Auf dem V. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands im Juli 1958 fistelte der aus Leipzig stammende SED-Chef Walter Ulbricht im Brustton der Überzeugung: „Dor Sozialismus siecht!“ Spätestens von da an galt der sächsische Dialekt als „Sprache der DDR“ und wurde nicht nur verspottet, sondern auch verachtet – zumal viele andere rote Bonzen wie Günter Mittag, Erich Mückenberger, Albert Norden und Werner Krolikowski ebenfalls sächselten.
31 Jahre später ging die friedliche Revolution in der DDR vorwiegend von Dresden und Leipzig aus, woraus ein kurzzeitiger Imagegewinn für das Sächsische erwuchs. Dann allerdings präsentierten private Fernsehsender in ihren Nachmittagstalkshows reihenweise unsympathische Gestalten, die sich der sächsischen Mundart bedienten, so wie jene vogtländische Hausfrau, welche über die Beschädigung ihres „Moschendrohdzauns“ durch den „Gnallerbsenschdrauch“ des Nachbarn lamentierte.
Seinen Tiefpunkt erlebte das medial demolierte Ansehen des Sächsischen 2015, als die Regierung Merkel das ganze Land mit illegalen Asylforderern flutete. Damals empfing eine Einwohnerin von Heidenau bei Dresden die Bundeskanzlerin anlässlich ihres Besuchs in einer über Nacht aus dem Boden gestampften Unterkunft für „Flüchtlinge“ mit den von allen Sendern ausgestrahlten Worten: „Merkel … ’s glatscht glei, arbor geen Beifall!“ Solche Szenen dienten als „Beweis“ dafür, dass das Sächsische die Sprache abgehängter faschistoider Hinterwäldler sei.
Ansehen im Eimer
Infolge der DDR-Altlasten und späteren Manipulationen der öffentlichen Meinung zählt der sächsische Dialekt nun zu den unbeliebtesten Mundarten: Mehr als jeder dritte Befragte fühlt sich davon abgestoßen, wogegen nur rund jeder Fünfte mit dem Schwäbischen und Bayerischen hadert und andere gewöhnungsbedürftige Dialekte wie das Kölsche oder Berlinerische gar auf noch weniger Ablehnung stoßen. Darüber hinaus erbrachte eine Umfrage des Sprachlernportals Babbel, dass Menschen, die sächseln, als weniger intelligent wahrgenommen werden.
Angesichts dessen dürfte der in Frankfurt am Main geborene Altmeister der deutschsprachigen Dichtung, Johann Wolfgang von Goethe, in seinem Grab rotieren, denn er hatte sich 1765 extra an der Uni Leipzig immatrikulieren lassen, weil man in dieser Stadt das angeblich beste Deutsch überhaupt sprach. Für diese Einschätzung war in erster Linie der Reformator Martin Luther verantwortlich. Indes begann der Aufstieg des Sächsischen bereits im 10. Jahrhundert mit der Entstehung der Markgrafschaft Meißen.
Damals strömten im Zuge der deutschen Ostkolonisation Bauern und Bergleute aus dem Norden und Westen in den Raum zwischen Saale und Elbe. Sie brachten auch ihre Dialekte mit, welche sich bald vermischten, womit die Geburtsstunde des Sächsischen schlug. Dabei bildete sich eine Gruppe bis heute lebendiger Variationen des Ostmitteldeutschen. Dazu zählen das Meißnische, das von Borna über Dresden bis Pirna gesprochen wird, das Osterländische der Region zwischen Grimma, Bitterfeld und Leipzig, das Vogtländische und Erzgebirgische sowie obersächsisch-schlesische und obersächsisch-thüringische Übergangsmundarten.
1423 belehnte der römisch-deutsche König Sigismund den meißnischen Markgrafen Friedrich den Streitbaren aus dem Hause Wettin mit dem Herzogtum Sachsen-Wittenberg, wodurch das Kurfürstentum Sachsen entstand, in dem die Markgrafschaft Meißen aufging. Das wachsende politische Gewicht der Wettiner führte zur Erstellung immer mehr amtlicher Texte, wobei die Schreiber – wenn sie statt des Lateinischen das Deutsche wählten – eine auf dem Sächsischen beruhende Schriftsprache nutzten, welche die offizielle Bezeichnung „Meißner Kanzleideutsch“ erhielt.
„Cultivierteste Provinz“ im Reich
Jenes Deutsch verwendete dann auch Martin Luther ab 1521 für seine Bibelübersetzung: „Ich schreibe nach der sächsischen Canzeley, welcher nachfolgen alle Fürsten und Könige in Deutschland.“ Letzteres war zwar reichlich übertrieben, aber mit der Zeit gerieten das Prager und Wiener Kanzleideutsch tatsächlich ins Hintertreffen, während das Prestige des Sächsischen wuchs und wuchs, weil Kursachsen auch als Zentrum der Wissenschaften und Künste galt.
Am Ende setzte der „Sprachpapst“ Johann Christoph Adelung den sächsischen Dialekt dann gar mit dem Hochdeutschen gleich: Dieses sei zwar im Prinzip „nur die Mundart einer Provinz, aber der blühendsten, cultiviertesten und durch Geschmack und Wohlstand am meisten ausgebildeten Provinz … In Deutschland ist es seit der Reformation die Mundart der südlicheren Chursächsischen Lande.“
Darüber hinaus bezeichnete der Autor des „Grammatisch-kritischen Wörterbuches der Hochdeutschen Mundart“ das Sächsische als perfekten Mittelweg zwischen „dem weitschweifigen Schwulste und rauhem Wortgepränge des Oberdeutschen und der … schlüpfrigen Weichlichkeit des Niedersächsischen“. Als Adelung diese Zeilen schrieb, war jedoch schon der Keim für den Niedergang des Sächsischen gelegt.
Der rührte aus der schlechten Figur, welche Kursachsen im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) gemacht hatte. Nun ging die politisch-kulturelle Vormachtstellung an Preußen über, was den Staatssekretär im Berliner Kultusministerium Johann Erich Biester 1783 zu der Einschätzung bewog, dass man das Sächsische nicht länger als deutsche Hochsprache ansehen dürfe.
Und so kam es dann auch: Sächsisch wurde zur „Bauern- und Pöbelsprache“ deklassiert und das Brandenburgische zum Hochdeutschen geadelt. In Sachsen reagierte man darauf mit einem bis heute anhaltenden Trotz und „fichelanten“ Argumenten wie: Sprachökonomisch sei das Sächsische nach wie vor unübertroffen, weil man ganze Satzinhalte in ein einziges Wort packen könne. Beispielsweise lasse sich das Handeln der Merz-Regierung kurz und bündig als „Gogelmosch“ beschreiben.