Sicherheit gefährdet“, sagte der iranische Botschafter in Simbabwe Amir Hossein Hosseini gegenüber der TASS.
Die Welt, insbesondere Europa, werde mit der größten Katastrophe der Geschichte konfrontiert sein, einer Energie- und Wirtschaftskatastrophe, betonte der serbische Präsident Aleksandar Vučić in seiner Ansprache an die Nation. Für die USA könne eine Bodenoffensive zu einem neuen Vietnam werden, warnte Jin Canrong, Professor für Amerikanistik an der Renmin-Universität von China.
Insel des Streits
Am 26. März berichtete das US-Nachrichtenportal Axios, dass das Pentagon vier mögliche Optionen für einen „entscheidenden Schlag“ zur Eskalation des Konflikts mit dem Iran vorbereitet. Dazu gehören die Einnahme der Inseln Charg, Larak oder Abu Musa. Trump habe noch keine Entscheidung getroffen. „Vielleicht nehmen wir die Insel Charg. Vielleicht auch nicht. Wir haben viele Optionen“, sagte er in einem Interview mit der Financial Times. Laut Weißem Haus würde das bedeuten, dass das Militär dort für einige Zeit bleiben müsste. „Ich glaube nicht, dass sie irgendwelche Verteidigungsanlagen haben. Wir könnten die Insel sehr leicht einnehmen“, bekräftigte der US-Präsident.
Die Insel Charg ist für den Iran dabei von strategischer Bedeutung, denn ihr Ölterminal wickelt 90 bis 95 Prozent aller Ölexporte auf dem Seeweg ab. Dort sind Dutzende großer Lagertanks mit einer geschätzten Gesamtkapazität von etwa 28 bis 30 Millionen Barrel und die Umschlagkapazität des Terminals beträgt bis zu 7 Millionen Barrel pro Tag. Der Verlust der Insel Charg und die Stilllegung des Terminals würden den Verlust von Irans wichtigster Devisenquelle bedeuten. Im März wurden bereits Militäranlagen auf der Insel bombardiert und laut US-Angaben wurden etwa 90 Ziele getroffen, während die Ölinfrastruktur unversehrt blieb.
Laut Axios hat das US-Militär zudem einen Plan für eine Bodenoperation tief im iranischen Gebiet vorbereitet, um die Kontrolle über das hochangereicherte Uran zu erlangen. Alternativ könnten großangelegte Luftangriffe mit dem Ziel durchgeführt werden, dem Iran den Zugang zu dem Uran zu nehmen. Laut NBC News sieht jedoch keines der beiden Szenarien einen großangelegten Truppeneinsatz wie in Afghanistan oder im Irak vor.
Hosseini kommentierte die Pläne und erinnerte daran, dass das iranische Militärkommando die USA wiederholt vor der Gefahr einer Fehleinschätzung der Lage gewarnt habe, insbesondere im Hinblick eine Bodenoperation, die nur zu einer weiteren Eskalation des Konflikts und einem erheblichen Anstieg der amerikanischen Opferzahlen in dem „uns aufgezwungenen völkerrechtswidrigen Krieg“ führen könne.
Ein möglicher amerikanischer Militäreinsatz auf iranischem Gebiet würde die USA teuer zu stehen kommen, erklärte General Ali Jahanshahi, Befehlshaber der iranischen Bodentruppen. „Ein Bodenkrieg wäre für den Feind gefährlicher und verlustreicher“, zitierte ihn die iranische Nachrichtenagentur SNN. „Alle feindlichen Bewegungen entlang der Grenzen werden überwacht, und wir sind auf jedes Szenario vorbereitet“, fügte der General hinzu.
Das Weiße Haus wird unruhig
Während Washington nach außen hin Optimismus und Entschlossenheit ausstrahlt, wächst die Besorgnis im Weißen Haus. Laut Politico hatten viele in Trumps engstem Kreis auf einen Blitzkrieg gesetzt, bei dem das Fehlen klar definierter Ziele es dem Präsidenten ermöglichen würde, „den Sieg zu verkünden, wann immer es ihm passt“.
Zwei Wochen später sind einige seiner Verbündeten, so das Magazin, zu einem unangenehmen Schluss gekommen: Der Präsident „hat nicht mehr die Kontrolle darüber, wie und wann der Konflikt endet“ und der Übergang zu Einsätzen am Boden könnte „der einzige Weg zum Sieg“ sein. Dabei spiele der Iran die entscheidende Rolle. „Sie entscheiden, wie lange wir dort bleiben und ob wir Truppen entsenden. Und ich denke, das können wir nicht vermeiden, wenn wir unser Gesicht wahren wollen“, räumte eine Quelle gegenüber Politico ein.
Der ehemalige Beamte des Außenministeriums und des Nationalen Sicherheitsrats Nate Swanson formulierte es im Interview mit Politico noch schärfer. Seiner Meinung nach wird der Krieg länger dauern als erwartet. „Trump glaubt weiterhin, dass ein militärischer Erfolg zur politischen Kapitulation Irans führen wird, was aber nicht passieren wird. (…) Der Präsident wird aus dieser Situation keinen Ausweg mehr finden, und wir werden wahrscheinlich einige der von ihm erwogenen Bodenoperationen sehen“, bemerkte er.
Kein Militärexperte würde die Einnahme der Insel Charg befürworten, „insbesondere wenn man das mit der Öffnung der Straße von Hormus verbindet“, sagte Scott Ritter, ehemaliger Geheimdienstanalyst des US Marine Corps und ehemaliger Inspektor für Massenvernichtungswaffen der UN-Sonderkommission für den Irak. „Zwischen den beiden Sachen besteht buchstäblich kein Zusammenhang. Mehr noch, die USA können die Insel Charg vielleicht überhaupt einnehmen, denn selbst wenn sie zuerst erobert würde, würden sich die Streitkräfte auf der Insel unter dem Feuer iranischer Raketen und Drohnen wiederfinden, und es wäre logistisch unmöglich, sie zu halten“, sagte er gegenüber der TASS und fügte hinzu, dass dass Gerede über Charg „eine rein politische und rhetorische Übung“ sei.
Dennoch wächst die Zahl der amerikanischen Truppen im Nahen Osten. Laut der New York Times hat sie bereits 50.000 überschritten, 10.000 mehr als normal. Offiziell hat Washington seinen Verbündeten versichert, dass derzeit keine Bodenoperation geplant ist, doch die Quellen von Bloomberg geben zu, dass Trump seine Meinung jederzeit ändern könnte. Mehrere europäische Regierungen halten eine Invasion bereits für „praktisch unvermeidlich“. Russland hingegen hofft, dass es nicht dazu kommt. „Wir hören Spekulationen über Vorbereitungen für irgendeine Bodenoperation auf der Insel Charg. Hoffen wir aber, dass das nicht über Worte und Drohungen hinausgeht, weil das Ergebnis bereits klar wäre“, erklärte die Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa.
Der Preis von Fehlern
Joe Kent, der ehemalige Leiter des Zentrums für Terrorismusbekämpfung im Büro des Direktors des Nationalen Nachrichtendienstes, äußerte sich gegenüber der Washington Post „äußerst besorgt“ über die Möglichkeit eines Einsatzes von US-Bodentruppen im Iran. „Ich halte das schlichtweg für katastrophal“, betonte Kent mit Blick auf eine mögliche Seeblockade oder die Besetzung der iranischen Insel Charg. Er meint, dass „der Iran dann einen Haufen Geiseln auf der Insel hätte, die er anschließend mit Drohnen und Raketen angreifen kann.“
Der Militärkorrespondent von RT.Doc Alexander Chartschenko, stimmt zu, dass die Insel unmöglich ohne größere Verluste zu halten ist. Er meint, dass die Amerikaner in dieser Situation zwar eine Landung auf Charg riskieren könnten, es aber unklar sei, was sie dann damit machen würden. „Die Amerikaner würden Konsequenzen tragen müssen, die den Nutzen eines Kavallerieangriffs auf eine relativ wehrlose iranische Insel bei Weitem übersteigen würden“, erklärte der Journalist gegenüber der TASS.
Jin Canrong hält eine mögliche Invasion für einen „katastrophalen strategischen Fehler“. „Zehntausend amerikanische Soldaten reichen einfach nicht aus, um das Problem zu lösen, und selbst beim Einsatz Hunderttausender würden sie, wie im Vietnamkrieg, lange Zeit feststecken“, erklärte der Experte in einem Interview mit der TASS. Seiner Meinung nach ist die Wahrscheinlichkeit einer umfassenden Bodenoffensive äußerst gering, und der Truppeneinsatz ist größtenteils eine politische Geste, um Druck auf den Iran auszuüben und ihn zu Zugeständnissen zu bewegen.
Der Konflikt zwischen dem Iran und den USA könnte sich auf verschiedene Weise entwickeln, einschließlich eines langwierigen Krieges und einer Sackgasse bei Verhandlungen. „Am wahrscheinlichsten ist ein langwieriger Luftkrieg, in dem anhaltende Luftangriffe beide Seiten allmählich schwächen und die Straße von Hormus periodisch immer wieder wird, was zu chronischen Störungen auf dem Energiemarkt führt“, sagte der ägyptische Experte Ahmed Mustafa, Direktor des Asian Research and Translation Center, gegenüber der TASS.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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