Armenien und Georgien in Bedrängnis – Zwei Vorposten des Abendlandes geraten ins Wanken

📰 paz.de

Das Vordringen des Islam hat den Kaukasus längst erfasst. Die einzigen christlichen Länder der Region könnten von der En...

paz.de📅 11.10.2026

Armenien und Georgien gehörten zu den ersten christlichen Reichen der Welt und bilden heute zwei isolierte Vorposten der Christenheit im ansonsten flächendeckend muslimisch geprägten Übergangsbereich zwischen Europa und Asien südlich des Kaukasus. Mittlerweile aber wächst die Gefahr, dass auch diese beiden kleinen Länder über kurz oder lang in den Machtbereich des Islam geraten könnten – so wie es ihnen in der Vergangenheit schon einmal passiert war.

Am Anfang wandelte das Christentum in Transkaukasien ganz klar auf der Siegerstraße. Im Jahre 301 n. Chr. bekehrte Gregor der Erleuchter den armenischen König Tiridates III. zum christlichen Glauben, der dann auch sofort anstelle des altpersischen Zoroastrismus zur Staatsreligion aufstieg. Der Legende nach konnte der Heilige den „heidnischen“ Herrscher von einem für unheilbar gehaltenen und entstellenden Hautleiden kurieren.

Georgien folgte 337, sieben Jahre nachdem Ezana, der König von Axum auf dem Gebiet des heutigen Äthiopien, auf Anraten seines phönizischen Lehrers Frumentius zum Christentum konvertiert war. In Georgien wiederum sorgte eine ehemalige Sklavin aus Kappadokien namens Nino zunächst für die Genesung der todkranken Königin Nana. Anschließend erlebte deren Ehemann Mirian III., wie die Anrufung des christlichen Gottes ihn von einer plötzlich einsetzenden Blindheit befreite. Daraufhin tat er es Tiridates und Ezana gleich – also bereits 43 Jahre, bevor der römische Kaiser Theodosius der Große das Christentum zur alleinigen Staatsreligion des Imperium Romanum erhob.

Früh Ziel muslimischer Expansion

In der Folgezeit erlangten die armenische wie die georgische apostolische orthodoxe Kirche das Recht auf vollkommene Autonomie und Selbstverwaltung. Dazu gehörte die Einsetzung eines sogenannten Katholikos, der als alleiniges Oberhaupt der Gläubigen fungierte. Allerdings sorgte das Vordringen der muslimischen Araber im 7. Jahrhundert für schwere Bedrängnis. In Armenien fielen schon im Jahr 639 muslimische Truppen ein. Anschließend wurde das Land ein tributpflichtiges Protektorat der Kalifen von Bagdad. Wenig später siedelten arabische Stämme aus dem heutigen Saudi-Arabien, Syrien und Irak nach Armenien um. Ihnen folgten aufgrund einer schweren byzantinischen Niederlage im Jahr 1071 auch noch turksprachige Nomaden aus Zentralasien und dem nördlichen Iran. In der Zeit darauf geboten türkische Sultane und Mongolen-Khane sowie Osmanen und Perser über die christlichen Armenier.

Von denen konvertierten nun viele notgedrungen zum Islam, um nicht Opfer der brutalen Zwangsmaßnahmen oder Massaker der Fremdherrscher zu werden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es allein im Großraum der armenischen Metropole Eriwan um die 270 Moscheen, und 80 Prozent der Bevölkerung waren muslimisch. Das änderte sich allerdings nach der russischen Besetzung des Landes ab 1827 sowie der bolschewistischen Machtergreifung Ende 1920.

Seither ging die Zahl der Muslime in Armenien kontinuierlich zurück. Ein Übriges taten die von Stalin verfügten Deportationen islamischer Bevölkerungsgruppen aus Armenien zwischen 1948 und 1953. Und zuletzt setzte ab 1988 auch noch ein großer Exodus von Muslimen aus der ethnischen Gruppe der armenischen Aserbaidschaner ein, als der Bergkarabach-Konflikt aufflammte.

Zaren stoppten die Islamisierung

In Georgien verlief die Geschichte vielfach ähnlich. Nachdem es bereits im Jahr 645 zu den ersten arabischen Einfällen gekommen war, eroberten muslimische Truppen 735 Tiflis und die umliegenden Gebiete, wodurch das Emirat at-Taflisi entstand. Das Emirat bildete einen wichtigen muslimischen Außenposten, der später wie Armenien in die Hand der sunnitischen Türken geriet. 1122 eroberte der georgische Volksheld Dawid IV. Aghmashenebeli aber das Gebiet und fügte es seinem bis dahin recht kleinem neuen Königreich hinzu. Damit leitete er ein goldenes Zeitalter ein, das bis 1386 währte. Anschließend herrschten in Georgien ebenfalls Turko-Mongolen und Perser. Dazu kamen etliche einheimische Kleinkönige und Fürsten, die meist freiwillig zum Islam konvertierten, um einen Rest an Eigenständigkeit zu bewahren.

Die Islamisierung Georgiens, die bald auch die Normalbevölkerung erfasste, endete erst mit der langwierigen und schrittweisen Eingliederung des Landes ins russische Zarenreich, die sich von 1801 bis 1864 hinzog. Nach der Revolution von 1917 und der Gründung der Georgischen Sozialistischen Sowjetrepublik sorgte der militante Atheismus der Bolschewisten für einen allgemeinen Rückgang der Religiosität, wobei die 1944 von Stalin angeordnete Deportation der Türk-Mescheten nach Zentralasien einen besonders starken Schwund der Muslime in manchen Teilen Georgiens bewirkte.

Heute scheint Georgien nun ein durch und durch christliches Land zu sein: Rund 84 Prozent der Bevölkerung gehören der orthodoxen Kirche an – und viele Menschen praktizieren ihre Religion auch sehr nachdrücklich. Andererseits trügt den Schein aber, weil sich mittlerweile schon wieder mehr als jeder zehnte Georgier zum Islam bekennt. Und in einigen ländlichen Regionen stellen Muslime sogar die absolute Mehrheit. Ihr Bevölkerungsanteil dort liegt mittlerweile zwischen 56 und 95 Prozent. Das gilt insbesondere für die Grenzgebiete zu Aserbaidschan und zur Türkei sowie für etliche Kaukasus-Täler. Sichtbar wird die Präsenz des Islam in Georgien durch die rund 300 Moscheen im Land.

Wie weit der Einfluss der Muslime bereits geht, kann man unter anderem entlang der Georgischen Heerstraße zwischen Tiflis und Wladikawkas sehen. Dort stehen an den Ufern des idyllischen Flusses Aragwi unzählige kleine blaue Wellblechhütten, in denen georgische Bauern den Durchreisenden Halal-Fleisch anbieten, das von in der Nähe gehaltenen und bei Bedarf nach muslimischem Ritus geschlachteten Tieren stammt.

„Gotteskrieger“ machen sich breit

Etliche der Käufer kommen aus den zu Russland gehörenden muslimischen Teilrepubliken wie Dagestan und Tschetschenien, die im Norden an Georgien angrenzen. Zudem leben auch in Georgien Tschetschenen, Anhänger des sunnitischen Islam. Ihr Hauptsiedlungsgebiet ist ein schwer zugängliches Tal im Großen Kaukasus, welches etliche fanatische „Gotteskrieger“ hervorgebracht hat. Ein Angehöriger dieser Gruppe gelangte sogar bis in den obersten Führungszirkel des Islamischen Staates (IS), der die IS-Milizen im Norden Syriens kommandierte. Dazu kam ein höchst aktiver IS-Rekrutierer, seines Zeichens Führer einer Terrormiliz, die der al-Kaida nahestand, die in Aleppo getötete IS-Größe Ruslan Machalikaschwili sowie Ahmed Tschatajew, genannt „Der Einarmige“, der im Rahmen eines Anti-Terror-Einsatzes in Tiflis von georgischen Sicherheitskräften erschossen wurde und ebenfalls dem IS angehörte.

Angesichts ihres islamistischen Potenzials könnten einige Gebirgsregionen des Kaukasus eines bösen Tages zum Ausgangspunkt eines Umsturzversuchs in Georgien werden – das historische Vorbild hierfür liefern die ebenfalls scheinbar aus dem Nichts gekommenen Taliban. Vom Westen zunächst unterschätzt, gelang es ihnen, ganz Afghanistan zu erobern und die westlichen Truppen 2021 schließlich auch aus der Hauptstadt Kabul zu vertreiben.

Wenn Georgien fällt, kippt vermutlich auch Armenien, obwohl es hier bislang nur wenige Muslime gibt: Bei der jüngsten Volkszählung wurden ganze 812 islamische Gläubige erfasst, die 0,027 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen und lediglich über eine einzige Moschee verfügen, die in Eriwan steht. Auch sind keine Islamisten aus Armenien bekannt. Ein 2016 in Usbekistan verurteilter Armenier erwies sich später als unschuldig. Armenische Terrorgruppen hingen bislang stets nur nationalistischen oder marxistisch-leninistischen Ideen nach.

Armenien wurde bereits halbiert

Andererseits geht von den muslimischen Nachbarstaaten Türkei, Aserbaidschan und Iran aber eine sehr starke geopolitische Bedrohung für Armenien aus. Zur Erinnerung: In der Vergangenheit haben das Osmanische Reich und die Türkei bereits mehr als 50 Prozent des ehemaligen Territoriums von Armenien einschließlich des für die Christenheit heiligen Berges Ararat und der alten armenischen Hauptstadt Ani geschluckt. Im Vergleich hierzu wirken die von Aserbaidschan derzeit besetzten 250 Quadratkilometer armenischen Bodens eher unbedeutend. Allerdings übt die Regierung in Baku immer stärkeren Druck auf Armenien aus, indem sie beispielsweise in ultimativem Ton Änderungen von dessen Landesverfassung fordert.

Vor diesem Hintergrund besteht die Möglichkeit, dass sich die überall vor Ort sichtbare Annäherung zwischen Tiflis, Eriwan und Peking nicht nur auf dem Gebiet der Wirtschaft, sondern auch in der Sicherheitspolitik als folgenreich erweist, denn China steht dem Vordringen des Islam ausgesprochen feindlich gegenüber. Menschenrechtsverletzungen gegen die muslimischen Uiguren im Westen Chinas erregen weltweit Aufsehen.

Die Hilfe des Reichs der Mitte hätte allerdings ihren Preis – das ist ebenfalls kein Geheimnis. Immerhin bilden Armenien und Georgien ein strategisch hochwichtiges Teilstück der Neuen Seidenstraße zwischen China und Europa, in dem die Pekinger Kommunisten nur zu gerne das Sagen hätten, was natürlich die Bemühungen der Europäischen Union konterkariert, die beiden transkaukasischen Staaten in ihren Einflussbereich zu integrieren.

👁 5 Aufrufe 👤 4 Leser