Schon wieder Naher Osten? Das mag sich mancher beim Titel „Die Zerstörung des Nahen Ostens“ fragen. Aber dann erlebt man eine sachliche und materialreiche Information über die in ihren vielen sich überkreuzenden Krisen kaum noch zu überschauende Region. Nach der Lektüre weiß man besser Bescheid. Vermutlich liegt es am Autor selbst. Rainer Hermann war viele Jahre Nahost-Korrespondent der „FAZ“ und in deren Zentrale für die Nahost-Berichterstattung verantwortlich.
In mehreren Kapiteln geht er alle Krisenherde durch. Im Israel-Palästina-Kapitel, dem längsten des Buches, erlebt man mit Erschrecken, wie sich Israel, vor allem auch mental, anschickt, rücksichtslos die führende Militärmacht in Nahost zu werden, angefeuert vom Premierminister Netanjahu und seinem Hardliner-Kabinett, die rigoros gegen alle tatsächlichen oder vermeintlichen Feinde vorgehen. Israel werde „ewig“ vom Schwert leben, hatte er schon 2015 in der Knesset erklärt, und daran hält er bis heute eisern fest.
Israels Widerpart ist der Iran; hier konstatiert Hermann eine momentane Schwächung durch die Luftangriffe der Israelis und Amerikaner, glaubt aber, dass das Land, angetrieben von seinem unversöhnlichen Hass auf Israel, immer wieder auf die Beine kommt. Es sei eine Illusion zu glauben, der Iran könne aus dem Nahost-Geschehen herausgehalten werden.
Ein drittes Kapitel geht zu Saudi-Arabien und den Golfstaaten, und das ist ein hoffnungsvoller Abschnitt. Sie alle setzen auf politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit, wollen ihre Länder durch Wirtschaftswachstum zu Wohlstand, Reichtum und Frieden bringen, wozu die Möglichkeiten gar nicht schlecht stehen. Der saudische Machthaber, Kronprinz Muhammad Bin Salman, hat faszinierende Pläne für Wirtschaft und Zusammenarbeit. Der Leser ertappt sich dabei, ihm allen nur denkbaren Erfolg zu wünschen.
Syrien, schreibt Hermann, steht auf der Kippe. Eine demokratische Entwicklung sei ebenso denkbar wie ein Rückfall in finsteren Dschihadismus. Dem einstigen Rebellenführer und jetzigen Premier Ahmad al-Scharaa stellt er ein gutes Zeugnis aus. Für die Zukunft sieht der Autor die größten Gefahren in einem sich selbst überschätzenden Israel und in einem wiedererstarkten, sein Atomprogramm forciert vorantreibenden Iran. Und so glaubt er, mit einer düsteren Prognose schließen zu müssen: „In seiner instabilsten Nachbarschaftsregion sieht sich Europa einer neuen Ordnung des Schreckens gegenüber.“ Sein exzellentes Buch bietet jedoch auch freundlichere Aussichten.