Was sind die Gründe für die Entlassung des Verteidigungsministers und des Chefs der Streitkräfte?
Der Machtkampf in Kiew und die Entlassung des ukrainischen Verteidigungsministers Fjodorow, der im Westen viele Unterstützer hat, machen Schlagzeilen. Nun hat Selensky sich den Protestlern gefügt und den Chef der Streitkräfte entlassen, aber die Forderung, den Verteidigungsminister wieder einzusetzen, ignoriert er noch, obwohl hinter den Protesten offensichtlich der Westen steht, der den Verteidigungsminister im Amt belassen will.
Ich werde noch eine sehr detaillierte Schilderung der Ereignisse der letzten Tage schreiben, hier übersetze ich eine Einschätzung eines TASS-Experten, die ich im Großen und Ganzen teile. Nach der Übersetzung folgen noch kurze Anmerkungen von mir.
Beginn der Übersetzung:
Entlassungen und Proteste: Wer hat Selensky das Fadenkreuz auf die Stirn gemalt?
Andrej Nisamutdinow darüber, wie der Plan des Kiewer Machthabers schiefgelaufen ist.
Die Entscheidung, auf die alle seit Tagen warten, ist gefallen: Wladimir Selensky hat den Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte Alexander Syrsky entlassen. Auf den ersten Blick mag es scheinen, als sei er dem Druck der Proteste in rund einem Dutzend ukrainischer Städte erlegen, doch in Wirklichkeit stand der Westen hinter diesen Protesten – genauer gesagt, jener Teil des Westens, der beschlossen hat, eine Alternative zu dem Kiewer Statthalter zu finden, der das ihm entgegengebrachte Vertrauen enttäuscht hat.
Eine einfache Strategie aus zwei Schritten
Der öffentliche Teil der Geschichte, die zu Syrskys Rücktritt führte, begann vor anderthalb Wochen, als Selensky seine Absicht verkündete, Ministerpräsidentin Julia Swiridenko zu entlassen. Die Entlassung der Ministerpräsidentin bedeutet automatisch den Rücktritt der gesamten Regierung. Beobachter sind sich daher weitgehend einig, dass Selensky ein einfaches Spiel aus zwei Schritten verfolgte: Mit der Entlassung Swiridenkos wollte der Chef des Kiewer Regimes in Wahrheit Verteidigungsminister Michail Fjodorow loswerden.
Als Selensky 2018/19 Wahlkampf führte, arbeitete Fjodorow als Experte für Social Media Marketing (SMM) für ihn. Er wurde schnell stellvertretender Ministerpräsident und Minister für digitale Transformation und stieg später zum Ersten Stellvertretenden Ministerpräsidenten auf. In diesen Positionen knüpfte Fjodorow enge Kontakte zu den Chefs amerikanischer Technologiekonzerne, darunter Palantir, sowie zu führenden Persönlichkeiten europäischer Institutionen und Länder.
Diese Verbindungen kamen ihm sehr zugute, als ihm im Januar 2026 das Verteidigungsministerium übertragen wurde. Auch seine Erfahrung als SMM-Experte half ihm hier. Als Verteidigungsminister legte Fjodorow großen Wert auf die Entwicklung unbemannter Flugsysteme für Angriffe auf das russische Hinterland und konnte diese Idee erfolgreich in Europa und Amerika verkaufen. Im Westen galt er als Führungspersönlichkeit, die den Konflikt mit Russland entscheidend beeinflussen konnte. Es spricht vieles dafür, dass die milliardenschweren Hilfszusagen der EU für die Produktion und Beschaffung von Drohnen speziell auf Fjodorow zugeschnitten waren.
Geld und Macht waren auch die wahren Gründe, warum Selensky sich von seinem ehemaligen Mitstreiter trennte. Als Verteidigungsminister gelang es Fjodorow, die Kontrolle über die Finanzströme zu übernehmen, die zuvor von Selenskys engsten Vertrauten kontrolliert worden waren. Zudem galt Fjodorow als potenzieller politischer Konkurrent Selenskys, und der duldet keine Konkurrenz.
Der „Papp-Maidan“
Selensky war offenbar sicher, dass seine Rochade Erfolg haben würde, doch dann lief es nicht wie geplant. Am Tag, an dem die Werchowna Rada über die Kandidatur eines neuen Verteidigungsministers beraten sollte, fanden in Kiew, Charkow, Odessa, Lwow und mehreren anderen Städten Kundgebungen gegen Fjodorows Entlassung statt. Schnell wurde klar, dass der Protest nicht spontan, sondern organisiert war. Organisiert haben ihn vom Westen finanzierte NGOs (in der Ukraine nennt man sie „Grantfresser“). (Anm. d. Übers.: Das Wort „Grantfresser“ kommt vom englischen Wort „Grant“, auf Deutsch „Zuschuss“ oder „Förderung“, das in Russische und Ukrainische übernommen wurde. Entsprechend werden als „Grantfresser“ NGOs bezeichnet, die von den Zuschüssen gewisser Organisationen oder Staaten leben und deren Willen umsetzen, indem sie beispielsweise im gewollten Moment „spontane“ Proteste organisieren.)
Die Abgeordneten fühlten sich hintergangen, wurden nervös, und Selensky entschied sich schließlich gegen die Nominierung eines neuen Kandidaten.
Unterdessen gewann der „Papp-Maidan“, der wegen der vielen selbstgemachten Plakate auf Pappkartons so genannt wurde, weiter an Zulauf. Während die anfänglich kleine Protestbewegung gegen Fjodorows Rücktritt demonstrierte, wurden bald Forderungen nach der Absetzung des Oberbefehlshabers der ukrainischen Streitkräfte Syrsky laut, mit dem Fjodorow im Konflikt stand. Schließlich wurde auch Kritik an Selensky selbst laut.
Die Regierung traute sich nicht, die Proteste aufzulösen, da diese von einer Welle von Veröffentlichungen in europäischen Medien begleitet wurden. Diese Veröffentlichungen stellten sich offen hinter Fjodorow und sendeten Selensky eine klare Botschaft: Fass keinen Minister an, den der Westen unterstützt.
Als sich nicht nur die vom Westen gefütterten „Grantfresser“, sondern auch ukrainische Nationalisten und sogar einige Militärführer für Fjodorow aussprachen, gab Selensky nach. Syrsky wurde entlassen und durch den Befehlshaber der Vereinigten Streitkräfte der ukrainischen Streitkräfte, Generalmajor Michail Drapaty, ersetzt, der Fjodorow in seinem Konflikt mit Syrsky unterstützt hatte. In Russland ist er zur Fahndung ausgeschrieben und wegen der Anwendung verbotener Mittel und Methoden der Kriegsführung angeklagt.
Ein Alarmsignal für den Statthalter
Selensky hat die wichtigste Forderung der Demonstranten, die Wiedereinsetzung Fjodorows als Verteidigungsminister, noch nicht erfüllt. Seinen Angaben zufolge hat er Fjodorow einen neuen Posten angeboten, in dem dieser seine bisherigen Erfahrungen und Kenntnisse einbringen könne, erhielt aber noch keine Antwort.
Laut Gesetz kann ein neuer Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte auf Empfehlung des Verteidigungsministers ernannt werden. Derzeit gibt es keinen Verteidigungsminister und die Werchowna Rada muss – auf Selenskys Vorschlag – einen ernennen, ihre Arbeit ist jedoch bis zum 18. August ausgesetzt.
Unterdessen hat Syrsky bereits bestätigt, nicht mehr Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte zu sein und hinzugefügt, er hinterlasse die Armee „im Zustand des Angriffs“. Diese Aussage erscheint angesichts des ständigen und unerbittlichen Vormarsches der russischen Truppen in der Militäroperation, gelinde gesagt, übertrieben.
Es ist nicht ausgeschlossen, dass Selensky diese formalen Hindernisse ausnutzen wird, um eine Einigung mit seinen westlichen Gönnern zu erzielen und die ungeteilte Macht, die er bisher hatte, zu erhalten. Und möglicherweise gelingt ihm das sogar, zumindest vorübergehend, da er für viele Europäer immer noch einer der Ihren ist.
Doch in jedem Fall ist das Geschehen für den Führer des Kiewer Regimes ein äußerst alarmierendes Signal. Im Grunde haben seine westlichen Gönner Selensky ein Fadenkreuz auf die Stirn gemalz und ihn unmissverständlich gewarnt, dass seine Macht nicht ewig währen wird. Es geht hier weder um den grassierenden Diebstahl, für den die Kiewer Clique und ihr Führer berüchtigt sind, noch um die Usurpation der Macht.
Der Grund ist vielmehr, dass dem Westen vollkommen bewusst ist, dass das Kiewer Regime trotz seiner prahlerischen Erklärungen und der milliardenschweren Hilfszahlungen auf dem Schlachtfeld eine Niederlage erleidet. Und Selensky wird, so sehr er sich auch bemüht, das Blatt nicht wenden können. Und da der Westen seine Niederlage nicht eingestehen will, sucht er nun nach anderen Schuldigen.
Die Affäre um den Verteidigungsminister und den Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte erschwert Selenskys Position zweifellos ernsthaft und könnte sogar sein Ende als Chef des Kiewer Regimes beschleunigen. Für Russland hingegen ändert all das Gezänk innerhalb der ukrainischen Junta sowie zwischen Kiew und dem Westen rein gar nichts. Es bestätigt lediglich die Richtigkeit des eingeschlagenen Kurses hin zur Fortsetzung und zum siegreichen Abschluss der Militäroperation.
Ende der Übersetzung
Hierzu sei noch anzumerken, dass Selensky in den letzten Jahren schon oft totgesagt wurde und dass der Westen schon oft sehr verärgert über Selensky war. Unvergessen sind die Bilder vom NATO-Gipfel in Vilnius 2023, als Selensky zum ersten Mal klargemacht wurde, dass die Ukraine nicht in die NATO aufgenommen wird und wie Selensky damals alle westlichen Politiker wüst beschimpft hat und wie er dann beim Gruppenfoto ganz allein dastand, weil diese ihn demonstrativ ignorierten.
Schon damals wurde Selensky von vielen totgesagt, aber er erholte sich davon wieder.
Oder nehmen wir den Sommer 2025, als Selensky versuchte, das NABU der Kontrolle des Westens entreißen und es unter seine Kontrolle bringen wollte. Auch damals hat der Westen mithilfe von „Grantfressern“ schnell einen „Maidan“ orchestriert und Selensky musste klein beigeben. Die Liste ließe sich fortsetzen.
Natürlich wird der Westen Selensky irgendwann fallen lassen wie eine heiße Kartoffel, wenn er für den Westen nicht mehr nützlich ist. Noch ist Selensky nützlich, denn für die westliche Propaganda ist er das Gesicht des „Widerstands gegen Russlands Aggression“, und auch innerhalb der Ukraine hält er den Laden im Interesse des Westens zusammen und teilt brav die unterschlagenen Milliarden, was man daran sieht, dass sich niemand in Europa daran stört, dass in der Ukraine Milliarden verschwinden, wie dieses oder dieses Beispiel zeigen.
Daher bin ich mir nicht so sicher, wie der Autor des von mir übersetzten Artikels, dass der Westen nun den Daumen über Selensky gesenkt hat. Ich denke, Brüssel braucht Selensky noch für die Fortsetzung des Krieges, weshalb nun – wie schon beim Streit um das NABU vor einem Jahr – hinter den Kulissen ein wildes Geschacher ablaufen dürfte.
Wie es ausgeht, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen.
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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