„So etwas Schlimmes habe ich noch nie erlebt“, sagen Analysten
Die TASS hat in einem Artikel die aktuellen Auswirkungen der neuen Ölkrise zusammengefasst und auch Experten und Analysten befragt. Demnach steht die Welt vor der größten Ölkrise der Geschichte. Ich habe den TASS-Artikel übersetzt.
Beginn der Übersetzung:
„Solche Einbrüche hat es noch nie gegeben“: Wie die Ölkrise die Welt erfasst
Die durch die Eskalation im Nahen Osten ausgelöste Energiekrise könnte als „schlimmster Albtraum jedes Ölmarktanalysten“ in die Geschichte eingehen. Dieser Einschätzung von BP-Chefökonom Gareth Ramsay stimmen viele Analysten zu. Die TASS berichtet, welche Länder bereits die Auswirkungen der dreiwöchigen Konfrontation zwischen Iran, den USA und Israel spüren.
„So etwas Schlimmes habe ich noch nie erlebt“, räumte Paul Sankey, leitender Energieberater beim Beratungsunternehmen Oliver Wyman, ein. „Wie soll man all dieses Gas, all dieses Öl, all dieses Helium ersetzen?“, fragt er rhetorisch. Laut Experten gab es derartige Versorgungsengpässe noch nie.
Asien hat Reserven für ein bis zwei Monate
Wenn der Konflikt andauert, reichen die Reserven der Länder, die von Lieferungen aus dem Nahen Osten abhängig sind, nur noch für ein bis zwei Monate, warnte Kyle Shostak, Direktor des amerikanischen Investmentunternehmens Navigator Principal Investors. Laut ihm gilt das vor allem für Indien, Bangladesch, Südkorea, Pakistan und Japan. „Die Reserven der meisten dieser Länder reichen für ein bis zwei Monate, bevor ihre Volkswirtschaften aufgrund eines Rückgangs der Inlandsproduktion, die Energie braucht, voraussichtlich bereits im zweiten Quartal dieses Jahres in eine Rezession abrutschen werden“, erklärte der Experte gegenüber der TASS.
Shostak fügte hinzu, China bilde eine Ausnahme, weil „dessen Rekordreserven die Unabhängigkeit der heimischen Produktion für etwa sechs Monate gewährleisten“.
Unterdessen haben die Philippinen wegen Brennstoffknappheit den Notstand ausgerufen. Im Präsident Ferdinand Marcos Jr. unterzeichnetes Dekret heißt es, dass das Land stark von Energieimporten abhängig sei und dass die durch die anhaltende Eskalation verursachten Unterbrechungen der Lieferketten, die erhebliche Volatilität und die steigenden globalen Ölpreise „die Energiesicherheit des Landes gefährden“. Die philippinische Energieministerin Sharon Garin erklärte, die Brennstoffeserven reichten für etwa 45 Tage. Am 24. März traf in dem Land die erste Lieferung russischen Öls seit fünf Jahren ein.
Japan begann am 16. März, einen Teil seiner strategischen Ölreserven auf den Markt zu bringen. Premierministerin Sanae Takaichi schlug am Mittwoch bei einem Treffen mit dem Leiter der Internationalen Energieagentur (IEA) vor, als Notmaßnahme zur Stabilisierung der Lage weiteres Öl aus den Reserven freizugeben. „Die asiatischen Länder befinden sich in einer schwierigen Lage“, betonte sie.
Aufgrund der Krise greifen einige asiatische Länder wieder verstärkt auf Kohle zurück, um Stromausfälle zu verhindern und ihre Bevölkerung vor drastischen Preisschocks zu schützen. So ht beispielsweise die südkoreanische Regierung die Beschränkungen für die Stromerzeugung aus Kohlekraftwerken aufgehoben, Thailand bereitet die Wiederinbetriebnahme zweier im vergangenen Jahr stillgelegter Kohlekraftwerke vor und die Bevölkerung Indiens hat begonnen, Kochgas durch Kohle zu ersetzen.
Haushalte in der EU unter Druck
Eine weitere Eskalation des Konflikts im Nahen Osten könnte eine „langwierige Energiekrise mit extrem schwerwiegenden Folgen“ auslösen, sagte die Sprecherin der spanischen Regierung Elma Saiz. Sie hält es für notwendig, sich dem entschieden entgegenzustellen. „Bislang hat der Konflikt alle Spanier fünf Milliarden Euro gekostet, die wir zur Abmilderung der Folgen dieses völkerrechtswidrigen Krieges verwenden müssen und die wir nicht für andere Dinge einsetzen können“, betonte sie.
Der französische Wirtschafts- und Finanzminister Roland Lescure bezeichnete die Vorgänge als „neuen Ölpreisschock“. Er fügte hinzu, dass sich die Krise, sollte der Schock länger als ein paar Wochen anhalten, deutlich auf die gesamte Wirtschaft ausweiten und „systemischer“ werden könnte.
Der niederländische Finanzminister Eelko Heijnen erklärte seinerseits, die Regierung bereite sich auf erhebliche wirtschaftliche Erschütterungen vor. Laut Heijnen seien die Handlungsoptionen des Landes bereits begrenzt: Im Rahmen der für den 28. März erwarteten Frühjahrsüberprüfung des Haushalts stehe die Regierung vor erheblichen Mehrausgaben, unter anderem aufgrund der steigenden Zahl der Empfänger von Berufsunfähigkeitsrenten. „Wir haben kaum ein Sicherheitsnetz“, resümierte er.
Laut dem griechischen Finanzportal capital.gr hat der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Wachstumsprognose für Griechenland im Jahr 2026 von 2 auf 1,8 Prozent gesenkt. Der IWF eklärte, dass die kurzfristigen Wirtschaftsaussichten des Landes weiterhin günstig seien, ein langwieriger Konflikt im Nahen Osten jedoch die Inlands- und Auslandsnachfrage belasten und die Kapitalzuflüsse schwächen könnte. Am 23. März stellte die Regierung ein 300 Millionen Euro schweres Hilfspaket zur Bewältigung der Energiekrise vor, das am 1. April in Kraft tritt und mindestens bis zum 31. Mai gilt.
Kirill Dmitrijew, Sonderbeauftragter des russischen Präsidenten für Investitionen und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Ausland und Leiter des Russischen Direktinvestitionsfonds, prognostizierte, dass weitere Preiserhöhungen bei Energie und Rohstoffen erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaft haben und die Inflation beschleunigen werden. Seiner Meinung nach werde die EU am stärksten betroffen sein, unter anderem wegen der Verweigerung von russischem Gas. Dmitrijew schätzt die bisherigen wirtschaftlichen Verluste der EU auf mehr als 1,5 Billionen Euro, und bis Ende 2026, so seine Prognose, könnten die Verluste 3 Billionen Euro übersteigen, da die Gaspreise voraussichtlich um etwa 100 Prozent steigen werden.
Versorgungsengpässe in den USA, Defizite in Afrika und Australien
Laut dem Wall Street Journal drohen die Folgen der Energiekrise sich rasch auf die USA und andere Regionen auszubreiten. Die Benzinpreise in den USA haben bereits den höchsten Stand seit 2022 erreicht. „Die Ausfälle (von Benzinlieferungen) sind so gravierend, dass wir in Panik geraten werden, wenn sich die Situation nicht bald ändert“, zitiert die Zeitung den Energiemarktanalysten Helge Andre Martinsen.
Chevron, einer der größten US-amerikanischen Ölkonzerne, warnt vor einer drohenden Energiekrise in Kalifornien. Laut Bloomberg liegt das daran, dass der Bundesstaat rund 20 Prozent seines Treibstoffs aus asiatischen Ländern bezieht. Kalifornien ist nicht mit den US-amerikanischen Energiezentren Texas und Louisiana verbunden. Zudem mussten in Kalifornien in den letzten Jahren wegen steigender Kosten mehrere Raffinerien schließen. Der Grund für die Kosten sind neue kalifornische Gesetze zur Bekämpfung des Klimawandels, die die Gewinne der Ölkonzerne senken sollen.
Laut dem Nachrichtenportal African News Feed ist das Alltagsleben in Äthiopien durch die Benzin- und Dieselknappheit nahezu vollständig zum Erliegen gekommen. Dem Portal zufolge haben die Treibstoffengpässe zu kilometerlangen Schlangen an Tankstellen geführt, und die Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr haben sich in weniger als einem Monat verdreifacht.
Allan Fels, Professor an der Universität Melbourne und ehemaliger Leiter der australischen Wettbewerbs- und Verbraucherschutzkommission, merkte an, dass Treibstoffrationierung in den kommenden Wochen auch in Australien zur neuen Realität werden könnte. Er betonte, dass die Regierung über „vergleichsweise moderate Maßnahmen“ diskutiere, darunter die Rationierung des Zugangs zu Benzin anhand gerader und ungerader Kfz-Kennzeichen, die Regelung, nur jeden zweiten Tag zu fahren, die Umstellung auf Homeoffice und Geschwindigkeitsbegrenzungen.
Was Russland betrifft, erklärte Juri Stankewitsch, stellvertretender Vorsitzender des Energieausschusses der Staatsduma, gegenüber der TASS, dass die Krise im Nahen Osten Russland derzeit nur indirekt über die globalen Öl- und Erdölproduktpreise betreffe. „Es bestehen keine physischen Risiken für die inländische Versorgung, aber ein Aufschlag für geopolitische Risiken ist im Preis eingepreist“, so Stankewitsch.
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Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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