Aus der kirchlichen Form gefallen

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Eine Kirche muss nicht immer wie eine Kirche aussehen – Spektakuläre Sakralbauten in Europa, wo man sie nicht vermutet

paz.de📅 01.09.2026

Einen Wasserturm, ein Zelt und einen Wolkenkratzer würde man nicht gleich mit Kirchenbauten in Verbindung bringen. Aber zu solchen Assoziationen laden drei spektakuläre moderne Gotteshäuser ein, auf die man in Syrakus und Le Havre trifft.

Von der griechischen Antike bis zum Hochbarock reicht das Spektrum der Architektur auf Sizilien. Es ist ein einmaliger Kunstschatz, der sich sogar in einem einzigen Bau vereint: der Kathedrale Santa Maria delle Colonne auf Ortygia, der Altstadtinsel von Syrakus. Die Kathedrale Heilige Maria der Säulen macht ihrem Namen alle Ehre. Hinter der gewaltigen zweigeschossigen Barockfassade, die nach Entwürfen des Palermitaner Architekten Andrea Palma von 1725 bis 1753 errichtet wurde, verbirgt sich ein griechischer Tempel, erbaut als Athenatempel nach dem Sieg der Griechen über die Karthager in Himera im Jahr 480 v. Chr.

Sein Umbau zur christlichen Kirche erfolgte im 7. Jahrhundert, indem man die Zwischenräume der äußeren Säulen schloss und aus den Längswänden der Cella jeweils acht Arkaden herausschnitt. Bei den Restaurierungsarbeiten in den 1920er Jahren wurde die nun dreischiffige Basilika von ihren barocken Stuckschichten befreit. Seitdem zeigt sie unverhohlen ihren heidnischen Ursprung. Das 2.500 Jahre alte Monument gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Die Neustadt von Syrakus besitzt dagegen zwei auf ihre Art spektakuläre moderne Gotteshäuser, die kaum in Reiseführern zu finden sind. Einen Kilometer südlich vom Archäologischen Park lugt das Dach eines Turms über die Baumwipfel. Auf den ersten Blick könnte man in dem Bau einen Wasserturm erkennen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man auf dem Dach den offenen Glockenstuhl aus Beton mit dem Kreuz. Die Assoziation ist also erlaubt, fehlen für San Tommaso al Pantheon auf der Piazza Pantheon doch bekannte Vorbilder.

Die vom Architekten Gaetano Rapisardi (1893–1988) für seine Heimatstadt entworfene und 1919 begonnene Kirche wurde als Beinhaus und Gedenkstätte für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten aus Syrakus errichtet. Ihr zylindrischer Körper über kreisrundem Grundriss wird von großen Pfeilern geprägt, die durch große Fenster gegliedert sind. Der Rolle als Ort des Gedenkens entspricht das in natürliches Licht getauchte schlichte Innere: das ideale Ambiente für eine besinnliche Atmosphäre.

Bei diesem Kirchenbau ließ es Rapisardi übrigens nicht bewenden. 33 Jahre später erfolgte die Grundsteinlegung zur Basilika San Giovanni Bosco in Rom, im Quartier Don Bosco – daher der Name – im Stadtteil Cinecittà. Seit ihrer Fertigstellung 1964 ist sie dem Durchmesser nach die drittgrößte Kuppelkirche unter den römischen Kirchen nach dem Pantheon und dem Petersdom. Am 20. November 1965 wurde sie von Papst Paul VI. zur Basilica minor erhoben.

Madonna mit menschlichen Tränen

Durch und durch ein Wunder ist zurück in Syrakus das nahe von San Tommaso gelegene Santuario della Madonna delle Lacrime gegenüber dem Archäologischen Museum auf der anderen Seite der Viale Teocrito. Der zeltartige Schrein mit „schwebendem“ Kapellenkranz für ein wundertätiges Madonnenbild ist 74,50 Meter hoch, hat einen Innendurchmesser von 71,40 Metern und besitzt eine Gesamtfläche von 4.000 Quadratmetern. Das Santuario bietet Platz für sagenhafte 11.000 Gläubige und ist damit eine der größten Wallfahrtskirchen Italiens.

Der Spannbetonbau wurde 1966 begonnen, aber erst 1994 durch Johannes Paul II. geweiht. Für die lange Bauzeit waren archäologische Grabungen auf dem Baugrundstück verantwortlich. Dabei wurden Überreste eines Demeter- und Kore-Heiligtums gefunden, die in den Kirchenbau gut sichtbar integriert wurden. So erhebt sich diese Kirche über einer heidnischen Kultstätte, von deren Existenz man zuvor nichts gewusst hatte.

Das unscheinbare Madonnenbild schmückt heute den Hauptaltar. Angesichts des Leids einer todkranken Frau war im August 1953 einige Tage lang Flüssigkeit aus den Augen der Madonna geflossen. Eine chemische Analyse ergab deren Übereinstimmung mit menschlichen Tränen. Nach der Genesung der Kranken und weiteren Wunderheilungen wurde die weinende Madonna zum Ziel für Gläubige und Pilger aus aller Welt.

Ortswechsel. Bei der Invasion 1944 in der Normandie wurde Le Havres historisches Stadtzentrum von den Alliierten komplett zerstört. Bis 1954 hat man es durch eine moderne Musterstadt aus Stahlbeton, geradlinig und standardisiert, ersetzt. Frankreichs Star-Architekt Auguste Perret hatte ein Experiment gewagt und gewonnen. Seit 2005 ist Le Havres Stadtkern im Stil des „strukturellen Klassizismus“ Unesco-Weltkulturerbe.

Krönung von Perrets Werk ist der avantgardistische Neubau der zerstörten Josephskirche. Wie ein Wolkenkratzer in New York ragt sie 107 Meter in den Himmel, erbaut aus 700 Tonnen Stahl und 50.000 Tonnen Beton, durchbrochen von 12.768 farbigen Glasfenstern. Spektakulär ist der Blick in den völlig durchbrochenen Laternenturm von innen, wie er über dem quadratischen Kirchengrundriss steil in die Höhe strebt.

St. Joseph ist nicht der einzige moderne Kirchenbau in der Normandie, aber sicherlich ihr ungewöhnlichster. Die höchste Kirche ist er jedoch nicht. Die Region ist von großen Abteikirchen und Kathedralen aus dem Mittelalter geprägt. Die berühmteste Klosterkirche ist zweifellos St. Michael auf dem Mont Saint-Michel. Nicht zuletzt durch die Gemälde von Monet nicht minder weltberühmt ist die Kathedrale von Rouen. Bis 1880 war letztere mit rund 151 Metern sogar das höchste Gebäude der Welt. Dann wurde der Kölner Dom fertiggestellt und überragt seitdem die französische Kathedrale um sechs Meter.

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