Jahrzehntelang war Polen vor allem ein Land der Auswanderung. Nach dem EU-Beitritt 2004 gingen Hunderttausende in die Nachbarländer. Ende 2024 lebten laut dem polnischen Statistikamt GUS rund 1,5 Millionen Polen beziehungsweise Menschen mit dauerhaftem Wohnsitz in Polen vorübergehend im Ausland. Die größten Gruppen befanden sich in Großbritannien mit rund 415.000 und Deutschland mit rund 407.000 Menschen.
Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung des Zentrums für Migrationsforschung der Universität Warschau im Auftrag des polnischen Familien- und Arbeitsministeriums zeigt einen neuen Trend: eine Rückwanderung (Remigrantion). Die wachsende polnische Wirtschaft und die Möglichkeit, im Ausland erworbene berufliche Erfahrungen in Polen einzusetzen, sind demnach gängige Rückkehranreize. Weitere Gründe für eine Remigration sind die geringer gewordenen Lohnunterschiede oder dass das Ausland – und insbesondere Deutschland – für jüngere Leute nicht mehr den wirtschaftlichen Vorsprung früherer Jahre gegenüber der Heimat bietet.
Der Coseler Przemysław Masłoń ging bereits mit 18 Jahren in die Niederlande. Anfangs verdiente er dort Geld für sein Studium, das er an der Technischen Universität Oppeln [Politechnika Opolska] absolvierte. Aber als Sportlehrer fand er wegen der Schließung vieler Grundschulen in Kandrzin-Cosel [Kędzierzyn-Koźle] keine Erwerbsquelle daheim. So ging er aus der oberschlesischen Kreisstadt wie viele andere dauerhaft in die Niederlande. Er verließ damals eine heruntergekommene Stadt, die wenig Anreize für junge Menschen mit Tatkraft bot.
In den Niederlanden arbeitete er in einem Logistikunternehmen und lernte Anna Liza, seine spätere Ehefrau kennen. Weil die gelernte Krankenschwester ihm von ihrer Philippinischen Heimat vorschwärmte, besuchte er mit ihr Puerto Galera und verliebte sich auf Anhieb in diese Insel. „Wir haben alles auf eine Karte gesetzt, verkauften unser Hab und Gut in den Niederlanden und gingen 2016 in die Heimat von Anna Liza“, berichtet Masłoń. Nach zwei Jahren Vorbereitung eröffneten sie ein Hotel am White Beach im 140 km von Manila entfernten Puerto Galera. Das Hotel benannten sie nach ihrer ersten Tochter Marion Roos.
„Nach der ersten euphorischen Zeit und als sich die Routine einschlich, bekam ich Heimweh. Nach fast zehn Jahren auf den Philippinen wollte ich auch wieder daheim etwas bewegen“, so der Geschäftsmann. Zunächst tat er etwas für seine Schwägerin Jenny. Er organisierte für die junge Frau Arbeit im oberschlesischen Tichau [Tychy]. „Seinerzeit hatte Kaczyński von der PiS einen Deal mit den Philippinen geschlossen. Auf 250.000 Philippiner warteten Arbeitsvisa in Polen. Auf diese Weise sind Jenny und später auch ihr Ehemann Oliver nach Tichau gekommen“, berichtet der Coseler.
Masłoń erlebte hautnah, wie sich seine Heimatstadt Cosel zunehmend mauserte. Das im Krieg zerstörte Rathaus auf dem Coseler Ring wurde zwar, wie ursprünglich geplant, nicht wieder aufgebaut, aber die Häuser auf dem Ring sind saniert, der Rathausplatz ist neu gepflastert und überhaupt lädt die einstige Garnisonsstadt an vielen Stellen zum Flanieren ein. „Noch warten viele Häuser auf Menschen mit Geschäftsideen, wir jedoch haben unsere Chance jedenfalls ergriffen“, sagt er.
Die Masłońs eröffnen im September in der Coseler Innenstadt eine Gaststätte mit orientalischer Küche und beleben damit auch gleich ein Backsteingebäude mit historischen Stuckaturen an einer Stelle der Stadt neu, wo Gastfreundschaft Geschichte hat. Gleich nebenan ist ein Pub, der ebenfalls ein Facelifting erlebte und die alte Aufschrift „Hotel zum Schwarzen Adler“ freigelegt hat. Auch die Räume des neuen Restaurants „Marion Roos“ waren selbst einst Teil dieses renommierten Beherbergungsbetriebes.
„Im Grunde sind wir unserer beiden Töchter und ihrer Zukunft halber nach Cosel zurückgekommen. Auf den Philippinen gibt es ein desolates Bildungssystem. Auch wenn wir Marion und Jula auf die besten Schulen schickten, der Abschluss würde nur auf den Philippinen, nirgendwo anders anerkannt. Das hieße, sie könnten nur in unsere Fußstapfen treten. Wir möchten sie aber nicht eingrenzen“, sagt der Vater. Er habe die Mädels bereits in der Coseler Grundschule angemeldet, die auch er einst besuchte. Przemysławs Eltern leben noch in Cosel und helfen, wo sie können. Das Hotel auf den Philippinen wollen die Masłońs von Cosel aus weiterführen. „In der Stoßzeit, im April und Mai, wird meine Frau vor Ort nach dem Rechten sehen. Ansonsten arbeiten dort für uns vertrauenswürdige und langjährige Mitarbeiter, die mir übrigens das Kochen beibrachten.“ Da das Hotel mit Gastronomie wie das Coseler Restaurant unter gleichem Namen Logo und Speisekarte existieren werden, kann man quasi von einer polnisch-philippinischen Kette sprechen.