Wie realistisch ist Ungarns neues Vorhaben, bis 2027 auf russisches Gas zu verzichten?

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Europa hat bekanntlich zu wenig Gas und dürfte im nächsten Winter ein Energieproblem bekommen. Trotzdem will die EU-Komm...

anti-spiegel.ru📅 08.10.2026
Gaskrise

Wie realistisch ist Ungarns neues Vorhaben, bis 2027 auf russisches Gas zu verzichten?

Die neue ungarische Regierung hat nun verkündet, den Anweisungen der EU folgen zu wollen und bis Herbst 2027 auf russisches Gas zu verzichten. Aber wie ernst gemeint und wie realistisch ist das?

Europa hat bekanntlich zu wenig Gas und dürfte im nächsten Winter ein Energieproblem bekommen. Trotzdem will die EU-Kommission 2027 komplett auf russisches Gas verzichten. Ungarn hat sich unter Orban und auch in den ersten Monaten der Regierung Magyar gegen eine schnelle Absage an russisches Gas gewehrt, nun aber hat der ungarische Energieminister in einem Interview einen Kurswechsel und einen Verzicht auf russisches Gas bis Herbst 2027 angekündigt.

Darüber, ob das nur ein Trick für Verhandlungen mit Brüssel ist und ob das überhaupt realistisch ist, hat die TASS einen interessanten Artikel veröffentlicht, den ich übersetzt habe.

Beginn der Übersetzung:

Die Aussichten für Ungarns Verzicht auf russische Energieträger

Artjom Iljinski darüber, ob Ungarn seine Gaslieferungen rechtzeitig vor Ablauf der Deadline der EU diversifizieren kann.

Erst gestern, am 6. Oktober, verkündete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vor dem Europäischen Parlament: Die EU will die Importe von russischem Gas bis Ende 2027 auf null reduzieren. Dabei ist der Anteil des aus Russland bezogenen Brennstoffs seit 2022 bereits von 45 auf 12 Prozent gesunken.

Ein Großteil dieser verbleibenden 12 Prozent entfällt auf Ungarn, das Land, das sich am längsten gegen den vollständigen Ersatz russischer Energieträger gesträubt hat. Auch nach dem Regierungswechsel in Budapest im April 2026 änderte sich daran zunächst nichts Grundlegendes. Die neue Führung unter Ministerpräsident Péter Magyar sprach zwar vorsichtig von einem langfristigen Diversifizierungshorizont bis 2035, doch im September änderte sich die Richtung. Wirtschafts- und Energieminister István Kapitány kündigte in einem Interview mit dem Fernsehsender Telex an, dass Ungarn bereit sei, innerhalb der von der EU gesetzten Frist, bis Oktober 2027, vollständig auf russisches Gas zu verzichten.

Diese Entschlossenheit wird unter denkbar ungünstigen Bedingungen bekundet: Seit Februar sind die Gaspreise in Europa um 140 Prozent gestiegen. Es stellt sich zwangsläufig die Frage, wie Ungarn in so kurzer Zeit auf andere Gasquellen umsteigen will?

Was wir nicht haben, speichern wir nicht…

2025 hat Ungarn die Rekordmenge von 7,8 Milliarden Kubikmetern Gas aus Russland gekauft. Obwohl der 2021 mit Gazprom geschlossene Hauptvertrag über 15 Jahre eine jährliche Liefermenge von 4,5 Milliarden Kubikmetern vorsah, wurde der wachsende Bedarf Budapests regelmäßig durch Zusatzvereinbarungen gedeckt. Der Spitzenwert von 7,8 Milliarden Kubikmetern ist wichtig, um zu verstehen, wie viel Gas das Land tatsächlich braucht.

Die wichtigste potenzielle Gasquelle für Ungarn ist Rumänien. Bukarest fördert jährlich rund 9,3 bis 9,9 Milliarden Kubikmeter, das von der Schwarzmeerküste ins Landesinnere verlaufende Pipelinenetz verfügt über Verbindungsleitungen nach Bulgarien, in die Ukraine, nach Moldawien und nach Ungarn. Der für uns relevante Abschnitt Arad–Szeged (Interkonnektor Csanádpalota) wird derzeit umfassend modernisiert: Ab dem 1. April 2026 steigt die Kapazität in beide Richtungen von 310.000 auf 320.000 Kubikmeter Gas pro Stunde.

Die maximale Kapazität dieser Leitung unter optimalen Bedingungen lässt sich leicht berechnen: Q = 320.000 m³ × 8.766 Stunden/Jahr ≈ 2,8 Milliarden m³. Das bedeutet, dass Rumänien selbst bei Vollauslastung nur 36 Prozent des von Ungarn benötigten Gases liefern könnte. Hätte Brüssel Budapest nicht unter Zeitdruck gesetzt, hätte die Zeit für Ungarn gearbeitet, da die Kapazität des Interkonnektors bis 2029 auf 5,32 Milliarden Kubikmeter pro Jahr erhöht werden soll (was 71 Prozent der russischen Lieferungen entspricht) .

Vor diesem Hintergrund setzt Ungarn große Hoffnungen auf die Erschließung des neuen rumänischen Erdgasfeldes „Neptun Deep“ im Schwarzen Meer. Die Unternehmen OMV Petrom und Romgaz haben bestätigt, dass die Förderung dort in der ersten Jahreshälfte 2027 anlaufen und bis zum dritten Quartal ein Plateau von 8 Milliarden Kubikmetern pro Jahr erreichen wird. Die Infrastruktur ist weitgehend fertiggestellt: sieben Bohrungen, eine Plattform und eine 160 Kilometer lange Gaspipeline bis zur Küste. Doch es gibt ein kleines „Aber“.

Es ist unwahrscheinlich, dass diese gesamte Menge nach Ungarn gehen wird. Rumänien benötigt den Rohstoff selbst dringend für seine Industrie, zudem ist Bukarest an Gaslieferverpflichtungen gebunden, etwa gegenüber Moldawien. Wie viel von diesen 8 Milliarden tatsächlich an Ungarn gehen wird, ist unklar. Zudem ist zu bedenken, dass das nur Prognosen sind, man sollte also nicht fest damit rechnen, dass ab dem dritten Quartal 2027 rumänisches Gas nach Ungarn strömt.

Folglich wird Rumänien bestenfalls ein Drittel beisteuern. Woher sollen dann die verbleibenden zwei Drittel kommen?

Hier und jetzt

Gerade jetzt, am 6. und 7. Oktober, hat Ungarn in aller Eile ein Abkommen mit Kroatien über die gemeinsame Erschließung des grenznahen Gasfeldes Zalata-Dravica geschlossen. Aber dieses lokale Projekt ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, das das Problem im Hier und Jetzt nicht löst.

Ein Teil des Defizits lässt sich über den Spotmarkt decken, also durch Käufe zum aktuellen Preis bei sofortiger Lieferung, faktisch „hier und jetzt“. Für Ungarn bedeutet das eine direkte Abhängigkeit von den Entscheidungen und Preisen der CEEGEX, dem wichtigsten Betreiber des nationalen Gasmarktes. Dieser Schritt nimmt dem Land die Stabilität langfristiger Verträge. Unter den Bedingungen der extremen Volatilität des weltweiten Energiemarktes kann der Spotmarkt ein hochriskantes Spiel werden. Man muss ihn als vorübergehende (wenn auch effektive) Notlösung betrachten, keinesfalls jedoch als strategische Lösung für die ungarische Wirtschaft.

Ungarn hat auch andere, nicht russische Verträge für Gas. Einige davon wurden bereits unter Viktor Orbán mit Unternehmen wie Shell, Engie, Chevron und der aserbaidschanischen SOCAR geschlossen, zusammen könnten sie jährlich rund 1,4 Milliarden Kubikmeter liefern. Der Großteil dieser Lieferungen ist Flüssigerdgas (LNG), das über das kroatische Terminal auf der Insel Krk kommt. Das Problem dabei ist, dass die Lieferung der wichtigen Mengen im Rahmen dieser Abkommen erst für das Jahr 2028 geplant ist. Das schafft erneut eine kritische zeitliche Lücke und verhindert, dass Ungarn das entscheidende Jahr 2027 ohne größere Probleme übersteht.

Technisch gesehen ist Ungarn in der Lage, sich bis Oktober 2027 von russischem Gas unabhängig zu machen. Das ist jedoch nur unter der Voraussetzung möglich, dass die optimistischsten Prognosen eintreffen. Die rumänische Förderung muss rechtzeitig und störungsfrei die geplanten Zielwerte erreichen und die Pipelines müssen unter Volllast laufen, und die fehlende Mengen wird Budapest durch Notkäufe am Spotmarkt decken müssen. Nur so kann das Land bis 2028 durchhalten, dem Zeitpunkt, an dem alternative Verträge mit westlichen Gasunternehmen beginnen.

Dabei bleibt das Verhalten ausländischer Akteure, insbesondere der USA, ungewiss. Ungarn hat sich bereits an den US-Kongress gewandt, um zu verhindern, dass die im neuen US-Sanktionsgesetz vorgesehenen Strafzölle für Käufer von russischem Öl und Gas auf das Land angewendet werden. Der Leiter der ungarischen Delegation Márton Hajdú teilte mit, er habe die US-Seite gebeten, die Bemühungen des Landes während der Übergangsphase bis 2027 zu unterstützen und die weitere Nutzung von russischem Öl und Gas vorerst zu gestatten. Washington hat jedoch noch keine offizielle Entscheidung bekannt gegeben. Das bringt Budapest in eine schwierige Lage, in der die Entscheidung des Partners jenseits des Atlantiks darüber bestimmen wird, ob das Land das Jahr 2027 überstehen kann oder nicht.

Für die EU selbst besteht zudem die Gefahr, dass ein Mitgliedsstaat in eine Situation gerät, die einer Energiekatastrophe nahekommt, sollten all diese kühnen und optimistischen Szenarien nicht eintreffen.

Erdöl und die Realität der Absichten

Diese ganze Situation im Energiesektor wirft eine weitere Frage auf: Wie steht es um die künftigen Erdöllieferungen? In seinem Interview ließ Kapitány das Thema der Diversifizierung der Erdölversorgung bis 2027 außen vor. Zweifellos ist ihm vollkommen bewusst, dass, auch wenn Ungarn technisch in der Lage wäre, bei der Gasversorgung umzusteuern, ein solches Unterfangen – und das im gleichen Zeitrahmen – beim Erdöl noch unwahrscheinlicher ist.

Ja, Budapest hat einen Vertrag mit dem kroatischen JANAF über die Lieferung von 2,05 Millionen Tonnen Erdöl im Jahr 2026 nach dem „Take-or-Pay“-Prinzip („abnehmen oder zahlen“) geschlossen, der Kauf soll die Kapazität der Verbindungsleitung zwischen den beiden Ländern testen. Doch der Versuch, vollständig auf über den kroatischen Hafen Omišalj geliefertes Öl umzusteigen, stößt auf zwei Probleme:

  • Bei Lieferungen geht es nicht nur um Mengen auf dem Papier, sondern auch um den hydraulischen Druck, dem die Rohrleitung standhalten muss. JANAF und der ungarische Konzern MOL streiten bis heute darüber, wie bereit die „Adria“-Pipeline tatsächlich für den Betrieb mit voller Kapazität in Richtung Ungarn ist.
  • Die ungarischen Erdöllagerstätten und -speicher wurden für das schwere, über die „Druschba“-Pipeline gelieferte „Urals“-Öl ausgelegt. Eine mögliche Umrüstung der Tanks auf leichtes, auf dem Seeweg geliefertes Öl würde viel Zeit in Anspruch nehmen und erhebliche Ressourcen erfordern.

Die Abhängigkeit von der „Druschba“-Pipeline hat sich auch nach dem Regierungswechsel in Ungarn nicht geändert. Angesichts steigender Weltmarktpreise erleichtern die Lieferungen von Pipeline-Öl die Energiesituation im Land. Zudem sichert das den Dialog mit Russland, der für Ungarn, ungeachtet der aktuellen Konflikte, weiterhin wichtig ist.

Worauf hofft die ungarische Führung also?

Höchstwahrscheinlich hat Budapest überhaupt nicht vor, vor Herbst 2027 auf russisches Gas zu verzichten. Kapitánys vorsichtiger Vorbehalt im Interview, „wenn sich die Ereignisse so entwickeln“, zeigt, dass die ungarische Regierung diese Möglichkeit zwar in Betracht zieht, aber eigentlich keinen so raschen Ausstieg plant.

Angesichts der entsprechenden Erklärung der EU-Kommission und im Hinblick auf Ungarns Bestreben, eingefrorene EU-Mittel freizubekommen, liegt die Vermutung nahe, dass Budapest das Verbot als Verhandlungsmasse nutzt. Man muss verstehen, dass ein Verzicht auf russisches Gas auch die Türkei treffen würde, über deren Territorium der Transit erfolgt. Auch diesen Aspekt werden Ungarn (und die EU) berücksichtigen, während sie gleichzeitig demonstrative Loyalität gegenüber Brüssel zeigen.

Somit hat Ungarn Chancen, sich schrittweise von russischem Gas unabhängig zu machen. Doch der Versuch, das noch vor Herbst 2027 zu vollziehen, selbst bei sofortigem Abschluss neuer Verträge, droht das Land in einen Energieschock zu stürzen. Dem prognostischen Tonfall des Energieministers nach zu urteilen, könnte Budapest diesen schmerzhaften Schritt letztlich gar nicht gehen. Ungarn wird jedoch zweifellos versuchen, das laufende Jahr zu nutzen, um die Leistungsfähigkeit der rumänischen Gaspipeline auf die Probe zu stellen.

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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