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Lodsch erinnert an seine verschwundene bürgerliche deutsch-polnisch-jüdische Welt

paz.de📅 05.10.2026

Lodsch (Łódź) erinnert im Rahmen der Europäischen Tage des Erbes an jene Epoche, in der die Stadt innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem der bedeutendsten Textilzentren Europas aufstieg. Zwei Veranstaltungen führen dabei unmittelbar in die damalige Welt einstiger Fabrikanten und des wohlhabenden Bürgertums – eine Welt, die seinerzeit ein Dorf zu einem deutsch-jüdisch-polnischen Schmelztiegel in Russisch-Polen werden ließ. Es geht dabei zu einem Nachmittagskaffee im Biedermann-Palast (Podwieczorek u Biedermanna) und auf einen Rundgang durch das historische Fabrikviertel Pfaffendorf (Księży Młyn).

Das Lodsch der 1820er Jahre bis zum Ersten Weltkrieg hätte seine Bedeutung ohne seine deutschen Einwanderer nicht errungen. Sie bauten Fabriken auf, gründeten Unternehmen und Vereine und stellten einen großen Teil der Facharbeiter. Jüdische Unternehmer wiederum gehörten zu den wichtigsten Trägern der Industrialisierung. Unter ihnen entstand ein wohlhabendes, vielfach assimiliertes Bürgertum, das sich kulturell und sprachlich stark an Deutschland orientierte.

Im Rahmen der Europäischen Erbetage wird der Biedermann-Palast also wie früher einmal zum Schauplatz einer bürgerlichen Zusammenkunft, wenn auch einer nachgestellten. Im „Nachmittagskaffee“ wird somit die Freizeitgestaltung Lodscher Fabrikantenfamilien um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erzählt. Eine Laienschauspielgruppe, die sich nach Włady­sław Stanisław Reymonts Lodsch-Roman „Das gelobte Land“ (Ziemia Obiecana) benannte, stellt schauspielerisch damalige gesellschaftliche Gepflogenheiten nach.

Auch Dokumentarfilme erläutern die Geschichte Lodscher Fabrikantenfamilien. Der Name Biedermann steht dabei für die deutsche protestantische Unternehmerschicht der Stadt. Robert Biedermann baute im 19. Jahrhundert sein Industrieunternehmen auf und engagierte sich gesellschaftlich. In seinem Testament bedachte er sowohl die evangelische, die jüdische, die katholische als auch die orthodoxe Gemeinde, da auch die russisch-orthodoxe Bevölkerung zunahm. Seit 1815 gehörte Lodsch nämlich zum russischen Kongresspolen.

Deutsche, Juden, Polen und Russen lebten in diesem bürgerlichen Umfeld eben nicht in voneinander abgeschotteten Welten. Das war ein fundamentaler Unterschied zu anderen deutsch-polnischen Lebenswelten und Ursache für die noch heute zu spürende Weltoffenheit der Stadt. Sie waren Konkurrenten im Wirtschaftsleben, Geschäftspartner, Nachbarn und vielfach Teil derselben städtischen Bürgergesellschaft.

Unter den oft deutschsprachigen jüdischen Unternehmern gab es viele Fabrikanten, Kaufleute oder Bankiers, die sich an der Bürgerkultur aus dem Westen orientierten. In jüdischen Unternehmen waren vor dem Ersten Weltkrieg nicht selten deutsche Direktoren und leitende Angestellte tätig. Sprache, Bildung, Kleidung, gesellschaftliche Umgangsformen und wirtschaftliche Interessen verbanden dieses Milieu.

Doch neben dem assimilierten Bürgertum existierten orthodoxe und chassidische Gemeinschaften sowie breite Schichten jüdischer Arbeiter und Kleinhändler. Am 26. September führt das Museum für Kinematographie durch Księży Młyn. Schon der deutsche Name Pfaffendorf erinnert daran, dass die Geschichte dieses Viertels eng mit der deutschen Siedlungs- und Industriegeschichte Lodschs verbunden ist. Pfaffendorf entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Fabrikkomplexe der Stadt. Seinen Aufstieg verdankt Pfaffendorf vor allem dem aus Monschau an der heutigen Grenze zu Belgien stammenden Karl Wilhelm Scheibler.

Scheibler prägte Pfaffendorf

Der Unternehmer kam 1848 nach Kongresspolen und ließ sich wenige Jahre später in Lodsch nieder. Aus seinem Unternehmen entstand eines der größten Baumwollimperien der Stadt. Scheibler errichtete jedoch nicht einfach nur Fabrikhallen. Zu seinem Industrieimperium gehörten Arbeiterhäuser, Schulen und Geschäfte. Pfaffendorf wurde auf diese Weise zu einer regelrechten Fabrikstadt innerhalb von Lodsch. Auch die Familie Grohmann gehörte zur industriellen Oberschicht. Traugott Grohmann stammte aus Sebnitz bei Dresden. Die Verbindung der Unternehmerfamilien Scheibler und Grohmann wurde später auch familiär besiegelt: Karl Scheibler Junior heiratete Anna Grohmann.

Wer heute durch Pfaffendorf geht, sieht nicht nur liebevoll sanierte Industriedenkmäler aus rotem Backstein. Die Straßen, Fabrikgebäude und Arbeiterwohnungen erzählen von einer sozialen Ordnung, die durch deutsche Unternehmer und Arbeiter entscheidend mitgeprägt wurde. Und die Europäischen Erbetage erinnern an das Scheibler’sche Industrieimperium, an die mächtigen Familien, die Biedermanns, Geyers, Grohmanns, Anstädts oder die Kindermanns. Sie hinterließen prächtige Denkmäler, darunter Kirchen, Fabriken und Paläste.

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