Die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen können zum einen als Votum gegen die schwarz-rote Bundesregierung gesehen werden. Doch genauso gut können die bislang unerreichten Zuwächse für die rechtspopulistische AfD als die bislang schroffste Absage gegen das linksliberale Milieu interpretiert werden, das in den vergangenen Jahrzehnten in seiner woken Ausprägung das Land zutiefst vereinnahmt hat. Wie dieses Milieu die neue Situation aufgenommen hat, dazu lieferte am vergangenen Sonntag in Kassel die Verleihung des Bürgerpreises „Das Glas der Vernunft“ einen ersten Hinweis.
Der seit 1991 von einem Kasseler Bürgerverein getragene und mit 20.000 Euro dotierte Preis wird jährlich an Persönlichkeiten oder Institutionen vergeben, „die mit ihrem Wirken den Idealen der Aufklärung – Überwindung ideologischer Schranken, Vernunft und Toleranz gegenüber Andersdenkenden – in besonderer Weise dienen“. In diesem Jahr ging der Preis an den deutschen Soziologen mit syrischem Migrationshintergrund Aladin El-Mafaalani, der damit für seine Wirkung als „Brückenbauer“ geehrt wurde.
Festrede und Laudatio auf den Preisträger hielt die Medizinethikerin Alena Buyx, bekannt als frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, in dem sie auch die umstrittenen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie unterstützte. Sie würdigte El-Mafaalani als einen Wissenschaftler, der „nicht nur komplexe und bedrückende Situationen und Herausforderungen zu beschreiben weiß, sondern sie so zu interpretieren, dass es ‚Klick‘ macht“.
So hob sie seine in dem Buch „Das Integrationsparadox“ vorgestellte These hervor, wonach Konflikte in der Zuwanderungsgesellschaft eher ein Zeichen gelungener Integration seien, da sich so zeige, dass die Zuwanderer ihren Platz in der Gesellschaft suchten. Die letzten Wahlergebnisse zugunsten der AfD in Mitteldeutschland, die Buyx „mit Schaudern“ zur Kenntnis nahm, bezeichnete sie als „vernunftwidrig“, weil „Menschenverachtung immer unvernünftig ist.“
In seiner Dankesrede gab sich El-Mafaalani bescheiden, da er den Preis für seine „orthodox-wissenschaftliche Arbeit“ erhalte, die er ergebnisoffen betreibe. Die Polarisierung der Gesellschaft erklärte er durch die Bildung von Misstrauensgemeinschaften, die sich paradoxerweise im Vertrauen untereinander in den digitalen Räumen vernetzten. Die Gegenparts Misstrauen und Vertrauen sah El-Mafaalani als grundlegend für die Gesellschaft an. Doch in ihrer Verbindung zu Misstrauensgemeinschaften seien die sich hieraus ergebenden Ausprägungen wie die AfD „Autoimmunerkrankungen“.
So kurz nach den Wahlen wäre ein linksliberaler Brückenschlag nach rechts kaum zu erwarten gewesen. Doch das Signal, das von diesem Festakt ausging, ist bedenklich: Hier versammelte sich ein allen Widrigkeiten zum Trotz selbstbewusstes Milieu, das sich nicht nur die Deutungshoheit über „Unsere Demokratie“ anmaßt, sondern auch über den Begriff der Vernunft und wie sie am besten anzuwenden sei.