Wie die Folgen des Iran-Krieges die Länder Asiens treffen
Die deutschen Medien und Politiker erwecken den Eindruck, als sei die durch den Iran-Krieg ausgelöste globale Energiekrise zwar ein Problem, aber keines, um das man sich ernsthaft Sorgen machen müsste. Obwohl die verfügbaren Mengen an LNG auf dem Weltmarkt stark gesunken sind und aufgrund der Schäden an katarischen LNG-Anlagen auch für Jahre geringer bleiben werden, selbst, wenn der Krieg morgen enden würde, ist über ernsthafte Reaktionen aus Brüssel oder Berlin nichts bekannt.
Im Gegenteil, dort wird trotzdem verkündet, man werde unter keinen Umständen russisches Gas nach Europa lassen, selbst wenn Strom rationiert werden müsse, und die EU hat angewiesen, die Gasspeicher für den nächsten Winter nicht auf 90, sondern nur auf 80 zu befüllen. Dabei weiß heute kein Experte, ob das aufgrund der extrem niedrigen Speicherstände, den explodierten Preisen und der geringeren LNG-Angebote überhaupt realistisch ist.
Die TASS hat eine Artikelserie aus zwei Artikeln veröffentlicht, die über die Lage in den Ländern Asiens berichten, und ich habe beide Artikel übersetzt.
Beginnen wir mit dem ersten Artikel über die Lage in China und Japan.
Beginn der Übersetzung:
Angriff auf den Iran: Die Sorgen und Probleme in der Asien-Pazifik-Region
Die am 28. Februar begonnene Militäroperation der USA und Israels gegen den Iran hat die innenpolitische und wirtschaftliche Lage der Länder im Asien-Pazifik-Raum direkt und indirekt beeinflusst. Lesen Sie den ersten Teil des TASS-Berichts darüber, wie sich dies auf die wichtigsten asiatischen Akteure China und Japan ausgewirkt hat.
China: Stabilität über alles
Der Beginn der amerikanischen und israelischen Aggression gegen den Iran am 28. Februar fiel praktisch mit dem Ende des China-Besuchs von Bundeskanzler Friedrich Merz zusammen, einer Reise, der in Peking viel Bedeutung beigemessen wurde. Außerdem kehrte China nach dem Ende der Feiertage zum chinesischen Neujahr gerade erst wieder zum normalen Arbeitsalltag zurück. Am Tag des Angriffs auf den Iran veröffentlichten führende chinesische Medien lediglich einen Kommentar zum Besuch von Merz in China, aber erste ernsthafte Analysen erschienen in chinesischen Medien erst einige Tage später.
Die innere Stabilität hat für die chinesische Regierung höchste Priorität, wenn es um Krisen im Ausland wie militärische Konflikte, Störungen der Logistik- und Produktionsketten, Flugausfälle und Börsenschwankungen geht. Hat der Konflikt im Nahen Osten das Leben in China schon beeinflusst?
Man könnte antworten, dass noch zu wenig Zeit vergangen ist, als dass Störungen der Logistiklieferketten, insbesondere für Energieträger aus dem Nahen Osten, einen bedeutenden Einfluss auf eine Wirtschaftsmacht wie China haben könnten. Es gibt Bedenken hinsichtlich der langfristigen Planung der inländischen Produktion und der Lieferungen aus dem Ausland. Noch beschränkt sich jedoch alles auf die manuelle Regulierung von Prozessen und die Ergreifung von Korrekturmaßnahmen.
So ordneten die chinesischen Behörden beispielsweise ab dem 10. März eine Erhöhung der Benzin- und Dieselpreise um etwa 100 US-Dollar pro Tonne an. Die Kraftstoffpreise variieren in China aufgrund staatlicher Subventionen. Die höchsten Preise finden sich traditionell in Chengdu, die niedrigsten in der Autonomen Region Xinjiang der Uiguren. Infolgedessen stiegen beispielsweise die Benzinpreise pro Tonne in Chengdu um 7,72 Prozent und in der Autonomen Region Xinjiang um 8,12 Prozent.
Bereits vor Beginn des Konflikts schnellten Chinas Importe von Rohöl zwischen Januar und Februar 2026 in die Höhe: Sie stiegen im Jahresvergleich um 15,8 Prozent auf 96,93 Millionen Tonnen (ca. 11,99 Millionen Barrel) pro Tag. Gleichzeitig verdoppelten sich die russischen Öllieferungen auf dem Seeweg im ersten Quartal 2026 nahezu, während die Käufe aus dem Iran im Februar trotz Preisnachlässen von 10–11 US-Dollar pro Barrel seitens Teheran im Vergleich zum Januar um etwa 115.000–220.000 Barrel pro Tag zurückgingen. Angesichts des aktuellen Bedarfs Pekings an einer Diversifizierung seiner Energiequellen ist unter den gegebenen Umständen mit einem Anstieg der Energiekäufe aus Russland zu rechnen.
China verfügt laut Schätzungen derzeit über strategische und kommerzielle Ölreserven von schätzungsweise 1,2 bis 1,4 Milliarden Barrel. Das sichert dem Land eine Selbstversorgung von etwa 60 Tagen. Es ist noch zu früh, um abzuschätzen, ob steigende Energiepreise und Lieferengpässe aus dem Nahen Osten die Lebensmittelkosten für Endverbraucher erhöhen werden. In der ersten Märzhälfte wurden keine signifikanten Schwankungen beobachtet.
Aufgrund massiver Beeinträchtigungen des Flugverkehrs im Nahen Osten hat sich China zu einem wichtigen Drehkreuz für Passagier- und Frachttransporte entwickelt. So sind beispielsweise viele Touristen in südostasiatischen Ferienorten gezwungen, über chinesische Flughäfen zurückzukehren.
Die Fluggesellschaften haben aufgrund der gestiegenen Nachfrage die Preise mehrmals angehoben, aber die Flüge nach Russland und Europa sind voll. Mit Beginn der Touristensaison wird ein starker Anstieg der Besucherzahlen in chinesischen Ferienorten, insbesondere auf der Insel Hainan, erwartet. Das wird zu höheren Preisen für Hotels und Logistik führen und sich somit auf die Urlaubskosten der Chinesen auswirken.
Der Konflikt im Nahen Osten hat erhebliche Auswirkungen auf die Logistik. Das ist auf den allgemeinen Rückgang des Frachtaufkommens zurückzuführen. Der Versand eines Containers auf der Strecke Shanghai-Rotterdam verteuerte sich um 19 Prozent auf rund 2.443 US-Dollar, während der Anstieg auf der Strecke Shanghai-Los Angeles etwa 4 Prozent (auf 2.500 US-Dollar pro Container) betrug. Das Luftfrachtvolumen von China nach Europa ist hingegen rückläufig und sank in der vergangenen Woche um etwa 4 Prozent.
Obwohl Schätzungen zufolge 40 bis 45 Prozent der chinesischen Ölimporte durch die Straße von Hormus transportiert werden, ist Chinas Energieversorgung recht diversifiziert. Sollte die Wasserstraße gesperrt werden, könnte China die fehlenden Importe durch andere Lieferanten kompensieren. Dazu zählt vor allem Russland, Chinas größter und zuverlässigster Öllieferant. Weitere wichtige Energiepartner Chinas außerhalb des Nahen Ostens sind Malaysia, Brasilien, Angola, Kanada, Indonesien und der Kongo.
Dank der Partnerschaft zwischen Peking und Teheran fühlen sich chinesische Öltanker in den Gewässern des Nahen Ostens relativ sicher. Ein Sprecher der Marine der iranischen Revolutionsgarde erklärte zuvor, der Iran habe zwei Schiffen befreundeter Staaten die Durchfahrt durch die Straße von Hormus gestattet, womit er eindeutig China und Russland meinte.
Man muss anmerken, dass Öl im chinesischen Energiemix nicht den ersten Platz belegt. Laut Chinas Energiestatistikbericht hat Kohle im Jahr 2024 53,2 Prozent des Energieverbrauchs des Landes abgedeckt, während erneuerbare Energien 19,3 Prozent ausmachten. Der verbleibende Anteil verteilte sich annähernd gleichmäßig auf Öl und Gas.
Trotz der umfassenden Vorbereitungen der chinesischen Regierung könnten die Bürger die Auswirkungen der israelischen und amerikanischen Militäroperation gegen den Iran dennoch in ihrem Geldbeutel spüren. Steigende Transportkosten werden natürlich letztendlich bei einzelnen Gütern zu Preiserhöhungen für Endverbraucher führen. Angesichts der nahezu nicht vorhandenen Inflation in China wird das bei den Verbrauchern jedoch keinen Schock auslösen.
Andererseits wurde die Sonderverwaltungszone Hongkong (Xianggang), 6.000 Kilometer vom Iran entfernt und scheinbar weit weg vom Krieg, hingegen schnell von dem neuen Konflikt betroffen. Die Kraftstoffpreise in der Stadt haben sich fast verdoppelt und erreichten rund 30 Hongkong-Dollar pro Liter 95-Oktan-Benzin (etwa 3,83 US-Dollar). Der Konflikt im Nahen Osten hat zu Instabilität am Hongkonger Aktienmarkt geführt, was für eine Stadt, die als eines der wichtigsten Finanzzentren Asiens gilt, besonders schmerzlich ist. Der Hang-Seng-Index, der wichtigste Aktienindex Hongkongs, ist in letzter Zeit gefallen. Am 13. März sank er um fast ein Prozent (ein Rückgang um 251,16 Punkte) auf 25.465,60. Seit Beginn der Angriffe auf den Iran hat der Index um etwa 4 Prozent nachgegeben.
Die Regierung der Stadt versuchte, die Finanzexperten zu beruhigen: Der Hongkonger Finanzminister Paul Chan (Chen Maobo) räumte ein, dass der Konflikt im Nahen Osten in der Weltwirtschaft „erhebliche globale Unsicherheit“ verursacht habe, und deutete an, dass Finanzströme aus anderen Regionen nun nach Hongkong fließen könnten, „um dort einen sicheren Hafen zu suchen“.
Japan: Der unpopuläre Krieg
Die japanische Regierung tut alles, um Fragen zur moralischen und rechtlichen Bewertung der amerikanischen und israelischen Angriffe auf den Iran auszuweichen. Premierministerin Sanae Takaichi und ihr Kabinett haben die Militäroperation weder offen unterstützt noch verurteilt und erklärt, ihre Hauptsorge gelte der Sicherheit ihrer Landsleute im Nahen Osten.
Insgesamt ist diese Haltung verständlich: Der von den USA und Israel gegen den Iran begonnene Krieg ist in Japan, gelinde gesagt, unpopulär. Laut einer am 16. März von der Zeitung Asahi veröffentlichten Meinungsumfrage lehnen über 82 Prozent der japanischen Bevölkerung die Operation ab, während nur 9 Prozent der Befragten sie befürworten. Nikkei, eine angesehene Wirtschaftszeitung mit Fokus auf japanische Geschäftskreise, schreibt, dass Washingtons Vorgehen nach Ansicht vieler Rechtsexperten eindeutig gegen das Völkerrecht verstößt.
Gleichzeitig kann sich die japanische Regierung keinen Konflikt mit der Regierung von US-Präsident Donald Trump leisten, denn Tokio ist militärisch von Washington abhängig, führt schwierige Verhandlungen mit den Amerikanern über Handelsfragen und der derzeitige US-Präsident ist bekannt für seine Bereitschaft, selbst seine engsten Verbündeten mit höheren Zöllen zu belegen.
Tokios ausweichende Haltung ist für einen Großteil der japanischen Bevölkerung nachvollziehbar, denn es gibt kaum einen anderen Weg. So unterstützte beispielsweise die Hälfte der Befragten einer Anfang März durchgeführten Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo die Haltung der Regierung, eine rechtliche Überprüfung der Angriffe auf den Iran zu vermeiden. Knapp 43 Prozent der Befragten verurteilten diese Zaghaftigkeit jedoch. Die öffentliche Meinung ist gespalten, und Tokio kann das nicht ignorieren, vor allem, weil einige Oppositionspolitiker im Parlament offen auf die Rechtswidrigkeit von Präventivschlägen gegen andere Staaten hinweisen.
Japan ist verwundbar: Es ist zu über 90 Prozent von Öllieferungen aus dem Nahen Osten abhängig, von denen ein erheblicher Teil durch die faktisch blockierte Straße von Hormus transportiert wird. Die drei der führenden japanischen Reedereien haben die Fahrten auf dieser Route aus Sicherheitsgründen eingestellt. Mehr als 40 japanische Tanker, Containerschiffe und Massengutfrachter sitzen im Persischen Golf fest und können die offenen Gewässer des Indischen Ozeans nicht erreichen. Eines der vor Anker liegenden Containerschiffe hat bereits zwei Lecks im Heck. Wer die Schäden verursacht hat, wurde nicht mitgeteilt.
Infolgedessen steigen die Benzinpreise in Japan seit über zwei Wochen ununterbrochen und erreichten Mitte März ihren höchsten Stand seit drei Monaten. Das treibt wegen steigender Transportkosten die Preise für andere Waren in die Höhe. Die Regierung verspricht Subventionen für Benzingroßhändler, um die Preissteigerungen einzudämmen. Die Möglichkeiten sind jedoch begrenzt, denn der japanische Staatshaushalt weist bereits ein massives Defizit auf, das durch die Ausgabe von Staatsanleihen gedeckt wird.
Tokio setzt seine Hoffnungen zudem auf seine strategischen Ölreserven, die für 254 Tage reichen sollen. Diese Reserven, die sich aus staatlichen und privaten Unternehmen zusammensetzen, belaufen sich auf insgesamt rund 470 Millionen Barrel. Japan hat die größten Reserven aller G7-Staaten. Am 16. März gab die Regierung einen Teil dieser Reserven, entsprechend dem Bedarf des Landes für 45 Tage, auf den Markt. Sie werden zu relativ niedrigen Preisen an Großhändler verkauft. Tokio beabsichtigt außerdem, aktiver nach Ölquellen außerhalb des Nahen Ostens zu suchen.
Wassili Golownin (Tokio), Iwan Kargapolzew (Peking)
Ende der Übersetzung
Nun folgt der zweite Artikel über andere asiatische Länder.
Beginn der Übersetzung:
Angriff auf den Iran: Die Sorgen und Probleme in der Asien-Pazifik-Region
Im ersten Teil hat die TASS über die Auswirkungen der amerikanisch-israelischen Militäroperation gegen den Iran, die am 28. Februar begann, auf die innenpolitische und wirtschaftliche Lage in China und Japan berichtet. Im zweiten Teil geht es um die Folgen für andere Länder des asiatisch-pazifischen Raums.
Republik Korea: Wachsende Besorgnis
Die Republik Korea ist alarmiert. Das Land ist nahezu vollständig von ausländischen Energielieferungen abhängig. Laut der International Trade Association werden 70,7 Prozent des Rohöls aus dem Nahen Osten importiert, wobei rund 95 Prozent dieser Lieferungen die Straße von Hormus passieren. Der Anteil des Nahen Ostens an den Erdgasimporten ist mit 20,4 Prozent vergleichsweise geringer. Die Ölreserven der Republik Korea sind für einen Verbrauch von 208 Tagen ausgelegt.
Die wohl bedeutendste Reaktion der Regierung auf die aktuelle Krise im Nahen Osten war die Einführung einer Preisobergrenze für Benzin, Diesel und Kerosin am 13. März. Auch die Treibstoffexporte wurden eingeschränkt. Die Regierung hat die Energiepreise seit 1997 nicht mehr reguliert. Für den Schritt gab es triftige Gründe: Die Treibstoffpreise waren innerhalb von zwei Wochen sprunghaft angestiegen. Benzin verteuerte sich um 200 Won auf 1.904 Won pro Liter (um 12 Euro-Cent auf 1,2 Euro pro Liter), Diesel um 300 Won auf 1.927 Won pro Liter (um 17 Cent auf 1,2 Euro). Mit der Einführung der Beschränkungen am 13. März stabilisierte sich die Lage. Die Preisobergrenze wurde auf Basis der Marktsituation vor den US-Angriffen auf den Iran berechnet.
Steigende Treibstoffpreise bereiten Autofahrern natürlich Sorgen, doch vor allem treffen sie Kleinunternehmen und Selbstständige, von Lkw-Fahrern über Landwirte bis hin zu Fischern. Nicht alle sind bereit, die hohen Kosten auf Dauer zu tragen. Als Reaktion darauf hat die Regierung begonnen, die Preise zu regulieren, zu denen große Ölraffinerien Tankstellen mit Kraftstoff beliefern. Die Regierung verspricht, die Tankstellen für ihre Verluste zu entschädigen.
Die südkoreanische Regierung hat zudem angekündigt, gegen Spekulanten vorzugehen und eine „Liste der Schande“ erstellt, auf die die 30 Tankstellen mit den höchsten Preisaufschlägen des Landes kommen. Tankstellen, die zweimal oder öfter auf der Liste kommen, bekommen eine Betriebsprüfung. Präsident Lee Jae-myung rief die Bürger auf, Spekulanten nicht nur den zuständigen Behörden, sondern auch ihm persönlich zu melden.
Darüber hinaus hat die Regierung die Einführung einer Preisüberwachung für 23 Konsumgüter und Dienstleistungen angekündigt. Die Liste umfasst 13 Lebensmittel, darunter Reis, Schweinefleisch, Eier, Zucker und Mehl, sowie Kommunikationsdienste, Gebühren von Wohnungsverwaltungsgesellschaften und Schuluniformen.
„Die Republik Korea, weltweit bekannt für ihre hohen Preise, kann den Missbrauch von Monopolmacht und die daraus resultierenden Preiserhöhungen nicht länger dulden. Die Preise zu senken ist keine leichte Aufgabe, aber wir werden versuchen, die Belastung für die Bevölkerung durch Marktüberwachung und Preisregulierung so gering wie möglich zu halten“, schrieb der Präsident am 12. März in sozialen Medien.
Vietnam: Exportverluste
Der Konflikt im Nahen Osten hat gemischte Auswirkungen auf Vietnam. Einerseits stellt er eine ernsthafte Bedrohung für die Exporte dar, die Grundlage des vietnamesischen Wirtschaftswachstums. Andererseits eröffnet die Krise um den Iran neue Märkte für vietnamesische Waren und bietet dem Land größere Chancen für die Integration in die Weltwirtschaft. Das führt zu weiterem Wachstum der Exporterlöse und zu mehr Wohlstand für die vietnamesische Bevölkerung.
Vietnam ist mit Störungen der Lieferketten und Exporte konfrontiert: Fracht für den Nahen Osten steckt auf See fest, Abnehmer verweigern die Annahme, und Schiffe sind gezwungen, neue Häfen für den Umschlag oder Weiterverkauf anzulaufen. Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei sind besonders betroffen. Diese Produkte machen den Löwenanteil der vietnamesischen Exporterlöse aus. Prognosen des vietnamesischen Ministeriums für Industrie und Handel zufolge werden die Verluste bei den Agrarexporten mindestens eine Milliarde US-Dollar betragen, wenn der Konflikt einen Monat andauert. Dauert er ein Quartal, werden sie drei bis dreieinhalb Milliarden US-Dollar erreichen. Der Export von Produkten mit kurzer Haltbarkeit wie Gemüse, Obst und Gewürzen sowie von im Inland hergestellten Textilien und Schuhen ist aufgrund steigender Kosten und Zahlungsschwierigkeiten gefährdet.
Gleichzeitig hat die Störung der Logistik- und Vertriebsketten im Nahen Osten vietnamesischen Unternehmen, insbesondere in der angrenzenden Region, dem Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN), neue Chancen eröffnet. Die Nachfrage nach frischen Lebensmitteln, Möbeln, Kunststoffen, Kabeln, Elektronik und Komponenten aus Vietnam wächst in den ASEAN-Partnerländern stetig. Das Freihandelsabkommen innerhalb des Regionalblocks und die niedrigen Transportkosten machen vietnamesische Waren für die Verbraucher noch attraktiver.
Allerdings können die neuen Exportmöglichkeiten die Herausforderungen durch die steigenden Energiepreise nicht lindern. Die vietnamesische Regierung reagiert daher aktiv auf die Situation, um die Wirtschaft angesichts der rapide steigenden Ölpreise zu schützen.
Vietnam ist stark von Treibstoffimporten abhängig, etwa 80–87 Prozent seines Öls stammen aus dem Nahen Osten. Der eskalierende Konflikt treibt die Treibstoffpreise in die Höhe, was unweigerlich Auswirkungen auf die Inflation haben wird. Um diese Risiken zu minimieren, ergreift die vietnamesische Regierung proaktive Maßnahmen. Premierminister Pham Minh Trinh hat eine Taskforce eingerichtet, die die Lage täglich überwacht. Zur Stabilisierung der Energiepreise im Inland hat das Kabinett beschlossen, die Einfuhrzölle auf bestimmte Erdölprodukte vorübergehend aufzuheben, einen Stabilisierungsfonds zur Stützung der Kraftstoffpreise im Einzelhandel einzurichten und den Kampf gegen Wiederverkäufer und Spekulanten im Kraftstoffsektor zu verstärken.
Der Premierminister wies die zuständigen Behörden an, dem Regierungsbüro täglich über die globalen Entwicklungen zu berichten und gleichzeitig eine schnelle, flexible und effektive Reaktion auf die aktuellen Herausforderungen sicherzustellen.
Für die vietnamesische Bevölkerung sind die Auswirkungen des Nahostkonflikts vor allem durch steigende Preise spürbar. Ende Februar waren die Benzinpreise um 32 Prozent und die Dieselpreise sogar um 56 Prozent gestiegen. Mitte März fiel der Anstieg weniger dramatisch aus, war aber dennoch deutlich spürbar: Die Benzinpreise stiegen um 7,66 Prozent und die Dieselpreise um 1,6 Prozent. Natürlich besteht ein deutlicher Unterschied zwischen den offiziellen Statistiken und der Lebensrealität und die Menschen bemerken den allgemeinen Preisanstieg. Die Vietnamesen sagen offen, dass sie sich weniger Sorgen um den Anstieg der Treibstoffpreise an sich machen, sondern vielmehr um die allgemeine Inflation, die Lebensmittel und ihren Alltag verteuert.
Indien: Gaspanik
Die Auswirkungen des Konflikts im Nahen Osten sind auch in Indien spürbar. Experten weisen darauf hin, dass eine anhaltende Eskalation in der Golfregion die Wirtschaft des Landes erheblich beeinträchtigen könnte. Die Times of India berichtet, dass steigende globale Ölpreise bereits die Preise für Alltagsgüter beeinflussen. Steigende Energiepreise werden voraussichtlich zu höheren Lebensmittelpreisen führen, darunter auch für Pflanzenöl und Milchprodukte, da die Transport- und Logistikkosten steigen. Eine weitere Eskalation könnte das Inflationsrisiko erhöhen.
Angesichts dieser Prognosen ist in mehreren Regionen Indiens Panik unter der Bevölkerung ausgebrochen, da es in den Haushalten Sorge vor einer Gasknappheit gibt. Viele Haushalte im Land verwenden zum Kochen immer noch Gasflaschen. Es bildeten sich lange Schlangen vor den Gasagenturen und Restaurant- und Cafébesitzer begannen, ihre Öffnungszeiten zu verkürzen, um Kosten zu sparen.
Premierminister Narendra Modi traf sich mit dem indischen Minister für Erdöl und Erdgas Hardeep Singh Puri um Maßnahmen zur Sicherstellung der Gasversorgung der 1,4 Milliarden Einwohner des Landes zu besprechen. Die Regierung versicherte, dass die Stromerzeugung für alle Haushalte und Industriebetriebe vollständig gewährleistet sei. Puri erklärte, die öffentliche Panik um die LNG-Lieferungen nach Indien sei eher auf Sorgen der Verbraucher als auf einen tatsächlichen Versorgungsengpass zurückzuführen.
Beamte in Neu-Delhi betonen die Notwendigkeit einer diplomatischen Lösung des Konflikts. Fast täglich fordert die Regierung des Landes die „Beilegung aller Streitigkeiten durch Dialog“.
Sri Lanka: Ölvorrat nur für zwei Monate
In Sri Lanka haben Nachrichten über steigende Ölpreise aufgrund der Eskalation im Nahen Osten Besorgnis ausgelöst. Das Land befürchtet eine Wiederholung der Energiekrise von 2022, als Treibstoffknappheit den öffentlichen Nahverkehr lahmlegte, Schulen schloss und Geschäfte stilllegte. Der Inselstaat, der sich erst vor Kurzem von einer schweren Wirtschaftskrise zu erholen begann, bleibt anfällig für Schwankungen der globalen Energiepreise.
Laut Daily Mirror könnte jede Unterbrechung der Öllieferungen über den Persischen Golf zu höheren Kraftstoff- und Strompreisen im Land führen. Die sri-lankische Zeitung The Island warnte, höhere Ölpreise könnten die Inflation beschleunigen und zu höheren Preisen für öffentliche Verkehrsmittel, Strom und Lebensmittel führen. Experten weisen einhellig darauf hin, dass solche Schocks auf dem Weltmarkt für einen Inselstaat, der fast vollständig von Treibstoffimporten abhängig ist, erhebliche negative Folgen haben könnten.
Präsident Anura Kumara Dissanayake erklärte, die Regierung könne die Insel nur für zwei Monate ununterbrochen mit Energie versorgen, sollte der Konflikt im Nahen Osten andauern. Daraufhin bat Colombo das benachbarte Indien um Treibstoffhilfe. Sri Lanka richtete zudem einen Antrag auf Energielieferungen an die russische Regierung.
Evgeny Pakhomov (Hongkong), Andrey Popov (Shanghai), Elena Protopopova (Neu-Delhi), Igor Ivanov (Seoul), Yuri Denisovich (Hanoi)
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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