Der Spiegel schreibt, die Ukraine testet erfolgreich Anti-Drohnensystem, Reuters meldet das Gegenteil
Am 16. September gab es ein selten gut belegtes Beispiel dafür, wie sehr der Spiegel seine Leser, nun ja, selektiv informiert, um es höflich zu formulieren. Am Abend zuvor hatte Reuters über ukrainische Tests von Abfangdrohnen berichtet, die im Sommer stattgefunden haben und nicht erfolgreich waren. Einen Tag später hat der Spiegel unter Berufung auf Reuters über ukrainische Erfolge bei der Erprobung von Abfangdrohnen berichtet. Ich werde hier zunächst ausführlich aus dem Spiegel-Artikel zitieren, danach übersetze ich die komplette Reuters-Meldung, damit Sie selbst beurteilen können, ob der Spiegel seine Leser korrekt informiert.
Was der Spiegel berichtet
Der Spiegel-Artikel trug die Überschrift „Russischer Angriffskrieg – Ukraine meldet Test neuer Waffe zur Drohnenabwehr“ und in der Einleitung erfuhr man:
„Beim Abschuss sogenannter Shahed-Drohnen berichtet die Ukraine von Fortschritten. Ein immer größeres Problem sind russische Angriffe auf Lokomotiven. Ein Minister nannte nun konkrete Zahlen.“
Der Artikel selbst bestand aus zehn Absätzen, von denen es nur in den ersten drei um die Tests der neuen Drohnen ging. Danach ging es um die Probleme, die die Ukraine bei der Abwehr von ballistischen Raketen hat und darum, dass Russland nun gezielt Lokomotiven angreift, was für die ukrainische Logistik zunehmend zum Problem wird.
Ich zitiere nun die ersten drei Absätze des Spiegel-Artikels, in denen es um die Tests der Abfangdrohnen ging:
„Die Ukraine hat nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj erfolgreich eine neue, selbst entwickelte Waffe zur Abwehr von Drohnen getestet. Bei einem Einsatz in der Nacht sei ein Treffer erzielt und eine Drohne vom Typ Shahed zerstört worden, sagte Selenskyj am Dienstag in seiner abendlichen Videoansprache.
Shahed-Drohnen wurden in Iran entwickelt. Russland nutzte diese zunächst für seine Angriffe, bis es mit der massenhaften Produktion von Shahed-Nachbauten unter dem Namen Geran-2 begann .
»Einige technische Details müssen jedoch noch verfeinert werden«, erklärte der Präsident der Ukraine. »Wir brauchen noch etwas mehr Zeit.« Die Arbeit an weiteren Entwicklungen der Shahed-Abwehrwaffe werde fortgesetzt.“
An den Kürzeln „hda/Reuters/dpa“ unter dem Artikel kann man erkennen, dass ein Spiegel-Mitarbeiter mit dem Kürzel “hda” den Artikel aus Meldungen von Reuters und dpa zusammengeschustert hat. Ich habe die Reuters-Meldungen durchgesehen und habe an dem Tag keine Meldungen über erfolgreiche ukrainische Drohnentests gefunden, weshalb man davon ausgehen kann, dass sich hda auf die Reuters-Meldung beruft, die ich übersetzt habe, damit Sie, liebe Leser, selbst einschätzen können, ob der Spiegel seine Leser korrekt und umfassend informiert.
Beginn der Übersetzung der Reuters-Meldung:
Die Ukraine kämpft gegen russische Jet-Drohnen
KIEW/LONDON, 15. September (Reuters) – Anfang Juli lud das ukrainische Militär eine große Gruppe von Herstellern ein, um eine neue Generation von Abfangdrohnen zu testen. Diese wurden entwickelt, um jene strahlgetriebenen Angriffsdrohnen abzuwehren, die Russland in den vergangenen Monaten mit verheerender Wirkung eingesetzt hat.
Zwei mit dem Test vertrauten Quellen zufolge verlief das nicht wie geplant.
Viele der Abfangdrohnen erwiesen sich bei Geschwindigkeiten, die teils über 400 Stundenkilometer lagen, als schwer kontrollierbar. Einige stürzten auf nahegelegene Felder und in Wälder ab, so die Quellen.
Der Test unterstrich die Herausforderungen, vor denen die Ukraine zu Beginn eines weiteren Winters ohne genug westliche Luftabwehrsysteme zur Abwehr russischer ballistischer Raketen und ohne eine klare Antwort auf Moskaus schnellere und leistungsstärkere Drohnen steht.
Nach Angaben des ukrainischen Militärs, die Reuters vorliegen, hat Russland den Einsatz strahlgetriebener Drohnen im Laufe des Sommers innerhalb von drei Monaten etwa versechsfacht.
In einem Konflikt, der von raschen technologischen Innovationen geprägt ist, kann sich in zwei Monaten viel ändern. Doch am Freitag beklagte ein hochrangiger Kommandeur offen, dass Kiew im wichtigen Bereich der Jet-Drohnen ins Hintertreffen geraten sei.
„Bei den Jet-Drohnen haben wir die Initiative wieder komplett verloren, das ist eine Tatsache“, schrieb Maxim Schorin, stellvertretender Kommandeur des 3. Armeekorps, auf dem Messengerdienst Telegram.
„Die Russen haben die Massenproduktion und den Einsatz von Jet-Shaheds etabliert, und wir wissen nicht einmal, was wir dagegen tun sollen.“
Jurij Tscherewaschenko, ein stellvertretender Kommandeur der ukrainischen Luftwaffe, räumte zwar Schwierigkeiten bei der Entwicklung schnellerer Abfangdrohnen ein, betonte jedoch, die Ukraine stehe kurz davor, eine Reihe kostengünstiger Lösungen aus Massenproduktion einzusetzen.
„Ich bin zuversichtlich, dass wir bald über eine Waffengattung verfügen werden, die sich wirksam zur Abwehr strahlgetriebener UAVs (unbemannter Luftfahrzeuge) eignet“, sagte er gegenüber Reuters.
JET-DROHNEN SCHWÄRMEN ÜBER KIEW
Durch den raschen Ausbau der Produktion von Jet-Drohnen ist Russland in der Lage, die Ukraine – und insbesondere Kiew – mit einer überwältigenden Anzahl dieser Waffen zu attackieren, die wegen ihrer hohen Geschwindigkeit weitaus schwieriger abzuschießen sind als ihre Vorgängermodelle mit Kolbenmotor.
Nachdem Russland im Jahr 2022 begonnen hatte, Tausende billiger, propellergetriebener Shahed-Drohnen auf die Ukraine abzufeuern, entwickelte Kiew immer wirksamere Methoden zu deren Zerstörung und steigerte die Abfangquoten auf rund 90 Prozent.
Moskau reagierte darauf, indem es seine Drohnen schneller machte, der jüngste Schritt in einem technologischen Wettlauf, der das Schlachtfeld während der fast fünfjährigen Kriegsdauer geprägt hat.
Dieser Wandel kommt, während Russland weiterhin unaufhörlich weitaus leistungsstärkere ballistische Raketen einsetzt und während die Ukraine mit einem Mangel an modernen Abfangwaffen kämpft, die zur Abwehr dieser Geschosse erforderlich sind.
Nach Schätzungen des ukrainischen Militärgeheimdienstes produziert Russland bereits monatlich rund 3.000 strahlgetriebene Drohnen. Einige ähneln den „Shahed“-Drohnen mit ihren dreieckigen Flügeln, während andere über einen röhrenförmigen Rumpf und kleine Tragflächen verfügen und eher Marschflugkörpern gleichen.
Im Juni startete Russland rund 450 Drohnen mit Geschwindigkeiten zwischen 240 und 500 Kilometern pro Stunde, im August stieg diese Zahl auf etwa 2.850 an, wie aus den Daten hervorgeht. Eine typische Drohne des Typs Shahed, eine kostengünstige, von einem Kolbenmotor angetriebene Angriffsdrohne auf der Basis eines iranischen Designs, fliegt mit weniger als 200 Stundenkilometer.
Die Hauptstadt Kiew und die umliegende Region waren am stärksten betroffen, auf sie entfiel fast ein Fünftel aller gestarteten Drohnen, so die Daten.
Tscherewaschenko sagte, dass Gebiete in und um Kiew sowie die Schwarzmeer-Hafenstadt Odessa, ein zentraler Knotenpunkt für die ukrainischen Seeexporte, die Hauptlast der Angriffe zu tragen hatten.
„Künftig wird die Gesamtzahl solcher Drohnen bei Angriffen zunehmen“, sagte Tscherewaschenko.
Bei einigen Angriffen liege der Anteil strahlgetriebener Drohnen bereits bei über 70 Prozent.
„SCHWERT GEGEN SCHILD“
In den vergangenen Wochen schlugen strahlgetriebene Drohnen in Ziele im Zentrum von Kiew ein.
„Die größte Gefahr dieser Drohnen besteht darin, dass sie ferngesteuert sind: Das heißt, sie können ihre Flugroute und Flughöhe auf Befehl eines Bedieners ändern“, sagte Tscherewaschenko.
Bei der Drohne, die vergangene Woche das Hauptquartier des Geheimdienstes SBU traf und das Büro von dessen Chef punktgenau beschädigte, handelte es sich nach Einschätzung von Behördenvertretern und Militärexperten vermutlich um ein manuell gesteuertes Modell.
Samuel Bendett, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Center for a New American Security, bezeichnete den Krieg in Ukraine als einen ständigen Kampf „Schwert gegen Schild“, bei dem jede neue Fähigkeit und Innovation rasch vom Gegner gekontert werde.
„Der derzeitige russische Vorteil wird mit der Zeit durch ukrainische Gegenmaßnahmen schwinden, etwa durch schnelle und kostengünstige Abfangwaffen, die in der Lage sind, diese (strahlgetriebenen Drohnen) zu bekämpfen“, sagte er.
ABFANGDROHNEN KAUM WIRKSAM
Um den Tausenden von Drohnen des Typs „Shahed“ zu begegnen, die im vergangenen Jahr monatlich abgefeuert wurden, entwickelte die Ukraine Abfangdrohnen. Diese kosten in der Regel weniger als 2.000 US-Dollar und waren in der Lage, einen großen Teil der anfliegenden Drohnen abzuschießen.
Diese Waffen können jedoch nicht mit strahlgetriebenen Drohnen (Jet-Drohnen) mithalten.
Borys Dolyna, Kommandeur einer Einheit für Abfangdrohnen, erklärte, es sei zwar bisweilen möglich, bestimmte Modelle der strahlgetriebenen Drohnen zu treffen, wenn diese für Flugmanöver abbremsten. Er warnte jedoch davor, dass Russland bereits Bordsysteme einsetze und weiterentwickle, die herannahende Objekte erkennen und automatisch beschleunigen.
Die Ukraine hat bereits über mehr als tausend geschulte Crews für Abfangdrohnen. Unternehmen arbeiten unter Hochdruck an schnelleren Abfangdrohnen, einige davon selbst mit Strahlantrieb, doch wie das Scheitern des Tests im Juli zeigte, verläuft der Fortschritt nur schleppend.
Präsident Wladimir Selensky hat erklärt, dass mehr als 60 ukrainische Unternehmen an Lösungen zur Abwehr strahlgetriebener Drohnen arbeiten, wobei bislang nur eine Handvoll davon Ergebnisse vorweisen konnte.
Einem Insider aus der ukrainischen Drohnenindustrie zufolge sind manche Prototypen zu groß und zu langsam für den Kampfeinsatz, da sich dort nur kurze Zeitfenster für den Angriff auf schnell bewegliche Ziele bieten.
NEUE LÖSUNGEN
Laut Vertretern von Behörden und Experten zählt eine neue Generation kostengünstiger Lenkflugkörper zu den vielversprechendsten Lösungen. Die ukrainischen Bestände an teuren, aus dem Westen gelieferten Flugabwehrraketen sind begrenzt und waren ursprünglich nicht für die Abwehr massiver Angriffe durch strahlgetriebene Drohnen ausgelegt.
Tscherewaschenko berichtete, dass einige der neuen Raketen bereits getestet würden und deutlich kostengünstiger seien als die Drohnen, die sie bekämpfen sollen.
Zwar konnte die Ukraine zuvor einige russische Drohnen durch die Übermittlung falscher GPS-Daten vom Kurs abbringen, doch der Brancheninsider merkte an, dass viele Jet-Drohnen mit modernen 16-Kanal-Antennen ausgestattet seien, was sie äußerst widerstandsfähig gegen Störsender und Signalmanipulationen mache.
Anatoly Chraptschynsky, Entwicklungsleiter beim Rüstungsunternehmen Fly Group Ukraine, erklärte gegenüber Reuters, dass einzelne Systeme nicht mehr ausreichten. Die Lösung liege vielmehr in einem vernetzten Ansatz, bei dem mehrere Geräte wie ein einziger „Organismus“ agierten, um die feindlichen Navigationssysteme zu verwirren.
„Die Drohne glaubt weiterhin, auf ihr Ziel zuzusteuern, doch ihr Autopilot, der sich auf die manipulierten Koordinaten stützt, ändert eigenständig und schrittweise den Kurs und lenkt das Fluggerät von Städten weg in sichere Gebiete.“
Der Branchenvertreter erklärte, dass heutige Abfangdrohnen, obwohl langsamer als ihre Ziele, so angepasst werden könnten, dass sie einen Frontalangriff fliegen, anstatt das Ziel von hinten zu verfolgen. Das würde KI-gestützte Zielerfassungssysteme erfordern, die in der Lage sind, die Flugbahn einer anfliegenden Drohne präzise zu berechnen.
Tscherewaschenko berichtete, es habe bereits erfolgreiche Abfangmanöver im Frontalangriff gegeben, sowohl mit automatisierter Steuerungssoftware als auch mit manuell geflogenen Drohnen. Auch wenn die Technologie vor einem großflächigen Einsatz noch weiterentwickelt werden müsse, stelle sie die Zukunft der Luftverteidigung dar.
Derzeit lastet die Hauptaufgabe jedoch noch auf Militärflugzeugen, die schnell genug sind, um mit strahlgetriebenen Drohnen Schritt zu halten. Da die Bestände an Luft-Luft-Raketen schwinden, sind Piloten zunehmend gezwungen, auf Bordkanonen zurückzugreifen, ein riskantes Vorgehen, bei dem die Gefahr einer Kollision mit Drohnentrümmern besteht.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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