Im nördlichen Ostpreußen ist man bemüht, den noch wenigen erhaltenen historischen Denkmälern ihr originalgetreues Aussehen zurückzugeben. Das geschieht nicht uneigennützig, denn infolge des Ukrainekriegs und der verhängten Sanktionen des Westens hat die Exklave an der Ostsee einen enormen Wertzuwachs für den Tourismus erhalten. Russen, die ins Königsberger Gebiet kommen, sollen den Eindruck haben, nach „Europa“ zu reisen.
So verwundert es nicht, dass in den vergangenen Jahren zahlreiche Burgen, Häuser und Kunstdenkmäler aus deutscher Zeit restauriert wurden, um den Touristen Sehenswürdigkeiten anzubieten, die sich sehen lassen können.
Bei Restaurierungsarbeiten am Dohnaturm wurde Mitte Juli ein Wehrgang entdeckt, der gut ein halbes Jahrhundert zugeschüttet war. Er war Teil eines Gangs, der sich entlang der Verteidigungsmauer erstreckte, denn der Dohnaturm war Teil des historischen Verteidigungssystems der Stadt Königsberg. Mitarbeiter des Bernsteinmuseums, das im Turm beheimatet ist, vermuten, dass der Wehrgang in den 1960 bis 1970er Jahren im Zuge der Renovierung des Roßgärtner Tors verfüllt wurde. Die Freilegung des wiederentdeckten Gangs erfolgte im Rahmen der seit mehreren Jahren andauernden Renovierung des Dohnaturms. Mit den Arbeiten können gleich zwei Ziele erreicht werden: Zum einen erhält die Festungsanlage ihr ursprüngliches Aussehen zurück, zum anderen dient der Aushub des Bodens dem Erhalt des Gebäudes. Laut Konstantin Petunin, dem Direktor des Bernsteinmuseums, wurden die Wände nach heftigen Regenfällen feucht, was die äußeren Ziegel beschädigte und die Gesamtfeuchte der Wände auf Dauer erhöhte. Die Museumsmitarbeiter hoffen, dass bei den Ausgrabungsarbeiten noch einige historische Artefakte zum Vorschein kommen. Bis Mitte September weiß man mehr, denn dann sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein.
Eine ganze Anzahl aufsehenerregender Funde brachten Arbeiten an einer Parkanlage südlich des Kneiphofs zutage. Auf einem Areal im Bereich zwischen der ehemaligen Kneiphöfischen Langgasse, der Hoffmannstraße und der Turnerstraße im historischen Stadtteil Hintere Vorstadt entdeckten Wissenschaftler des Archäologischen Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften Artefakte aus vier Jahrhunderten. Zwar wurden in dem Gebiet bereits im Jahr 2006 erste archäologische Funde aktenkundig, aber erst im vergangenen Jahr wurde es in das Verzeichnis der archäologischen Stätten aufgenommen und eine neue Untersuchung geplant. Für die Arbeiten stellen staatliche Ministerien ausreichende Mittel bereit.
Kurz nach der Entdeckung des Wehrgangs beim Dohnaturm kamen hier Artefakte aus vier Jahrhunderten ans Tageslicht. Aus schriftlichen Quellen ist ersichtlich, dass die Erschließung dieses Stadtteils im 14. Jahrhundert erfolgte. Das Viertel, das den Namen „Vorstadt“ erhielt und später in eine „Vordere und Hintere Vorstadt“ unterteilt wurde, diente als Gebiet für Wohnhäuser, Wirtschaftsgebäude und Gemüsegärten. Als Teil der Stadtbefestigung wurde im Jahr 1520 hier der Zuggraben angelegt, der die Vordere Vorstadt nach Süden begrenzte.
Königsbergs Geschichte bis 1944
Dank der hohen Bodenfeuchtigkeit sind Rohre, Zäune und Holzstege gut erhalten geblieben. Die Archäologen fanden eine große Zahl von erstaunlich gut erhaltenen Haushaltsgegenständen der Königsberger Stadtbewohner, darunter Geschirr, Pfeifen und Reste handwerklicher Produktion. Sie entdeckten Fragmente von Gebrauchskeramik und Ofenkacheln aus dem 16. bis 18. Jahrhundert sowie Pfeifen aus der zweiten Hälfte des 17. bis zum 18. Jahrhundert. Mit wirtschaftlichen Aktivitäten brachten die Experten Reste von Lederwaren und Schafwolle in Verbindung. Knochenplättchen, aus denen Schmuck hergestellt wurde, befanden sich ebenfalls unter den Artefakten, wie auch Münzen mit dem Abbild der Zaren Katharina II. und Nikolaus II.
Die Funde geben darüber hinaus Zeugnis von der wohl schwärzesten Stunde der Stadt – den Luftangriffen der britischen Luftwaffe im August 1944, die zur Zerstörung Königsbergs führten. Geschmolzenes Glas, gewelltes Fensterglas sowie Zeitungsfetzen, Fliesen- und Porzellanscherben aus zerstörten Gebäuden werden nun einer wissenschaftlichen Analyse unterzogen. Künftig sollen sie Wissenschaftlern als Quelle für weitere Forschungen zur Geschichte und Archäologie Königsbergs zur Verfügung stehen.