Was ist dran an den Meldungen, die Russen würden ihre Bankkonten plündern?
Als ich sah, dass westliche Medien berichten, in Russland würden die Menschen regelrecht die Banken stürmen, um ihre Konten zu plündern, weil sie befürchten würden, der Staat könnte die Gelder zur Finanzierung des Krieges einziehen, musste ich wegen dieser erneuten plumpen Propaganda laut lachen. Der Spiegel titelte beispielsweise „Angst vor Beschlagnahmung – Russen heben offenbar Milliarden von ihren Konten ab“.
Diese Meldungen waren nicht wahr, sie waren wieder einmal das Ergebnis der Tatsache, dass die heutigen westlichen “Experten” schlicht keine Ahnung von Russland haben. Das beginnt schon bei der schlichten Tatsache, dass der russische Staat trotz aller Behauptungen westlicher Medien, Russland stehe vor dem Bankrott und seine Wirtschaft werde bald zusammenbrechen, finanziell recht gut dasteht. Russland braucht keine Zwangsmaßnahmen, um den Krieg zu finanzieren. Die russische Staatsverschuldung liegt bei etwa 20 Prozent des BIP, während sie in Deutschland bei über 60 und bei den USA sogar bei 120 Prozent liegt. Hinzu kommt, dass Russland seinen Haushalt aus laufenden Steuereinnahmen und Reserven finanziert, während die Staaten des Westens bekanntlich Jahr für Jahr zwei- oder sogar dreistellige Milliardenbeträge an Schulden aufnehmen müssen.
Aber damit niemand behauptet, ich würde hier „russische Propaganda“ verbreiten, werde ich hier ausführlich aus einem Spiegel-Artikel zitieren, der – was selten genug ist – recht gut erklärt, was in Russland tatsächlich vor sich geht. In dem Artikel fragt der Autor, ob die Meldungen der westlichen Medien tatsächlich stimmen, und er beantwortet die Frage kurz und knapp:
„Die kurze Antwort lautet: Nein. Weder räumen die Russen panisch ihre Konten leer, noch geraten die Banken in Schieflage. Auch Russlands Fähigkeit, den Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren, ist kurz- bis mittelfristig wohl nicht gefährdet.“
Damit ist eigentlich alles gesagt, aber der Spiegel-Redakteur erklärt auch recht gut, woher die Meldungen kommen:
„Ausgangspunkt der Meldungen über den vermeintlichen Kontensturm sind laut »Washington Post« neue Daten der russischen Zentralbank. Die Zeitung schreibt, dass allein in den ersten zwei Augustwochen umgerechnet rund 3,4 Milliarden Dollar von russischen Banken abgezogen worden seien. Im Juli seien es ebenfalls 7,3 Milliarden Dollar gewesen, nach einem Minus von 4,5 Milliarden im Juni. Diese Summen klingen zunächst einmal imposant. Allerdings liegt die Gesamtsumme der Bankeinlagen russischer Privatkunden bei umgerechnet mehr als 800 Milliarden Dollar. Und obwohl die Nettoabhebungen der Bürger seit Monaten hoch liegen, war die Summe der Bankeinlagen auch im Juni noch gewachsen. Anders gesagt: Die Russen heben zwar deutlich mehr Geld von ihren Konten ab als etwa noch im Jahr 2025. Von einer Plünderung der Ersparnisse kann aber keine Rede sein.“
Warum die Russen wieder mehr auf Bargeld setzen
Ich habe oft berichtet, dass es in Russland – im Gegensatz zum Westen – keine Beschränkungen für die Nutzung von Bargeld gibt. Viele bezahlen in Russland Neuwagen und sogar Immobilien in bar, das ist bis heute normal. Trotzdem – oder vielleicht gerade weil es keine Einschränkungen beim Bargeld gibt – sind in Russland Zahlungen per Handy oder Kreditkarte viel verbreiteter als beispielsweise in Deutschland. In Russland werden etwa 80 Prozent aller Käufe bargeldlos abgewickelt.
Allerdings haben die Probleme mit dem Internet, die es vor einigen Monaten in Russland gab und die es beim mobilen Internet auch jetzt noch immer wieder gibt, dazu geführt, dass Russen wieder mehr Bargeld mit sich führen, um auch dann bezahlen zu können, wenn die Kartenterminals nicht funktionieren.
Das ist aber nicht der einzige Grund. In Russland ist eine generelle Skepsis gegenüber dem Staat weit verbreitet und da die russische Wirtschaft in den letzten Monaten Probleme hatte, haben nicht wenige kleine russische Firmen gerne Bargeld angenommen, das sie natürlich nicht versteuern. Zwar liegen die Steuersätze in Russland für kleine und mittlere Firmen nur zwischen 6 und 15 Prozent, aber selbst diese geringe Steuerbelastung empfinden viele russische Unternehmer bereits als viel zu hoch. Und in schwierigen Zeiten umgehen sie die Steuer schon mal, indem sie lieber Bargeld als Kartenzahlung akzeptieren. Mit anderen Worten: Wenn die russische Wirtschaft Probleme hat, dann schaltet sie schnell auf Schattenwirtschaft um.
Allerdings sind die aktuellen Probleme der russischen Wirtschaft das berühmte „Jammern auf hohem Niveau“, denn nach einigen Monaten der Stagnation ist russische Wirtschaft nun bereits wieder gewachsen und für das laufende Jahr werden mindestens 1,5 Prozent Wirtschaftswachstum prognostiziert. Das sind Zahlen, von denen beispielsweise Deutschland nur träumen kann.
Kurz und gut, die Meldungen westlicher Medien über einen angeblichen Bankenrun und Panik der Bankkunden in Russland und auch finanzielle Schwierigkeiten der russischen Regierung waren auch dieses Mal wieder das, was sie seit Jahren sind: Wunschdenken von Medien und Politik im Westen.
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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