Iranische Raketen können Deutschland erreichen, aber kaum Berichte in den Medien
In all den Jahren, in denen ich mich schon mit den Prinzipien der Propaganda deutscher Medien befasse, habe ich eines gelernt: Deutsche Medien verbreiten Angst vor angeblichen Gefahren, die es gar nicht gibt, verschweigen aber gleichzeitig tatsächlich existierende Gefahren. Man nehme als Beispiel nur all die Berichte seit 2022, Russland würde angeblich mit dem Einsatz von Atomwaffen drohen, was aber immer frei erfunden war. Als es im letzten Oktober aber tatsächlich zum ersten Mal eine russische Drohung mit Atomwaffen gab, haben die deutschen Medien darüber nicht berichtet.
Der Grund für diese Art der Propaganda ist klar: Den Menschen sollen Feindbilder in die Köpfe gepflanzt werden, und dazu erfinden Politik und Medien angebliche Bedrohungen. Tatsächliche Gefahren aber verschweigen sie, weil eine nach einem schrecklichen Ereignis geschockte Öffentlichkeit viel emotionaler auf das überraschend kommende Ereignis reagiert – und eine emotionalisierte Öffentlichkeit ist nun einmal viel leichter zu lenken, was gerade dann wichtig ist, wenn man zuvor undenkbare Entscheidungen umsetzen will.
Genau das erleben wir gerade im Iran-Krieg. Wie oft haben Politik und Medien uns in den nun fast 50 Jahren des Informationskrieges gegen den Iran erzählt, der Iran entwickle Raketen, mit denen er Europa erreichen kann. Und wenn er dann auch noch Atomwaffen entwickelt, dann könnte der Iran Europa atomar angreifen. Diese – all die Jahrzehnte unbegründeten – Panikmeldungen begleiten uns spätestens seit den 1990er Jahren.
Als die USA in 2000er Jahren ihre Raketenabwehr in Osteuropa planten, war das Thema beispielsweise ein Dauerbrenner, denn iranische Raketen waren der offiziell genannte Grund für den Bau der Raketenabwehr, denn Russland galt damals ja noch als Freund des Westens, weshalb versichert wurde, die Raketenabwehr sei natürlich nicht gegen Russland gerichtet.
An all diesen Meldungen war nie etwas dran, die Warnungen vor der Gefahr durch iranische Raketen war nur ein Propaganda-Trick, um von den tatsächlichen Absuchten abzulenken und um das Feindbild Iran noch tiefer in die Köpfe der Menschen zu hämmern. Alle Experten gingen davon aus, dass iranische Raketen eine Reichweite von maximal 2.000 Kilometern haben und dass sie daher für Europa ungefährlich seien.
Nun aber ist alles anders, denn der Iran hat vor einigen Tagen den britischen Stützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean angegriffen, der 4.000 Kilometer vom Iran entfernt liegt. Nach allem, was bekannt ist, konnten die beiden abgefeuerten iranischen Raketen abgefangen werden und es gab keine Schäden.
Der Iran dürfte auch gar nicht vorgehabt haben, bei dem Angriff Schaden anzurichten, denn dann hätte er mehr Raketen abgefeuert, um die Luftabwehr zu überlasten, während nur zwei Raketen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine leichte Beute für die Luftabwehr sind.
Das bedeutet, dass der Iran der Welt mit dem Angriff zeigen wollte, dass er über Raketen mit weitaus größerer Reichweite verfügt, als allgemein angenommen wurde. Das war eine Warnung und Machtdemonstration, aber kein Angriff mit dem Ziel, Schaden anzurichten.
Und natürlich war das auch und gerade eine Machtdemonstration in Richtung Europa, in dem viele Länder den USA erlauben, ihre Militärstützpunkte für Angriffe gegen den Iran zu nutzen, indem von dort aus Aufklärungs-, Tank- oder Transportflugzeuge starten und die Einsätze von US-Drohnen beispielsweise über Ramstein laufen. Da der Iran im Persischen Golf alle Länder angreift, die den USA erlauben, von ihrem Gebiet aus den Iran anzugreifen, dürfte die gleiche Logik auch gegenüber Europa gelten.
Auch wenn ich nicht glaube, dass der Iran nun demnächst Militärbasen in Europa angreift, weil sie den US-Krieg gegen den Iran unterstützen, ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, denn nun plötzlich haben alle gesehen, dass der Iran das tun könnte, wenn er denn wollte. Er könnte zum Beispiel Ramstein angreifen, oder fast jede andere US-Basis in Europa.
Und was tun die Medien, wo der Iran nun zum ersten Mal tatsächlich die Möglichkeit hat, Deutschland mit Raketen zu beschießen? Sie berichten nur in kurzen Artikeln und vergessen die Panik, die sie seit über 40 Jahren wegen iranischer Raketen verbreitet haben. Und wenn das wirklich passieren sollte, sind die Menschen nicht vorgewarnt und reagieren ähnlich emotional, wie seinerzeit bei 9/11, was das logische Denken der Massen zu diesem Vorfall bis heute ausgeschaltet hat, weshalb beispielsweise niemand fragt, wie es sein kann, dass bei zwei in Türme geflogene Flugzeuge aber drei Türme eingestürzt sind.
Der Spiegel beispielsweise hat dazu nur einen kurzen Artikel mit der Überschrift „Mutmaßlicher Angriff auf Stützpunkt Diego Garcia – Reichen Irans Raketen bis nach Deutschland?“ veröffentlicht, in dem das Kunststück vollbracht wurde, von der Gefahr abzulenken, was im letzten Absatz des Artikels so klang:
„Angriffe auf Europa dürften für die Führung Teherans vorerst keine Priorität haben, da sie ihre Mittelstreckenraketen insbesondere gegen Israel einsetzt. Einzelne Schläge sind jedoch nicht auszuschließen, insbesondere, wenn sich die Kampfhandlungen weiter zuspitzen.“
Mit anderen Worten: Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.
Und wenn die Bundesregierung mit ihrer offenen Unterstützung des Krieges und ihrer Kritik am Iran dafür, dass der sich gegen die Angriffe der USA und Israels wehrt, den Iran zu Angriffen auf US-Basen in Deutschland provoziert, dann kann der Spiegel entsetzt aufheulen, denn: Wer hätte denn mit sowas rechnen können?
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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