Nach nur vier Jahren hatte Harald Glööckler genug von Berlin. Der schillernde Modedesigner hat seinen Hauptwohnsitz in diesem Sommer zurück nach Kirchheim an der Weinstraße verlegt. In seiner Villa in der Pfalz sucht der 61-Jährige nun, was er in Berlin zunehmend vermisste: Ruhe und Abstand vom Großstadttrubel. „Alles kommt mir immer lauter vor, immer hektischer und leider auch immer dreckiger“, begründete Glööckler seinen Wegzug aus der Hauptstadt. Ähnlich wie der Modeschöpfer hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Prominenten Berlin als Wohnort aufgegeben.
Wie stark die Hauptstadt für die Deutschen insgesamt an Anziehungskraft verloren hat, zeigt eine neue Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Nur noch 31 Prozent der Befragten halten Berlin für eine faszinierende Metropole. 36 Prozent dagegen sehen in Berlin inzwischen eine Hauptstadt ohne Ausstrahlung. Vor knapp zwei Jahrzehnten war das Verhältnis noch krass umgekehrt: Im Jahr 2007 fanden noch 66 Prozent der Deutschen Berlin faszinierend, lediglich 14 Prozent sprachen der Stadt ihre Ausstrahlung ab.
Zu viel Kriminalität stößt viele ab
Auch im Vergleich mit anderen deutschen Großstädten fällt Berlin zurück. Auf die Frage, welche Stadt einen besonderen Reiz besitzt, nannten 48 Prozent Hamburg und 47 Prozent München. Berlin erreichte nur 34 Prozent. Noch deutlicher fällt das Ergebnis bei der Frage nach dem bevorzugten Wohnort aus: Während 24 Prozent am liebsten in München und 23 Prozent in Hamburg leben würden, entschieden sich lediglich 13 Prozent für Berlin. Fast jeder zweite Befragte – 46 Prozent – erklärte sogar, auf keinen Fall in der Hauptstadt wohnen zu wollen. Einen ebenso schlechten Wert erreichte nur Frankfurt am Main.
Bundesweit nennen 69 Prozent der Befragten Kriminalität als eines der größten Probleme Berlins, 64 Prozent verweisen auf Drogen im öffentlichen Raum. Mehrheiten beklagen außerdem heruntergekommene Stadtteile, Graffiti und Schmierereien, Müll sowie Armut und Obdachlosigkeit. Häufig genannt wird auch ein zu starker Einfluss des Islam.
Noch kritischer urteilen diejenigen, die Berlin aus ihrem Alltag kennen: Im Großraum Berlin halten satte 84 Prozent die Kriminalität für ein großes Problem, 74 Prozent den Zustand heruntergekommener Stadtteile und 69 Prozent Armut und Obdachlosigkeit.
Das negative Stimmungsbild schlägt sich auch in den Wanderungsbewegungen nieder. Berlin wächst zwar weiterhin durch Zuzug. Der positive Wanderungssaldo beruht laut der offiziellen Bevölkerungsstatistik jedoch inzwischen vollständig auf der Zuwanderung aus dem Ausland, während Berlin gegenüber den übrigen Bundesländern Einwohner verliert. Viele Fortziehende bleiben allerdings in der Nähe der Hauptstadt. Sie verlegen ihren Lebensmittelpunkt nur einige Kilometer weit ins brandenburgische Umland, wo der Wohnraum häufig größer, die Umgebung grüner und das tägliche Leben überschaubarer und geordneter ist.
Berlin ist indes nicht in jeder Hinsicht auf dem Rückzug. Die Wirtschaft der deutschen Hauptstadt wuchs 2025 preisbereinigt um 1,1 Prozent und damit deutlich stärker als die deutsche Wirtschaft insgesamt. Die Stadt bleibt der wichtigste deutsche Standort für Start-ups.
Teurer und trotzdem schlechter
Parallel zum wirtschaftlichen und demografischen Wachstum verliert Deutschlands Hauptstadt allerdings zunehmend jene weichen Standortvorteile, die Berlin lange Zeit attraktiv gemacht haben. Vor allem in den 90er Jahren lockte die Spreemetropole mit niedrigen Mieten und einem Lebensgefühl, das andernorts kaum zu finden war. Mittlerweile haben die Berliner Angebotsmieten jedoch fast das Niveau Hamburgs erreicht, und zahlreiche Klubs und Kulturorte kämpfen ums Überleben.
Dazu kommt: Obwohl das Leben in Berlin immer teurer wird, funktioniert die Stadt im Alltag zunehmend schlechter. Auf einen Termin im Bürgeramt mussten die Berliner vergangenes Jahr durchschnittlich 27 Tage warten. Im brandenburgischen Kleinmachnow, unmittelbar hinter der südwestlichen Stadtgrenze, lässt sich ein Anliegen im Bürgeramt ohne Anmeldung üblicherweise innerhalb einer halben Stunde erledigen.
Über Jahrzehnte lautete das Berliner Versprechen sinngemäß: niedrige Einkommen, aber günstiges Wohnen und viel Freiheit. Mittlerweile trägt Klaus Wowereits Beschreibung Berlins als „arm, aber sexy“ nicht mehr. Das Leben in der Hauptstadt ist längst teuer geworden. Geblieben sind dagegen eine überforderte Verwaltung, Wohnungsmangel, Schmutz, Kriminalität und eine brüchige Infrastruktur.