Warum Merz wirklich in Kiew gefahren ist
Seit Monaten berichte ich über den Streit zwischen der EU und der Ukraine, in dem es darum geht, dass die EU im Gegenzug für die Auszahlung der Gelder aus dem 90-Milliardenkredit „Reformen“ fordert, die der EU die volle Kontrolle über die ukrainische Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte bis hoch zum Verfassungsgericht geben. Mit anderen Worten: Die EU will die totale Kontrolle über die Ukraine übernehmen, was im sogenannten „Katschka-Kos-Plan“ vom Dezember 2025 auch ganz offen gesagt wurde.
Dagegen wehrt sich der ukrainische Machthaber Selensky, weshalb die EU seit Monaten versprochene Zahlungen zurückhält und der Ukraine inzwischen die liquiden Mittel ausgehen.
Daran hat auch der Besuch von Kanzler Merz am Wochenende nichts geändert, im Gegenteil. Und wer die Hintergründe kennt, der konnte das in den Erklärungen von Merz auch deutlich hören.
Allerdings verschweigen die deutschen Medien das konsequent und berichten ihrem Publikum stattdessen, Merz sei zu einem „Solidaritätsbesuch“ nach Kiew gekommen und habe “weitere” Hilfszusagen mitgebracht.
In diesem Artikel schauen wir uns daher an, was Merz in Kiew genau gesagt hat und was es tatsächlich bedeutet, danach schauen wir uns am Beispiel der Landwirtschaft, inzwischen immerhin der wichtigste Zweig der Reste der ukrainischen Wirtschaft, noch an, wie die EU die Ukraine im wahrsten Sinne des Wortes aushungern lässt.
Welche Unterstützung hat Merz mitgebracht?
Der Spiegel hat in seinem ersten Artikel über den Besuch von Merz in Kiew korrekt berichtet, welche Hilfe Merz mit nach Kiew gebracht hat:
„Insgesamt sollen dafür eine Milliarde Euro aus bereits bewilligten Haushaltsmitteln freigegeben werden – und weitere 350 Millionen Euro für Reparatur und Wiederaufbau zerstörter Kraftwerke.“
Die Milliarde war also keine zusätzliche Hilfe, sondern Geld, das bereits zugesagt war und nun fließen soll. Aber das Geld geht nicht nach Kiew, wie Merz bei der Pressekonferenz in Kiew auch offen sagte:
„Wir bringen ein weiteres Paket militärischer Unterstützung über rund eine Milliarde Euro auf den Weg. Wir stellen Mittel für die gemeinsame Herstellung von Antijetdrohnen zur Verfügung. (…) Wir liefern Abstandswaffen, Kampfdrohnen und Satellitentechnik, damit die Ukraine russische Abschussrampen ebenfalls bekämpfen kann.“
Das Geld bleibt in Deutschland und geht an deutsche und ukrainische Rüstungskonzerne, die in Deutschland Waffen für die Ukraine produzieren. Nicht ein Cent von der Milliarde geht nach Kiew.
Ob es sich bei den 350 Millionen Euro für Reparaturen an der ukrainischen Energieinfrastruktur um zusätzliche Gelder handelt, oder ob auch das nur die Auszahlung bereits früher zugesagter Gelder ist, ist aus den Medienberichten und aus den Erklärungen von Merz nicht zweifelsfrei erkennbar. Angesichts des Streits zwischen Kiew und der EU und den vielen verzögerten Zahlungen der EU an Kiew wäre es überraschend, wenn Merz nun frisches Geld mitgebracht hätte.
Wenn Europäer „Reformen“ fordern
Ich erkläre das seit Wochen bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten: Wenn Vertreter der EU bei Treffen mit Mitgliedern der ukrainischen Führung über “notwendige Reformen“ sprechen, die Kiew nach dem Willen der EU bei „Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung“ umsetzen soll, dann ist damit der oben schon erwähnte „Katschka-Kos-Plan“ gemeint, der von Kiew im Gegenzug für die Auszahlung des im Dezember 2025 beschlossenen 90-Milliardenkredites verlangt, der EU die Kontrolle über die ukrainischen Staatsanwaltschaften, Gerichte und andere Sicherheitsbehörden zu übergeben. Wenn die EU die Sicherheitsorgane und die Justiz der Ukraine kontrolliert, dann kontrolliert sie faktisch das Land.
Ich habe daher, schon während Merz noch in Kiew war, in einem Interview gesagt, man müsse nur auf die Erklärungen von Merz warten, denn wenn der wieder von der Notwendigkeit von „Reformen für Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung“ spricht, dann bedeutet das, dass Merz nicht aus Solidarität nach Kiew gekommen ist, sondern um weiteren Druck auf Selensky auszuüben, endlich die von der EU geforderten Gesetze ins Parlament zu bringen.
Und genau das hat Merz dann bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Selensky dann auch gesagt, und zwar wortwörtlich:
„Wir haben heute auch über die europäische Perspektive der Ukraine gesprochen. Wir werden gleich noch einmal vertieft über meinen Vorschlag einer assoziierten Mitgliedschaft der Ukraine sprechen. Wir wollen den Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union beschleunigen. Wir wollen Tempo. Dafür arbeiten wir in Brüssel. Nun wissen wir, dass die Ukraine selbst auch an Reformen im Land arbeitet, Reformen für Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung.“
Im Klartext sagte Merz damit, dass die Ukraine nicht nur die EU-Mitgliedschaft, sondern auch weitere EU-Gelder vergessen kann, wenn Selensky nicht endlich die 10 Punkte des “Katschka-Kos-Plans“ umsetzt.
Das Getreideproblem
Wie sehr die EU die Ukraine finanziell hängen lässt, zeigt sich aktuell am Beispiel der Landwirtschaft, die für die Reste der ukrainischen Wirtschaft nun wohl der wichtigste Faktor ist, nachdem Russland die ukrainische Stahlindustrie in den letzten Wochen komplett ausgeschaltet hat. Die Ukraine braucht die Einnahmen aus dem Export von Stahl und Getreide aber dringend, denn das Land ist bekanntlich pleite.
Russland hat mit seinen Angriffen in den letzten Wochen aber erstens die ukrainische Stahlindustrie vernichtet und zweitens auch die Exporte über den Hafen von Odessa unmöglich gemacht. Für Kiew ist das ein Riesenproblem, weil es seine gigantischen Mengen an Getreide nur über den Seehafen von Odessa exportieren kann. Mit LKW und Schiene lassen sich diese Mengen nicht exportieren, wobei erschwerend hinzukommt, dass Russland auch etwa die Hälfte aller ukrainischen Lokomotiven zerstört hat, was die Kapazitäten der ukrainischen Bahn weiter reduziert.
In dieser Lage ist der ukrainische Landwirtschaftsminister vor ein paar Tagen nach Brüssel gefahren, um die EU um Hilfe beim Export des ukrainischen Getreides zu bitten, aber Polen und Rumänien, die über wichtige Infrastruktur zur Steigerung der Kapazitäten für Transport und Lagerung verfügen, haben laut Politico erklärt, sie könnten oder wollten nichts weiter tun, um Kiew zu helfen.
Hinzu kommt, dass die EU Ende September auch noch einen Antrag der Ukraine auf Soforthilfe für den Agrarsektor in Höhe von 220 Millionen Euro abgelehnt hat. Das klingt nach Peanuts, wenn man es mit den Summen vergleicht, um die es bei der Ukraine normalerweise geht, aber diese 220 Millionen waren ausgesprochen wichtig und wenn die EU sie nicht zahlt, kann Kiew es auch nicht tun, was für die ukrainische Landwirtschaft fatale Folgen haben dürfte.
Warum diese unscheinbar wirkende Summe so wichtig ist, hat ein russischer Experte in einem Artikel für die TASS erklärt, den ich übersetzt habe, weil er über Dinge berichtet, die man in deutschen Medien nicht erfährt, weshalb er für jeden, den das Thema Ukraine interessiert, ausgesprochen interessant ist.
Beginn der Übersetzung:
Die europäische Absage als Spiegel agrarischer Verwundbarkeit: Warum die Ernte für Kiew zur Last wurde
Anatoli Tichonow, Leiter des Zentrums für internationale Agrowirtschaft und Ernährungssicherheit an der Präsidentenakademie und Doktor der Wirtschaftswissenschaften, über die Folgen der Entscheidung der EU-Kommission, der Ukraine keine 220 Millionen Euro bereitzustellen.
Die ukrainischen Anbauflächen könnten aufgrund zu geringer Exportmengen nach Europa um 35 bis 40 Prozent schrumpfen. Dabei hat die EU-Kommission Ende September einen Antrag der Ukraine auf Soforthilfe für den Agrarsektor in Höhe von 220 Millionen Euro abgelehnt. Kiew hatte Brüssel um gezielte Zuschüsse für Landwirte gebeten, zusätzlich zu den bereits bestehenden Finanzprogrammen der EU. Brüssel nannte keinen Grund für die Ablehnung. Ukrainische und westliche Kommentatoren verweisen auf zu geringe Haushaltsmittel innerhalb der EU, den Druck europäischer Agrarlobbys sowie die bürokratische Trägheit der Partner.
Nahezu zeitgleich verweigerte Brüssel Kiew für 2027 auch eine Erhöhung der Quoten für den zollfreien Export von Zucker und Bioethanol nach Europa. Einfach ausgedrückt: Die EU ist nicht nur nicht bereit, Geld bereitzustellen, sondern auch nicht, ihre Märkte zu öffnen.
Kiew setzt auf einen zinsgünstigen Kredit der Weltbank in Höhe von 250 Millionen US-Dollar, der es den Landwirten laut dem ukrainischen Minister für Agrarpolitik und Ernährung Taras Wyssozkyj ermöglichen würde, „bis zum neuen Jahr mehr oder weniger über die Runden zu kommen“.
Doch ein Kredit, selbst ein zinsgünstiger, ist kein Zuschuss. Der Unterschied ist fundamental.
Warum die 220 Millionen Euro wichtiger sind, als es scheint
Auf den ersten Blick erscheint die Summe von 220 Millionen Euro im Vergleich zum Ausmaß der ukrainischen Probleme gering. Das sind beispielsweise weniger als ein Prozent der Haushaltslücke von 27 Milliarden US-Dollar, die – wie Kiew selbst einräumt – im Militärhaushalt für 2027 aufgetaucht ist. Zum Vergleich: Das im April 2026 verabschiedete Kreditpaket der EU für die Ukraine beläuft sich für 2026 und 2027 auf 90 Milliarden Euro, davon sind 30 Milliarden Euro für die Unterstützung des Haushaltes und 60 Milliarden Euro für Verteidigungszwecke vorgesehen.
Allerdings geht die Bedeutung dieser Ablehnung weit über bloße Haushaltsarithmetik hinaus. Das ist keine Verteilung von Geld an Landwirte. Das ist die Kompensierung der Zinszahlungen für die Vorzugskredite, die die Bauern bei ukrainischen Banken aufgenommen haben, um zu Beginn der Aussaat ihre Betriebskosten zu decken. Ohne diese Kompensierung können die Landwirte ihre Schulden nicht bedienen und die Banken können die Kreditvergabe nicht fortsetzen. Die Kette reißt bereits am ersten Glied.
Wyssozkyj selbst hat das am 27. August bei einem Treffen mit Matthias Schmale, dem UN-Koordinator für die Ukraine, sowie Vertretern der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und des Welternährungsprogramms bestätigt: „Wenn wir die finanzielle Stabilität der Landwirte nicht unterstützen, besteht die Gefahr, dass die für die künftige Ernte bestellte Anbaufläche um 5 bis 7 Millionen Hektar schrumpft.“ Die Ukraine hat die Bereitstellung von 220 Millionen Euro bei der EU-Kommission offiziell beantragt, eben für diesen Zinsausgleich bei Bankkrediten.
Die Ablehnung durch die EU-Kommission zeigt: Die Prioritäten haben sich verschoben. Europa hat zu verstehen gegeben, dass der ukrainische Agrarsektor angesichts der steigenden Militärausgaben keine uneingeschränkte Priorität mehr genießt.
Die Ernte ist da, das Geld nicht
Trotz aller finanziellen Probleme prognostiziert das ukrainische Wirtschaftsministerium für das Jahr 2026 eine Getreideernte von 60,4 Millionen Tonnen, was in etwa dem Niveau von 2025 entspricht. Die Ernte beläuft sich voraussichtlich auf rund 22,4 Millionen Tonnen Weizen, 4,7 Millionen Tonnen Gerste und 31,6 Millionen Tonnen Mais. Der Inlandsbedarf an Weizen für die Lebensmittelversorgung liegt – unter Berücksichtigung der Millionen Ukrainer, die nach Europa abgewandert sind – bei lediglich 6,4 Millionen Tonnen. Vor diesem Hintergrund wird das Gesamtangebot, einschließlich der Überhangbestände (4,2 Millionen Tonnen), auf 26,6 Millionen Tonnen geschätzt.
Die Problem liegt in der Liquidität und dem Absatz. Die Landwirtschaft und die ihr nachgelagerten Wirtschaftszweige erwirtschaften rund 40 Prozent der gesamten Steuereinnahmen des ukrainischen Haushalts und sorgen für 50 Prozent der Devisenzuflüsse. Gerät dieser Mechanismus ins Stocken, setzt eine Kettenreaktion ein, deren Folgen nicht nur die Landwirte, sondern die gesamte Wirtschaft treffen, die angesichts ihrer völligen Abhängigkeit von ausländischer Finanzierung ihren letzten verbliebenen inländischen Stützpfeiler verliert.
Die Binnenmarktpreise für Getreide bewegen sich in der Ukraine Anfang Oktober 2026 bei rund 100 US-Dollar pro Tonne, das liegt mindestens 50 US-Dollar unter den Produktionskosten. Landwirte, die in die Aussaat investiert haben, können weder Gewinne erzielen noch ihre Betriebskosten decken. Im September beliefen sich die Getreideexporte auf lediglich 1,28 Millionen Tonnen, das sind 45,4 Prozent weniger als im September 2025, als noch 2,35 Millionen Tonnen exportiert wurden. Das ist einer der niedrigsten Werte seit 2022.
Lange Zeit konnte der ukrainische Agrarsektor eine hohe Liquidität wahren, indem er von der enormen Infrastrukturbasis aus der Sowjetzeit zehrte. Angesichts der Blockade der Schwarzmeerhäfen, die vorher die wichtigste Exportroute waren, sei es nun „schwer, sich für die kommenden Monate irgendwelche Lösungen für dieses Problem vorzustellen“, merkte Wyssozkyj an und fügte hinzu: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Lage so kritisch bleibt, wie sie derzeit ist.“
Für einen reibungslosen Betrieb des Agrarsektors muss die Ukraine monatlich mindestens 5 Millionen Tonnen Getreide exportieren. Die Transportwege über Schiene, Fluss und Straße decken jedoch zusammengenommen nur die Hälfte dieses Bedarfs ab. Die Nachbarländer Rumänien und Moldawien tragen gemeinsam rund 70 Prozent zu den alternativen Logistiklösungen bei, doch ihre gesamte Umschlagkapazität ist an eine Obergrenze von 1,5 bis 1,9 Millionen Tonnen pro Monat gestoßen.
Was internationale Organisationen sagen
Internationale Organisationen sehen die Lage alarmierter als das offizielle Kiew. Bereits zu Beginn dieses Jahres legte die FAO einen Dreijahresplan für Notfallmaßnahmen und den schnellen Wiederaufbau in der Ukraine für den Zeitraum 2026 bis 2028 vor. Die Organisation beantragte 193 Millionen US-Dollar zur Unterstützung von 240.000 ländlichen Haushalten und Kleinbauern. In UN-Dokumenten wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Kampfhandlungen das Leben der ukrainischen Landwirte – vom Zugang zu Land und Maschinen bis hin zu den Absatzmöglichkeiten für ihre Erzeugnisse – erheblich erschwert haben, während der Agrarsektor selbst ein entscheidender Faktor für die Ernährungssicherheit und zumindest ein gewisses Maß an wirtschaftlicher Stabilität im Land bleibt.
Laut Schätzungen von FEWS NET wird die Ukraine im Jahr 2026 rund 81 bis 83 Millionen Tonnen Getreide und Ölsaaten ernten, was formal die nationale Verfügbarkeit von Lebensmitteln sichert. In den von Kiew kontrollierten frontnahen Gebieten herrscht jedoch eine ernste Krise der Ernährungssicherheit, die sich Prognosen zufolge mindestens bis Januar 2027 weiter verschärfen wird. Die monatlichen Schätzungen zur Zahl der bedürftigen Menschen erreichen ihren Höchststand von 1,5 bis 1,99 Millionen genau im Januar 2027, zu Beginn der kritischen Wintermonate. Im Winter-Reaktionsplan plant die humanitäre Gemeinschaft, im Zeitraum von Oktober 2026 bis März 2027 insgesamt 2,1 Millionen Menschen mit Hilfsmaßnahmen zu erreichen.
Im Grunde ist die Realität folgende: Es gibt im Land zwar Lebensmittel, doch nicht jeder hat Zugang dazu. Diese Lage wird direkt sowohl durch den Konflikt selbst, dessen Verlängerung durch Kiew und Brüssel die Einkommen der Bevölkerung zusätzlich belastet, als auch durch den Rückgang der Kaufkraft angesichts allgemein steigender Binnenpreise beeinflusst.
Fragen ohne Antworten
Da die Entscheidung der EU-Kommission, die 220 Millionen Euro nicht bereitzustellen, nicht nur eine haushaltspolitische Maßnahme ist, sondern auch ein Signal dafür, dass Europa seine Prioritäten in Bezug auf den ukrainischen Agrarsektor neu bewertet, lohnt es sich, folgenden Fragen besondere Aufmerksamkeit zu widmen:
- Was wird im Frühjahr 2027 auf den ukrainischen Feldern ausgesät? Nach ersten Schätzungen des ukrainischen Landwirtschaftsministeriums war eine künftige Ernte auf 5 bis 7 Millionen Hektar Ackerfläche gefährdet (etwa 20 Prozent der verfügbaren landwirtschaftlichen Nutzfläche), das bedeutete bereits nicht bestellte Felder, ausbleibende Deviseneinnahmen und Steuerausfälle. Nun spricht Wyssozkyj sogar von einer möglichen Verringerung der Anbaufläche um 35 bis 40 Prozent. Je länger es dauert, desto mehr wird es.
- Wer Europa als Abnehmer ersetzen? Die Ukraine versucht, den Transportkorridor auf dem Landweg über Moldawien und Rumänien auszubauen, doch dessen Kapazität ist begrenzt. Zudem haben Polen und Rumänien, um die eigenen Landwirte zu schützen, es bereits abgelehnt, ihre logistische Unterstützung für Kiew auszuweiten. Europa wird die Interessen seines „Partners“ ohne großes Zögern opfern, wenn es um den inneren sozialen Frieden geht. Auch Kiews Versuche, mit der Türkei eine Wiederherstellung des Getreidekorridors zu vereinbaren, bleiben erfolglos. Internationale Händler sind bereit, Getreide zu kaufen, doch die durch Kiews Handeln verursachte logistische Sackgasse macht das unmöglich. Unter diesen Umständen sind die Äußerungen ukrainischer Amtsträger, man müsse sich lediglich „bis zum neuen Jahr über Wasser halten“, kein Plan zur Bewältigung der Krise, sondern bloße Hoffnung.
Übrigens dürfte ein hypothetischer Rückgang der ukrainischen Exporte, entgegen den Spekulationen westlicher und Kiewer Politiker, kaum zu einer Bedrohung für den Weltmarkt werden. Der Anteil des ukrainischen Weizens macht kaum 2,5 Prozent der weltweiten Gesamtproduktion aus, was der russische Präsident Wladimir Putin bekanntermaßen als „nichts“ bezeichnete. Zudem hat sich der Mythos von der Versorgung der Entwicklungsländer als haltlos erwiesen: Nur etwa 0,2 Prozent der ukrainischen Lieferungen gelangten in hungernde afrikanische Staaten, während Kiew den Großteil der Ernte gezielt zu Marktpreisen in das wohlhabende Europa verkaufte. Ein Stopp des Transits durch Europa würde daher nicht Afrika treffen, sondern die Ukraine selbst sowie europäische Zwischenhändler.
Dabei könnte der Mangel an Lagerkapazitäten für Getreide im Land nach Berechnungen des ukrainischen Agrarministeriums bereits in diesem Herbst 11 Millionen Tonnen erreichen. Zur Lösung des Problems werden rund 44 Millionen US-Dollar benötigt, die der ukrainische Staatshaushalt nicht hat. Sollte die Ernte in den Silos schlicht verrotten, wären die Auswirkungen auf die Lebensmittelversorgung noch bis ins Jahr 2027 spürbar. Genau das ist der reale Preis, der für die Ambitionen westlicher und Kiewer Eliten gezahlt werden muss, die den Konflikt auf Kosten der einfachen Bevölkerung in die Länge ziehen.
Der Preis der agrarischen Autonomie
Vor diesem Hintergrund bildet die Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) einen fundamentalen Kontrast. Laut einem Bericht des Instituts für Wirtschaftswissenschaften der Russischen Akademie der Wissenschaften vom August hat sich die EAWU als eine der wenigen Makroregionen der Welt etabliert, die eine Selbstversorgung mit Lebensmitteln von 95 Prozent gewährleisten können (der verbleibende Anteil entfällt auf exotische Importe wie Kaffee und tropische Früchte). Russland fungiert dabei als treibende Kraft dieser Stabilität, denn als weltweit größter Weizenexporteur hat das Land mit einem Exportvolumen von 47 Millionen Tonnen seinen Status als globaler Marktführer im sechsten Jahr in Folge bestätigt. Während sich Kiew endgültig in eine Sackgasse manövriert, wird in Eurasien planmäßig ein System souveräner Agrarsicherheit aufgebaut, das unabhängig von der westlichen Marktlage funktioniert.
Insgesamt hat die ukrainische Landwirtschaft ihre letzten Reste an Eigenständigkeit eingebüßt und ist in eine totale Abhängigkeit von ausländischen Entscheidungen, von einem Federstrich in Brüssel, geraten. Wenn die Logistik wegen der Weigerung Kiews und des Westens, Kompromisse einzugehen und die Gefährdung der globalen Sicherheit zugunsten eigener Interessen zu beenden, lahmgelegt ist, wenn die Finanzierung direkt von den kurzfristigen Prioritäten der Haushalte der Geldgeber abhängt und die Märkte durch fremde Quoten und Zölle blockiert sind, verliert der Agrarsektor jegliche Kontrolle über sein eigenes Schicksal.
Eine gute Ernte ist noch keine Garantie für Ernährungssicherheit. Diese erfordert eine funktionierende Infrastruktur, stabile Finanzierungsinstrumente und offene Absatzmärkte. Ein Land, das zwar genügend Nahrungsmittel produziert, diese aber wegen seines politischen Kurses weder exportieren noch verkaufen noch seine Bürger zu erschwinglichen Preisen versorgen kann, ist nicht ernährungssicher, sondern ernährungstechnisch verwundbar.
Für die Ukraine wird der Winter 2026/2027 eine Zeit, in der die ausländische Unterstützung nicht mehr garantiert ist. Die Weigerung Europas, 220 Millionen Euro bereitzustellen, bedeutet für die Branche natürlich nicht das Aus. Doch sie ist eine Warnung: Kiew kann nicht länger damit rechnen, dass westliche Hilfe ein dauerhafter Faktor bleibt. Da der ukrainischen Regierung kaum noch eigenständige wirtschaftliche Hebel zur Verfügung stehen, werden sie die Konsequenzen ihrer eigenen destruktiven Entscheidungen in vollem Umfang zu spüren bekommen.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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