Warum sich Selensky und Klitschko seit Jahren bis aufs Blut bekämpfen

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In deutschen Medien hört man fast nichts über den erbitterten Kampf, den sich der ukrainische Machthaber Selensky und de...

anti-spiegel.ru📅 16.10.2026
„Gestank des Autoritarismus“

Warum sich Selensky und Klitschko seit Jahren bis aufs Blut bekämpfen

Der ukrainische Machthaber Selensky und der Kiewer Bürgermeister Klitschkos liegen seit vielen Jahren in einem erbitterten Kampf. Was sind die Gründe?

In deutschen Medien hört man fast nichts über den erbitterten Kampf, den sich der ukrainische Machthaber Selensky und der Kiewer Bürgermeister Klitschkos seit vielen Jahren liefern. Manchmal erscheinen in Deutschland zwar Interviews, in denen Klitschko Selensky kritisiert, aber viel mehr weiß das deutsche Publikum nicht über deren Streit.

Da der Streit vor dem Hintergrund des kommenden Winters, indem in der Ukraine – und damit auch in Kiew – die Versorgung mit Strom, Heizung, Wasser, Lebensmitteln und so weiter nicht garantiert ist, wieder an Schärfe zunimmt, hat die TASS in einem Artikel die Chronologie des Streits aufgezeigt und ich habe den Artikel übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Der Gestank des Autoritarismus: Was hinter dem Krieg zwischen Selensky und Klitschko steckt

Ein Bericht der TASS über den zwischen den Amtsträgern schwelenden Konflikt.

Wladimir Selensky und der Kiewer Bürgermeister Witali Klitschko liegen bereits seit mehr als sechs Jahren im Clinch. Ersterer möchte das Oberhaupt der Hauptstadt auswechseln, Letzterer wirft der Regierung im Gegenzug immer wieder einen „stinkenden“ Autoritarismus vor. Angesichts von Schwierigkeiten bei der Vorbereitung auf die Heizsaison und Problemen im Energiesektor ist das Sparring zwischen dem Boxer und dem Komiker 2026 in eine neue, heiße Phase getreten. Darum geht es in diesem Bericht der TASS.

Die unterschiedlichen Wege

Wladimir Selensky ist ein echter Künstler. Wortwörtlich gemeint. Er war ein erfolgreicher Showman. Populismus und Demagogie verhalfen ihm 2019 an die Macht. Sein Wahlerfolg war überwältigend: In der Stichwahl erzielte er 73,22 Prozent der Stimmen, ein Rekord in der Geschichte des Landes. Auf den zweiten Platz kam damals Petro Poroschenko.

Doch die Jahre vergehen und während großspurige Reden und pompöses Auftreten das westliche Publikum vielleicht noch beeindrucken, stellen die ukrainischen Wähler immer häufiger kritische Fragen. So ergab eine Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie, dass mehr als die Hälfte der Ukrainer nicht möchte, dass Selensky für eine zweite Amtszeit kandidiert.

Die Unterstützung und das Vertrauen schwinden vor dem Hintergrund einer kriegsmüden Bevölkerung und interner Skandale, in die Selensky immer tiefer hineingezogen wird. Er streitet und zankt sich mit jedem, der nicht seiner Meinung ist: mit Oligarchen, Amtsträgern und sogar mit anderen Staatschefs.

Doch wenn das bei den Ukrainern früher noch Eindruck gemacht hat, verstehen sie heute, dass hinter seinen Worten nichts steckt. Die Kundgebungen und Demonstrationen der letzten Monate deuten darauf hin, dass Selensky die Kontrolle über die Lage und die Gesellschaft verliert.

Aus Klitschkos Biografie wissen wir, dass Redegewandtheit, anders als beim Showman Selensky, nicht seine Stärke ist. Sein „rhetorisches Genie“ bescherte uns den unvergesslichen Satz: „Was den heutigen Tag betrifft, so kann nicht jeder in den morgigen Tag blicken. Besser gesagt, es können nicht alle in ihn blicken. Nur wenige können das.“ (Anm. d. Übers.: Klitschko ist, was seine rhetorischen Aussetzer angeht, durchaus so etwas wie eine ukrainische Annalena Baerbock. Seit dem Maidan 2014 gibt es auf Russisch und Ukrainisch unzählige Mems mit Beispielen für Klitschkos „rhetorisches Genie“.)

Klitschko hat sich seinen Ruhm nicht mit Worten, sondern mit den Fäusten erarbeitet, im Boxring. Und obwohl er ein erfolgreicher Sportler war, gelang es ihm erst im dritten Anlauf, Bürgermeister von Kiew zu werden.

2005 beendete er seine Boxkarriere. Am 10. Dezember 2005 schlossen sich die Parteien „PORA“ und „Reformen und Ordnung“ (PRP) zum Block „PORA-PRP“ zusammen, um an den Wahlen zum Kiewer Stadtrat sowie an den Parlamentswahlen am 26. März 2006 teilzunehmen. Klitschko fungierte dabei als politisches Zugpferd und führte die Kandidatenliste des Blocks an.

2006 kandidierte er erstmals für das Amt des Bürgermeisters von Kiew. Er belegte lediglich den zweiten Platz (23,7 % der Stimmen) und musste sich dem Unternehmer Leonid Tschernowezky (32 %) geschlagen geben. Bei den vorgezogenen Wahlen am 25. Mai 2008 schnitt Klitschko sogar noch schlechter ab: Er landete auf dem dritten Platz (17,63 %), hinter Tschernowezky (37,72 %) und Alexander Turtschinow (19,13 %).

2010 übernahm er den Vorsitz einer Partei mit dem für ihn bemerkenswert passenden Namen UDAR (das russische und ukrainische Wort für „Schlag“, aber offiziell die Abkürzung für „Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen“). Zwei Jahre später zog er als Spitzenkandidat der Partei in die Werchowna Rada (das ukrainische Parlament) ein. UDAR erzielte bekam etwa 14 Prozent der Stimmen.

2014 wurde die Popularität Klitschkos genutzt, um den Staatsstreich zu legitimieren.

Der Ex-Boxer erklärte damals seine Bereitschaft, bei den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen zu kandidieren. Letztlich traf er jedoch eine Absprache mit Poroschenko, verzichtete auf die Präsidentschaftskandidatur und erhielt im Gegenzug Unterstützung bei der Wahl zum Bürgermeister von Kiew. (Anm. d. Übers.: Hier sind die Umstände entscheidend, die selbst vielen Ukraine-Experten nicht bekannt sind, denn Klitschko wurde bei einem Treffen mit ukrainischen Oligarchen in Wien mit 100 Millionen Dollar in bar dazu überredet, Poroschenko beim Präsidentschaftswahlkampf zu unterstützen und sich mit dem Amt des Kiewer Bürgermeisters zufrieden zu geben, Details dazu finden Sie in diesem Artikel und in den ersten 17 Minuten dieses Interviews aus dem Jahr 2020.)

Poroschenko gewann, ebenso wie Klitschko. Letzterer wurde am 25. Mai 2014 gewählt (56,7 %). In den Jahren 2015 (66,49 %) und 2020 (50,5 %) wurde er jeweils wiedergewählt. 2016 übernahm Klitschko zudem den Vorsitz des Verbands der Städte der Ukraine.

Unter Poroschenko übernahm Klitschko außerdem das Amt des Leiters der Stadtverwaltung, das Teil der präsidialen Machtvertikale ist.

Der erste Kampf

Der Konflikt zwischen Selensky und Klitschko hat eine lange Vorgeschichte. Eine der ersten Auseinandersetzungen, die der Kiewer Bürgermeister selbst bestätigt hat, ereignete sich im November 2018, kurz bevor Selensky seine Präsidentschaftskandidatur bekannt gab. Klitschko, der zum Geburtstag von Igor Surkis, dem Präsidenten des Fußballvereins Dynamo Kiew, eingeladen war, machte damals einen Scherz über Selensky, der als Moderator durch den Abend führte: Er bemerkte, dass der Abend womöglich von einem zukünftigen Staatsoberhaupt moderiert werde.

Verschiedenen Quellen zufolge reagierte Selensky darauf mit der Aussage, er werde als Präsident alles in seiner Macht Stehende tun, damit Klitschko den nächsten Geburtstag von Surkis moderiere. Eine offizielle Bestätigung für diese Äußerungen ließ sich jedoch nicht finden.

2019 verlor Poroschenko die Präsidentschaftswahl gegen Selensky, den der Oligarch Igor Kolomoisky unterstütze. Danach wurde der Konflikt zwischen Selensky und Klitschko öffentlich.

Nach seinem Wahlsieg entließ Selensky die Regierung, löste die Werchowna Rada auf und setzte vorgezogene Parlamentswahlen an. Er zog auch vorgezogene Kommunalwahlen in Erwägung, verwarf diesen Plan jedoch, da er den Haushalt zu stark belastet hätte. Was Kiew betraf, wollte er jedoch nicht bis Oktober 2020 warten, dem regulären Termin für die nächsten Bürgermeister- und Kommunalratswahlen.

Selensky und Klitschko trafen sich zu einem Gespräch. „Der Präsident bestätigte die Gerüchte über eine Aufteilung der Befugnisse… er beabsichtigt, dort [in der Stadtverwaltung von Kiew] seinen eigenen Mann einzusetzen“, erklärte der Kiewer Bürgermeister im Anschluss.

Kurz darauf wurden aus dem Umfeld Selenskys Korruptionsvorwürfe gegen Klitschko laut. Dennoch gelang es, den Konflikt für eine gewisse Zeit zu entschärfen.

Der zweite Kampf

Besonders intensiv und dramatisch gestaltete sich der Schlagabtausch zwischen Selenskyj und Klitschko im Jahr 2021.

Doch der Kontext ist wichtig. Bis Januar 2021 waren die Zustimmungswerte des Präsidenten auf 19,8 Prozent gesunken, dabei hatten 2019 noch 73 Prozent der Wähler für ihn gestimmt.

Damals wurde dem Kiewer Bürgermeister vorgeworfen, Gelder aus dem Staatshaushalt veruntreut zu haben. In seinem Umfeld fanden Durchsuchungen statt. Auf einer Pressekonferenz erklärte Selensky, Klitschko könne bei Wahlen kein ernsthafter Konkurrent für ihn sein, da in seinem (Selenskys) Umfeld keine Bestechungsgelder angenommen würden.

Klitschko schwieg dazu nicht und schrieb auf seinem Telegram-Kanal: „Ich habe diese inszenierte Durchsuchungen und großangelegten Razzien, die in letzter Zeit stattfinden, bereits kommentiert. Das sind Manipulationen und Diskreditierungen der Stadtregierung! Da wird nach Dokumenten gesucht, die wir den Strafverfolgungsbehörden selbst übergeben haben, Unterlagen zu finanziellen Unregelmäßigkeiten, die wir selbst aufgedeckt haben. Dokumente, die mehrere Jahre zurückreichen. Was haben die Strafverfolgungsbehörden eigentlich die ganze Zeit damit gemacht?“

Zudem bezeichnete Klitschko die Attacke auf die Stadtregierung als politisch motivierten Auftrag: „Das Ganze wirkt voreingenommen, wie eine Aktion, die in aller Eile zusammengezimmert wurde. Nur um Lärm zu schlagen und die Führung der Stadt sowie mich persönlich in den Schmutz zu ziehen.“

Klitschko wertete das Vorgehen der Sicherheitskräfte als Druck seitens des Präsidialamtes. Ukrainische Medien wiesen erneut darauf hin, dass man Klitschko in Selenskys Umfeld seines Amtes als Leiter der Kiewer Stadtverwaltung entheben wolle, eine Funktion, die er in Personalunion mit seinem Posten als Bürgermeister ausübte.

Klitschko erzählte dem damaligen US-Außenminister Antony Blinken, der Kiew zu jener Zeit besuchte, von dem Druck auf die kommunale Selbstverwaltung. Als Angela Merkel die Stadt besuchte, wurde Klitschko schlichtweg nicht zu ihr durchgelassen. Er kam nicht auf die Gästeliste.

Kurz darauf warf Klitschko der ukrainischen Führung vor, Strafverfolgungsbehörden für politische Auseinandersetzungen zu instrumentalisieren und eine übermäßige Zentralisierung der Macht anzustreben.

Am 2. Dezember 2023 erklärte er in einem Interview mit dem deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, die Ukraine bewege sich in Richtung Autoritarismus, durch das Handeln Selenskys seien im Land kaum noch unabhängige staatliche Institutionen geblieben. In einem weiteren Interview mit der Schweizer Zeitung „20 Minuten“ äußerte der Kiewer Bürgermeister die Ansicht, Selensky zahle nun den Preis für seine Fehlentscheidungen, daher sei der Rückgang seiner Beliebtheitswerte nicht überraschend. Klitschko betonte, hinter dem ausgeübten Druck stecke das Bestreben von Selenskys Team, ihn als potenziellen Konkurrenten für künftige Präsidentschaftswahlen zu diskreditieren.

Ende 2023 verschärften sich die Spannungen zwischen Selensky und Walery Saluschny, dem Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte. Klitschko stellte sich hinter den General und kritisierte zudem die Entscheidung, ihn seines Postens zu entheben.

Gleichzeitig machte die Regierung den Kiewer Bürgermeister für Probleme bei der Versorgung mit Strom und Heizung, einer unzureichenden Anzahl öffentlicher Wärmestuben sowie für den mangelhaften Zustand der städtischen Schutzräume verantwortlich.

Der dritte Kampf

Im Sommer 2024 kursierten Gerüchte, dass Selensky, vor dem Hintergrund des Skandals um den mangelhaften Zustand von Luftschutzkellern, die Situation nutzen könnte, um Klitschko seines Amtes als Chef der Kiewer Stadtverwaltung zu entheben. Die Regierung beließ es jedoch bei einem offiziellen Tadel gegen ihn und der Entlassung mehrerer Leiter von Bezirksverwaltungen der Hauptstadt. Zudem wurden zwei Beamte der Stadtverwaltung unter Hausarrest gestellt, ihnen wird Fahrlässigkeit im Dienst vorgeworfen. Das Portal „Strana“ berichtete, man habe beschlossen, die Entlassung Klitschkos aufzuschieben – aus Angst vor der Reaktion des Westens.

Ebenfalls im Jahr 2024 griff Klitschko Selensky in einem Interview mit der kanadischen Zeitung „The Globe and Mail“ scharf an. „Was wir derzeit erleben, kann ich nicht als Demokratie bezeichnen“, sagte das Stadtoberhaupt. „Das riecht nach einer Machtvertikale und Autoritarismus.“ Laut Klitschko seien bestimmte Personen für diese Lage verantwortlich, Namen nannte er jedoch nicht. „Sie wollen eine vollständige Zentralisierung, genau deshalb sehen wir in der Ukraine zentralisierte Medien und ein zentralisiertes Fernsehen. Sie versuchen zudem, die Macht zu zentralisieren und eine vertikale Herrschaftsstruktur aufzubauen“, so der Bürgermeister.

Er wies zudem darauf hin, dass der nationale „Telemarathon“ in den vergangenen zwei Jahren den Löwenanteil des ukrainischen Fernsehprogramms eingenommen habe, ohne Raum für alternative Sichtweisen. „Wir erleben das tatsächliche Bestreben, nur eine bestimmte Art von Informationen zu präsentieren, die man zudem zu kontrollieren versucht“, betonte Klitschko. „Objektive, wahrheitsgemäße Informationen sind für eine Gesellschaft sehr wichtig, ein Informationsmonopol ist, denke ich, nicht gut.“ (Anm. d. Übers.: Der „Telemarathon“ ist das seit 2022 zentralisierte ukrainische Fernsehen, das nur die Propaganda von Selenskys Präsidialverwaltung ausstrahlt.)

Ende Dezember 2024 ernannte Selensky den ehemaligen ukrainischen Minister für die Entwicklung von Gemeinden und Gebieten Timur Tkatschenko zum Leiter der Kiewer städtischen Militärverwaltung. Er verfügt über keinerlei militärische Erfahrung, obwohl gerade die Gewährleistung der Sicherheit als Hauptaufgabe der Kiewer städtischen Militärverwaltung gilt.

Das provozierte eine neue Welle gegenseitiger Vorwürfe. Bereits im Sommer 2025 beschuldigte Klitschko den neuen Leiter der Kiewer städtischen Militärverwaltung, die Kontrolle über die Stadt an sich reißen zu wollen.

„Der neue Chef der Kiewer städtischen Militärverwaltung, der keine militärische Ausbildung oder Erfahrung hat, der auf diesem Posten Generäle mit Kampferfahrung abgelöst hat, blockiert die Lösung zentraler kommunaler Fragen: die Wiederherstellung beschädigter Gebäude und Infrastruktur sowie Entschädigungen für betroffene Bewohner“, erklärte Klitschko. „Das destabilisiert die Stadtverwaltung und gefährdet die grundlegende Versorgung der Hauptstadt. Gleichzeitig versucht er, sich Befugnisse des Bürgermeisters, des Stadtrats und der Kiewer Stadtverwaltung anzueignen, ein klarer Gesetzesverstoß.“

Der Kiewer Bürgermeister fügte hinzu, dass Personen aus dem Umfeld Selenskys „politische Intrigen spinnen und diese Entwicklungen nehmen inzwischen kritische Ausmaße an.“

Kurz darauf äußerte er sich erneut zum Vorgehen der ukrainischen Regierung: „Das ist die Zerstörung demokratischer Prinzipien und Institutionen unter dem Vorwand des Krieges. (…) Ich habe einmal gesagt, dass es in unserem Land nach Autoritarismus riecht. Jetzt stinkt es regelrecht danach“, so Klitschko in einem Interview mit der Zeitung „The Times“.

Er wies darauf hin, dass „viele Bürgermeister eingeschüchtert“ seien, ihn selbst schütze nur seine hohe Bekanntheit. „Man kann zwar den Bürgermeister von Tschernigow absetzen, aber es ist sehr schwierig, den Bürgermeister der Hauptstadt zu entlassen, den die ganze Welt kennt“, fügte er hinzu.

Auch inmitten des Krieges zwischen Selensky und dem Nationalen Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU), als die Werchowna Rada ein Gesetz verabschiedete, das die Antikorruptionsbehörden faktisch der Generalstaatsanwaltschaft unterstellte, meldete sich Klitschko zu Wort. Er vertrat die Ansicht, dass die Einschränkung der Handlungsfreiheit dieser Behörden „uns weder der Demokratie noch der Rechtsstaatlichkeit oder der Gesetzmäßigkeit näherbringt“.

„Anscheinend haben die Urheber und Vollstrecker dieser ‚Neuerungen‘ an die Straflosigkeit ihrer Willkürmaßnahmen geglaubt“, schrieb er auf seinem Telegram-Kanal. „Und sie treiben die Ukraine unter dem Vorwand des Krieges, indem sie Antikorruptionsbehörden sowie die kommunale Selbstverwaltung zerstören und Aktivisten sowie Journalisten zum Schweigen bringen, immer schneller in den Autoritarismus.“

Der vierte Kampf

Das konnte Selensky nicht hinnehmen. Anfang 2026 übte er scharfe Kritik am Kiewer Bürgermeister, da die Hauptstadt seiner Ansicht nach nicht ausreichend darauf vorbereitet war, die Probleme mit der städtischen Energieinfrastruktur zu bewältigen.

„Der Fokus sollte nicht darauf liegen, Problemen auszuweichen, sondern sie zu lösen, besonders dann, wenn die nötigen Ressourcen dafür vorhanden sind, wie es in Kiew der Fall ist. Es ist die am besten finanzierte Stadt der Ukraine, alle erforderlichen Reservesysteme müssten also bereitstehen“, erklärte Selensky in einer Ansprache.

Zudem merkte Selensky an, dass die Energiesituation in Kiew besonders kritisch sei. Er warf den Kiewer Behörden eine mangelhafte Vorbereitung vor und fügte hinzu, er könne keine intensiven Bemühungen erkennen.

„Welche ‚Intensität‘ in der Arbeit sieht [Selensky] angesichts des Ausnahmezustandes denn nicht?“, reagierte Klitschko auf seinem Telegram-Kanal und fügte hinzu, er sehe sich mit einer Welle von „purem Hass“ konfrontiert.

Der Bürgermeister erinnerte unter anderem daran, dass er für seinen Aufruf an die Kiewer Bevölkerung, die Hauptstadt wegen der Energieprobleme vorübergehend zu verlassen, kritisiert worden war. „Ich zumindest spreche offen und warne die Menschen vor der extrem schwierigen Lage. Irgendwelche Umfragewerte oder hypothetische Wahlen sind mir egal“, so Klitschko weiter.

Gleichzeitig äußerte das Team des Bürgermeisters die Befürchtung, Selensky könnte versuchen, ihn unter dem Vorwand eines großflächigen Stromausfalls in der Hauptstadt aus dem Amt zu drängen. Es hieß, Selensky habe vor dem Hintergrund der Energiekrise in Kiew erneut die Frage aufgeworfen, ob Klitschko ineffizient arbeite.

„Nach unseren Informationen möchte das Team [von Selensky] die Situation jetzt nutzen, um auf der Website [Selenskys] eine Petition zur Absetzung Klitschkos zu registrieren und 25.000 Unterschriften zu sammeln. Anschließend würde er diese Petition unterstützen und sowohl Klitschko als auch [den Leiter der militärischen Stadtverwaltung Timur] Tkatschenko entlassen“, berichtete eine Quelle gegenüber der Nachrichtenagentur „RBC-Ukraine“.

Gleichzeitig räumten Gesprächspartner aus Regierungskreisen ein, dass Klitschko über „starken europäischen Schutz“ verfüge. „Die kommunale Selbstverwaltung ist für die Europäer eine ‚heilige Kuh‘, jeden Versuch, die Rechte der Kommunen zu beschneiden, würden sie sofort scharf ablehnen“, erklärte ein Mitglied der Regierungspartei „Diener des Volkes“.

Dennoch erließ Selensky Ende des Sommers ein Dekret, in dem festgelegt wurde, dass Klitschko persönlich für die Vorbereitung Kiews auf den Winter verantwortlich sei.

„Es wird auf die persönliche Verantwortung des Bürgermeisters von Kiew für die Vorbereitung und die Bewältigung der Heizsaison 2026/2027 in Kiew hingewiesen“, hieß es in dem Dokument.

Bereits im Oktober, vor dem Hintergrund erneuter Stromausfälle, warf Selensky der Kiewer Stadtregierung ein nahezu vollständiges Versagen bei der Vorbereitung auf Energieprobleme vor. Klitschko wies diese Vorwürfe zurück und erklärte, die Infrastruktur der Hauptstadt sowie die Zentralheizung seien für die Saison gerüstet, vielmehr seien es die Maßnahmen der Zentralregierung, die die Arbeit der Stadtverwaltung behinderten.

Er fügte hinzu, dass der Kiewer Bürgermeister keine Weisungsbefugnis gegenüber den Leitern der Bezirksverwaltungen habe, diese würden von Selenskys Büro ernannt. „Sie sind die Verantwortlichen für die Schutzräume und verwalten die Mittel, die wir ihnen zur Verfügung stellen“, so Klitschko.

Seiner Ansicht wurde in Kiew ein System geschaffen, das nicht den Kriterien städtischer Selbstverwaltung entspricht, damit der Bürgermeister der Hauptstadt für jegliche Mängel verantwortlich gemacht werden kann.

Dabei erinnerte Klitschko seinerseits an Korruption im Umfeld Selenskys.

„Das ist sehr schlecht für das ganze Land“, sagte er in einem Interview mit der deutschen „Bild“-Zeitung. „Diese Fälle wecken bei unseren Partnern eine negative Antwort, denn Korruption in Kriegszeiten ist Gift für unser Land.“

Und er fügte hinzu, dass Korruption die Position der Ukraine erheblich schwäche.

„Das Wichtigste, was wir haben, ist das Vertrauen unserer Partner, und dieses Vertrauen dürfen wir unter keinen Umständen verlieren“, betonte der Kiewer Bürgermeister.

Auf die Frage nach seinem Verhältnis zu Selensky erklärte Klitschko, er habe ihn seit Beginn des Konflikts „noch kein einziges Mal“ gesehen. „Das ist nicht schlimm, damit kann ich leben“, sagte er. Kurz darauf korrigierte er sich und präzisierte, dass er Selensky doch „einmal“ getroffen habe.

Unterdessen kam es Ende letzter Woche in Kiew über mehrere Tage hinweg zu erheblichen Störungen der Stromversorgung. Neben geplanten Abschaltungen wurden in der Stadt wiederholt Notabschaltungen des Stromnetzes vorgenommen. In der Hauptstadt fiel der Strom aus, es kam zu Unterbrechungen bei der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, und der elektrische Nahverkehr sowie die U-Bahn kamen zum Stillstand. Klitschko erklärte, die Hauptstadt befinde sich nun im „Überlebensmodus“, und riet erneut dazu, die Stadt für den Winter zu verlassen.

Vor dem Hintergrund des Konflikts und der Stromausfälle in Kiew wurde Klitschko in die Werchowna Rada einbestellt. Die Abgeordneten forderten einen Bericht über die Vorbereitung der Infrastruktur auf den Winter.

Er erschien, doch zu einem konstruktiven Dialog kam es nicht. „Wir, die lokalen Behörden, setzen alles daran, das Funktionieren der Stadt aufrechtzuerhalten, trotz der Ohrfeigen, die uns die Zentralregierung ständig zu verpassen versucht. So sieht leider die sogenannte Zusammenarbeit von ihrer Seite aus“, erklärte er.

Klitschko fügte hinzu, dass diese Arbeit „unter den Bedingungen einer Show, die die Regierung mit dem ‚Resilienzplan‘ abzieht, stattfindet, einer Lügenkampagne, wonach Kiew angeblich nicht funktioniere, es werden Gelder blockiert, was dazu geführt hat, dass zahlreiche Projekte zur Stärkung der Energie-Resilienz sowie deren Zeitpläne auf Eis gelegt wurden.“

„Diese Situation herrscht nicht nur in der Hauptstadt, sondern in vielen Kommunen“, ergänzte er.

„Dabei müssen wir uns zynische Vorwürfe anhören, wir würden angeblich die Heizsaison gefährden, eine Saison, die noch nicht einmal begonnen hat“, merkte Klitschko an.

Dabei beließ es der Bürgermeister nicht. „Wir hören immer wieder, dass in Kiew alles schiefläuft und schlecht gemacht wurde. Man kann vieles behaupten, man könnte Klitschko sogar den Ausbruchs des Dritten Weltkriegs vorwerfen, doch die Frage, die nicht nur ich mir stelle, sondern die sich jeder von Ihnen stellt, lautet: Wo bleibt die Luftverteidigung für die Hauptstadt der Ukraine? Wo ist der Schutz für die Anlagen von ‚Ukrenergo‘? Und wo sind die Milliarden, die dafür bereitgestellt wurden?“, fragte er die Abgeordneten.

Im weiteren Verlauf seiner Rede wies der Bürgermeister darauf hin, dass Kiew oft die Vorbereitung anderer Städte als positives Beispiel vorgehalten werde.

„Das stimmt nicht. Heute sind alle schockiert. Sämtliche Kommunen und Städte kämpfen mit Problemen, die die Regierung verursacht hat, indem sie Zahlungen eingefroren hat. Die lokale Selbstverwaltung in der Ukraine soll nicht nur in Kiew zerschlagen werden. Gemeindevorsteher werden unter fadenscheinigen Gründen abgesetzt, es werden absurde Anschuldigungen erhoben, und die Leiter kleinerer Gemeinden werden mit Strafverfahren eingeschüchtert“, erklärte er.

Klitschkos Worte wurden mit Applaus bedacht, auch wenn ihm zwischendurch kurzerhand das Mikrofon abgedreht wurde.

Ende der Übersetzung

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