Die Verhaftung von Ex-BND-Chef Hanning zeigt den Klüngel zwischen Staatsanwaltschaft und Medien
Ich bezeichne den Spiegel gerne als „Pressesprecher der Geheimdienste“ oder auch „Pressesprecher der Regierung“, weil das Blatt nicht nur die Narrative der deutschen Regierung und Geheimdienste stützt – womit der Spiegel beweist, dass er weder ein kritisches noch ein regierungsfernes Medium ist – sondern auch immer wieder von Regierung und Behörden Informationen bekommt, die er eigentlich gar nicht bekommen dürfte.
Das Ergebnis sind dann Artikel, die der Spiegel reißerisch als “eigene Recherchen” veröffentlicht, die er angeblich mit Partnerorganisationen wie Bellingcat und anderen NGOs durchgeführt hat. Dass sie dabei allerdings auf Daten zugreifen, die sie ohne Hilfe der Dienste gar nicht haben können, wie beispielsweise Informationen über Visaanträge, Grenzübertritte in westlichen Staaten und ähnliches, zeigt, dass es sich dabei nicht um eigene Recherchen handelt, sondern dass sich der Spiegel und seine Partner von westlichen Geheimdiensten und auch Staatsanwaltschaften benutzen lassen, um deren Narrative als eigene Recherchen zu verbreiten.
Wenn sich, was oft vorkommt, später zeigt, dass diese „Recherchen“ des Spiegel frei erfundene Propaganda der westlichen Geheimdienste waren, dann berichtet der Spiegel darüber natürlich nicht.
Die Verhaftung von Hanning und der Spiegel
Ein anschauliches Beispiel für den Klüngel zwischen dem Spiegel und den Behörden ist die Verhaftung von von Ex-BND-Chef August Hanning am Dienstag, denn der Spiegel war – mal wieder – im Vorwege über die anstehende Verhaftung informiert, weshalb pünktlich zur Verhaftung ein Team von Spiegel-TV vor Ort war und die Verhaftung filmen konnte. Dass der Spiegel im Vorwege informiert war, kann man, wenn man beim Lesen mitdenkt, sogar in dem ersten Spiegel-Artikel über die Verhaftung erfahren, denn der Spiegel schreibt:
„Um 6.41 Uhr rückten die Beamten bei Hanning an, um 8.58 Uhr wurde er in einem schwarzen Kleinbus weggebracht.“
Stellen wir uns einmal vor, wie so etwas abläuft. Um 6.41 Uhr rückt ein Großaufgebot der Polizei an, irgendein Nachbar sieht das und informiert die Presse, beispielsweise die örtliche Regionalzeitung, über einen merkwürdigen Polizeieinsatz. Nehmen wir an, in der Regionalzeitung sitzt nachts ein Diensthabender, der den Anruf entgegennimmt und dann den nächstbesten Lokalreporter der Zeitung anruft, damit der mal vorbeifährt und nachschaut.
Der Lokalreporter macht sich auf den Weg und ist, nachdem er sich die Zähne geputzt und angezogen hat, ins Auto gestiegen und kommt, sagen wir mal, 20 Minuten später vor Ort an. Er spricht kurz mit Nachbarn und Polizeibeamten und erfährt, dass die Polizei im Haus des Ex-BND-Chefs ist und ihm irgendein Vergehen vorwirft. Das meldet er gegen 7.10 Uhr, also etwa 30 Minuten nach Beginn des Polizeieinsatzes, an den Diensthabenden seiner Zeitung.
Der hält die Nachricht für wichtig, ruft den Chefredakteur an und fragt, was weiter zu tun sei. Der Chefredakteur sagt, gib das an die Nachrichtenagenturen weiter. Dort geht die Meldung ein und irgendein Mitarbeiter veröffentlicht eine erste Kurzmeldung. Nun ist es, wenn alles sehr schnell gegangen ist, 7.30 Uhr.
Das ist der Moment, in dem in der Spiegel-Redaktion irgendjemand bei der Nachrichtenagentur die Meldung über einen Polizeieinsatz beim Haus des Ex-BND-Chefs sieht und entscheidet, sofort ein Team von Spiegel-TV dorthin zu schicken. Das Team wird angerufen, zur Eile angetrieben und trifft sich, sagen wir mal, eine Stunde später, also um 8.30 Uhr weil ja nicht alle schon so früh am Morgen auf Zuruf abfahrbereit sind.
Dann muss das Team noch in den Kreis Steinfurt in Nordrhein-Westfalen fahren, was von Hannover beispielsweise fast 100 Kilometer entfernt ist. Von Hamburg, dem Sitz der Spiegel-Redaktion, ist das noch viel weiter entfernt. Um 8.58 Uhr, dem Zeitpunkt der Verhaftung von Hanning, kann also noch niemand von Spiegel-TV vor Ort gewesen sein, um zu filmen und Bilder zu machen.
Trotzdem war aber ein Team von Spiegel-TV vor Ort, denn der Spiegel untertitelt das in seinem Artikel gezeigte Bild von Hannings Verhaftung stolz damit, dass es von Spiegel-TV ist, wie dieser Screenshot zeigt.

Das zeigt, dass die Spiegel-Redaktion von der Generalstaatsanwaltschaft schon mindestens einen Tag vorher informiert worden sein muss, damit garantiert war, dass früh am Morgen wirklich ein Team von Spiegel-TV vor Ort war, um die gewünschten Bilder der Verhaftung von Hanning zu machen.
Und noch etwas bestätigt das, denn schon um 10.11 Uhr, also weniger als anderthalb Stunden nach der Festnahme, hat der Spiegel in dem Artikel darüber bereits im Detail berichtet, was Hanning vorgeworfen wird. Der Spiegel berief sich in seinem Artikel ausdrücklich auf „SPIEGEL-Informationen“, also auf an den Spiegel durchgestochene Informationen, und nicht auf die Presseerklärung der Bundesanwaltschaft, die erst später im Verlaufe des Tages veröffentlicht wurde, und nicht, während die Verhaftungen noch liefen.
Und noch etwas belegt, dass der Spiegel vorher informiert war, denn der Artikel über die Verhaftung von Hanning wurde ganz sicher schon am Vorabend oder noch früher geschrieben, denn er ist mit sechs Minuten Lesezeit angegeben, was nicht wenig ist. So einen recht langen Artikel schreibt man nicht innerhalb einer Stunde, das dauert länger, und er muss vor der Veröffentlichung ja auch noch lektoriert und abgenommen werden. Ich gelte als „Schnellschreiber“ und ich kann sicher sagen, dass dieser Artikel nicht innerhalb von einer Stunde geschrieben worden sein kann, sondern vorher, wahrscheinlich am Vortag, in Ruhe formuliert und geschrieben wurde. Am nächsten Morgen, also unmittelbar nach der Verhaftung, mussten bestenfalls noch ein paar aktuelle Details eingearbeitet werden, was in zehn Minuten erledigt ist.
Hinzu kommt, dass der Spiegel für den Artikel sechs Autoren namentlich angibt. Die können den Artikel gar nicht so schnell zusammengestellt haben, die müssen sich ja absprechen und ihre Informationen austauschen, bevor mit dem Schreiben überhaupt begonnen werden kann.
Der Spiegel ist eben kein unabhängiges, kritisches Medium, sondern nur der Pressesprecher von Regierung, Geheimdiensten und anderen Behörden, wie diese Beispiel von Filz zwischen Behörden und angeblich kritischen Medien einmal mehr zeigt. Und das zeigt, dass der Rest der deutschen Medienlandschaft nicht besser ist, denn diese Dinge werden nicht thematisiert, weil alle mit im gleichen Boot sitzen.
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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