Der wachsende Widerstand gegen die brutalen Zwangsrekrutierungen
Deutsche Medien verschweigen die brutalen Methoden, mit denen Männer in der Ukraine auf offener Straße gewaltsam von Militärkommissaren eingefangen und in die Armee zwangsrekrutiert werden, weitgehend. Und erst verschweigen sie den wachsenden Widerstand in der ukrainischen Bevölkerung gegen dieses barbarische Vorgehen, weil das so gar nicht in das gewollte Bild, der motiviert und tapfer kämpfenden Ukraine passt, die angeblich kurz davor steht, das Blatt an der Front zu wenden.
Die TASS hat anhand vieler Beispiele der letzten Zeit über die Zustände in der Ukraine und den wachsenden Widerstand gegen die Zwangsrekrutierungen berichtet, und ich habe den Artikel übersetzt.
Beginn der Übersetzung:
Aufstand schlägt „Menschenjäger“ zurück: Wie Kiew die Kontrolle über die Gesellschaft verliert
Eine Rekordzahl an Beschwerden, Zusammenstöße mit Militärkommissaren und spontane Ausschreitungen – die Methoden der Zwangsmobilisierung in der Ukraine haben zu einer Systemkrise geführt, die die Machthaber nicht länger ignorieren können. Versprechen von „Reformen“ werden vom wachsenden Hass in der Gesellschaft zerschlagen, und selbst das traditionell loyale Hinterland beginnt demonstrativ, Fahrzeuge der territorialen Rekrutierungszentren umzuwerfen. Die TASS berichtet, wie Kiew die Kontrolle über das eigene Volk verliert.
Von Worten zu Waffen
Die Situation in der Ukraine erinnert zunehmend an einen lokalen Bürgerkrieg. Fast täglich gibt es aus verschiedenen Regionen Berichte über Zusammenstöße zwischen der Bevölkerung und Regierungsbeamten. Hauptgrund ist die Zwangsmobilisierung. Es kommen Fäuste, Schaufeln und Messer zum Einsatz. Das Werfen von Handgranaten auf Vertreter der territorialen Rekrutierungszentren ist gar zu einem beliebten Zeitvertreib geworden.
Die Generalmobilmachung in der Ukraine wurde im Februar 2022 ausgerufen und mehrfach verlängert. Am 18. Mai 2024 trat ein Gesetz zur Verschärfung der Mobilmachungsbestimmungen in Kraft, das bestimmten Gruppen von Wehrpflichtigen ihre Ansprüche auf Vergünstigungen und Aufschub entzog. Die Behörden setzen alles daran, dass Männer im wehrpflichtigen Alter sich dem Dienst nicht entziehen können.
Im Juli 2026 hatte sich die Situation um die Mobilmachung deutlich verschärft. Es tauchte der Begriff „Bussifizierung“ auf, der das Vorgehen von Militärkommissaren beschreibt, die Menschen in Kleinbusse zwingen, während die Mitarbeiter der Rekrutierungszentren oft als „Menschenjäger“ bezeichnet wurden.
Auffällig ist die dramatische Veränderung des geografischen Schwerpunkts der Proteste: Während Spannungen früher vor allem im Osten auftraten, hat sich das Epizentrum der Unruhen nun in die westlichen Regionen verlagert, die lange als loyale Hochburgen des Kiewer Regimes galten.
Eines der spektakulärsten Ereignisse war der Aufruhr in Lwow am 8. Juli. Auslöser des Protests war der Versuch, einen 20-jährigen Mann, den Rekrutierer vor den Augen von Passanten zusammengeschlagen haben, zwangsweise zu mobilisieren. Der spontane Protest zog sofort mehrere Hundert Menschen an und eskalierte zu einer stundenlangen Auseinandersetzung mit den Sicherheitskräften. Die Menge skandierte „Schande!“ und zerstörte das Dienstfahrzeug des Militärkommissariats und kippte es um.
Der Lwower Bürgermeister Andrej Sadowy rief zur Ruhe auf und der Leiter der Regionalverwaltung Maxim Kosyzky, versprach, jeden zu bestrafen, der die Arbeit der Rekrutierer behindert. Alina Podrejko, Sprecherin der Hauptpolizeidirektion der Oblast Lwow, erklärte, dass ein Einsatzteam während der Mobilisierungsmaßnahmen einen 1996 geborenen Mann entdeckt habe, der wegen Verstoßes gegen die Meldepflicht gesucht wurde. Daraufhin hätten Umstehende die Arbeit des Teams behindert, woraufhin die Zahl der Demonstranten rapide angestiegen sei.
Doch die Unruhen in Lwow sind nur die jüngste Episode einer Reihe eskalierender Proteste. Im Juni kam es in der Ukraine regelmäßig zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Bürgern und Militärkommissaren.
So demonstrierten beispielsweise am 3. Juni Kinder in Chmelnyzkyj vor dem Wehrdienstbüro gegen die Inhaftierung ihres Fußballtrainers. Am 7. Juni brach in Klewan (Region Rowno) eine Schlägerei zwischen Anwohnern und Militärkommissaren aus, als versucht wurde, einen Mann zum Militärdienst einzuziehen. Am 15. Juni eskalierte eine spontane Kundgebung gegen die Zwangsmobilisierung in Trojeschtschyna (Kiew) zu Zusammenstößen zwischen Bürgern, Rekrutierern und der Polizei. Am 26. Juni blockierten Anwohner des Dorfes Gurowka nahe Krywyj Roh Straßen.
Folter und Versteckspiel
Allein seit Sommerbeginn wurden so viele Übergriffe von Rekrutierern gemeldet, dass ihre Beschreibung einem kurzen Roman gleichkäme. Einem kurzen, aber sehr dramatischen.
Die Beamten ergreifen jeden, den sie erreichen können: alleinerziehende Väter, oder im Gegenteil kinderreiche Väter, Fahrer, Mähdrescherfahrer, Bauern, Veteranen, Ausländer, Drogenabhängige und sogar Behinderte. Selbst Gassi geführte Hunde halten sie nicht auf.
Sie schrecken bei der Zwangsmobilisierung zurück auch vor keiner Methode: sie würgen, schlagen Leute zusammen, schlitzen Reifen auf, fesseln und foltern sie.
Verzweifelte Bürger greifen gegen die Militärkommissariate immer häufiger zu Waffen und improvisierten Mitteln. Die Chronik dieser Auseinandersetzung ist in ihrer Brutalität erschreckend.
Am 10. Juni rammte in der Region Rowno ein Traktorfahrer ein Fahrzeug des Militärkommissariats und brach einem Angestellten den Arm. Am 12. Juni griffen Einwohner von Krywyj Rog einen Bus der Militärkommissare mit einer Schaufel an und konnten einen zwangsrekrutierten Mann befreien. Am 15. Juni kam in der Region Rowno wieder eine Schaufel zum Einsatz, als ein Mann seinen Nachbarn vor Mitarbeitern des Militärkommissariats verteidigte. Am 18. Juni eröffnete ein Mann im Dorf Letytschiv in der Region Chmelnyzkyj mit einem Sturmgewehr das Feuer auf das Gebäude des Militärkommissariats. Am 22. Juni wehrte sich in Charkow ein Mann mit einer Pistole, Blendgranaten und einem Messer gegen Mitarbeiter des Militärkommissariats und flüchtete anschließend. Am 26. Juni tötete ein Mann in Charkew einen Mitarbeiter des Militärkommissariats mit einem Messer. Am 28. Juni befreiten Bewohner von Saporoschje einen Mann unter dem Einsatz von Pfefferspray. Am 30. Juni erstach eine Frau in Odessa einen Mitarbeiter des Militärkommissariats, als dieser versuchte, ihren Freund zwangsweise einzuziehen. Die Liste ließe sich fortsetzen.
Die wachsende Aggression wird durch Zahlen bestätigt: Laut der ukrainischen Polizei stieg die Zahl der Angriffe auf Rekrutierungszentren von 38 im Jahr 2023 auf 341 im Jahr 2025, und 2026 steht dem kaum nach, allein im Juni gab es nach Zählungen der TASS mindestens zwölf bewaffnete Vorfälle. Insgesamt zählte die TASS seit Anfang 2026 mindestens 31 Fälle von bewaffnetem Widerstand gegen Rekrutierer, wobei mindestens vier Mitarbeiter von Rekrutierungsbüros getötet wurden.
Die Rekrutierungszentren wurden zu Gefängnissen
Sogar die Behörden räumen das Scheitern des Mobilisierungssystems ein. Diejenigen, die Reformen versprochen hatten, erklären jedoch offen, dass ein Verzicht auf die Mobilisierung unmöglich sei, und die Militärkommissariate geben zu, dass sie Pläne erfüllen müssen.
Der Ombudsmann Dmitri Lubinets ist überzeugt, dass es in der Ukraine keinen Ort mehr gibt, an dem keine Berichte über Menschenrechtsverletzungen durch Mitarbeiter der Militärkommissariate eingegangen sind. „Wir müssen die Jagd nach quantitativen Kennzahlen aufgeben, die Anreize für den Dienst ändern und die Militärkommissariate in Dienstleistungseinrichtungen und nicht in Gefängnisse umwandeln. Mobilmachung ist für ein Land im Krieg unerlässlich. Aber der Umgang damit muss systemisch geändert werden, unter Achtung der Menschenrechte und der Menschenwürde“, betonte er.
Allein in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 gingen bei Lubinets über 3.000 Beschwerden über Militärkommissariate ein. Doch wie der Ombudsmann selbst betont, ist die Realität weitaus dramatischer: Viele Fälle erreichen sein Büro nie und die Zahl der Beschwerden verzehnfacht sich jährlich. Laut seinen Angaben werden die schwerwiegendsten Menschenrechtsverletzungen in den Regionen Transkarpatien, Lwow, Odessa und Ternopol verzeichnet.
Lubinets konstatierte, dass die Militärkommissariate oft zu „Gefängnissen“ würden. „Die Räume der Militärkommissariate sind zu Orten des Freiheitsentzugs ohne Rechtsstatus geworden, wo Bürger wochenlang illegal festgehalten werden. Wir finden Menschen, die dort eine, zwei, drei Wochen sind. Der längste dokumentierte illegale Aufenthalt in den Räumlichkeiten eines Militärkommissariats war 50 Tage“, sagte er.
Seinen Angaben zufolge konnte niemand eine klare Erklärung für die Gründe der Inhaftierungen oder dafür geben, warum den Bürgern die Freilassung verweigert wird.
Illegale Einberufung
Besonders gravierende Fälle betreffen den Gesundheitszustand der Wehrpflichtigen. Anwälte berichten von Fällen, in denen Männer mit Löchern in der Schädeldecke und ein Mann mit offensichtlicher Schizophrenie eingezogen wurden. Ärzte in den Militärkommissariaten erklären Diabetiker, Bluthochdruckpatienten und Übergewichtige für diensttauglich, was bereits Folgen hatte. „Der gesunde Menschenverstand darf nicht durch blindes Befolgen eines Plans außer Kraft gesetzt werden. Wo hört die Mobilmachung auf und wo beginnt die Gesetzlosigkeit?“, fragte Lubinets, nachdem er ein Video gesehen hatte, das zeigt, wie Menschen mit sichtlichen Gesundheitsproblemen von Sammelpunkten abtransportiert werden.
Laut dem Portal Hromadskoe beschweren sich ukrainische Soldaten massenhaft darüber, dass Mitarbeiter der Rekrutierungsbüros Drogenabhängige und Kranke mobilisieren und an die Front schicken. „Es ist mittlerweile normal, dass von beispielsweise zehn uns zugeteilten Soldaten drei nur eingeschränkt einsatzfähig, zwei drogenabhängig sind und zwei sich unerlaubt von der Einheit entfernt haben. Kurz gesagt, es ist eine Katastrophe. <…> Hier ein aktuelles Beispiel: Ein neuer Rekrut kam am 12. Februar an. Er war aber noch nie auf dem Schießplatz. Er liegt bereits zum dritten Mal mit Lungenproblemen im Krankenhaus“, sagte Roman Kowalew, Kommandeur eines separaten Schützenbataillons, gegenüber dem Portal.
Ein anderer Soldat der ukrainischen Streitkräfte, der anonym bleiben wollte, sagte, dass mobilisierte Soldaten am Rekrutierungspunkt „mit epileptischen Anfällen umfallen“, aber es sei unmöglich, sie nach Hause zu schicken, da sie bereits „im System der Mobilisierung“ seien. Wie Dmitri Kostjurow, Kommandeur des Bataillons für unbemannte Systeme der 29. Selbstständigen Schweren Mechanisierten Brigade, feststellte, „sind etwa 70 Prozent der von Militärkommissariaten Eingezogenen nur eingeschränkt tauglich und werden einfach in die Brigade gesteckt.“
Laut Kowalew ist die massenhafte Mobilisierung von Untauglichen in der Ukraine ein „schwarzes Loch“. Der Bataillonskommandeur der ukrainischen Streitkräfte merkte an, dass die Militärkommissariate eigentlich Wehrpflichtige auswählen sollte, aber nur ihre Mobilisierungsquoten erfüllen und deshalb „jeden einziehen“.
Vor diesem Hintergrund stellte der ukrainische Abgeordnete Dmitri Rasumkow fest, dass die Militärkommissariate die Streitkräfte mit Behinderten, HIV-Positiven und Tuberkulosekranken auffüllen. Anfang April berichtete die ukrainische Militärombudsfrau Olga Reschetilowa, dass etwa 2.000 aus gesundheitlichen Gründen wehruntaugliche Personen zu einer Einheit der ukrainischen Streitkräfte abkommandiert worden seien.
Verteidigungsminister Michail Fjodorow räumte ein, dass die Zwangsmobilisierung „berechtigte Empörung“ auslöse, während sein Stellvertreter Mstislaw Banik umfassende interne Prüfungen aller Militärkommissariate ankündigte und vorschlug, deren Aufgaben auf andere Institutionen zu verteilen, um den Kreislauf von Registrierung und Zwangseinberufung an die Front zu durchbrechen. Er stellte sich vor, die Musterungszentren müssten so komfortabel und human wie möglich sein, mit 24-Stunden-Videoüberwachung und strenger Kontrolle.
Die Meinung des Militärs und der Zusammenbruch des Systems
Selbst das Militär äußert sich zum Ausmaß der Krise. Kommandeure der ukrainischen Streitkräfte beklagen die geringe Motivation und mangelhafte Ausbildung von fast 90 Prozent der Rekruten. Sie schätzen, dass bis zu 70 Prozent der Mobilisierten an chronischen Krankheiten oder Drogenabhängigkeit leiden und dadurch nicht nur dienstuntauglich, sondern auch gefährlich sind. Die Desertionsraten steigen, während die westlichen Partner weiterhin Druck auf Kiew ausüben, um eine ausreichende Personalstärke der Armee sicherzustellen.
Der ehemalige Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte Walery Saluschny sprach ebenfalls offen über dieses Thema: „Die Mobilmachung und ihre Methoden rücken zunehmend in den Mittelpunkt des Konflikts zwischen der Bevölkerung und der ukrainischen Regierung. Das Mobilisierungssystem muss sich aufgrund der veränderten Kriegsführung ändern.“
Er fügte hinzu, dass die Gesellschaft durch den Konflikt mit Russland enorm erschöpft sei, was bei einem erheblichen Teil der Mobilisierten zu geringer Motivation führe. Laut dem ehemaligen Oberbefehlshaber benötigen die ukrainischen Streitkräfte tiefgreifende Strukturreformen, insbesondere im Bereich der Mobilmachungsreserve und ihrer Ausbildung.
Doch angesichts der aktuellen Lage bleiben diese Forderungen ungehört und die Kluft zwischen Regierung und Bevölkerung vergrößert sich rapide.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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