Es kann jeden treffen, weil das Netz so heimtückisch ist – Digitale Entgiftung gegen allgegenwärtige Online-Suchtgefahr

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Nur echte Abstinenz hilft wirklich gegen die heimlichen psychischen Zwänge,
die durch den Dauergebrauch von Smartphones...

paz.de📅 09.08.2026

Das Internet und die digitalen Dienste bieten dem Menschen mehr Möglichkeiten und Freiheiten als je zuvor – sollte man jedenfalls meinen. Doch in Wirklichkeit ist oft das Gegenteil der Fall: Der Zugang zu einer schier endlosen Menge an Informationen und zu den sozialen Netzwerken birgt vielfältige Nachteile, Gefahren und sogar Zwänge.

Der Grund ist offensichtlich: Es kommt zu einer Entkopplung vom realen Leben, weil dieses angesichts der immer mehr ausufernden Bildschirm- oder Smartphone-Nutzungszeiten zwangsläufig in den Hintergrund tritt. Fünfeinhalb Stunden pro Tag sind die Deutschen im Durchschnitt bereits online. Das meldet Statista, eine Plattform, deren Daten übrigens auch nur online zur Verfügung stehen. Wer ein zeitgemäßes Mobiltelefon besitzt, also ein Smartphone, nimmt es im Regelfall um die 80 Mal in 24 Stunden zur Hand, um den Bildschirm zu entsperren und irgendeine Aktion einzuleiten.

Gefördert wird dieses Verhalten zudem durch eine Gesellschaft, die nach dem Prinzip BYOD (Bring Your Own Device) funktioniert – auf Deutsch: Bringe dein eigenes Gerät mit! Das heißt, die Teilhabe an sozialen Prozessen oder der Zugang zu essenziellen Informationen ist oft nur noch über Computer und Smartphone möglich. Das wiederum fördert das Suchtverhalten, weil viele Algorithmen kontinuierlich Belohnungsreize erzeugen, um den Nutzer auf diese Weise zu verleiten, möglichst lange Zeit auf einer Plattform oder Seite zu verbringen.

Heftige Konzentrationsschwächen

Und dann wäre da noch der soziale Druck: Man soll nun praktisch immer erreichbar sein und auf Nachrichten zeitnah reagieren. Das ist die Konsequenz aus der Möglichkeit des ständigen und ortsunabhängigen Mobilnetz- beziehungsweise Internetzugangs sowie der Schnelligkeit in Echtzeit der digitalen Prozesse.

Die Folgen für den Einzelnen können dabei gravierend sein. Die Verschwendung psychischer Energie in Kombination mit fehlenden Ruhephasen sorgt für ein innerliches Ausbrennen, das sich unter anderem in deutlich spürbaren Konzentrationsstörungen äußert. Der Geist muss ständig von Thema zu Thema springen, und wenn die Gedanken endlich doch einmal auf eine Sache fokussiert sind, dann werden sie alsbald wieder von einer neuen Information abgelenkt. Daher schaffen es viele Menschen heutzutage gar nicht mehr, sich länger als ein paar Sekunden auf ein Thema zu konzentrieren, wenn sie durch die digitale Welt wandeln. Deshalb gilt auf Plattformen wie TikTok das Motto: „Je kürzer ein Video ist, desto größer die Chance auf massenhafte Verbreitung“, was wiederum parallel mehr Einnahmen generiert.

Helfende Maßnahmen

Die exzessive Nutzung von digitalen Diensten per Rechner oder Smartphone sorgt allerdings nicht nur für psychische, sondern auch für körperliche Probleme. Zu diesen zählen akute Schlafstörungen und vielfältige Formen der Überlastung der Augen, der Handgelenke sowie des Rücken- beziehungsweise Nackenbereichs. Inzwischen gibt es sogar die Diagnose „Handy-Daumen“ und „Tech-Hals“ für die Schäden infolge des andauernden „Scrollens“ am Bildschirm mit dem Daumen und durch das Starren nach unten.

Aber es geht noch schlimmer: Zu lange Bildschirmzeiten haben nämlich messbare Auswirkungen auf den Zustand des Gehirns. Bei Menschen mit einer Internet- oder Smartphone-Sucht schrumpft sowohl die graue Substanz im gesamten Groß- und Kleinhirn als auch die Großhirnrinde. Das hat negative Auswirkungen auf das Gedächtnis, die Fähigkeit zur Entscheidungsfindung und Problemlösung, die emotionale Stabilität und die Steuerung der Motorik.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum sich neuerdings immer mehr Leute für das „Digitale Fasten“ beziehungsweise die „Digitale Entgiftung“ entscheiden und entsprechende Medien und Geräte über einen relativ langen Zeitraum meiden. Laut einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom haben das schon vier von zehn Deutschen versucht – und ungefähr genau so viele planen es für die nächste Zeit.

Bei der Umsetzung sind vor allem folgende Strategien empfehlenswert:

• Nutzung von analogen Hilfsmitteln wie herkömmlichen Landkarten, die angeblich unverzichtbare Smartphone-Funktionen ersetzen,

• Schaffung von Beschäftigungsalternativen für den Fall, dass der dringende Wunsch aufkommt, ins Internet zu gehen,

• sowie die vorbeugende Reduzierung des von der Umgebung ausgehenden Drucks, unbedingt in den sozialen Netzwerken präsent sein zu müssen.

• Und sollte tatsächlich keine vollkommene Abstinenz möglich sein, dann helfen zumindest klar definierte und festgesetzte Offline-Zeiten, die Festlegung smartphonefreier Räume, eine Deaktivierung von Kanälen, die ständig neue Nachrichten senden, bis zur Deinstallation suchterzeugender Apps.

Es gibt auch mögliche Nachteile

Wer auf diese Weise digital fastet, macht sehr schnell spürbar positive Erfahrungen. So verändert sich das Zeit- und Lebensgefühl: Die Tage vergehen ruhiger, ja sogar langsamer und werden intensiver erlebt, während die Aufmerksamkeit eher dem Unmittelbaren und Persönlichen gilt. Im Gegenzug geraten Dinge aus dem Fokus, die von außen über ein Smartphone und/oder Computer hereinströmen und für Aggression oder Angst sorgen. Das ist vor allem dann hilfreich, wenn der Einzelne daran ohnehin keinen Deut ändern kann. Das heißt, die psychische Energie wird nicht mehr sinnlos vergeudet, sondern nutzbringender eingesetzt.

Darüber hinaus kehrt die Konzentrationsfähigkeit zurück und damit auch das lineare Denken: Plötzlich ist es wieder möglich, einem Gedankengang über längere Zeit zu folgen, ohne abzuschweifen. Ebenso bereitet intensives, länger andauerndes Lesen kaum mehr Schwierigkeiten, da man von der unnatürlichen Zwei- in die normale Dreidimensionalität – Höhe, Breite, Tiefe – zurückkehrt.

Dem stehen allerdings auch Nachteile gegenüber. Wenn die „digitale Betäubung“ wegfällt, dann schlägt die Realität zu – und das ist durchaus nicht immer angenehm. Desgleichen droht eine gefühlte soziale Isolation, sofern dem Umfeld das Verständnis für das digitale Fasten fehlt. Dies kann zu Angstreaktionen führen, die sich auch körperlich bemerkbar machen. Und dann wären da noch die möglichen beruflichen Nachteile, die aus dem mangelnden oder verspäteten Zugang zu Informationen resultieren.

Somit bleibt die digitale „Entgiftung“ für so manchen ein unerschwinglicher Luxus. Was wiederum nachdenklich stimmen sollte, denn das Versprechen der Digitalisierung lag ja eigentlich darin, unser aller Leben zu erleichtern. Von einer krankhaften Zwangsbindung an die Technik war hingegen nicht die Rede.

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