Außenminister Lawrow über den Kampf der NATO um die Arktis
Der Kampf um die Arktis ist im Westen seit vielen Jahren ein Thema, allerdings berichten westliche Medien darüber hauptsächlich vor dem Hintergrund der Bodenschätze, die in der Arktis vermutet werden und auf die die Arktis-Anrainerstaaten ein Auge geworfen haben. Die Arktis ist aber noch aus einem anderen Grund sehr wichtig, über den westliche Medien weitaus weniger berichten, obwohl er vielleicht sogar bedeutender ist. Es geht um die Logistik des Welthandels.
Die Erderwärmung hat dazu geführt, dass die Arktis für den Schiffverkehr befahrbar geworden ist und Russland hat daher Eisbrecher gebaut, die nun Handelsschiffe durch das früher dauerhaft vereiste Nordmeer geleiten, das die Nordgrenze Russlands bildet. Diese sogenannte nördliche Route wird immer wichtiger, denn sie verkürzt den Transportweg zwischen Asien und Europa beträchtlich, der bisher durch den Indischen Ozean und den Suezkanal führt.
Dieser Seeweg ist aber immer unsicherer geworden, wie zunächst Piraten am Horn von Afrika, dann die Angriffe der jemenitischen Huthis gegen alle Unterstützer Israels und zuletzt die Blockade der Straße von Hormus gezeigt haben. Vor diesem Hintergrund wird die von Russland kontrollierte nördliche Route immer wichtiger, wobei es aber dem Westen natürlich ein Dorn im Auge ist, dass diese Route an Russlands Grenzen entlang führt.
Der russische Außenminister hat über die Problematik der Arktis und die Bemühungen des Westens, den Einfluss in die Arktis auszudehnen, einen Artikel geschrieben, den ich übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Internationale Zusammenarbeit in der Arktis: Herausforderungen und Chancen
Am 19. August ereignete sich ein bedeutendes Ereignis für die Schifffahrt in der Arktis. Erstmals erreichte ein Containerschiff aus China den Hafen von Murmansk über die Nördliche Seeroute, eine wichtige Komponente des Transarktischen Transportkorridors. Mit der Beteiligung internationaler Partner begann eine neue Phase in der Entwicklung der russischen Arktisregion, in der mindestens 10 Prozent des russischen BIP erwirtschaftet werden und über 2,5 Millionen russische Bürger leben. In diesem Zusammenhang möchte ich einige Gedanken zur aktuellen Lage in der Arktis und zur geplanten Gestaltung der internationalen Zusammenarbeit dort darlegen.
Russland und internationale Partner in der Arktis
Die von Präsident Wladimir Putin verabschiedeten Grundsätze der russischen Staatspolitik in der Arktis bis 2035 konzentrieren die Arbeit aller Behörden auf die Verbesserung der Lebensqualität der Bevölkerung in der russischen Arktis, das Wirtschaftswachstum in ihren Gebieten, den Umweltschutz und eine für alle Beteiligten vorteilhafte internationale Zusammenarbeit. Letzteres ist für das Außenministerium, das für die Koordinierung der Beziehungen zu anderen Ländern und zwischenstaatlichen Organisationen zuständig ist, besonders wichtig. Ich betone außerdem, dass die gesamte Bandbreite der Themen im Zusammenhang mit der Entwicklung der Arktis, der maritimen Logistik und der Nördlichen Seeroute einen zentralen Platz in der Arbeit des Maritimen Kollegiums der Russischen Föderation einnimmt.
Die Prioritäten der außenpolitischen Aktivitäten in den hohen Breitengraden sind im aktuellen außenpolitischen Konzept vom 31. März 2023 verankert. Russland strebt in der Arktis die Wahrung von Frieden und Stabilität, die Reduzierung von Bedrohungen der nationalen Sicherheit und die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes an. Zur Umsetzung dieser Prinzipien sind wir offen für die Zusammenarbeit mit allen konstruktiv gesinnten Ländern, die ein solches Interesse zeigen. Davon gibt es viele. Die enormen Ressourcen und das Transport- und Logistikpotenzial des Hohen Nordens, seine einzigartigen natürlichen und klimatischen Gegebenheiten, die lange Tradition regionaler Zusammenarbeit und das reiche kulturelle Erbe seiner indigenen Völker bieten vielfältige Möglichkeiten für eine für gegenseitig vorteilhafte Partnerschaft.
Unter den Ländern, mit denen wir in der Arktis eng zusammenarbeiten, sind China und Indien besonders hervorzuheben. Mit Peking werden arktische Fragen in regelmäßigen Treffen der Staatschefs eingehend erörtert. Es arbeitet eine spezialisierte bilaterale Unterkommission zur Nördlichen Seeroute, ebenso wie Mechanismen für interministerielle Konsultationen und den wissenschaftlichen Austausch. Die Ergebnisse, darunter die Aufnahme regelmäßiger Containerschifffahrt durch Russlands Nordmeere mit Plänen zur Ausweitung des Transportvolumens sowie weitere Erfolge, unter anderem in der Polarforschung, sprechen für sich.
Mit Neu-Delhi führen wir einen aktiven Dialog zu Fragen der hohen Breitengrade. Ende August wurde dieses Thema auf einer Sitzung der zwischenstaatlichen russisch-indischen Kommission für Handel, wirtschaftliche, wissenschaftliche, technische und kulturelle Zusammenarbeit erörtert. Indische Unternehmen beteiligen sich an der Erschließung des Ressourcenpotenzials unserer Arktisregion. Laut einigen Experten könnte die Arktis in den nächsten 20 Jahren zu einem der Vorzeigeprojekte der russisch-indischen Partnerschaft werden.
Es gibt Perspektiven für eine Zusammenarbeit im Hohen Norden mit Brasilien, Indonesien, Iran und anderen BRICS-Staaten. Wir sind bereit, die Zusammenarbeit mit Weißrussland und anderen Verbündeten und Partnern in der GUS auszubauen. Man muss auch Südkorea und Singapur erwähnen, die trotz ihrer Beteiligung an der unfreundlichen Sanktionskampagne des „kollektiven Westens“ gegen unser Land Interesse an einer Zusammenarbeit mit Russland bei konkreten Arktisprojekten gezeigt haben.
Das Interesse von Staaten außerhalb der Arktis an einer Zusammenarbeit mit Russland in den hohen Breitengraden spiegelt sich in der aktiven Teilnahme ausländischer Gäste an Symposien und Konferenzen zu arktischen Themen wider. Zahlreiche ausländische Delegationen werden an den Diskussionen der Sondersitzungen des 11. Östlichen Wirtschaftsforums teilnehmen, das am 1. September in Wladiwostok eröffnet wird. Im kommenden März freuen wir uns, hochrangige Gäste aus dem Ausland zum nächsten großen internationalen Forum der russischen Arktis, „Die Arktis: Territorium des Dialogs“, in Murmansk begrüßen zu dürfen.
Herausforderungen für die internationale Zusammenarbeit in der Arktis
Die Erhaltung der Arktis als Zone des Friedens und der Zusammenarbeit liegt im Interesse der gesamten internationalen Gemeinschaft, und Russland ist daran zweifellos interessiert. Es gibt jedoch auch jene, die diese Meinung nicht teilen. Wie sonst ließe sich erklären, dass die Staaten der NATO, wie auch das gesamte Militärbündnis, die Militarisierung der Region vorantreiben und dort Brennpunkte internationaler Spannungen schaffen?
Im Februar 2026 startete die NATO die Operation Arctic Sentinel, die auf den Ausbau ihrer militärischen Präsenz in den hohen Breitengraden abzielt. In unmittelbarer Nähe unserer Nordgrenzen finden verstärkte militärische Vorbereitungen statt. Es werden großangelegte, offensive Übungen durchgeführt, an denen auch Länder von außerhalb der Region beteiligt sind, und es werden neue Elemente der NATO-Kommandostruktur aufgebaut.
Diese militärischen Aktivitäten im Hohen Norden stellen eine direkte Bedrohung für Russlands Sicherheit dar. Das Risiko von Zwischenfällen, die eine bewaffnete Konfrontation mit potenziell katastrophalen Folgen provozieren könnten, steigt.
Die gezielte Schaffung einer Atmosphäre des Misstrauens im militärischen Bereich erfolgt parallel zu den Versuchen des Westens, Russlands legitime Rechte im der internationalen Zusammenarbeit durch illegale Finanz- und Wirtschaftssanktionen gegen juristische Personen und Einzelpersonen aus Ländern der Globalen Mehrheit, die an gemeinsamen Projekten in der Arktis beteiligt sind, zu untergraben.
„Die NATO und andere westliche Akteure verbergen ihre wahren Motive nicht und erklären ihr Ziel, die Arktis in eine neue Front der Konfrontation zu verwandeln, um die Entwicklung unseres Landes und seiner gleichgesinnten Verbündeten zu behindern.“
Eine der Manifestationen der anti-russischen Politik des Westens war die Blockierung ehemals effektiver Mechanismen für multilaterale Zusammenarbeit im Hohen Norden. Einige dieser Gremien existieren nicht mehr, andere sind ohne Russlands Beteiligung, das aufgrund feindseliger Aktionen gezwungen war, die Beziehungen abzubrechen, weitgehend bedeutungslos geworden. Das einzig verbliebene zwischenstaatliche Format ist der Arktische Rat, der vor fast 30 Jahren, am 19. September 1996, gegründet wurde.
Der Rat feuert sein Jubiläum in einem alles andere als guten Zustand. Seit März 2022 ist er aufgrund des Vorgehens der westlichen Mitgliedstaaten „eingefroren“ und durchlebt eine schwere Krise. Ministertreffen und Sitzungen des wichtigsten Koordinierungsgremiums, des Komitees hochrangiger Beamter, wurden ausgesetzt, und die Möglichkeiten zur Umsetzung von Projekten sind stark eingeschränkt. Das Funktionieren der Organisation beschränkt sich im Wesentlichen auf Kontakte auf Expertenebene und virtuelle Sitzungen der Arbeitsgremien.
Russland ist bereit, die volle Funktionsfähigkeit des Arktischen Rates wieder aufzunehmen, sofern die anderen Beteiligten fair handeln und die legitimen Interessen aller Teilnehmer berücksichtigen. Wir sind jedoch auch auf das Szenario vorbereitet, das die NATO-Staaten jetzt innerhalb der Organisation verfolgen, indem sie versuchen, Arktisfragen ohne Russland in ihrem eigenen kleinen Kreis zu besprechen, womit sie den Arktischen Rat selbst diskreditieren und marginalisieren. Für den Fall haben wir die Gebiete, die Logistik, die Technologie und verlässliche Partner für beidseitig vorteilhafte Projekte, um Russlands Pläne in der Arktis mit Zuversicht umzusetzen.
Die Zukunft der internationalen Zusammenarbeit in der Arktis
Ein Blick auf die Weltkarte genügt, um zu erkennen, dass Russland der führende Arktisstaat war, ist und bleibt. Experten prognostizieren, dass die Arktis mit dem fortschreitenden Klimawandel und dem anhaltenden Abschmelzen der Polarkappen für Transport und Bodenschätze immer wichtiger wird. Die Region spielt angesichts zunehmend häufigerer Unterbrechungen der Lieferketten, insbesondere in den für die Weltwirtschaft systemrelevanten Meerengen der Weltmeere, bereits jetzt eine unverzichtbare Rolle bei der Sicherung nachhaltiger Handelsbeziehungen.
Die strategische Bedeutung der Arktis für die nationalen Interessen und die Sicherheit unseres Landes wird ebenfalls zunehmen. Wir werden die umfassende Entwicklung der hohen Breitengrade und den Ausbau der Infrastruktur der Arktis im Einklang mit der russischen Gesetzgebung und den Entwicklungszielen des Landes fortsetzen.
Bei unseren wirtschaftlichen Aktivitäten werden wir weiterhin davon ausgehen, dass die arktischen Meeresräume integraler Bestandteil der Weltmeere sind. Die Bestimmungen des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen von 1982, das den Küstenstaaten in der Arktis besondere Rechte und Pflichten einräumt, gelten uneingeschränkt. Die Verpflichtung zu diesen Rechten und Pflichten wurde in der Erklärung von Ilulissat verankert, die 2008 von den Arktis-Fünf Russland, Dänemark, Kanada, Norwegen und den USA verabschiedet wurde. Zum jetzigen Zeitpunkt sehen wir keine Notwendigkeit, zur Regelung wirtschaftlicher und anderer Aktivitäten in den hohen Breitengraden neue Instrumente des Völkerrechts zu entwickeln.
„Die russische Außenpolitik in der Arktis behält ihren umfassenden und pragmatischen Charakter. Wir unterstützen die Entwicklung der Arktis als integralen Bestandteil des pankontinentalen Sicherheits- und Kooperationsraums in Eurasien.“
Unsere heutigen Gegner sollten längst die zahlreichen Lehren der Geschichte gelernt und erkannt haben, dass ein Dialog mit Russland in der Sprache von Sanktionen und Drohungen keine Zukunft hat. Unfreundliche, feindselige Aktionen wurden und werden weiterhin angemessene, auch asymmetrische, Antworten bekommen. Russland bevorzugt in jeder Region der Welt einen konstruktiven Dialog, doch wenn nötig, werden unsere nationalen Interessen mit allen verfügbaren Mitteln geschützt.
Wie Präsident Wladimir Putin wiederholt betont hat, wird in der Arktis intensiv gearbeitet, und wir sind offen für alle Partner, die sich auf der Grundlage von Gleichberechtigung und gegenseitigem Nutzen beteiligen möchten. Und außerhalb des Kreises der NATO-Russophoben bilden solche Partner die große Mehrheit. Vielversprechende Bereiche sind die Erschließung der Bodenschätze, die Nutzung des Transarktischen Transportkorridors und seiner wichtigsten Komponente, der Nördlichen Seeroute. Zu den Prioritäten gehört der Aufbau von Industrie-, Verkehrs- und Tourismusinfrastruktur. Die Verbesserung des Wohlergehens der Bewohner des Hohen Nordens, der Schutz der nordischen Natur und die Durchführung wissenschaftlicher Forschung bleiben Priorität. In all diesen Bereichen messen wir der internationalen Zusammenarbeit eine bedeutende Rolle bei.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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