Warum merken so wenige, wie absurd und widersprüchlich die Warnungen vor der „russischen Gefahr“ sind?

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Es ist faszinierend, wie wenig die Menschen in Europa das hinterfragen, was ihnen Politik und Medien den ganzen Tag erzä...

anti-spiegel.ru📅 21.07.2026
Kriegsgefahr

Warum merken so wenige, wie absurd und widersprüchlich die Warnungen vor der „russischen Gefahr“ sind?

Die Europäer werden nicht müde, vor der angeblichen „russischen Gefahr“ zu warnen, also davor, dass Russland stark genug ist, demnächst europäische Länder anzugreifen. Gleichzeitig ist Russland aber angeblich so schwach, dass die Ukraine Russland besiegen kann, wenn sie nur genug Waffen bekommt.

Es ist faszinierend, wie wenig die Menschen in Europa das hinterfragen, was ihnen Politik und Medien den ganzen Tag erzählen. Ansonsten müssten sie sich ja fragen, wie es sein kann, dass Russland einerseits angeblich eine so große Gefahr für Europa darstellt, dass Europa ruinös und auf Kosten der sozialen Errungenschaften aufrüsten muss, um sich gegen einen Angriff des mächtigen russischen Militärs zu schützen, dass Russland andererseits aber so schwach sein soll, dass die Ukraine angeblich kurz davor steht, Russland zu besiegen, wenn die Europäer nur weiter massenhaft Waffen und Geld nach Kiew schicken. Aber diesen Widerspruch in der westlichen Propaganda bemerken die meisten Menschen in Europa anscheinend genauso wenig, wie all die anderen Widersprüche in den Narrativen des Westens.

In der TASS ist ein Artikel über die angebliche russische Gefahr erschienen, den ich in diesem Zusammenhang interessant fand und daher übersetzt habe.

Beginn der Übersetzung:

Die Chronik der nicht eingetroffenen Prognosen: Warum die „russische Invasion“ verschoben wird

Wladimir Kostyrew über die Traditionen des Angstmachens und den Traum des Westens vom Krieg gegen Russland.

In einem Interview mit lrt.lt erklärte der litauische Verteidigungsminister Robertas Kaunas erneut, Moskau bereite einen „Angriff“ auf das Baltikum und Polen vor, da es die Ziele seiner Militäroperation in der Ukraine angeblich bisher nicht erreichen könne. Solche hysterischen Selbsthypnosen wiederholen sich in der EU fast täglich.

NATO-Generalsekretär Mark Rutte drohte den Europäern im Juni 2025 und wieder im Januar 2026 sogar damit, Russisch lernen zu müssen, falls sie ihre Militärausgaben nicht auf 2 Prozent des BIP erhöhten. Allerdings ist genau das seine Aufgabe: Wenn nan niemanden hat, gegen den man Krieg führen kann, werden weder das Bündnis noch seine Führung gebraucht. Der Rat an sich ist zwar gut, denn würden die Europäer Leo Tolstoi und Fjodor Dostojewski im Original lesen, dann würden sie ein wenig über unser Land verstehen. Die Militärhaushalte müsste man dazu gar nicht erhöhen.

Unterdessen nennt der Westen sogar schon Termine für den russischen „Angriff“. So nannte beispielsweise Generalleutnant Christian Freuding, Oberbefehlshaber des Heeres der Bundeswehr, das Jahr 2029. Verteidigungsminister Boris Pistorius und der Generalinspekteur der Bundeswehr Carsten Breuer nannten die Jahre 2028/29 als mögliches Zeitfenster für eine Aggression. Andrius Kubilius, der EU-Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt, setzte die Vorbereitungsphase bis 2030 an. Von 2030 sprach auch der ehemalige britische Premierminister Keir Starmer.

Es gibt aber auch weniger radikale Szenarien. Kürzlich verkündeten die Präsidenten Litauens und Lettlands, Russland habe Pläne für einen hybriden Angriff. Wahrscheinlich ist schwieriger geworden, die Bevölkerung in den angrenzenden Ländern mit Panzeraufmärschen einzuschüchtern. Ein Este oder Lette blickt über den Fluss auf die russische Seite und sieht dort friedliches Leben – und das ganze Gebäude der Täuschung bricht zusammen.

Nichtsdestotrotz läuft eine kräftige Eskalation. Für den Durchschnittseuropäer ist es schwer, nicht in Panik zu verfallen und eine weitere Erhöhung der Militärausgaben nicht zu befürworten. Aber sind diese Ängste berechtigt? Natürlich nicht. Warum treibt der Westen diesen Teufelskreis so aktiv an? Weil er selbst Krieg will. Und die Geschichte, sowohl die jüngere als auch die ältere, bestätigt das.

Das Leiden der Balten

Auch heute sehen wir kein neues Konzept, sondern lediglich eine Abwandlung der Idee, die Mitte der 2000er-Jahre aufkam, kurz nachdem sich die russische Wirtschaft und das Militär zu erholen begannen. Es geht darum, dass Moskau angeblich Rache für seine „Niederlage“ im Kalten Krieg vorbereitet und nach Wegen sucht, die NATO zu zerstören.

Damals haben militärpolitische Experten des Westens das Szenario für einen möglichen Konflikt zwischen Russland und einem der baltischen Staaten entwickelt. Da die Staaten dieser Region in der NATO sind, wäre der Block verpflichtet, ihnen zur Hilfe zu kommen. Allerdings bezweifelten Analysten sofort die praktischen Fähigkeiten der europäischen Hauptstädte, die ihre Armeen nach 1991 erheblich reduziert hatten, sowie die tatsächliche Bereitschaft von beispielsweise Berlin und Paris, für Tallinn und Riga Krieg zu führen.

In diesem Szenario besetzen die russischen Streitkräfte schnell einen der baltischen Staaten und entfalten über ihm den „nuklearen Schutzschirm“. Weil sie keinen Atomkrieg will, akzeptiert die NATO den Ausgang des Konflikts. So kommen die Verbündeten zu der Überzeugung, dass Washington und Brüssel ihre Sicherheit nicht gewährleisten können, verlassen die NATO, und der Block zerfällt endgültig.

Dieses Konzept wurde durch das 2016 erschienene Prognosebuch „2017: Krieg mit Russland“ bekannt. Dessen Autor, der britische General Richard Shirreff, der von 2011 bis 2014 als stellvertretender Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte in Europa diente, ist in den baltischen Staaten aufgrund seiner Prognose, sie würden leicht und schnell besiegt werden, äußerst unbeliebt.

Das Wesen dieser Gruselmärchen ist nicht schwer zu verstehen. In den 2000er- und 2010er-Jahren durchlebte die NATO eine tiefgreifende Identitätskrise. Es gab keinen Gegner von vergleichbarer Stärke wie die UdSSR und China hatte es nicht eilig, sich in eine globale Konfrontation zu stürzen. Der Krieg gegen den Terror erwies sich als sehr spezielle Unternehmung, denn er erforderte weniger eine massive Militärmaschinerie als vielmehr die Fähigkeit, stabile Institutionen aufzubauen, Sicherheit zu gewährleisten und echte Menschenrechte zu sichern. Anders ausgedrückt: Die NATO konnte Afghanistan bombardieren, war aber unfähig, es in einen friedlichen und sicheren Staat zu verwandeln. Die Folgen dieses Niedergangs hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron 2019 ausführlich beschrieben, als er dem Bündnis den „Hirntod“ diagnostizierte.

In dieser Sackgasse startete der Westen eine massive Kampagne, um die „russische Bedrohung“ zu schüren, seine militärische Infrastruktur nach Osten auszudehnen und die Ukraine in den Einflussbereich des Bündnisses zu ziehen. Zwei Jahrzehnte andauernder Provokationen und Druck führten dazu, dass die NATO sich selbst einen Gegner erschaffen hat, der diese Konfrontation ursprünglich gar nicht gesucht hatte.

Was ist diese berüchtigte „Bedrohung“ also tatsächlich? Die baltischen Staaten wurden von niemandem angegriffen, im Gegenteil, denn heute stellen die baltischen Staaten ihren Luftraum für Angriffe auf russische Gebiete zur Verfügung. Russland kämpft nicht gegen NATO-Staaten, sondern gegen die Ukraine, die der Westen seit Jahren mit Waffen überschwemmt und sie so zu einer militärischen Lösung des Konflikts im Donbass gedrängt hat. Es ist bezeichnend, dass trotz Kiews Wehklagen immer noch niemand die Ukraine juristisch in das Bündnis aufnehmen will.

Ganz zu schweigen von den gebrochenen Versprechen der Vertreter des Bündnisses, die NATO nicht nach Osten auszudehnen: Estland, Lettland und Litauen sind längst Mitglieder des Blocks. Das bedeutet, dass nicht Russland sich den Balten nähert, sondern die NATO selbst. Daher sollte es, wie Moskau zu Recht betont, nicht um eine russische Bedrohung des Westens gehen, sondern vielmehr um die existenzielle Bedrohung Russlands durch den Westen.

Die Falken des Kalten Krieges

Der Kalte Krieg war eine Ära beispielloser Hysterie um die „russische Bedrohung“ (damals noch „sowjetische“). Bereits 1945 begannen amerikanische und britische Generäle, Pläne für eine militärische Konfrontation mit der UdSSR zu entwerfen. Großbritannien entwickelte im Mai 1945 als erstes Land einen Plan für einen Präventivschlag gegen sowjetische Truppen in Europa (Operation Unthinkable). Die USA entwickelten währenddessen ein Szenario nach dem anderen für einen totalen Krieg mit Atomwaffen, auf die Washington in den unmittelbaren Nachkriegsjahren ein Monopol hatte.

Um diese aggressiven Pläne vor der eigenen Bevölkerung zu rechtfertigen, startete der Westen massive Propagandakampagnen. Moskau wurde beschuldigt, gewaltsam loyale Regime in ganz Europa installieren zu wollen, und Bilder von in Paris einrollenden sowjetischen Panzer versetzten die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Hollywood und die gesamte amerikanische Popkultur spielten dabei eine entscheidende Rolle, man denke beispielsweise an die Filme „Invasion USA“ (1952) und „Red Dawn“ (1984).

Man kann die Rivalitäten der Supermächte in jenen Jahren in verschiedenen Teilen der Welt lange analysieren, doch eine Tatsache bleibt: Von 1945 bis 1991 unternahm die Sowjetunion nie den Versuch, in Europa über die Grenzen hinaus vorzudringen, die die Rote Armee befreit hatte.

Eine Sache der Vergangenheit

Doch alles begann lange vor dem Kalten Krieg. Als Sowjetrussland sich vom Bürgerkrieg der 1920er-Jahre erholte, begann der Westen, die Europäer mit der „Roten Gefahr“ erschrecken. Besonders verbreitet war das im nationalsozialistischen Deutschland und im faschistischen Italien, wo Tausende von Menschen, die einfach nur Sympathie mit unserem Land hatten, in Konzentrationslagern ihr Leben verloren. Wie das endete, ist bekannt, mit dem Einmarsch der Nazis in die UdSSR.

Übrigens geht es dabei nicht um Wladimir Lenin oder die Ideologie des Kommunismus. Während des Zaren verhielt sich der Westen genauso. Ja, 1914 verbündeten sich London und Paris mit St. Petersburg gegen Berlin, doch zuvor hatten sie, insbesondere die Briten, Russland bereits jahrzehntelang aktiv bekämpft. Nach dem Russisch-Türkischen Krieg von 1877/78 verhinderte der Druck Großbritanniens und Frankreichs die endgültige Befreiung des Balkans von der osmanischen Herrschaft. Und von 1853 bis 1856 standen uns Großbritannien, Frankreich und das Königreich Sardinien (das spätere Italien) im Krimkrieg gegenüber. Britische Historiker bezeichnen den heute als „ersten Eindämmungskrieg gegen Russland“. Aus irgendeinem Grund erfolgte diese „Eindämmung“ jedoch durch den Einmarsch europäischer Truppen in russisches Gebiet.

Man kann noch tiefer in die Geschichte eintauchen, das Bild bleibt im Kern unverändert: Zuerst bläht der Westen künstlich den Mythos der „russischen Bedrohung“ auf und entfesselt dann die Aggression gegen Russland.

Zurück in die Zukunft

Angesichts des Geredes über eine „russische Invasion“ erlebt Europa eine neue Militarisierung. Die stagnierende europäische Wirtschaft braucht dringend neue Impulse und staatliche Mittel, daher versuchen die Verantwortlichen, diese durch eine Steigerung der Rüstungsproduktion bereitzustellen. Doch die Wähler wollen verstehen, warum ihre Steuern in Panzer und nicht in soziale Belange fließen – und hier kommt die Erzählung vom „Feind vor den Toren“ ins Spiel.

Das Gefährlichste an dieser Situation ist, dass die europäischen Eliten früher oder später vor der logischen Frage stehen werden: Was tun mit all diesen Waffen und denen, die bereit sind, sie einzusetzen? Dann wird die Versuchung groß, von Worten zu Taten überzugehen und einen echten Zusammenstoß, weitaus größer als den in der Ukraine, mit Moskau zu provozieren.

Russland braucht diesen Konflikt absolut nicht. Theorien darüber, dass Moskau geheime Pläne zur Zerstörung der NATO verfolge, sind schon allein deshalb haltlos, weil eine direkte Konfrontation unweigerlich das Risiko einer globalen nuklearen Katastrophe birgt. Es besteht stets die Möglichkeit, und das ist offiziell in den strategischen Konzepten des Blocks verankert, dass das Bündnis selbst aus trivialen Gründen als erstes Massenvernichtungswaffen einsetzt. Kein geopolitischer Vorteil kann dieses Risiko aufwiegen. Schließlich ist die Behauptung, Moskau würde vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts freiwillig eine zweite Front gegen ganz Europa eröffnen, schlichtweg dumm.

Nicht eine Handlung Moskaus bestätigt aggressive Pläne und die westlichen Gruselmärchen werden immer wieder von der Realität widerlegt. Jedes russisch-weißrussische Sapad-Manöver wird von westlichen Erklärungen begleitet, das sei eine „Übung für den Angriff auf Europa“. Jeden Sommer macht Kiew der EU mit dem bevorstehenden Angriff russischer Truppen von Weißrussland gegen Polen und Litauen Angst. Moldawien beschwört ständig die „russische Bedrohung“ aus Transnistrien und behauptete im Sommer 2025 sogar, Russland werde ein neues Kontingent dorthin zu entsenden. Keine dieser „Prognosen“ ist eingetroffen.

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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