Östlich von Oder und Neiße – Schlesische Christen, die sich nicht verbiegen ließen

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Ein Reformator aus der Nähe von Lüben legte ein Stück weit mit die Grundsteine der Vereinigten Staaten

paz.de📅 07.09.2026

Herrnhut in der Oberlausitz ist bereits durch die weltweite Mission ein Begriff und mittlerweile sogar UNESCO-Kulturerbe. Kaum von minderer religiöser Bedeutung ist aber auch Herrnhuts Ortsteil Berthelsdorf. Dort wurde am 22. August an die schlesischen Glaubensflüchtlinge erinnert, die ihre Heimat 1726 verließen und über die Oberlausitz letztlich Nordamerika erreichten. Vor 300 Jahren verließen etwa 170 schwenckfeldische Familien Niederschlesien. Sie flohen vor religiöser Verfolgung und fanden erst in der Oberlausitz Aufnahme. In einer Jubiläumsfeier im Zinzendorfschloss Berthelsdorf wurde in Vorträgen und einem dreiszenischen Anspiel an die Flucht von 1726 und an die bis heute bestehende Tradition der Glaubensgemeinschaft erinnert.

Die Geschichte der Schwenckfelder beginnt mit Caspar von Schwenckfeld von Ossig (1489–1561), einem schlesischen Adligen aus Ossig [Osiek] bei Lüben [Lubin]. Als Zeitgenosse Martin Luthers begrüßte er zunächst die Reformation, entwickelte jedoch bald eigene religiöse Überzeugungen. „Aus dem einstigen Luther-Fan Caspar Schwenckfeld wurde der Begründer einer eigenständigen Lehre – der Schwenckfelder“, so Józef Zaprucki, Professor an der Riesengebirgshochschule in Hirschberg [Jelenia Góra]. Der gebürtige Niederschlesier und Kenner der schlesischen Literatur, hat in Pennsylvania über die Geschichte der heute dort lebenden Glaubensgemeinschaft geforscht. 2018 übersetzte er Fedor Sommers Roman „Die Schwenckfelder“ ins Polnische.

Frei den Glauben ausüben

Zu Schwenckfelds Lehren gehörten z.B. die Ablehnung des Waffengebrauchs und die Forderung nach einer Trennung von Kirche und weltlicher Obrigkeit, die sich in der US-Verfassung widerspiegelt. Das hatte Schwenkfelder auch in der Alten Welt Feinde seitens der weltlichen Machthaber beschert. Er musste Schlesien verlassen und starb 1561 in Ulm. Seine Anhänger blieben in Schlesien. Und anders als die süddeutschen Schwenckfelder, die vor allem aus Städten und dem Umfeld von Adelssitzen stammten, waren die schlesischen Anhänger überwiegend Handwerker und Bauern. Ihre Gemeinden lagen vor allem in der Gegend von Löwenberg [Lwówek Śląski], Goldberg [Złotoryja] und Haynau [Chojnów].

„Über längere Zeit konnten sie ihren Glauben dort ausüben“, berichtet Jörg Giessler, der sich um die Außenanlagen des einzigen erhaltenen Schwenckfelder-Versammlungshauses in Berthelsdorf kümmert. Zusammen mit weiteren Schlesienkennern schlüpfte er im Berthelsdorfer Zinzendorfschloss in die Rollen jener Glaubensflüchtlinge, die Fedor Sommer, der Hirschberger Pädagoge und Schriftsteller in seinem Roman ,Die Schwenckfelder‘ beschrieb. Margit Kempgen von der Kirchlichen Stiftung Evangelisches Schlesien nahm Sommers Buch für ihr Szenenbild zur Grundlage. Das Laienensemble brachte die Ereignisse des Jahres 1726 auf die Bühne: die Gewissensnot des lutherischen Pfarrers Johannes Samuel Neander, den Zorn der Bürgerin Barbara Jäkel über die Verfolgung, die Bemühungen der Gemeindeführer Georg Hauptmann und Christoph Hoffmann und schließlich die Nachricht vom gewährten Asyl durch den Boten Zinzendorfs.

Katholisch werden

„Ich spielte den Fürsprecher der Schwenckfelder, Georg Hauptmann, der sich zusammen mit Christoph Hoffmann mit 17 Petitionen an den Kaiser wandte“, so Giessler. Das Originalgeschehen blieb ohne Erfolg, denn am 30. Juli 1725 wurde den Schwenckfeldern mitgeteilt, sie müssten entweder zum Katholizismus übertreten oder das Land verlassen. Schließlich hatte der junge Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf den Verfolgten auf seinen Gütern in der Oberlausitz Zuflucht gewährt.

Die 1719 auf kaiserlichen Befehl eingerichtete Jesuitenmission zur Rekatholisierung der Schwenckfelder ging gegen diese Glaubensgemeinschaft vor. Neugeborene wurden zwangsgetauft, Gläubige zur katholischen Katechese verpflichtet und Angehörige der Gemeinde inhaftiert. Wer als Schwenckfelder starb, durfte nicht auf dem katholischen Kirchhof bestattet werden. In der Nacht vom 14. auf den 15. Januar 1726 setzte sich ein großer Teil der Schwenckfelder in Bewegung. Mehr als 170 Familien verließen ihre schlesischen Dörfer an der Grenze zur Oberlausitz am Queis (Kwisa).

Auf der Jubiläumsfeier im Zinzendorfschloss schilderte Pfarrer Alexander Wieckowski aus Wurzen in seinem Vortrag „Wohin sie gingen“ die Geschichte der Glaubensflüchtlinge. Bereits 1734 musste ein großer Teil der Gemeinde unter politischem Druck erneut aufbrechen. Rund 180 Schwenckfelder gingen über Altona nach Nordamerika. Dort ließen sie sich in Pennsylvania nieder. Doch ein kleiner Teil blieb in Schlesien und schloss sich später der lutherischen Kirche an. Nach dem Historiker Horst Weigelt gilt der Bauer Melchior Dorn als letzter Schwenckfelder Schlesiens. Er starb 1826 in Harpersdorf [Twardocice]. Dort erinnert bis heute ein Denkmal an die verfolgten Glaubensangehörigen und an die mehr als 200 Schwenckfelder.

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