Seit über 40 Jahren steht der Iran laut Israel und den USA nur wenige Monaten vor der Herstellung einer Atombombe
Die Kriege der USA und Israels basieren regelmäßig auf Lügen. Schon den Krieg gegen den Irak haben die USA 2003 mit angeblichen Massenvernichtungswaffen begründet, die es nie gegeben hat. Das gleiche passiert nun beim Iran, der laut den Berichten aus den USA und Israel schon seit Mitte der 1980er Jahre angeblich unmittelbar vor der Herstellung einer Atombombe steht. Nun hat Trump seinen Krieg damit begründet, der Iran sei kurz vor der Herstellung einer Atombombe und das müssten die USA verhindern.
In der TASS ist eine Chronologie der 40-jährigen Propaganda-Kampagne über angebliche iranische Atomwaffen erschienen, den ich übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Irans Geheimnis: 40 Jahre Suche nach Atomwaffen
Über die Pläne der Islamischen Republik zur Entwicklung einer Atombombe wird seit den frühen 1980er-Jahren gesprochen, sie konnten aber nie bestätigt werden. Lesen Sie die Geschichte der „medialen Suche“ in diesem TASS-Artikel.
Am ersten Tag des Krieges gegen den Iran, dem 28. Februar, kommentierte US-Präsident Donald Trump: „Wenn wir nicht angefangen hätten, hätten sie innerhalb von zwei Wochen Atomwaffen gehabt.“ 2025 vertrat die damalige US-Geheimdienstdirektorin Tulsi Gabbard eine andere Meinung: „Die Geheimdienste gehen weiterhin davon aus, dass der Iran keine Atomwaffen entwickelt und der Oberste Führer Ali Khamenei kein Atomwaffenprogramm autorisiert hat.“
Ironischerweise ist das bereits das zweite Mal, dass der Konflikt zwischen dem amerikanischen Präsidenten und seinen Geheimdiensten öffentlich geworden ist. 2008 forderte US-Präsident George W. Bush die „sich zusammenzutun und den Erwerb von Technologien durch Teheran verhindern, die den Weg zu Atomwaffen ebnen würden“, nachdem sein Geheimdienst einen Bericht aus dem Jahr 2007 über Khameneis Aussetzung des Atomprogramms freigegeben hatte. Insgesamt erstreckt sich die Geschichte der Suche nach einer iranischen Atombombe über 42 Jahre. Dabei gibt es die Islamische Republik erst seit 47 Jahren.
Die Bombe mit dem langen Zeitzünder
Schon die ersten Anschuldigungen gegen den Iran klangen übertrieben: 1984 teilte der westdeutsche Geheimdienst mit, dass sich Teheran in den „letzten Phasen“ der Entwicklung von Atomwaffen befinde. Diese Erkenntnisse fielen auf fruchtbaren Boden: Bereits in den 1970er-Jahren hatte der letzte Schah Mohammad Reza Pahlavi in die Entwicklung ziviler Kernenergie investiert. Er zog Europäer und Amerikaner als Berater hinzu. Nach der Revolution von 1979 verbreitete sich der Verdacht, dass die neuen Machthaber ihre gesammelten Erfahrungen für militärische Zwecke nutzen wollten. Diese Welle erfasste auch die USA. Senator Alan Cranston schrieb Geschichte als erster amerikanischer Ankläger des Iran: Seinen Angaben zufolge brauchte das Land sieben Jahre, um seine Nukleartechnologie zu perfektionieren. Dieser Theorie zufolge hätte die iranische Atombombe 1991 das Licht der Welt erblickt.
Damals waren die Befürchtungen einer unkontrollierten nuklearen Weiterverbreitung, angeheizt durch den Zusammenbruch der Sowjetunion, bereits auf ihrem Höhepunkt. Anfang der 1990er-Jahre sprach der US-Kongress über ein mögliches „Leck“ sensibler Materialien aus Kasachstan und nannte den Iran als Käufer. Beweise für diese Vermutungen wurden keine vorgelegt.
Im April 1998 griff die Jerusalem Post die Kasachstan-Geschichte erneut auf und löste damit einen diplomatischen Streit aus. Unter Berufung auf Erkenntnisse israelischer Geheimdienste behaupteten Journalisten, die Iraner hätten in Zentralasien bereits vier Atomsprengköpfe erworben. Die russische Regierung, ebenso wie die kasachische, wies diese Möglichkeit entschieden zurück. Die USA schlossen sich mit den Erkenntnissen ihrer eigenen Geheimdienste daraufhin der russischen Seite an.
Das hielt den israelischen Politiker Benjamin Netanjahu, der viele Jahre in den USA gelebt hatte, bevor er seine politische Karriere begann, nicht davon ab, das Thema des iranischen Atomprogramms für sich zu nutzen. Bereits 1992 erklärte Netanjahu in der Knesset: „Innerhalb von drei bis vier Jahren wird der Iran bei der Entwicklung von Atomwaffen von niemandem mehr abhängig sein.“ Dieselben Prognosen wiederholte er in seinem 1995 erschienenen Buch „Der Kampf gegen den Terrorismus“.
Als die von ihm vorhergesagte Frist (1995 plus 4 Jahre) abgelaufen war, änderte Netanjahu seine Strategie. Präsident Bushs Agenda war die Besetzung des Irak. Wie der „Guardian“ damals berichtete, schilderte der spätere Premierminister 2002 vor einem Kongressausschuss seine Verdächtigungen gegenüber dem Iran und dem Irak und beschuldigte beide Länder, Atomwaffen entwickeln zu wollen.
Eine Welle der Popularität
Die Nahostkrise, die 2002 ausbrach (der Einmarsch in den Irak begann 2003), wurde zum Auslöser von Ereignissen, die später auch den Iran betrafen. Die Oppositionsgruppe Nationaler Widerstandsrat des Iran enthüllte, dass Teheran zwei geheime Atomanlagen in Natanz und Arak errichtet hatte. Die USA bestätigten diese Information mithilfe von Satellitenbildern. Der Fall wurde an die IAEA verwiesen. Die iranische Regierung wurde aufgefordert, unverzüglich eine Inspektion der geheimen Anlagen zuzulassen.
2002 stand die iranische Regierung unter der Führung des reformorientierten Präsidenten Mohammad Khatami. Er kam dem Westen entgegen und 2003 wurde ein Abkommen über Inspektionen unterzeichnet. Der Iran garantierte zunächst die Durchführung der Inspektionen selbst und sicherte der IAEA anschließend durch ein separates Protokoll das Recht auf unangekündigte Besuche zu. Die Angelegenheit schien beigelegt, doch mit dem Machtwechsel 2005 verschärfte der neue Staatschef Mahmud Ahmadinedschad die Situation. Inspektoren wurde ohne Vorwarnung der Zutritt verweigert und westliche Medien berichteten erneut ausführlich über die bevorstehende Entwicklung einer iranischen Atombombe.
Israel schürte das Interesse an diesem Thema weiter. Später zeigte sich, dass es das nicht nur schürtet, sondern auch Angst machte. Ein von WikiLeaks freigegebenes Dokument zitiert Verteidigungsminister Ehud Barak: „Es bleibt ein Zeitfenster von sechs bis 18 Monaten, in dem es noch möglich sein wird, Iran an der Entwicklung einer Atomwaffe zu hindern.“ Wann wurde das gesagt? Im Jahr 2009.
Im selben Jahr sprach Netanjahu, ebenfalls laut WikiLeaks, erneut über das iranische Atomprogramm. Seine Prognosen deckten sich mit denen seines politischen Rivalen Barak: Teheran sei angeblich nur noch ein bis zwei Jahre von seinem ersten erfolgreichen Test entfernt.
Eine Bombe für das Wirtschaftswachstum
2010 begann die Anti-Iran-Kampagne in den hohen Kreisen Washingtons Früchte zu tragen. Der demokratische Präsident Barack Obama war kein Unterstützer Netanjahus. Er bezeichnete ihn einmal hinter vorgehaltener Hand als „Dorn“. Dennoch starteten die USA einen umfassenden Sanktionskrieg gegen den Iran und forderten ihn auf, seine Bemühungen zur Entwicklung von Atomwaffen einzustellen. Durch den Druck auf die Islamische Republik gelang es den USA, sie vom SWIFT-Zahlungssystem abzuschneiden und einige ihrer Auslandskonten einzufrieren und das Land geriet in eine beispiellose wirtschaftliche Krise.
Trotz des (weniger strengen) Sanktionsregimes der 2000er-Jahre verzeichnete der Iran in jenen Jahren noch Wachstum. Doch in den 2010er-Jahren brach die Wirtschaftsleistung rapide ein. Die USA setzten ein neues Instrument ein: Sekundärsanktionen. Die Beschränkungen wurden nicht nur gegen die Islamische Republik verhängt, sondern potenziell auch gegen jeden, der wirtschaftliche Beziehungen zu ihr unterhielt – beispielsweise durch den Kauf von iranischem Öl.
Israel beteiligte sich als Medienpartner an dieser Kampagne. Benjamin Netanjahu widmete seine Rede vor der UN-Generalversammlung der iranischen Atombedrohung und veranschaulichte sie anhand eines Zünders. Laut Netanjahu, dem damaligen Premierminister, war der Iran bereits zu 90 Prozent auf dem Weg zur Entwicklung einer Atomwaffe, weshalb die rote Linie entlang der gezeichneten „Bombe“ stetig anstieg. Laut diesem Bericht fehlte nur noch ein bisschen und der Iran würde die mächtigste Waffe der Welt besitzen. Teheran dementierte das.
2013 erklärte sich der neue iranische Präsident Hassan Rouhani erneut zu Verhandlungen mit dem Westen bereit. Zwei Jahre später erzielten beide Seiten ein Abkommen, das im Oktober 2015 in Kraft trat. Dessen Bestimmungen untersagten die Urananreicherung, das wichtigste Material für die Herstellung einer Bombe, auf einen Wert über 3,67 Prozent. Im Gegenzug lockerten die USA und die EU-Staaten im Januar 2016 die Sanktionen. Israel war mit dem Abkommen unzufrieden – und musste auf seine Rache nicht lange warten.
Dasselbe bei Trump
2016, als das Abkommen zwischen dem Iran und den westlichen Ländern (in dem auch Russland und China als Garantiemächte fungierten) bereits in Kraft getreten war, gewann Donald Trump die US-Wahlen. Der Republikaner zeigte sich zuversichtlich, mit Teheran ein neues, noch vorteilhafteres Abkommen aushandeln zu können. Darauf brachte ihn der Erfolg von Obamas Sanktionskampagne. Trump behauptete, durch Druck mehr vom Iran zu erreichen als sein Vorgänger. Dieser Logik folgend, traten die USA 2018 aus dem Abkommen aus. Die europäischen Länder, Russland und China folgten dem amerikanischen Beispiel nicht.
Die Kampagne des „maximalen Drucks“ (wie der Sanktionskrieg in Washington genannt wurde) unterschied sich von Obamas Methoden. Trump hielt Wort und erweiterte die Liste der Vorwürfe gegen Teheran bis zum Äußersten: Die neuen Sanktionen wurden nicht nur wegen des angeblichen Atomprogramms, sondern auch wegen des Raketenprogramms und der Unterstützung von Bewegungen im Nahen Osten verhängt, die von den USA als terroristisch eingestuft wurden (Hamas, Hisbollah, Ansar Allah).
Netanjahu schloss sich Trumps Bemühungen an. 2018 sprach er erneut Enthüllungen der Machenschaften des Irans. Diesmal widmete der israelische Premierminister ihnen eine Fernsehansprache. Die Kernaussage war, dass der Iran im Rahmen eines bis dahin unbekannten Geheimprojekts namens „Projekt Amad“ weiterhin an Atomwaffen arbeitete.
Mitte der 2020er-Jahre hielten die Regierungen der USA und Israels an ihrer Position fest: Der Iran sei in der Lage, Atomwaffen zu entwickeln, arbeite daran und könne dieses Ziel in absehbarer Zeit erreichen. Im Juni 2025 führten Israel und die USA eine Operation zur Einschüchterung des Irans durch, den sogenannten „Zwölf-Tage-Krieg“. Die Zahl der Todesopfer während dieser Tage wird auf über tausend geschätzt.
Der neue amerikanisch-israelische Krieg gegen die Islamische Republik von 2026 dauert nun schon über 18 Tage und die Zahl der Todesopfer ist ebenfalls gestiegen: Laut Al Jazeera, das sich auf das iranische Gesundheitsministerium beruft, sind allein im Iran bis zum 16. März 1.444 Menschen gestorben.
Überzeugende Beweise dafür, dass Teheran an der Entwicklung einer Atombombe gearbeitet hat, wurden immer noch nicht vorgelegt.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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