Die Bayreuther Festspiele gelten neben denen von Salzburg als größter Pilgerort der weltweiten Operngemeinde. In Bayreuth starteten am 13. August 1876 erstmals die von Richard Wagner ins Leben gerufenen Festspiele, wobei das vierteilige Musikdrama „Der Ring des Nibelungen“ den Anfang machte. Die Spieldauer von fast 16 Stunden der auf vier Abende verteilten Opern „Das Rheingold“, „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ verlangte dem Publikum einiges ab. Die einen waren begeistert, die anderen langweilten sich. Treffend urteilte der russische Komponist Peter Tschaikowski: „Sicher ist nur, daß sich in Bayreuth etwas vollzogen hat, was noch unsre Enkel und Urenkel beschäftigen wird.“
An den Texten, die Anregungen aus der Nibelungensage und dem altnordischen Sagenkreis der Edda bezogen, hatte Wagner von 1848 bis 1853 gearbeitet. Die Komposition der Stücke schloss er 1874 in seiner Bayreuther Villa Wahnfried ab. Vor dieser steht die Büste seines Gönners König Ludwig II. von Bayern. Seit 50 Jahren ist in der Villa das Richard-Wagner-Museum untergebracht. In den Ausstellungsräumen kann man die für die Festspiele von 1876 angefertigten Ausstattungsstücke wie Waffen und Schmuck entdecken. Auch ein Klappstuhl aus der Erstbestuhlung des Festspielhauses ist zu sehen.
Das Festspielhaus ließ Wagner ganz nach seinen Wünschen ab 1872 vom Leipziger Architekten Otto Brückwald erbauen. Er erläutert es in seiner Schrift „Das Bühnenfestspielhaus zu Bayreuth“: „Sie werden eine mit dem dürftigsten Materiale ausgeführte äussere Umschalung antreffen.“ Stimmt: Wir sehen auf dem „Grünen Hügel“ Stahlfachwerk und roten Backstein. Bauschmuck fehlt völlig. Dem Meister kam es auf die inneren Werte an.
24 Patronatsscheine für den Kaiser
Neu waren die amphitheaterartig im Halbrund ansteigenden Sitzreihen mit 1345 Plätzen und das unsichtbare Orchester, mit dem die „widerwärtige Störung durch die stets sich aufdrängende Sichtbarkeit des technischen Apparates der Tonhervorbringung“ beseitigt war. Das bedingt zudem die einzigartige Akustik. Der abgedeckte Orchestergraben lässt nämlich den Klang der Instrumente nur indirekt in den Zuschauerraum dringen.
Seine Schrift über das Bühnenfestspielhaus widmete Wagner der als „Mimi“ bekannten Freifrau Marie von Schleinitz. Die Gattin des preußischen Hausministers Alexander von Schleinitz war die wichtigste Förderin des Musikdramatikers. Der wollte sein Festspielprojekt mithilfe von 1000 Patronatsscheinen zum Stückpreis von 300 Talern finanzieren.
Mimi übernahm die Geschäftsführung des Patronatsvereins und warb in ihrem von der Berliner Hofgesellschaft besuchten Salon für die Unterstützung der Festspielidee. So bewog sie etwa Kaiser Wilhelm I. zum Erwerb von 24 Patronatsscheinen. Aber insgesamt blieb deren Verkauf weit hinter den Erwartungen zurück, obwohl sie doch freien Eintritt in alle Aufführungen der Festspiele gewährten. Hätte König Ludwig nicht einen Kredit von 100.000 Talern (entsprach 300.000 Mark) zugeschossen, wäre das Projekt gescheitert. Da bis zum Sommer 1876 erst 490 Patronatsscheine abgesetzt und obendrein die beiden Wiederholungen des Zyklus nicht ausverkauft waren, schloss das Festspielunternehmen mit einem Defizit von 148.000 Mark ab.
Dafür bot Wagner dem Publikum ein revolutionär neues Bühnenerlebnis als „Gesamtkunstwerk“: Schauspiel mit Gesang und Musik, spektakuläre Kostüme, kunstvolle Bühnenbilder, verblüffende technische Effekte und eine raffinierte Lichtregie. Dafür hatte er erstklassiges Fachpersonal engagiert. Der Berliner Professor Carl Emil Doepler entwarf die Kostüme und Ausrüstung der Auftretenden. Anregungen zu dieser nach seinem Dafürhalten „germanischen“ Kostümierung bezog er von Objekten aus der Stein- und Bronzezeit, die er in Museen studiert hatte. Doch Wagners Gattin Cosima lästerte: „Die Kostüme erinnern durchweg an Indianer-Häuptlinge.“
Ein Lindwurm ohne Hals
Für die Theatermaschinen sorgte der Darmstädter Bühnenmeister Carl Brandt. Er entwarf etwa für die Rheintöchter die Schwimmwagen und bestellte in London den beweglichen Lindwurm, in den sich der Riese Fafner verwandelte, um den Nibelungenhort zu bewachen. Leider ging auf dem Transport nach Bayreuth dessen Hals verloren, sodass der Auftritt des unvollständigen Ungeheuers zur Lachnummer geriet. Wagner beklagte sich denn auch in seinem 1878 veröffentlichten Rückblick, dass bei einem großen Teil der Zuschauer der Hang zur Schadenfreude vorgeherrscht habe. Nicht nur die Anhänger, sondern auch die Feinde des Meisters waren angereist.
Wie viele andere Besucher beklagte der renommierte Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick die widrigen äußeren Umstände der Festspieltage: die in Bayreuth herrschende große Hitze und die dem Publikumsansturm nicht gewachsene Gastronomie. Gegen die „fünf- bis sechsstündigen anstrengenden Opernvorstellungen“ hatte er sittliche Vorbehalte. Hanslick beklagte, dass für den Nibelungen Alberich, den Göttervater Wotan, den seine Geliebte Brünnhilde mit Gunther verkuppelnden Siegfried und weitere „Helden“ des Nibelungenrings nichts als „Betrug, Lüge, Gewalt und thierische Sinnlichkeit“ die treibenden Motive seien. Dagegen lobte er die „sinnreiche Neuheit der inneren Einrichtung“ des Festspielhauses, bemängelte aber unnötig in die Länge gezogene Szenen.
Wagner räumte einzelne Schwächen im „scenisch-dekorativen Theile unserer Festspiele“ ein. Aber trotz aller Widrigkeiten zog er das Fazit: „Ein schöner Zauber machte bei uns alles gut.“ Der Musikwissenschaftler Stephan Mösch ergänzt in seinem Buch „Bayreuth als Theater“, dass „der ‚Ring‘ von 1876 durchaus mehr war als das in der Literatur immer wieder behauptete Scheitern“. Wagner habe in Bayreuth die mustergültige, jahrzehntelang beibehaltene Aufführungspraxis des „Rings“ begründet.
Der wichtigste Helfer des Komponisten war dabei Angelo Neumann, der sich 1876 den zweiten Aufführungszyklus angesehen hatte. Er kaufte Wagners Bühnenausstattung und ging mit seiner Erlaubnis auf Europatournee. Der Meister war hochzufrieden mit den vom „Wandernden Richard Wagner-Theater“ dargebotenen Aufführungen, die den „Ring“ weithin populär machten.
• Literatur: Stephan Mösch, Bayreuth als Theater, Bärenreiter Verlag, Kassel 2026, 674 Seiten, 49,99 Euro.
www.bayreuther-festspiele.de