Was man in deutschen Medien alles nicht über Trumps Öldeal mit Venezuela erfährt
Gestern Abend habe ich einen russischen Artikel übersetzt, der sehr verständlich erklärt hat, welche Folgen der Öldeal, den die USA Venezuela aufgezwungen haben, für den globalen Ölmarkt und die OPEC haben dürfte. Wer sich mit dem Thema beschäftigt hat und nun die deutschen Medienberichte darüber liest, der merkt mal wieder, wie die Medien die Menschen in Deutschland dumm halten. Das wollen wir uns einmal am Beispiel des Spiegel anschauen, vorher allerdings muss ich etwas Allgemeines vorwegschicken.
Ja, Trump hat eine Strategie
Wer Trumps Äußerungen zum Irankrieg verfolgt, der muss zu dem Schluss kommen, dass Trump den Verstand verloren hat, schließlich widersprechen sich seine Erklärungen manchmal mehrmals täglich. Allerdings deute ich das nicht als Unzurechnungsfähigkeit von Trump, sondern als Zeichen der Verzweiflung, denn Trump hatte einen Plan, der bis Ende Februar hervorragend funktioniert hat, nun aber ziemlich aus dem Ruder gelaufen ist.
Ich habe schon im letzten Jahr und auch Anfang 2026 immer wieder darauf hingewiesen, dass die Trump-Regierung einen klaren Plan hat, um die weltweite Vorherrschaft der USA wiederherzustellen. Der Plan ist im Kern ausgesprochen simpel: Die USA sollen die Vorherrschaft über die weltweiten Öl- und Gasmärkte bekommen, denn wer die Lieferungen der wichtigsten Energieträger und deren Preise kontrollieren kann, der kontrolliert die Welt, weil er jedem Konkurrenten buchstäblich das Licht, also die Wirtschaft, abschalten kann.
Wenn man Trumps Politik vor diesem Hintergrund sieht, dann wird plötzlich verständlich, warum er Kanada (viertgrößter Ölförderer der Welt) am liebsten zu einem Bundestaat der USA machen möchte, warum er (auch schon in seiner ersten Präsidentschaft) so hart gegen Venezuela vorgegangen ist und im Januar 2026 schließlich den venezolanischen Präsidenten Maduro kurzerhand nach Mafia-Manier entführen ließ, und warum er sich danach den Iran vorgenommen hat.
Sowohl Venezuela als auch der Iran stehen unter harten US-Sanktionen und der wichtigste Abnehmer ihres Öls war China, das auf die US-Sanktionen gepfiffen hat und deren Öl daher mit großem Rabatt kaufen konnte. Daran sieht man, dass Trumps Angriffe auf Venezuela und den Iran in Wahrheit vor allem China galten, dem wichtigsten Konkurrenten der USA. Wenn die USA dafür sorgen können, dass China das Öl aus dem Iran und Venezuela entweder gar nicht mehr bekommt, oder aber deutlich teurer einkaufen muss, wäre das ein Schlag gegen die chinesische Wirtschaft.
Das war der Plan der Trump-Regierung und das war das Ziel des Krieges gegen den Iran, den die USA Ende Februar in der Hoffnung auf einen schnellen Sieg begonnen haben. Wir erinnern uns, dass für Anfang April eine China-Reise von Trump geplant war. Dabei, so der Plan, sollte Trump als großer Sieger nach Peking kommen und mit dem chinesischen Präsidenten “aus einer Position der Stärke heraus” über die Bedingungen für dessen Öleinkäufe sprechen können.
Aber bekanntlich gab es für die USA keinen schnellen Sieg gegen den Iran und Trump hat seine China-Reise schließlich sogar verschoben. Als Trump dann Mitte Mai endlich nach China gereist ist, konnte er von der Reise keine nennenswerten Erfolgsmeldungen mit nach Hause bringen. Und von Gesprächen “aus einer Position der Stärke heraus” konnte keine Rede sein.
Der katastrophale Irankrieg hat Trumps Pläne komplett durcheinander gebracht, einschließlich seiner Aussichten auf die im November anstehenden Zwischenwahlen, die er krachend verlieren dürfte. Und sollte Trump die Mehrheit im US-Parlament verlieren, dürften die Demokraten schnell ein weiteres Amtsenthebungsverfahren anstoßen, das dieses Mal sogar Erfolg haben könnte. Wenn man das bedenkt, wird zumindest ein wenig verständlich, warum Trumps Politik seit dem verkorksten Irankrieg so chaotisch ist: Das ist ein Zeichen der totalen Verzweiflung bei ihm und seinem Team, denn niemand weiß, wie sie aus dem Schlamassel wieder rauskommen können.
Kommen wir nach diesem Vorwort zu dem, was deutsche Medien über Venezuela und die Öl- und Gasmärkte berichten, und was nicht.
Bloß keine Geopolitik!
Die deutschen Medien berichten nach dem Motto „Bloß keine Geopolitik!“, denn sie verschweigen ihren Lesern geopolitische Zusammenhänge und Hintergründe komplett. Stattdessen kultivieren sie das Märchen, dem Westen gehe es um irgendwelche „Werte“ und er wolle ja nur Demokratie, Wohlstand und Freiheit verbreiten.
Dass es – dem Westen, wie auch allen anderen – in der internationalen Politik nur um Macht und Einflusssphären geht, bestreiten die deutschen Medien sogar und behaupten immer wieder, nur „Despoten“ wie Putin oder Trump würden in Macht und Einflusssphären denken, aber die „wahren Demokraten“ in der EU, bei den US-Demokraten und generell die Transatlantiker würden natürlich niemals in Macht und Einflusssphären denken, denn sie wollen der Welt angeblich ja nur das Gute bringen.
Es ist unfassbar, aber diesen Eindruck verbreiten die deutschen Medien tatsächlich. Und wahrscheinlich haben viele Redakteure deutscher Medien auch tatsächlich so wenig Ahnung von Geopolitik, dass sie die Märchen, die sie verbreiten, sogar selbst glauben.
Da Trumps Ziel, die Kontrolle über die internationalen Öl- und Gasmärkte zu übernehmen, nur die Fortsetzung der Politik der Biden-Regierung ist, und dass diese Politik im Grunde schon unter Präsident Bush Junior begonnen wurde, als die USA begannen, auf Fracking zu setzen, verschweigen die deutschen Medien.
Der Grund ist klar: Würden die deutschen Medien ihrem Publikum das erklären, würden wohl sogar Spiegel-Leser nachdenklich werden und sich fragen, wie schlau es war, sich von dem billigen russischen Pipelinegas ab- und dem viel teureren US-Frackinggas zuzuwenden. Und möglicherweise würde der eine oder andere Spiegel-Leser dann sogar auf die Geschichte der Nord-Streams (zuerst Trumps US-Sanktionen gegen den Bau von Nord Stream 2, dann die Sprengung der Pipelines) mit einem anderen Blickwinkel schauen.
Würden deutsche Medien wie der Spiegel über diese Zusammenhänge berichten, würde sogar Spiegel-Lesern klar werden, dass mit dem Wechsel von russischem zu US-amerikanischem Gas nur das umgesetzt wurde, worauf US-Regierungen 20 Jahre lang konsequent hingearbeitet haben: Europa in der Energiepolitik vollständig von den USA abhängig zu machen, um es politisch noch besser kontrollieren zu können, und um durch die überhöhten Energiepreise einen wirtschaftlichen Konkurrenten zu schwächen. Dieses Ziel, russisches Gas auf dem europäischen Gasmarkt durch US-Gas zu verdrängen, wurde in den USA 20 Jahre lang ganz offen verkündet, und nun ist es ja auch gelungen.
Aber das deutsche Publikum versteht diese Zusammenhänge nicht, sondern glaubt – dank des konsequenten Verschweigens der Medien – allen Ernstes, an der Entwicklung sei Putin Schuld. Auf die Idee, dass dies das Ergebnis eines in den USA 20 Jahre lang konsequent verfolgten Planes sein könnte, kommen Konsumenten der deutschen Mainstream-Medien nicht.
Das Märchen über Demokratie
Dieses Verschweigen der Geopolitik konnten wir in den deutschen Medien auch im Fall Venezuela viele Jahre lang beobachten. Schon während Trumps erster Amtszeit haben die USA versucht, Venezuela unter ihre Kontrolle zu bringen und dazu ab Januar 2019 den Putschversuch von Guaido unterstützt. Damals habe ich ständig darauf hingewiesen, dass es dem Westen in Venezuela nicht um Demokratie, sondern um das Öl geht. Aber die deutschen Medien haben, Sie erinnern sich daran vielleicht noch, wieder das Märchen vom Kampf für Demokratie und Menschenrechte erzählt.
Ich erwähne das, weil der Spiegel vor einigen Tagen einen Artikel mit der Überschrift „Öl-Abkommen mit Venezuela – Trumps Deal gegen die Demokratie“ veröffentlicht hat, in der man lesen konnte:
„Eines ist nun unstrittig: Trump ging es bei seiner Intervention in Venezuela nie um die Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse, er hatte es immer auf das Öl des Landes abgesehen.“
Na, das ist doch mal eine Überraschung, oder? Das haben der Anti-Spiegel und andere freie Medien seit Januar 2019 geschrieben, als der von der damaligen Trump-Regierung orchestrierte Guaido-Putschversuch begann und als der Spiegel und andere deutsche Medien im Brustton der Überzeugung herumtrompetet haben, der Trump-Regierung gehe es in Venezuela um Demokratie, Freiheit, Wohlstand und Menschenrechte.
Ich frage mich, was schlimmer ist: Dass die deutschen Medien seit Jahrzehnten (siehe z. B. Irakkrieg) immer das gleiche Märchen von Demokratie und Menschenrechten erzählen, oder dass die meisten Menschen in Deutschland dieses Märchen immer noch glauben?
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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