Ein Familienschicksal – So war es damals – Von Pommern nach Pommern

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Erinnerungen an eine schwere Zeit – Der Verlust der Heimat schmerzt auch heute noch sehr

paz.de📅 04.09.2026

Wir wohnten bis zum 12.März 1945 in Swinemünde in der Steinbrückstraße, in der meine Großmutter ein Haus besaß. In den 1930er Jahren und zu Beginn der 1940er Jahre war meine Geburtsstadt Schritt für Schritt zum größten deutschen Kriegsmarinestützpunkt an der Ostsee ausgebaut worden. Als ab 1942 die Alliierten schwere Luftangriffe gegen deutsche Städte flogen, galt Swinemünde als hochgradig gefährdet. Die Stadtverwaltung organisierte daher flugs die „Umquartierung“ der Mütter mit ihren Kindern in weniger gefährdete Orte. Unser neuer Wohnort war Kalkofen bei Misdroy auf der Insel Wollin, ein idyllischer Ort inmitten alter Buchenwälder und relativ nahe am Ostseestrand.

Drei Jahre später, am 11.März 1945, war die Front schon so nahe herangekommen, dass man den Kanonendonner hören konnte. Unsere Mutter entschied daher: Wir gehen zurück nach Swinemünde.

Am Folgetag erlebten wir dort das Ungeheure. Nils Köhler nennt es „die Tragödie von Swinemünde“, Jörg Friedrich „ein Massaker an der Zivilbevölkerung“. Das mehrstöckige Haus, in dem wir wohnten, wurde durch eine Sprengbombe bis auf die Grundmauern zerstört. Nur durch einen Zufall überlebten wir das Bombardement. Die Augen unserer Mutter begannen zu leuchten, wenn sie später davon erzählte, wie sie ihren drei Kindern zum zweiten Mal das Leben geschenkt hatte.

Als sich die 671 Bomber nach einer Stunde ihrer entsetzlichen Last entledigt hatten und die Schützen der 412 Begleitjäger ihre Bordwaffen ruhen ließen, machten wir uns auf den Weg zu Verwandten ins 12 Kilometer entfernte Dörflein Reetzow. Dass uns nur eine kleine Handtasche mit unseren Papieren und das, was wir am Leibe trugen, geblieben war, geriet völlig in den Hintergrund. Wir hatten ja das Massaker überlebt. Und in den Westen absetzen mussten wir uns ob der Vergangenheit unserer Familie nicht.

Das 188-Seelen-Dorf Reetzow liegt in der Idylle des Usedomer Achterlandes. Es gab dort 1945 zwei Kolonialwarenläden und eine Gaststätte mit einem Tanzsaal, aber keine befestigte Straße zu den Nachbarorten. Das Brot buk man noch selbst, Wurst, Schinken und Gänsebrust reiften im „Rökerwiemen“. Mit Theodor Storm könnte man sagen: „Kein Klang der aufgeregten Zeit drang noch in diese Einsamkeit.“

Die Geißel der Einwohner waren die Kriege! Die Pommern galten als tapfere und gehorsame Soldaten. Ihre Knochen bleichten nicht nur auf den Schlachtfeldern von Jena und Auerstedt, sondern auch auf denen von Königgrätz, Leipzig, Sedan, Verdun und Stalingrad sowie bei den Düppeler Schanzen. In den beiden Weltkriegen fielen 20 junge Reetzower.

Ein Schicksalsjahr war für das Dorf das Jahr 1945. In Ortsnähe befanden sich Schützen- und Panzergräben, Bunker, Laufgräben und Maschinengewehrnester. Auf dem nahen Kückelsberg gab es eine Scheinwerferstation.

Nun suchten hier Frauen mit ihren Kindern, die im Osten Deutschlands „enthaust“ worden waren, Unterschlupf. Flüchtlinge aus Ostpreußen hatten bereits eine Wochen oder Monate währende Odyssee hinter sich. Ein älterer Gutsbesitzer und seine Frau ratterten aus Hinterpommern mit einem Traktor heran. Sie alle – es waren mehr als 60 Frauen, Kinder und Alte – wähnten sich in Reetzow in relativer Sicherheit und hofften, von den Fleischtöpfen der Bauern partizipieren zu können. Und bei der Rückkehr in die alte Heimat, auf die sie zuversichtlich hofften, wollten sie keinen allzu weiten Weg haben.

Erst Wochen, Monate oder gar Jahre später kamen aus dem Kriege bzw. der Kriegsgefangenschaft die Männer zurück. Sie hatten bis zum bitteren Ende für den „Endsieg“ gekämpft und wären bei „Fahnenflucht“ erschossen worden. Nicht wenige Frauen und Kinder warteten jedoch vergeblich auf den Ehemann und Vater.

Am 4. Mai 1945 griffen die Russen mit schwerfälligen Doppeldeckern das Dorf an; 22 Wohnhäuser und ca. 40 Wirtschaftsgebäude wurden durch das Bombardement zerstört. Manche Flüchtlinge verloren so zum zweiten Mal ihr Zuhause. Die Dorfbewohner, darunter auch die für den Brandschutz ausgebildeten Frauen, hatten während des Angriffs in Bunkern Schutz gesucht.

Befreier – und doch nicht

Am Folgetag rückten die ersten russischen Soldaten mit ihren Panjewagen in das Dorf ein. Zu Gefechten kam es glücklicherweise nicht, denn die Wehrmacht hatte sich bereits abgesetzt. Viele Dorfbewohner hängten ein weißes Tuch heraus, nur das Haus des Kommunisten Wischniewski zierte eine rote Fahne. Er wurde prompt zum Bürgermeister ernannt, bekleidete diese Funktion aber nur kurze Zeit. Im Parlowschen Haus wurde die Kommandantur eingerichtet. Dem hinterpommerschen Gutsbesitzer Blödorn warf man eine Verstrickung mit dem Naziregime vor. Er wurde verhaftet. Von ihm, wie auch von Karl Labahn Sikerf sowie den Brüdern Kurt, Otto und Willi Mehl, die in ein hinterpommersches Arbeitslager verschleppt wurden, hat man nie wieder etwas gehört.

Als Befreier, die sie objektiv waren, konnten die meisten Einwohner die fremdländischen Soldaten nicht ansehen, mit Blumensträußen hatte sie niemand empfangen. Die Frauen durften sich nun nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen. Sie versteckten sich in Strohmieten oder hockten in dunklen Kellern. Nur die Drohung mit der Kommandantur schreckte die Soldaten ab.

Jede Generation hatte hier mindestens einen Krieg erlebt. In der oft verklärten Schwedenzeit zählte man 39 Friedensjahre und 35 Kriegsjahre. Es ist überliefert, dass nach der Franzosenzeit von 1806 bis 1812 im Dorf auch ein kleiner „Franzose“ aufwuchs. Nicht überliefert ist, wie viele Kinder von den russischen, den schwedischen oder den Wallensteinschen Soldaten gezeugt wurden. Sie hatten sich stets mit Gewalt genommen, was sie haben wollten. Haben vielleicht jene recht, die behaupten, dass jeder Krieg seine Akteure entmenschliche, ja barbarisiere?

Die im Jahre 1945 abgebrannten Häuser der Bauern wurden relativ schnell durch Baracken aus dem verwaisten Lager des Reichsarbeitsdienstes im Nachbarort ersetzt. Die Unterbringung der Flüchtlinge hingegen war mehr als dürftig. Auch Frauen mit drei oder vier Kindern mussten sich mit einem Zimmer begnügen. Als Küche stand ihnen die weit entfernte Schulküche zur Verfügung, das Wasser lieferte die Pumpe und das Häuschen mit dem Herzen in der Tür stand auf dem Hof.

Auch um das Essen war es schlecht bestellt, was meine nach dem dürftigen Abendbrot gestellte Frage belegt: „Mutti, sind wir nun satt?“ Auf die Bitte nach einem Liter Milch kam von einer Bäuerin die Antwort: „Dat moeten als uns‘ Schwien hebben“. Zudem verdarben die „Hamsterer“ die Preise. Sie tauschten ihre letzten Habseligkeiten gegen Kartoffeln und zahlten für Eier und Butter horrende Preise. Als zwei hungergeplagte „butendörpsche“ Männer von einer Wiese in Dorfnähe ein Schaf gestohlen und sogleich geschlachtet hatten, wurden sie von Einwohnern überwältigt. Ein Bauer wollte sogleich Selbstjustiz üben, wurde aber glücklicherweise daran gehindert. Einem anderen gefassten Diebespaar war die Flucht aus dem Spritzenhaus gelungen. In dessen Giebel klaffte nun ein großes Loch. In Notzeiten wird die Brechtsche Aussage „erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ verifiziert. Selbst als die Besatzungsmacht uns eine Kuh zuteilten, änderte sich die Versorgungslage nicht, verfügten wir doch weder über Futter noch über einen Stall für das Tier.

Eines Tages wurden von den 132 Kühen, die es im Dorf gab, 70 nach Swinemünde getrieben, wo man sie auf Schiffe verlud. Später mussten auch die Schweine zu einem Sammelpunkt gebracht werden. Wo es die Bedingungen erlaubten, hielten die Flüchtlinge eine Ziege, Kaninchen, Gänse und Hühner und bauten auf Pachtland Kartoffeln und Gemüse an. Sie sammelten zudem Ähren und Erbsen, stoppelten Kartoffeln oder arbeiteten für Naturalien auf den Äckern der Bauern, denn mit dem, was die Lebensmittelmarken hergaben, konnte nur die äußerste Not gelindert werden.

Im Jahre 1946 begann der Schulunterricht wieder. Das 1898 erbaute Schulgebäude Reetzows verfügte über einen einzigen Klassenraum, in dem die Schüler der Klassen eins bis acht gleichzeitig unterrichtet wurden und eine geräumige Lehrerwohnung. Um zu verhindern, dass Lehrer mit Nazi-Vergangenheit im Schuldienst blieben, wurden in allen Besatzungszonen Neulehrer eingesetzt. In den westlichen Besatzungszonen durften jedoch ab 1947 belastete Lehrer nach sogenannten „Entbräunungskursen“ wieder unterrichten. Auch der Direktor einer höheren Swinemünder Schule, der dort häufig in seiner schwarzen Uniform aufgetreten war, durfte in Schleswig-Holstein weiter unterrichten.

Wir lernten in der Schule bei einem Neulehrer statt des Pommernliedes das Mecklenburger Heimatlied. Im Refrain des Liedes heißt es „da ist meine Heimat, Mecklenburger Land.“ Hans Werner Richter aus Bansin wählt in seinem Buch „Deutschland deine Pommern“ einen Dialog zwischen Eheleuten, um das Unerhörte vorzustellen: „Du, Richard, häst du hürt, jetzt sind wi Mecklenburger. Dat doch woll nich, Anna. Doch, doch, sei segg’n et jo im Radio. Dat givt et nich, Anna. Worum denn Mecklenburger? Worum nich glick Berliner?“ Die Regierung um Walter Ulbricht wollte offensichtlich vergessen machen, dass Stalin und Churchill den Polen den größten Teil Pommerns geschenkt hatten.

Mein Vater kam 1946 aus englischer Gefangenschaft zurück. Im Jahr 1947 wurde meine Schwester Karin geboren. Wir lebten nun zu sechst in einem Zimmer mit Küche.

Die Hoffnung erfüllte sich nicht

Mit der Zeit betrachteten Einheimische die Flüchtlinge als unerwünschte Eindringlinge und als Konkurrenten bei der Nahrungs- und der Wohnungssuche. „Dat Flüchtlingspack sall man wedder na Hus gohn“, hieß es gar. Die Vertriebenen wären liebend gerne nach Hause gegangen. Die Rückkehr in die Heimat wurde ihnen jedoch verwehrt. Jahrzehnte später, als die Losung herausgegeben wurde „wir schaffen das“ fügten Willfährige diensteifrig den Satz hinzu „wir sind ja auch mit Millionen Flüchtlingen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten fertig geworden“.

Bis zum Herbst 1945 hatte es noch geheißen, Swinemünde und Stettin würden deutsch bleiben. Im Oktober zerschlug sich auch diese Hoffnung, denn die Siegermächte hatten am grünen Tisch die als vorläufig deklarierte Grenze unmittelbar östlich von Swinemünde festgelegt. Polen verbreitete dazu die These: „Wir sind hier nicht angekommen, wir sind hierher zurückgekehrt.“ Daraufhin zogen wir nach Heringsdorf. Für unsere Familie bleiben die vier Jahre in Reetzow unvergessen, sechs Personen in einem kleinen Zimmer.

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