Die langfristigen Folgen der Hitzewelle für die Energieversorgung in der EU
In der TASS wurde ein Expertenartikel darüber veröffentlicht, welche Auswirkungen der aktuellen Hitzewelle in einem Jahr zu erwarten sind, denn die heutige Hitzewelle dürfte tatsächlich bis Ende 2027 auf den Energiemarkt in der EU nachwirken. Ich habe den TASS-Artikel übersetzt.
Beginn der Übersetzung:
Hitze-Crashtest: Welche langfristigen Folgen hat der Energiekollaps in der EU?
Igor Juschkow, Experte an der Finanzuniversität und beim Nationalen Energiesicherheitsfonds, darüber, welche Auswirkungen die Hitze jetzt auf das europäische Energiesystem hat und was in einem Jahr zu erwarten ist.
Der ungewöhnlich heiße Sommer hat das europäische Energiesystem einem harten Crashtest unterzogen. Die hohen Temperaturen haben den Stromverbrauch auf Höchststände getrieben. Und obwohl Klimaanlagen in Europa deutlich weniger verbreitet sind als beispielsweise in den USA oder Asien – ihre Installation wird durch extrem hohe Strompreise, strenge staatliche Bauvorschriften und den Ökoaktivismus derer eingeschränkt, die den „Planeten nicht erwärmen“ wollen –, reichten selbst die bestehenden Klimaanlagen aus, um das Stromnetz zu überlasten.
Verschärft wird die Situation dadurch, dass die Stromerzeugung parallel zum Anstieg des Bedarfs kritisch eingebrochen ist: Die Hitze hat zum Austrocknen und Aufheizen von Stauseen geführt und damit massive Störungen in mehreren wichtigen Energiesektoren verursacht.
Zwei Schläge für Wasserkraftwerke
Wasserkraftwerke reduzieren ihre Leistung rapide, da kritisch niedrige Wasserstände in den Stauseen den nötigen Druck nicht mehr gewährleisten. Dabei sind Wasserkraftwerke eine der Säulen der europäischen „grünen“ Energiewende: Im Jahr 2025 sollten sie rund 11 Prozent des gesamten in der EU erzeugten Stroms liefern.
Die Hitze trifft diesen Sektor von zwei Seiten gleichzeitig. Zum einen führt die Trockenheit zu sinkenden Wasserständen in den Stauseen. Zum anderen verschärft die extreme Verdunstung die Situation, indem sie reißende Flüsse in schmale Bäche verwandelt und den Betrieb der Wasserkraftturbinen lahmlegt. So produziert beispielsweise der riesige Wasserkraftwerkskomplex Eisernes Tor an der Donau, an der Grenze zwischen Serbien und Rumänien, wegen des niedrigen Wasserstands nur noch einen Bruchteil seiner üblichen Kapazität. Auch im Alpenraum ist ein ähnlicher Einbruch zu verzeichnen: Die in den Wasserkraftwerken verarbeitete Wassermenge ist um fast ein Drittel des Normalwerts gesunken, was die europäischen Länder zwingt, dwn fehlenden Strom durch teure Gaskraftwerke zu ersetzen.
Zwei Aspekte für Kernkraftwerke
Die Wasserkrise hat auch die Kernenergie getroffen, und zwar auch auf zweierlei Weise. Erstens erhitzt sich das Wasser in den Kühlteichen der Kernkraftwerke wegen der Hitze so stark, dass es die Reaktorwärme nicht mehr ausreichend aufnehmen kann. In solchen Fällen sind die Betreiber gezwungen, die Leistung einzelner Reaktorblöcke aus Sicherheitsgründen vorsorglich zu reduzieren, wodurch der Kühlbedarf sinkt. Zweitens entsteht eine weitaus größere Gefahr, wenn die Wasserreservoirs, die diese Kühlsysteme speisen, austrocknen. Wenn die Wasserentnahmestellen versiegen, muss ein Kernkraftwerk vollständig abgeschaltet werden. Diese Notfallmaßnahme ist absolut gerechtfertigt, man erinnere sich an die Katastrophe von Fukushima in Japan im Jahr 2011, bei der ein Stromausfall und ein Ausfall des Kühlsystems zu einer Kernschmelze führten. Kernreaktoren benötigen auch nach einer vollständigen Abschaltung eine kontinuierliche Wärmeabfuhr.
Natürlich schaltet in Europa wegen der aktuellen Hitze niemand die Kraftwerke in den Langzeit-Kaltabschaltmodus, die Abschaltung wird lediglich als vorübergehende Maßnahme betrachtet. Dennoch werden in der gesamten EU bereits Beschränkungen für den Betrieb von Kernkraftwerken eingeführt. Beispielsweise führte der niedrige Wasserstand der Donau zu einem drastischen Kapazitätsverlust im ungarischen Kernkraftwerk Paks. Die Nuklearingenieure waren gezwungen, die Leistung um fast die Hälfte zu reduzieren, und Budapest erklärte sogar, es sei möglich, das Kraftwerk, das bis zu 40 Prozent des ungarischen Strombedarfs deckt, vollständig abzuschalten.
In dieser Lage griff das benachbarte Rumänien zu radikalen militärisch-technischen Maßnahmen. Zunächst sprengte das Militär einen Felsabschnitt im Bala-Arm der Donau, um eine künstliche Schwelle zu schaffen und den Wasserstand anzuheben. Anschließend wurden dort vier Lastkähne versenkt, um den verbleibenden Flusslauf in den Kanal umzuleiten, der Rumäniens einziges Kernkraftwerk Cernavoda speist. Die Behörden gingen aufs Ganze, da dieses Kraftwerk rund 20 Prozent des gesamten Stroms des Landes erzeugt und seine Abschaltung zu einem sofortigen Kollaps des nationalen Energiesystems führen würde.
Laut Eurostat werden Kernkraftwerke im Jahr 2025 in der EU über 23 Prozent des gesamten Stroms erzeugen.
X2: Windkraft und Solar
Paradoxerweise stößt auch die Erzeugung erneuerbarer Energie bei Hitze auf erhebliche Probleme. Heißes Wetter geht in Europa typischerweise mit anhaltender Windstille einher, einer sogenannten antizyklonalen Windstille, wegen der die milliardenschweren Windparks still stehen.
Das größte Paradoxon liegt jedoch in der Erzeugung von Solarenergie. Wolkenloser Himmel sollte eigentlich Rekordenergieerträge garantieren, doch in der Praxis macht extreme Überhitzung die bestehenden Anlagen unbrauchbar. Steigt die Lufttemperatur über 25 Grad, sinkt der Wirkungsgrad von Silizium-Photovoltaikmodulen um etwa 0,4 Prozent pro zusätzlichem Grad. Bei 40 Grad erhitzen sich die Module auf den Dächern auf bis zu 70 Grad und verlieren dadurch bis zu einem Viertel ihrer Nennleistung. Extreme Temperaturen schädigen zudem Wechselrichter, beeinträchtigen die Kapazität industrieller Speicher und reduzieren die Übertragungskapazität von Stromleitungen drastisch. Diese beginnen sich aufgrund der Wärmeausdehnung der Leitungen durchzubiegen, was die Gefahr von Kurzschlüssen birgt.
Infolgedessen erlebt der „grüne“ Sektor genau dann einen starken Einbruch, wenn die Nachfrage ihren Höhepunkt erreicht.
Zwei Gründe für fossile Energie
Auch für traditionelle Energieträger gibt es Herausforderungen, wenngleich in deutlich geringerem Umfang. So wurden Kohle und Heizöl traditionell per Schiff zu den Wärmekraftwerken transportiert. Mit sinkenden Wasserständen wurde die Logistik komplexer: Zunächst mussten Schiffe unterladen werden, später wurden die Lieferungen vollständig auf die Schiene verlagert. Das führte zu höheren Transportkosten und Lieferverzögerungen. Insgesamt zeigt die traditionelle Energieerzeugung bei hohen Temperaturen jedoch ihre Vorteile, denn sie ist weniger wetterabhängig.
Das Hauptproblem im Bereich fossiler Brennstoffe ist die steigende Belastung der Gaskraftwerke, die schnell den Produktionsrückgang bei Wasserkraft- und Kernkraftwerken ausgleichen müssen. Die Situation hat sich so zugespitzt, dass man in der EU mitten im Sommer mehrere Entnahmen aus den unterirdischen Gasspeichern verzeichnete, obwohl dieser Zeitraum üblicherweise ausschließlich dem Aufbau von Gasreserven für den Winter dient. Infolgedessen sind die Einspeiseraten im Sommer drastisch gesunken. Laut Gas Infrastructure Europe waren die europäischen unterirdischen Speicher Ende letzter Woche, am 8. August, nur zu 58,3 Prozent gefüllt. Das Brüsseler Ziel von 90 Prozent bis November ist nicht mehr erreichbar. Wenn die EU auch nur 80 Prozent erreicht, wäre das ein großer Erfolg.
Das bedeutet, dass die Sommerhitze die Energiesicherheit der EU gleich doppelt gefährdet. Erstens werden, wie bereits erwähnt, erhebliche Gasmengen für Klimaanlagen und den laufenden Verbrauch verbraucht. Zweitens treibt die hohe Nachfrage die Preise am europäischen Gashandelsplatz TTF in die Höhe und hält sie auf einem Zweijahreshoch von 58–60 Euro pro Megawattstunde. Im Ergebnis sind die Händler in einer wirtschaftlichen Sackgasse. Sie haben schlichtweg Angst davor, im Sommer das extrem teure Gas zu kaufen und einzulagern, denn es gibt keine Garantie, dass die Preise im Winter nicht fallen und dass sich die heutigen, erzwungenen Investitionen in Milliardenverluste verwandeln.
Für die Endverbraucher bedeutet das, dass die Heiz- und Stromkosten im kommenden Winter erneut deutlich steigen werden und europäische Haushalte und Industrieunternehmen voraussichtlich wieder Energiesparmaßnahmen ergreifen müssen, um ihre Finanzen nicht übermäßig zu belasten.
Anmerkung
Für Russland sind in der aktuellen Energiekrise in Europa mehrere Aspekte wichtig.
Die hohen Gaspreise an den Börsen generieren zusätzliche Einnahmen für den russischen Staatshaushalt. Die Ausfuhrabgabe auf Pipeline-Lieferungen beträgt 30 Prozent des Marktwertes – je stärker die Preise in der EU durch die Hitze steigen, desto mehr Steuern fließen in die russische Staatskasse.
Eine Ressourcenknappheit in Europa, insbesondere im Winter, wird Brüssels Fähigkeit und Bereitschaft zur Lieferung von Gas an die Ukraine verringern.
Die Heizperiode wird die Europäer zwingen, ihre unterirdischen Gasspeicher vollständig zu leeren, was die Gasnachfrage bis Ende 2027 hoch halten wird. Das bedeutet, dass die Preise auch im nächsten Jahr hoch bleiben werden, auch wenn das Verbot russischer Pipeline-Gasimporte in die EU erst im November 2027 in Kraft treten soll. Das ist jedoch nicht nur für die russischen Einnahmen wichtig.
Je teurer Gas und Energie insgesamt werden, desto schwieriger wird es für die EU, ihre Verteidigungsindustrie und verwandte Branchen zu entwickeln. Schließlich ist dieser gesamte Sektor äußerst energieintensiv.
Dieser Sommer hat die systemischen Schwächen der gesamten Energiepolitik der EU offengelegt. Nach jahrelangen Forderungen nach einem Ausstieg aus konventionellen Brennstoffen im Namen der „nachhaltigen Entwicklung“ haben die europäischen Regierungen in der Praxis das Gegenteil bekommen: Klimaanomalien haben die Erzeugung „grüner“ Energie lahmgelegt, zu Turbulenzen im Energiesektor geführt, und die Rettung waren wieder einmal traditionelle Wärme- und Gaskraftwerke. Auf eine Änderung der Energiepolitik der EU sollte man jedoch nicht warten. Im Gegenteil: Um die eigenen Fehlkalkulationen zu verschleiern, erhebt Brüssel bereits die üblichen Anschuldigungen gegen Moskau und europäische Beamte versuchen zu beweisen, dass Russland für die Klimakrise und die Ressourcenknappheit verantwortlich ist und mit seinen früheren Gasmanövern angeblich die Energiesicherheit der EU gefährdet hat.
Die europäischen Bürokraten werden weiter jede Wetterkatastrophe als Dogma nutzen und den verängstigten Menschen erklären, dass man auch weiterhin aus den Energiequellen aussteigen muss, die stabil arbeiten.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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