Wie die NATO die Nachschubwege für den Fall eines Krieges mit Russland plant
Im Falle eines Krieges zwischen der NATO und Russland ist die Sicherung der Treibstoffversorgung der Truppen für beide Seiten lebenswichtig. Vor diesem Hintergrund muss man übrigens auch die (als ukrainisch bezeichneten) Angriffe der EU auf die russische Ölindustrie sehen, bei denen in der EU produzierte und von der EU bezahlte Drohnen und Raketen auf Ziele tief im russischen Hinterland abgefeuert werden. Das ist der Versuch der EU (oder der NATO), Russlands Militär vor einem anstehenden Krieg mit Europa zu schwächen.
Auf der anderen Seite unternimmt die NATO seit Jahren massive Anstrengungen, die Versorgung ihrer eigenen Truppen mit Treibstoff im Falle eines Krieges mit Russland zu sichern. Darüber hat ein russischer Militärexperte für die TASS einen interessanten Artikel geschrieben, den ich übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Die NATO zieht ihre militärischen Pipelines bis an Russlands Grenzen: Möglichkeiten und Mittel zur Ausschaltung
Boris Roschin über die Fähigkeiten des Bündnisses und worum es im neuen Plan geht.
Die Botschafter aller 32 NATO-Staaten haben das größte Projekt zur Modernisierung der militärischen Treibstoffinfrastruktur in der Geschichte des Bündnisses mit Kosten von 27 Milliarden Euro genehmigt. Der Plan, dessen wichtigste Prioritäten bis 2031 festgeschrieben sind, umfasst sowohl die Erneuerung von 10.000 Kilometern Pipelines aus der Zeit des Kalten Krieges als auch den großflächigen Bau neuer Netze in Ost- und Südosteuropa.
Die ewige „Bedrohung aus dem Osten“
Die Osterweiterung der NATO seit den 1990er-Jahren ging entgegen den Versprechungen stets mit einer Verlagerung der militärischen Logistik in Richtung der Grenzen Russlands und Weißrusslands einher. Konflikte – selbst lokale, wie der andauernde Krieg im Nahen Osten zeigt – erfordern enorme Mengen an Nachschub und unter dem Vorwand der „russischen Bedrohung“ hat die Rüstungslobby der NATO systematisch die Investitionen in die Infrastruktur erhöht. In den Jahren 2023/24 nahm das im Konzept des „militärischen Schengen-Raums“, einer umfassenden Modernisierung von Straßen, Brücken und Eisenbahnknotenpunkten für die schnelle Verlegung von Truppen an die Ostflanke, Gestalt an.
Der Übergang zum Konzept der rotierenden Truppenverlegung im Baltikum, in Polen und Rumänien hat den Block nicht nur zur Errichtung neuer permanenter NATO-Basen in diesen Gebieten veranlasst, sondern auch zur Überprüfung des bestehenden Versorgungssystems in diesem Teil des Kontinents. Seit der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre haben NATO-Manöver in den Regionen der Suwalki-Lücke, des Baltikums, Kaliningrads und Weißrusslands Gefechte mit Russland simuliert und dabei eine gravierende Schwäche offengelegt: nicht nur die geringe Kapazität der Straßen Osteuropas, sondern auch die Unfähigkeit des bestehenden Systems, die Truppen mit Treibstoff zu versorgen.
Heute bildet das gesamte Pipeline-Netzwerk, das die Operationen des Bündnisses unterstützt, das einheitliche NATO-Pipeline-System (NPS). Es umfasst zwei internationale Netze, das Mitteleuropäische Pipeline-System (CEPS, Frankreich, Deutschland, Belgien, die Niederlande und Luxemburg) und das Nordeuropäische Pipeline-System (NEPS, Dänemark und Deutschland), sowie sechs große nationale Pipeline-Systeme in der Türkei, Italien, Norwegen, Island, Griechenland und Portugal.
Technisches Profil und Schwächen
Das NPS basiert im Wesentlichen auf dem in den 1950er-Jahren errichteten CEPS-Netzwerk. Dessen Hauptzweck war die Sicherstellung einer ununterbrochenen Treibstoffversorgung der Panzer und Luftstreitkräfte der NATO an den Grenzen der Warschauer-Pakt-Staaten. Wäre der Konflikt in eine heißt Phase übergegangen, hätte das System die Versorgung der Truppen mit Treibstoffauch auch bei der Zerstörung wichtiger Lagerstätten gewährleisten sollen. Heute umfasst das CEPS rund 5.300 Kilometer Pipelines mit Durchmessern von 6 bis 12 Zoll, die Häfen, Ölraffinerien und Flugplätze miteinander verbinden. Insgesamt umfasst das Netzwerk 29 militärische und 6 zivile Depots mit einer Gesamtkapazität von 1,2 Millionen Kubikmetern Treib- und Schmierstoff.
So hat der freigegebene NATO-Kriegsplan von 1978 gegen den Warschauer Pakt großen Wert auf die logistische Unterstützung einer Zwangsmobilisierung gelegt. Im Szenario eines Truppeneinsatzes in Westeuropa sollte das CEPS zumindest in der Anfangsphase des Krieges eine stabile Versorgungslinie von der Nordsee bis zu den Schweizer Alpen gewährleisten.
Das NPS war ursprünglich als flexibles System konzipiert. Das erlaubte es, es in Friedenszeiten kommerziell zu nutzen und es im Konfliktfall schnell militärisch umorientieren zu können. Damals wie heute ist die Notwendigkeit, diese Infrastruktur zu schaffen und zu modernisieren, durch dieselbe Begründung motiviert: die „Bedrohung aus dem Osten“.
In den 1950er- und 1960er-Jahren galt eine Verlegetiefe von 1–1,5 Metern aufgrund des Mangels der UdSSR an großflächigen, präzisionsgelenkten Waffen als ausreichend. Im Falle eines tiefen Vorstoßes sowjetischer Panzerdivisionen, beispielsweise nach Westdeutschland oder in die Benelux-Staaten, plante die NATO, kritische CEPS-Knotenpunkte einfach zu untergraben. In der heutigen Realität hat sich diese Infrastruktur als äußerst verwundbar erwiesen. Die Erfahrungen des Ukraine-Konflikts haben deutlich gezeigt, dass großflächige und flach vergrabene Treibstoff- und Schmierstoffanlagen durch präzisionsgelenkte Waffen leicht zerstört werden können. Daher ist der Schutz von Lagern und Pipelines vor Angriffen durch Drohnen, ballistische Raketen und Hyperschallraketen bei der Planung neuer osteuropäischer Routen für das Bündnis von besonderer Dringlichkeit. Im Szenario einer direkten Konfrontation zwischen Russland und der NATO würden diese Treibstofftransportwege in konventionellen wie nicht-konventionellen Konflikten zweifellos zu den vorrangigen Zielen zählen.
Das CEPS soll als Grundlage für die ostwärts gerichtete Erweiterung der NATO-Treibstoffinfrastruktur dienen. Der aktuelle technische Zustand des Netzes wird insgesamt als zufriedenstellend bewertet, obwohl erhebliche Investitionen in die Modernisierung erforderlich sind.
Übrigens ist es wichtig anzumerken, dass das CEPS zwar nie gegen die UdSSR eingesetzt wurde, das System aber mindestens zweimal für seinen vorgesehenen Zweck genutzt wurde: während der Bombardierung Jugoslawiens durch die NATO 1999 und während der NATO-Intervention in Libyen 2011.
Geld und Zeitplan
Ich betone, dass die Vorbereitungen für die aktuelle Erweiterung des gesamten Netzwerks – auch unter dem Vorwand der Gefahr seines „Krieges mit Russland“ – seit vielen Jahren laufen. Nur haben sich jetzt die Probleme verschärft und die Militärbudgets werden neu ausgerichtet.
So berichtete beispielsweise das deutsche Magazin „Der Spiegel“ Anfang 2025 über die Pläne der NATO für den Bau neuer Pipelines durch Deutschland in die Tschechische Republik und nach Litauen. In Litauen ist das von entscheidender Bedeutung, da dort bis 2027 die Stationierung einer Panzerbrigade der Bundeswehr abgeschlossen sein soll und erhebliche Mengen an Treib- und Schmierstoff benötigt werden. Eine logische Fortsetzung dieser Strategie war der Anschluss des polnischen Öl- und Gasunternehmens PERN an das CEPS-System. Das Projekt sieht den Bau einer 300 Kilometer langen Pipeline von der deutschen Grenze zu einem Terminal in Bydgoszcz im Nordwesten Polens vor.
Und im Juli 2026 unternahm das Bündnis den letzten Schritt und genehmigte einen umfassenden Plan zur Modernisierung der Infrastruktur. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der tiefgreifenden Integration der Ostflanke. Warschau skizzierte den Inhalt dieses Programms bereits 2024 und erklärte, dass für die ununterbrochene Versorgung mit Flugzeugen und Panzern (deren Anzahl in Polen stetig zunimmt) neue Pipelines notwendig seien. Ähnliches Interesse zeigen Rumänien, die Türkei und die baltischen Staaten, wo neben dem Aufbau ihrer nationalen Armeen auch die US-amerikanischen und NATO-Kontingente kontinuierlich verstärkt werden.
Die größten Probleme bei der Umsetzung dieses Plans (insbesondere innerhalb des engen Zeitrahmens) liegen in den Kosten und der technischen Komplexität (was miteinander zusammenhängt). Zahlreiche westeuropäische Länder sind generell nicht bereit, eigene Mittel in das Projekt zu investieren (aus denselben Gründen, aus denen sie sich gegen eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben insgesamt auf 5 Prozent des BIP aussprachen). Daher ist das Projekt auch auf Kredite angewiesen.
Dabei bezweifeln Experten das angegebene Tempo der Modernisierung des alten CEPS-Netzwerks. Verschiedenen Schätzungen zufolge könnte sich die vollständige Modernisierung des paneuropäischen Systems bis Mitte der 2030er oder sogar bis in die 2040er Jahre hinziehen. Manche gehen sogar von einem Zeitrahmen bis in die 2060er-Jahre aus. Trotzdem ist die militärpolitische Entscheidung gefallen und es werden Anstrengungen unternommen, das Projekt zu beschleunigen, um eine teilweise Umsetzung bis 2030 zu gewährleisten. Genau dieses Datum nennt die NATO-Führung häufig als den Zeitpunkt, an dem das Bündnis vollständig für einen möglichen Krieg mit Russland gerüstet ist. Daher haben die Pipelines im Baltikum und in Polen höchste Priorität.
Ziele und Gegenmaßnahmen
Milliardenschwere Investitionen in ein solches Projekt wären natürlich sinnlos, gäbe es nicht die Erwartung, dass dadurch deutlich größere NATO-Truppen an den Grenzen des Unionsstaates (Russland und Weißrussland) stationiert werden könnten als derzeit. Die Vorbereitung der Treibstoffinfrastruktur deutet klar auf die Planung militärischer Schritte hin (einschließlich eines möglichen Einsatzes von NATO-Kontingenten in der Ukraine), die über bloße öffentliche Rhetorik und Propaganda hinausgehen.
Dabei denke ich, dass das Pipeline-Projekt als minimales Programm als Instrument des militärpolitischen Drucks betrachtet wird, das Moskau durch eine Machtdemonstration an der Grenze dazu zwingen soll, die Ziele einer Militäroperation in der Ukraine aufzugeben. Das maximale Programm bleibt die Vorbereitung einer direkten Aggression und eines offensiven Konflikts mit Russland.
Die militärpolitische Führung Russlands interpretiert solche Aktionen ganz klar als Schaffung einer strategischen Bedrohung. Die Erfahrungen mit der Zerstörung der rückwärtigen Einrichtungen der ukrainischen Streitkräfte zeigen deutlich, dass das Hinterland der NATO im Falle eines direkten Konflikts nicht sicher sein wird.
Zu den wichtigsten Instrumenten zur Unterbrechung der Treibstoffversorgungskette des Bündnisses zählen voraussichtlich koordinierte Angriffe mit hochpräzisen Raketen der Luft- und Weltraumstreitkräfte sowie der Marine, der Einsatz von Langstrecken-Kampfdrohnen und gezielte Angriffe auf kritische Elemente des Vertriebsnetzes und der Treibstofflager des Gegners.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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