Östlich von Oder und Neiße – In Leobschütz gehört Bier zur neuen Stadtgeschichte

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Dank Wasser, Eisenbahn und der Nähe zu Österreich wurde gebraut, dass Hopfen und Malz nur so ihre Freude hatten

paz.de📅 17.08.2026

Kaum ein Industriezweig hat die wirtschaftliche Entwicklung der oberschlesischen Stadt Leobschütz [Głubczyce] im 19. und frühen 20. Jahrhundert so geprägt wie das Bierbrauen. Daran erinnert die neue Sonderausstellung „Geschichte des Brauwesens im Leobschützer Land“. Gezeigt wird sie im dortigen Kreismuseum.

Die Ausstellung entstand auf Initiative der Freunde des Museums und des Leobschützer Landes Sylwester Fulneczek, Tomek Czorny, Jerzy Turzański und Damian Ruszała. Die Sammler und Hobbyhistoriker wollten damit die jahrhundertealte regionale Braugeschichte erzählen. Die Präsentation zeigt historische Bierflaschen, Brauereigläser und Steinkrüge, Etiketten, Werbeschilder, Fotografien, Dokumente sowie Geräte aus der Bierherstellung. Ergänzt wird die Präsentation durch Erinnerungsstücke ehemaliger Gastwirtschaften und Brauereien.

Im Mittelpunkt steht nicht nur die Herstellung des Bieres, sondern auch dessen Bedeutung für Wirtschaft, Handwerk und Alltagsleben. Autor und Aktivist für den Erhalt des deutschen Kulturerbes Sylwester Fulneczek ist besonders auf zwei Bierkrüge stolz. Auf dem einen Steinkrug mit Zinnhaube sei die Stadt Leobschütz abgebildet, so Fulneczek. „Der zweite Krug ist etwas kleiner, aber ebenso bedeutend und ebenso schön. Es ist ein Krug mit dem Signaturstempel der Brauerei Weberbauer, die sich damals noch in Breslau befand.“ Fulneczek erforschte akribisch die Geschichte der Leobschützer Braukunst. Er fand heraus, dass für den Erfolg der Leobschützer Brauereien gleich mehrere Faktoren zusammenkamen. Das Umland gehörte zu den fruchtbarsten Landschaften Oberschlesiens und lieferte hochwertige Braugerste. Wasser stand in diesem rein deutschsprachigen Landstrich in ausreichender Qualität zur Verfügung, und mit dem Eisenbahnanschluss ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnten Rohstoffe günstig angeliefert und Bier schnell in andere Städte transportiert werden. Hinzu kam die Nähe zur damaligen österreichisch-schlesischen Grenze, wodurch sich zusätzliche Absatzmöglichkeiten eröffneten. Diese günstigen Voraussetzungen machten Leobschütz zu einem der bedeutendsten Braustandorte im südlichen Oberschlesien.

Gleich mehrere Brauereien produzierten hier Bier weit über die Grenzen des Kreises hinaus. Die bekannteste war die 1856 von Braumeister Wilhelm Haude gegründete Brauerei, die bereits 1858 von August Weberbauer übernommen wurde. Unter seiner Leitung entstand einer der modernsten Brauereibetriebe Oberschlesiens. Die Brauerei Weberbauer an der heutigen ul. Wodna wurde mehrfach erweitert und kontinuierlich modernisiert. Dampfmaschinen, moderne Kühlanlagen und neue Gärverfahren ermöglichten eine stetig steigende Produktion. Zu den bekanntesten Erzeugnissen gehörten „Caramel-Vollbier“, Lagerbier sowie Exportbiere. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs erreichte die Jahresproduktion rund 70.000 Hektoliter. Damit gehörte Weberbauer zu den größten Privatbrauereien Oberschlesiens. „August Weberbauer wurde im niederschlesischen Wohlau [Wołów] geboren. Das Brauwesen erlernte er in Breslau. Von dort kam er nach Leobschütz und übernahm von seinem Freund Wilhelm Haude die Leitung der Brauerei“, berichtet Fulneczek.

Neben Weberbauer bestanden weitere Brauereien. Historische Adressbücher und Gewerberegister nennen unter anderem den Brauereibesitzer Max Scheffler. Eine weitere Brauerei war die Dittrichsche Brauerei, gefolgt von der Bayer-Brauerei. „Sie wurde 1864 von Eduard Kolbe gegründet. Eduard Bayer kaufte sie 1871. Er erwarb nach und nach weitere Gebäude, darunter die Mälzerei.“ Eduard Bayer sei nicht nur Unternehmer gewesen, er trat auch als Philanthrop in Erscheinung. Ihm sei der Tierbrunnen im Park zu verdanken, sagt der Geschichtsforscher und Sammler. „Diesen hat er der Stadt anlässlich der Geburt seines Sohnes gestiftet.“

Der Zweite Weltkrieg bedeutete einen tiefen Einschnitt. Die Brauerei Weberbauer wurde schwer beschädigt, Gebäude und technische Anlagen weitgehend zerstört. Nach 1945 gingen die verbliebenen Anlagen in staatlichen Besitz über. Erst 1951 konnte die Bierproduktion nach umfangreichen Reparaturen wieder aufgenommen werden. Daraus entwickelte sich später der volkseigene Brauerei- und Mälzereibetrieb ‚Głubczyce‘, der zeitweise auch die Brauereien in Brieg [Brzeg], Namslau [Namysłów] und Falkenberg O.S. [Niemodlin] verwaltete. Auch nach dem politischen Umbruch von 1989 wurde in Leobschütz zunächst weiter Bier gebraut. Der Betrieb wurde privatisiert und suchte seinen Platz in der neuen Marktwirtschaft.

Doch wie viele mittelgroße Regionalbrauereien konnte auch die Leobschützer Brauerei dem wachsenden Konkurrenzdruck großer Braukonzerne auf Dauer nicht standhalten. Nach mehreren Eigentümerwechseln wurde die Produktion schließlich im Jahr 2004 eingestellt. Damit endete eine Brautradition, die über Generationen hinweg das wirtschaftliche Gesicht der Stadt geprägt hatte. An diese wechselvolle Geschichte knüpft die Sonderausstellung an, die noch bis zum 30. September im Kreismuseum am Rynek (Ring) 1 gezeigt wird.

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