Gerade trat eine weitere Getreue aus Trumps Gefolgschaft zurück: Pressesprecherin Karoline Leavitt. Ausgerechnet diejenige, die so ziemlich jeden Fauxpas und alle Halbwahrheiten ihres Chefs mal lächelnd, mal aggressiv verteidigte und oftmals gegen eine andere Halbwahrheit austauschte. Woher der Sinneswandel kommt? Offiziell will sie sich mehr um ihre beiden kleinen Kinder kümmern. Das fällt ihr aber merkwürdigerweise spät ein, nachdem sie erst vor drei Monaten nach der Geburt ihres zweiten Kindes an Trumps Seite zurückkehrte. Die Wahrheit ihres Rücktritts wird in Washington gerade hinter vorgehaltener Hand kolportiert: Trumps egozentrische Rücksichtslosigkeit. Nach dem NATO-Gipfel in Ankara warnten Sicherheitsdienste vor einer möglichen Raketenbedrohung gegen das Flugzeug des Präsidenten. Daraufhin wurde Trump unter strengster Geheimhaltung aus Air Force One herausgebracht, in einem Catering-Container über das Rollfeld transportiert und zu einer kleineren Militärmaschine gebracht. Air Force One aber startete trotzdem – mit seinem Stab und Leavitt an Bord. Die Maschine diente als ablenkendes Flugzeug. Kurzum: Trump hätte seine Leute eiskalt geopfert.
Eine neue Ära beginnt
Lange galt in der Republikanischen Partei ein Gesetz: Wer sich mit Donald Trump anlegt, verliert. Doch in diesem Sommer beginnt diese Gewissheit zu bröckeln. Trump ist zwar weiter der mächtigste Republikaner, aber nicht mehr unantastbar. Die Gefahr für ihn: Der Widerstand kommt jetzt aus dem eigenen Parteiflügel.
Besonders deutlich wird das an Tucker Carlson. Der einflussreiche Publizist ist eine Stimme der Bewegung, die Trump groß gemacht hat. Gerade deshalb wiegt seine Kritik umso schwerer. Der entscheidende Konflikt dreht sich um die Außenpolitik. Trump hatte versprochen, Amerikas „endlose Kriege“ zu beenden und sich auf das eigene Land zu konzentrieren. Doch der gefühlt planlose Krieg mit dem Iran hat einen tiefen Riss durch MAGA gezogen. Carlson, Steve Bannon und andere prominente Stimmen fragen inzwischen, was aus „America First“ geworden ist. Für Trump ist das gefährlicher als die Kritik der Demokraten: Denn seine Gegner halten ihm den Bruch seiner Versprechen vor.
Ähnliches geschah im Streit um die Epstein-Akten. Für Teile der MAGA-Bewegung gehört der Verdacht, Washingtons Eliten würden mächtige, geheime Netzwerke schützen, seit Jahren zum politischen Weltbild. Umso größer war die Empörung über den Umgang mit den Unterlagen, um Trumps Verstrickungen zu verschleiern. Selbst Marjorie Taylor Greene, jahrelang eine der treuesten Trump-Verteidigerinnen im Kongress, geriet mit dem Präsidenten aneinander. Der Konflikt zeigte etwas bis dato kaum Denkbares: Man kann MAGA sein und trotzdem gegen Trump stehen. Genau hier aber liegt die Gefahr für den Präsidenten. MAGA beginnt sich von seinem Gründer zu emanzipieren. „America First“ ist nicht mehr das persönliche Markenzeichen Trumps, sondern seine Bibel, an der er sich nun selbst messen lassen muss.
Man glaubt Trump nicht mehr
Zugleich bekommt das Bild des stets erfolgreichen Machers Risse. Im Juli verlor die US-Wirtschaft 23.000 Jobs; die Zahlen der zwei Vormonate wurden um 103.000 Stellen nach unten korrigiert. Die Inflation lag im Juli bei 3,4 Prozent, die Reallöhne niedriger als ein Jahr zuvor. Dabei beruhte Trumps politische Stärke immer auf der simplen Botschaft: Unter mir geht es euch besser. Wenn Amerikaner beim Einkaufen und auf ihrem Konto etwas anderes erleben, merken die Menschen das –und glauben Trump nicht (mehr).
Auch seine Zollpolitik hat harte Rückschläge erlitten. Der Supreme Court erklärte einen wichtigen Teil der auf Notstandsbefugnissen beruhenden Zölle für rechtswidrig. Milliarden mussten zurückgezahlt werden. Gleichzeitig erreichte das Haushaltsdefizit im Juli für diesen Monat einen Rekordwert von 432 Milliarden Dollar. Die wirtschaftsnationalistische Politik, mit der Trump Wohlstand und neue Einnahmen versprochen hatte, floppt.
Die Stimmung schlägt sich in den Umfragen nieder. Eine Pew-Erhebung sah Trumps Zustimmung im Frühjahr nur noch bei 34 Prozent. Besonders bemerkenswert: Lediglich 38 Prozent sagten noch, Trump halte seine Versprechen. Nach seiner Wiederwahl 2024 waren es satte 51 Prozent. Der Grund: Seine skurrilen Aussagen zerschellen an der Realität.
Auch im Kongress verschieben sich die Verhältnisse. Republikanische Abgeordnete wagen es häufiger, sich gegen das Weiße Haus zu stellen. In einer Abstimmung über die Möglichkeit, Trumps Zollpolitik im Kongress herauszufordern, stellten sich mehrere Republikaner gegen die eigene Führung. Drei Abweichler machen noch keine Revolte. Aber bei hauchdünnen Mehrheiten können wenige Stimmen entscheidend sein.
Noch wichtiger ist die psychologische Wirkung: Man kann Trump plötzlich widersprechen – und dennoch politisch überleben. Genau deshalb wird in der GOP plötzlich Morgenluft gewittert. Im November stehen die Parlamentswahlen an, und Abgeordnete müssen nicht Trump, sondern ihre eigenen Mandate retten. Sollte sich der Eindruck verfestigen, dass der Präsident in umkämpften Wahlkreisen mehr Stimmen kostet als bringt, wird aus Loyalität schnell Distanz.
Trump geht es um Trump
Aktuell läuft es in Washington anders als in den letzten Monaten: Frühere Angriffe kamen von Demokraten, links-liberalen Medien oder Never-Trump-Republikanern. Heute kommen sie von Carlson, Bannon, früheren Verbündeten und Teilen der eigenen Basis. Vielleicht ist es deshalb nicht entscheidend, ob Trump MAGA verliert. Entscheidend ist, dass MAGA und die Republikanische Partei beginnen, sich von Trump zu lösen. Auch weil viele US-Bürger seine Arroganz, sein cäsarisch-dekadentes Nero-Gehabe und seine Selbstverliebtheit satt haben.