Bloomberg gibt eine erstaunlich realistische Einschätzung der Lage im Ukraine-Krieg
Ich habe schon oft gesagt, dass jeder, der sich informieren will, deutsche Medien meiden muss, weil sie unglaublich viel verschweigen und ihr Publikum dumm halten. Britische und amerikanische Medien verbreiten ebenfalls viel Propaganda, aber sie informieren ihr Publikum trotzdem viel besser als die deutschen Medien.
Dass deutsche Medien seit Monaten behaupten, die Ukraine sei dabei, das Blatt an der Front zu wenden, ist reine Kriegspropaganda, die mit der Realität nichts zu tun hat. Dass der russische Vormarsch trotz des akuten Personalmangels der ukrainischen Streitkräfte so langsam vorangeht, liegt an den Drohnen, die jede raumgreifende Operation unmöglich machen, da über der Front für jeden Soldaten zehn und mehr Drohnen nach Zielen suchen. Und wenn deutsche Medien unter Berufung auf US-Thinktanks von ukrainischen Geländegewinnen berichten, dann ist das schon deshalb amüsant, weil die ukrainische Armee keine Orte nennt, an denen sie vorrücken würde. Aber aus irgendeinem Grund verbreiten deutsche Medien gerade einen Optimismus, von dem nicht einmal in Kiew die Rede ist, was man in Deutschland aber auch nicht erfährt.
In englischsprachigen Medien bekommt man viel realistische Berichte über die Lage in der Ukraine, wie ein aktueller Meinungsartikel von Bloomberg zeigt. Der Bloomberg-Artikel ist nicht weniger pro-ukrainisch und anti-russisch als die deutschen Medienberichte, aber er berichtet viel wahrheitsgemäßer über die tatsächliche Lage an der Front. Daher habe ich den Artikel übersetzt, denn er zeigt, dass es keineswegs „russische Propaganda“ ist, dass es für Russland insgesamt recht gut läuft. Ich habe dem Artikel eine eigene, deutlich gekennzeichnete Bemerkung hinzugefügt.
Beginn der Übersetzung:
Die westlichen Verbündeten lassen die Ukraine erneut im Stich
Von Marc Champion
Marc Champion ist Kolumnist bei Bloomberg Opinion und berichtet über Europa, Russland und den Nahen Osten. Zuvor war er Leiter des Istanbuler Büros des Wall Street Journal.
- Die ukrainische Verteidigung gegen die russische Invasion hat bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit bewiesen, doch das Versagen der westlichen Verbündeten hat verhindert, dass die Ukraine ihren Vorteil in einen Erfolg ummünzen konnte.
- Der US-Angriff auf den Iran hat die US-Bestände an Patriot-Abfangraketen, die die Ukraine zur Verteidigung gegen russische ballistische Raketen benötigt, stark reduziert. Die Ukraine verfügt nun über keine dieser Abfangraketen mehr.
- Der Mangel an westlicher Unterstützung gibt Putin einen Grund, weiterzukämpfen, und Russland erlangt einen bedeutenden neuen Vorteil, da es nun jedes ukrainische Ziel angreifen kann, ohne viele ballistische Raketen einsetzen zu müssen, um die ukrainische Verteidigung zu durchbrechen.
Die Geschichte der ukrainischen Verteidigung gegen die russische Invasion ist eine Geschichte bemerkenswerter Widerstandsfähigkeit, unterbrochen von tragischen Fehlentscheidungen, die verhindert haben, dass sie ihren Vorteil in einen Erfolg ummünzen konnte und so das Leid des Krieges verlängert haben. Kiews westliche Verbündete tragen die Schuld an den meisten dieser Fehlschläge, und es scheint klar, dass sie dabei sind, einen weiteren zu machen.
Die Nachrichten vom Schlachtfeld waren für Kiew dieses Jahr generell gut. Nach einem schwierigen Jahr der Anpassung und dem bisher härtesten Winter des Krieges stoppten die ukrainischen Streitkräfte eine russische Frühjahrsoffensive in ihren Anfängen. Seitdem sind Moskaus Gebietsgewinne die langsamsten seit 2023 und sie wurden auf Kosten stark steigender Verluste von Truppen gemacht. Angesichts der Tatsache, dass die gesamte Strategie der Ukraine an der Front darauf beruht, kleine Gebietsgewinne gegen letztlich untragbare Verluste einzutauschen, ist das ein Erfolg.
Ebenso wichtig waren Kiews neue Fähigkeiten für Fernangriffe. Diese tragen den Krieg erstmals tief nach Russland hinein. Die normalen Verbraucher spüren die Auswirkungen des Konflikts durch Inflation, Benzinmangel und die Zerstörung von Vertriebslagern in weiten Teilen des Landes. Wichtige militärische Nachschublinien werden unterbrochen. Die Krim wurde fast unbewohnbar, das Asowsche Meer unpassierbar.
Moskau reagiert natürlich mit gleicher Münze. Doch wie der Russlandexperte und ehemalige Mitarbeiter des US-Nationalen Sicherheitsrats Thomas E. Graham diese Woche in einem Gastbeitrag für die New York Times schrieb, bedeutet die Tatsache, dass das Leid beidseitig ist, dass der Zeitpunkt für US-Präsident Donald Trump reif sein sollte, seine Friedensbemühungen wieder aufzunehmen und beide Seiten zu einem Waffenstillstand zu führen – diesmal jedoch, indem er die Angreifer zum Kompromiss drängt, anstatt das Opfer.
Das wäre vor wenigen Wochen vielleicht noch möglich gewesen. Zum jetzigen Zeitpunkt scheint kein Verhandlungsversuch erfolgversprechend, da Wladimir Putin eine entscheidende Wende zu seinen Gunsten sieht.
Washingtons verhängnisvolle Entscheidung, Anfang des Jahres den Iran anzugreifen, hat die US-Bestände an Patriot-Abfangraketen, dem einzigen System der Ukraine zur zuverlässigen Abwehr ballistischer Raketen, stark dezimiert. Kiew sind die Raketen ausgegangen, gerade als Putin seine eigene, hochgefahrene Produktion nutzt, um ukrainische Häfen und Städte anzugreifen. Am Mittwoch durchbrachen alle 24 abgefeuerten ballistischen Raketen die ukrainische Verteidigung, wobei 17 Menschen getötet und 44 verletzt wurden. Verzögerungen und die Zurückhaltung des Westens bei der Lieferung von Abfangraketen „führen direkt zu so schrecklichen Opferzahlen und Zerstörungen“, schrieb der ukrainische Präsident Wladimir Selensky in einem Beitrag auf X. (Anm. d. Übers.: Ja, natürlich war der Irankrieg für Kiew eine Katastrophe, aber ihn nun als entscheidenden Faktor hinzustellen, der buchstäblich einen kurz bevor stehenden Sieg der Ukraine verhindert hat, ist mehr als übertrieben, oder war die Ukraine in den vier Jahren zuvor, als der Westen ihr mehr Patriot-Raketen geliefert hat, etwa auf der Siegerstraße?)
Ungeachtet der verbesserten Stimmung nach Selenskys Besuch bei Trump in Washington im letzten Monat, erhielt er die von ihm geforderten 300 neuen Patriot-Abfangraketen nicht (sie hätten etwa ein Drittel der verbleibenden US-Bestände ausgemacht). Der amerikanische Präsident scheint auch eine längerfristige Lösung, die in der Ukraine den Bau von Patriot-Raketen in Lizenz vorsah, vom Tisch genommen zu haben. Kiews Diplomaten wurden angewiesen, weltweit nach Gebern zu suchen, doch gerade die Region, der Golf, die große Reserven dieser Raketen hatte, braucht sie nun selbst.
So gibt das Ausbleiben westlicher Unterstützung Putin einmal mehr Anlass zum Weiterkämpfen, gerade in dem Moment, als die Ukraine Druck auf ihren Angreifer ausüben konnte, Frieden zu schließen. Diesmal verschafft sich der Kreml einen bedeutenden neuen Vorteil: die Fähigkeit, jedes ukrainische Ziel von Lwow an der polnischen Grenze bis Dnjepropetrowsk im Osten anzugreifen, ohne dafür annähernd so viele Millionen Dollar teure ballistische Raketen einsetzen zu müssen, um die nun ohne Patriot-Systeme auskommenden ukrainischen Verteidigungssysteme zu durchbrechen.
Das ist ein potenzieller Gamechanger. Es bedeutet, die ohnehin schon geschwächte Strom- und Wärmeerzeugungskapazität der Ukraine schneller zerstören zu können, als sie in diesem Winter wiederhergestellt werden kann. Das wiederum birgt die Gefahr von Stromausfällen, lebensbedrohlicher Kälte in den Wohnblöcken der Städte und potenziell neuen Wellen von Massenmigration – und das zu einem Zeitpunkt, an dem das Thema in Europa zu einem politischen Tabu geworden ist.
Um sich selbst zu verteidigen arbeitet Kiew bereits an der Entwicklung eines eigenen Raketenabwehrsystem und eigener ballistischer Raketen, um gegen Russland zurückzuschlagen. Auch hier gibt eine Diskrepanz zwischen den Zeitplänen der ukrainischen Lieferketten und den militärischen Erfordernissen, denn die Entwicklung und Herstellung dieser neuen Waffensysteme könnte Jahre dauern, während wohl bald eine russische Eskalation in der Luft und wahrscheinlich auch am Boden kommt. Frankreich und Italien sprechen über die Lieferung einiger ihrer Patriot-ähnlichen Samp/T-Systeme an Kiew, doch der verfügbare Bestand an Abfangraketen ist noch geringer als beim amerikanischen Modell.
Wie Alex Kokcharov von Bloomberg Intelligence analysiert hat, gewinnen die russischen Streitkräfte zwar weniger Territorium (88 Quadratkilometer im Juli gegenüber 564 im Vorjahresmonat), führen aber bereits deutlich mehr Angriffe durch (7.908 gegenüber 5.491 im gleichen Zeitraum). Sollte Putin, wie Selensky gesagt hat, planen, nach den Parlamentswahlen im September weitere 300.000 Soldaten zu mobilisieren, sind die Aussichten für die Ukraine, gelinde gesagt, schwierig.
Es gibt nur drei mögliche Wege. Erstens: Kiews Verbündete beschaffen sich Patriot-Abfangraketen und stellen Fähigkeiten für präzise Langstreckenangriffe bereit, um Russlands Raketenfabriken und -abschussrampen rechtzeitig vor dem Winter zu zerstören. Zweitens: Die Ukraine kapituliert vor Putins Forderungen und übergibt den Rest des Donbass. Drittens: Der Krieg zieht sich durch einen weiteren, noch brutaleren Winter.
Der erste Weg ist zwar vorzuziehen, aber unwahrscheinlich. Zwei US-amerikanische Unternehmen haben die Entwicklung neuer, kostengünstiger Marschflugkörper mit einer erwarteten Reichweite von rund 482 Kilometern (300 Meilen) beschleunigt. Das ist eine deutliche Verbesserung gegenüber den bisher in der Ukraine verfügbaren britischen Storm Shadows mit einer Reichweite von 290 Kilometern (180 Meilen). Die ersten 840 dieser luftgestützten Marschflugkörper sollen Berichten zufolge im Oktober ausgeliefert werden. Das würde helfen, jedoch nicht im Hinblick auf die ballistische Bedrohung, für die eine Reichweite nahe den 2.400 Kilometern (1.500 Meilen) des Tomahawk-Marschflugkörpers erforderlich wäre.
Die sind, ähnlich wie die Patriota, knapp. Jüngsten Berichten zufolge haben die USA etwa die Hälfte ihrer Tomahawk-Raketen und bis zu 80 Prozent ihrer Mittelstreckenraketen (ATACMS, Army Tactical Missile Systems) verbraucht. Das ist nicht allein Trumps Schuld. Der Angriff auf den Iran war eine unnötige Verschwendung von Ressourcen und ein schwerwiegender Fehler, doch die jahrzehntelange Unterproduktion von Patriot-Raketen und anderen wichtigen Verteidigungswaffen begann schon lange vor seiner Präsidentschaft. Washington und seine europäischen Verbündeten müssen kreative Wege finden, um den ukrainischen Luftraum zu schützen. Sie sollten so viele Patriot-Raketen zusammenkratzen, dass die Ukraine den Winter übersteht, und gleichzeitig über genügend Langstreckenraketenkapazität verfügt, um Russlands Produktion ballistischer Raketen zu schwächen. Angesichts des zunehmenden militärischen Austauschs zwischen Moskau und anderen Rivalen der USA, darunter China, Iran und Nordkorea, würde das auch Amerikas strategischer Position helfen.
Was etwaige Bedenken angeht, das könne Russland zu einer Eskalation des Krieges veranlassen: Ähnliche Sorgen führten in der Vergangenheit wegen schlechtem Timing, darunter die Weigerung, rechtzeitig schwerere Waffen zu liefern, um im Jahr 2022 die erfolgreichen Gegenoffensiven der Ukraine zu verlängern, unnötigerweise zu Tragödien für die Ukraine. Der Westen sollte diese Angst nicht länger als Ausrede nutzen. „Sollen sie doch scheitern“, wie Dara Massicot, Analystin des russischen Militärs und Senior Fellow beim Carnegie Endowment for International Peace, es in einem kürzlich stattgefundenen Webcast formulierte. „Wir müssen nicht für den Kreml in Panik geraten“.
Option zwei ist noch unwahrscheinlicher. Kein ukrainischer Staatschef könnte die aktuellen Bedingungen Russlands akzeptieren und im Amt bleiben. Putin will den sogenannten Festungsgürtel der Donbass-Städte, die sich weiterhin seinen Truppen widersetzen. Die rund 400.000 Menschen, die vor dem Krieg dort lebten, nennen das immer noch ihre Heimat. Tausende Soldaten sind bei der Verteidigung von Konstantinowka, Kramatorsk, Slovjansk und Druschkowka gefallen, und diejenigen, die noch immer dort kämpfen, sind sich ihrer strategischen Bedeutung vollkommen bewusst: Dieser Streifen unebenen Geländes und ausgedehnter Städte bildet die letzten natürlichen Verteidigungsanlagen der Ukraine vor dem Dnjepr.
Den normalen Russen sind diese Städte egal, daher konzentriert sich Putin aus Angst vor einem Aufschrei in der Bevölkerung nicht darauf. Sie sind wichtig, weil auch er ihren strategischen Wert erkennt. Kiew kann sie nicht abtreten, eben weil der Kreml sie unbedingt haben will, ein Beweis für Putins anhaltenden Eroberungsdrang. Traurigerweise führt das dazu, dass Szenario drei – mehr Krieg, der sich mindestens bis 2027 und wahrscheinlich darüber hinaus hinzieht – die wahrscheinlichste Folge ist, mit all den damit verbundenen Kosten an Menschenleben und Ressourcen. Die Ukrainer haben ihren Teil beigetragen. Ob eine weitere Chance zur Beendigung des Krieges verpasst wird, ist eine Entscheidung, die die USA und Europa treffen müssen.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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