Der Ort Schadow, zwei Autostunden von der litauischen Hauptstadt Wilna entfernt, hatte Ende des 19. Jahrhunderts 5.000 Einwohner. Mehr als die Hälfte davon waren Juden. Shadeve, wie es auf Jiddisch hieß, war ein typisches Schtetl. Im Jahr 1923 lebten dort noch 916 Juden. Heute ist keiner mehr übrig, fast alle haben den Holocaust nicht überlebt.
Šeduva, wie die Litauer den Ort nennen, ist inzwischen auf 3.000 Einwohner geschrumpft – allesamt Litauer. Doch diese kümmern sich um die Vergangenheit. Ein neues Museum hat sich zur Aufgabe gemacht, die versunkene Welt des Schtetls wieder zum Leben zu erwecken. Das „Lost-Shtetl“-Museum wurde von einem anonymen südafrikanischen Nachkommen einer jüdischen Familie aus Litauen konzipiert und finanziert.
„80 Prozent der Juden Osteuropas, sechs Millionen Menschen, lebten in Schtetls und sprachen Jiddisch“, erinnert Jolanta Mickute, Leiterin der Bildungsabteilung der Einrichtung. Allein in Litauen gab es über 200 Schtetls. Es waren Orte höchster Kultur und Bildung. Aus der Ferne erinnern die kleinen Gebäude des Museums an einen Weiler. „Mein Ziel war es nicht, ein Denkmal zu errichten, sondern ein Dorf nachzubilden, in dem man spazieren gehen kann“, erklärt der finnische Museumsarchitekt Rainer Mahlamäki.
„Dieses Museum ist einzigartig“, betont Mickute. „Anhand der Geschichte eines Schtetls wird die gesamte Geschichte dieser Kultur erzählt.“ Alles dreht sich um den Marktplatz von Schadow, der mit seinen Verkaufsständen, der Apotheke und dem Stoffverkäufer nachgebaut wurde. Große Schwarz-Weiß-Fotos illustrieren den Alltag. In Gesprächen mit den heutigen Einwohnern konnten Informationen über die Beziehungen zwischen den jüdischen und nichtjüdischen Einwohnern gesammelt werden. „Es wurden drei Expeditionen nach Israel und Südafrika unternommen, um die Nachkommen der Einwohner von Šeduva zu treffen“, erklärt Sandra Petrukonyte, Konservatorin des Museums. So kehrte der Samowar von Sara Melyte, die 1928 nach Südafrika ausgewandert war, in ihre Heimat zurück.
Die Zwischenkriegszeit war für Litauen eine entscheidende Phase. Das Land hatte 1918 – auch mit deutscher Hilfe – seine Unabhängigkeit erklärt. Auch die jüdische Bevölkerung trug zum Aufbau des neuen Staates bei, insbesondere durch ihre Beteiligung an den Unabhängigkeitskämpfen, die bis 1920 tobten. „Juden und Litauer lebten sowohl nebeneinander als auch miteinander. Es war ein sehr typisches Schtetl“, sagt die Historikerin Violeta Davoliute, die sich mit der ersten sowjetischen Besatzung von 1940 bis 1941 befasst und zum Museum beigetragen hat. Doch mit Beginn des Zweiten Weltkriegs im Juni 1941 änderte sich alles. Im Museum wird es dunkler, enger, die Temperatur sinkt und der Gang durch einen Wald erinnert an den Holocaust. In Schadow wurden 664 Juden in den umliegenden Wäldern erschossen. Ihre Namen stehen an den Wänden des Museums. Eine Zeitleiste erzählt von der Zeit der dreijährigen deutschen Besetzung bis 1944.
Der Rundgang endet im ersten Stock, wo am Ende eines langen Korridors ein hohes Fenster einen Panoramablick auf den Friedhof bietet. Damit ist die Geschichte vollständig, die Führung endet dort an dem einzigen Platz, der vom alten Schtetl übrig geblieben ist. Das Museum lässt das Schtetl Schadow wieder aufleben und bereichert die Geschichte Europas um ein Kapitel, das bisher fehlte.